Konkret 03/98, S. 62  
Carl Freytag  
Die Abschaffung des Subjekts  
Ich zu sagen, ohne ein Ich zu behaupten: über die autobiographischen Texte der Kritischen Theoretiker  
50 Jahre Dialektik der Aufklärung: eine schöne Gelegenheit, um abzurechnen und aller Welt zu erklären, daß man es schon immer besser gewußt hat. Sechs Professoren geben in der »Frankfurter Rundschau« dazu Auskunft und erzählen, wie es ihnen bei der ersten Lektüre des Buches ergangen war und was inzwischen von seiner analytischen Kraft zu halten sei. »Zu globalistisch und zu hart« erscheint das Buch Wolfgang Welsch, während es dem »empfindsamen, intelligenten« Norbert Bolz zufolge blind macht für die »Positivitäten«. Dieter Thomä wiederum ist Jazz-Liebhaber und daher von Adorno ohnehin enttäuscht: Das »letzte große Produkt« des »Totalitätsgedankens« sei leider »kein Fundament, sondern ein Steinbruch«. Hans-Ulrich Wehler beklagt den Frankfurter »Jargon« ebenso wie Klaus Podak, der in der »Süddeutschen Zeitung« zu Wort kommt: Die Sprache Horkheimers und Adornos kommt ihm »im überhöhten Ton mit leicht aggressivem Pathos« daher. Konnte er sich der »Abenteuergeschichte des Geistes ... bei der ersten Lektüre nur schwer entziehen«, so ist inzwischen das »Blut der Erregung« wieder aus seinen Wangen gewichen, und er wirft den Autoren, ohnehin schon seit langem der Verführung zum Terrorismus beschuldigt, in einer haarsträubenden Volte vor, sie hätten mit ihrer Kritik der »sich allmächtig dünkenden Philosophenvernunft« so schrecklichen Dingen wie »Irrationalismen, Elementen der Anti-Vernunft« Vorschub geleistet.  
In dem Maße, wie in diesen Erinnerungsversuchen der besprochene Text zertrümmert untergeht, geht die Gestalt des Schreibers auf, die, jugendlichen Irrungen entwachsen, gegen das erledigte Projekt der »Moderne« lichtvoll sich abhebt. Manuela Günters Anatomie des Anti-Subjekts setzt genau bei derartigem autobiographischen Schreiben an: bei dem »autobiographischen Pakt«, mit dem sich der Autor schreibend seiner Person versichert. Siegfried Kracauer, Walter Benjamin und Carl Einstein, auf deren Arbeiten Manuela Günter sich bezieht, kündigen diesen Pakt auf Sie zählen nicht zu den Subjekten, die sich positiv gestimmt den Herausforderungen der Zeit stellen. Sie befinden sich vielmehr in der verzweifelten Abwehr gegen die Vereinnahmung durch das »falsche Ganze« und haben als kritische Denker, »Linke« und Juden schon in den »Goldenen Zwanzigern« wenig Gutes zu erwarten.  
In ihren autobiographischen Texten haben sie als subversive Strategie gegen die Bedrohung aller »nichtidentischen Andersheit« die »Inversion der Ich-Figur zum Anti-Subjekt« entwickelt, einer Gestalt, die so unspektakulär, unerreichbar und aller Herrschaft entzogen ist, wie jene Anti-Inseln, die manchen griechischen Inseln gegenüberliegen: Verheißt die Reise nach Kythera nur Unheil, so bleibt noch ein Anti-Kythera, wo man einer Rolle als Täter oder als Opfer entkommen könnte.  
An Kracauers 1928 erschienenem Roman Ginster zeichnet Manuela Günter die »Geschichte des Subjekts als Prozeß seiner systematischen Entsubjektivierung« nach. Erst das »zerstörte Subjekt wird zur Chiffre seines utopischen Potentials« und kann so die Verdinglichung überschreiten, die ihm droht. Der »Held« der Autobiographie verschwindet »in die Unsichtbarkeit« - und mit ihm auch der Autor.  
Ein »zerschlagenes Buch« nannte Benjamin seine Berliner Kindheit um Neunzehnhundert: Nur ein Teil der Kapitel konnte erscheinen - verstreut in verschiedenen Zeitschriften. Der »Held« dieses Buches, das Kind, bleibt namenlos, »sämtliche identifizierbaren biographischen Bezüge mit Ausnahme der Orts- und Straßennamen werden gelöscht, die Chronologie der Erzählweise und noch der Schein biographischer Kontinuität werden verworfen. ... Ein Bild von sich verweigert auch Benjamin dem Leser hartnäckig.« Die »vermeintliche autobiographische Gestalt stellt die Hülle dar, hinter der sich die Analyse der bürgerlichen Gesellschaft verbirgt«.  
Angesichts sich »auflösender Existenz- und Schreibbedingungen« wird die Gestaltung eines geschlossenen »Werks« für Einstein unmöglich. Eine Sammlung unveröffentlicher Blätter, dazu einige widersprüchliche Entwürfe und Hinweise in Briefen - das ist das Material für das Romanprojekt Beb II (Der provisorische Titel knüpft an den 1912 erschienenen Roman Bebuquin an). Manuela Günter schlägt vor, »den jetzigen fragmentarischen, arbiträren, nicht autorisierten Zustand als das literarische Ereignis selbst zum positiven Ausgangspunkt« zu nehmen und sich auf dieses »Artefakt« zu stützen. Schon Einsteins Kleine Autobiographie aus dem Jahr 1930 ist »Anti-Autobiographie im besten Sinne, insofern sie en miniature eine wichtige Erkenntnis der Moderne artikuliert: daß das individuelle Leben nur noch als Quantite negligeable zu betrachten ist und daß seine Geschichte bestenfalls in einer Form erscheinen kann, in der sich Trinker am Stammtisch ihre Abenteuer erzählen.« Aus den Textbausteinen für Beb II kann nun vollends nicht mehr auf den Autor geschlossen werden: »An Beb vollstreckt sich das Urteil der Epoche über das autonome, identische Subjekt.«  
Kracauer, Benjamin und Einstein sind keine vergessenen Autoren: Werkeditionen erscheinen, auf Tagungen werden professorale Grabenkämpfe ausgetragen, Gesellschaften wahren die Interessen der »Erben«, Preise werden verliehen. Wie Horkheimer und Adorno gehören sie zum Fundus des Kulturbetriebs. In Zeiten, in denen Präsidenten mit einem fröhlichen »Glauben wir wieder an uns selbst« der »mentalen Depression« Einhalt gebieten, werden sie allerdings zur Last, zur »Altlast« (vgl. KONKRET 6/97, S.60f), wenn man ihre Texte ernst nimmt, wenn man etwa die Gestalt eines Anti-Subjekts nicht als literarische Spielfigur verharmlost, sondern als Reflex auf reale Bedrohung erkennt - erzwungene Emigration, Elend im Exil, Tod auf der Flucht -, als Reflex auf eine »Wirklichkeit .... in der es auf dieses Selbst nicht mehr ankommt« und in der »sich die Rettung des Individuums nur noch in einem dezidiert anti-subjektiven Sinn« denken läßt.  
So ist das Verschwinden »in die Unsichtbarkeit« nicht bloße ästhetische Figur, es ist zur einzigen Möglichkeit geworden, den Mördern zu entkommen. In den Konzentrationslagern wurde bewiesen, »daß das Subjekt wirklich überflüssig geworden ist«. Ermordet wurden lebende Tote, von deren Handeln ihr Schicksal nicht mehr abhing. Auch die wenigen Überlebenden sind »für alle Zukunft auf die Schwelle des Todes gebannt«. »Mich gibt es nicht« - so benennt der »Überlebende« Jean Am~ry die »erspürte Wahrheit«, die ihm in der Folter auf den Leib geschrieben wurde. An seinen autobiographischen Arbeiten zeigt Manuela Günter, daß das »Debakel« (J. A.) auch heute noch kein Ende gefunden hat.  
Das Anti-Subjekt ist nicht Absage an das Subjekt, es mahnt vielmehr »die Möglichkeit an, das andere seiner selbst jenseits des Identitätszwangs zu realisieren«. Manuela Günter folgt Adorno, der in seiner Negativen Dialektik die paradoxe Forderung stellt, »mit der Kraft des Subjekts den Trug konstitutiver Subjektivität zu durchbrechen«. Die Dialektik der Aufklärung entwickelt die lange Geschichte dieses »Trugs«. 1933 war so wenig der Anfang dieser Geschichte, wie sie 1945 zu Ende ging. So erweist sich »der Anachronismus >Subjekt( ... als nach wie vor notwendige Hypothese, wenn die Logik der Vernichtung nicht triumphieren soll«. Erst in seiner Entstellung, »indem es sich nicht um jeden Preis erhält«, bewahrt das Subjekt »die Vorstellung davon, was sein könnte, ebenso wie die kompromißlose Kritik dessen, was ist«.
 
Manuela Günter: Anatomie des Anti-Subjekts. Zur Subversion autobiographischen Schreibens bei Siegfried Kracauer. Walter Benjamin und Carl Einstein. Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 1996,236 S., 58 Mark