Konkret 03/98, S. 9  
Hermann L. Gremliza  
Stars in Streifen
 
Der Erste Kalte Krieg hat vierzig Jahre gedauert. Er endete mit der Kapitulation der Sowjetunion. Der Zweite Kalte Krieg dauert erst sieben Jahre, und bevor die Welt so recht weiß, daß er geführt wird und von wem, ist er schon entschieden: gegen die USA.  
»Wüstendonner« war der Codename einer Übung, in der es, neben der praktischen Seite, Saddam Husseins Regime endgültig zu entwaffnen, um die Probe auf die Fähigkeit der USA ging, die Rolle der führenden Weltmacht, die ihnen am Ende des Ersten Kalten Krieges zugefallen war, zu behaupten. Das Exempel endete im Desaster. Als die USA, die ihre Außenministerin und ihren Verteidigungsminister auf Werbetour einmal um die ganze Welt geschickt hatten, die Häupter ihrer Lieben zählten, blieben ihnen gerade mal vier: Kanada, Großbritannien, Australien und Israel. Im Namen aller arabischen Staaten (und, ohne Auftrag, des Rests der Welt) lehnte Ägyptens Präsident Mubarak, bei dem Madelaine Albright ihre Reise begonnen hatte, das militärische Eingreifen der USA ab. Auch China, Rußland und Frankreich, die ständigen Mitglieder des UN-Sicherheitsrats, meldeten ihren Protest an. Deutschland genoß und schwieg.  
Der Sieg war unser. Unser? Unser aller. Nie in ihrer eigenen Nachkriegsgeschichte waren sich die Deutschen so einig wie im Angesicht eines dritten Golfkriegs. Nuancen der Meinungsäußerung, die vor ein paar Jahren, während des zweiten, des »Wüstensturms«, noch als ernsthafte Differenzen zwischen Pazifisten und Bellizisten ausgegeben und wahrgenommen werden konnten, markierten jetzt schon auf den ersten Blick bloß Eigenheiten diplomatischer Redeweise - so, wenn Helmut Kohl in Anwesenheit des US-Verteidigungsministers generös anbot, was sich gestern noch von selbst verstanden hätte: daß die deutschen Luftbasen den USA im Kriegsfall zur Verfügung stünden, oder wenn Außenminister Kinkel vor der Presse die Haltung der Bundesregierung geschickt umschwafelte: »Es müsse alles getan werden, um die Irak-Krise politisch und diplomatisch zu lösen. Sollte aber eine militärische Aktion nötig werden, könnten die USA auf >die absolute deutsche Solidarität< zählen. Eine direkte Unterstützung der USA werde es jedoch nicht geben, weder militärisch noch finanziell.«  
Zwar äußerte auch der Kanzler im kleinsten Kreis einmal »tiefe Zweifel am Sinn eines drohenden Militärschlags« (»Spiegel«), die öffentliche Artikulation der deutschen Politik aber überließ er getrost der Opposition: dem Egon Bahr, der die USA wegen »imperialer Führung« abkanzelte, und dem übrigen Personal von Scharping über Duve und Cohn-Bendit bis zu Altkadern der SED und der DKP, die wochenlang um Verständnis für die diversen islamischen Heilsfronten und den »kritischen Dialog« warben, den ihre Regierung so gerne mit den Mörderbanden führt.  
Auf allen Kanälen und in allen Magazinen meldeten sich professorale »Irak-Fachmänner« und »Islam-Spezialisten«, die ihre Meinung von der Art loswerden mußten, daß »womöglich viele verdächtige Anlagen tatsächlich nur Motorenteile oder Baumaschinen produzieren«. Wie viele andere bekundete der »Spiegel« dem »Fuchs Saddam« seinen Respekt, zitierte mit angehaltenem Atem »den sonst so maßvollen Scheich der hochangesehenen Azhar-Universität in Kairo« und fragte den Generalsekretär der Arabischen Liga: »Wäre Clinton für Sie glaubwürdiger, wenn er gleichzeitig mehr Druck auf Israel ausüben würde?« Wenn es hieß: »Paris will die Nato nicht zum Hilfssheriff des Weltpolizisten USA machen lassen« - wer wollte noch sagen, ob das im »Neuen Deutschland« war oder in der »Frankfurter Rundschau«. (Es stand auch dies im »Spiegel«.)  
In Europa hatte die antiamerikanische Politik der Deutschen leichtes Spiel, zumal bei den Franzosen. Nie wird die Grande Nation den Amerikanern verzeihen, daß sie sich in zwei Weltkriegen von ihnen hat retten lassen müssen, weshalb, auf dem Höhepunkt der Irak-Debatte, der Jaques Lang, ehemals Kulturminister Mitterrands, emphatisch wie ein Mullah vor den »Gefahren des kulturellen US-Totalitarismus« warnen mußte. Im Kampf gegen diesen hat Frankreich einen alten Verbündeten wiederentdeckt. Es gebe, notierte die »Zeit«, zu Rußland ein »herzliches Einvernehmen auf dem Nährboden der gemeinsamen Abneigung gegen amerikanische Herrschaftsallüren«, ein Einvernehmen, dem die Deutschen sich gern anschließen: Im März treffen Jelzin, Chirac und Kohl zum erstenmal gemeinsam in Jelzins Heimatstadt Jekaterinburg zusammen, um über den neuen »Kooperationsrat« zu reden, der Rußland, das schon jetzt 40 Prozent seines Handels mit der EU abwickelt, auch politisch an Europa binden soll.  
So wenig ein für Weltpolitik eingeteilter Redakteur der »Zeit« als Analytiker zu gebrauchen ist, so sehr taugt er doch als Thermometer, das den Grad der Kälte angibt, mit der die einstigen Stipendiaten der Fulbright-Stiftung und des London Institute for Strategic Studies heute ihren Ziehvätern sagen, was sie gefälligst zu tun und zu lassen haben: »Wer im Diktator von Bagdad nur den Hitler des Nahen Ostens sehen will, kann sich die Entscheidung leichtmachen. Wer dagegen Haßbilder für untaugliche Erklärungsmuster hält, hat es schwerer ... Amerika hat den wichtigsten Anreiz für Saddam zunichte gemacht ... Die Vereinigten Staaten müssen endlich unumwunden ihre Bereitschaft ankündigen ... Zugleich muß Amerika sich der Einsicht öffnen ... Die Partner in Europa erwarten von den Vereinigten Staaten ... endlich eine schlüssige Strategie.«  
Wie konnte den USA dieser tiefe Fall geschehen? Sie waren zu lange unbestrittene Vormacht der einen, guten Hälfte der Welt im Kampf gegen das Reich des Bösen gewesen, als daß sie sich hätten bewußt bleiben können, wie sehr ihre Rolle an die Existenz dieses Feindes geknüpft war und daß die Macht, die aus den atomaren Abschußrampen kam, mit dem Feind dahinschwinden würde. In der »neuen Weltordnung« zählen Beziehungen, Waren und Währungen. Als Führungsmacht hatten die Amerikaner sich weltweit unbeliebt gemacht, aus respektablen Gründen mitunter: durch ihren Einsatz für Israel bei den Arabern; aus weniger ansehnlichen Gründen zumeist: in Nicaragua, Chile, Kuba, Vietnam usw. Überall, wo die Amerikaner in Verschiß gerieten, hatten die Deutschen Freundschaften aus alten Zeiten und Motiven aufgefrischt oder neu begründet. Und so ist leider wahr, daß heute kein Fremder im vorderen Orient oder in Lateinamerika beliebter ist als - im völkischen Singular gesprochen - der Deutsche.  
Die geringe Zuneigung, welche die Amerikaner speziell bei europäischen Intellektuellen genießen, kommt freilich nicht von ungefähr: Wer, um nur ein Beispiel anzuführen, in wenigen Jahren mehr als vierhundert Morde von Staats wegen (sog. »Vollstreckungen der Todesstrafe«) begeht, wer, wie der texanische Gouverneur und Präsidentensohn George Bush jr., seine Kandidatur für Clintons Nachfolge auf das stolze Bekenntnis baut, von 114 Gnadengesuchen 114 abgelehnt zu haben, und wer eine Menschenmenge vor der Zelle, in der gerade eine Frau umgebracht wird, »grill her, shoot her, kill her« singen läßt, anstatt diesen Mob davonzujagen, mehrt sein Ansehen unter Leuten, die sich gerne (wenn auch selten zu Recht) für zivilisiert halten, kaum.  
Härter noch trafen die ökonomischen Folgen der Wende die alte Weltmacht. Die Rohstoffquellen und Konsummärkte Osteuropas fielen dem unter starker Führung konzentrierten Westeuropa zu, dessen Wirtschaftskraft die der USA auf einen Ehrenplatz verwies. Die USA waren daran gewöhnt, ihre politische und militärische Dominanz als unüberziehbare Bürgschaft für die Aufnahme von Krediten zu betrachten, ihre Schulden drückten, solange auf dem Weltmarkt der Dollar die bestimmende Währung war, nur auf dem Papier. Der Euro, der den Dollar als Leitwährung ablösen soll, könnte die USA zum Sanierungsfall machen. US-Verteidigungsminister William Cohen war es, der diesen Konflikt zwischen alter Weltmacht und neuer Geldmacht im Streit um den Militärschlag gegen den Irak zum Thema machte: »Viele Europäer« seien von der Verteidigung »gemeinsamer Interessen ... abgelenkt wegen ihrer Fixierung auf die Währungsunion«. (»Gemeinsame Interessen« sind immer Interessen des Redners, von denen dieser wünscht, der Angeredete betrachtete sie als seine eigenen.)  
»Diesmal geht es um die Sicherheit des 21. Jahrhunderts«, hat Präsident Clinton gesagt. Ob er meint, daß die USA nur dann eine Rolle neben der neuen Weltmacht Deutsch-Europa spielen können, wenn die »Sicherheit des 21. Jahrhunderts« eine ist, die ohne das atomare Arsenal der USA nicht geschaffen, nicht bewahrt und nicht wiederhergestellt werden kann?