Konkret 02/97, S. 66  
Hermann L. Gremliza  
Gremlizas express
 
Enzensberger beginnt einen Aufsatz, in dem er, ein wahrer Essenzberger, seinen immergleichen Einfall, den jeweils letzten Schrei der Bourgeoisie als dernier cri der Sphärenmusik auszuposaunen, an das Thema wendet, daß auch Reichtum nicht immer glücklich macht, mit der Frage an die Leser des »Spiegel«:  
Lohnt es sich denn, darüber zu reden?  
Augsteins, Buchhaltung weiß es allein.
 
Mit den Nazis ist das so: Wenn ein Geschäft nicht läuft, wie sie sich das gedacht haben, fangen sie, anstatt auf jüdisch-kapitalistische Weise einen Konkurs anzumelden, lieber einen mittleren Weltkrieg an. Und solange sie keine Wunderwaffe haben, nehmen sie eine Postwurfsendung:  
Die »Junge Freiheit« durchsteht bis zum Jahresende eine beispiellose Krise. Es ist der nackte Kampf ums Überleben. In einer aufsehenerregenden Kampagne.. bis fast ans Ziel....  
Ihr Kampf, beispiellos, auf Leben und Tod, durchgestanden, aufsehenerregend und - wie immer: fast - bis zum Endsieg. Nur mit der Sprache haperts bei dem »Journalismus für Deutschland«, aber Deutsch ist ja sowieso eine deutschfeindliche Erfindung. Kampf ums nackte Überleben war es, was sie sagen gewollt, aber nicht gekonnt haben. Nackte Kämpfe nämlich gehen nicht um das Überleben eines braunen Käsblatts, sondern um die Fortpflanzung der Art. In diesem Fall: der arischen.
 
Obwohl er bloß Friedrich Karl Fromme heißt und keineswegs Carl Friedebald Graf Fromme zu Schmetterwitz, plärrt er mindestens einmal pro Monat um die enteigneten ostelbischen Güter:  
Der Gang der Weltgeschichte hängt nicht davon ab,  
beginnt er diesmal ungewohnt kleinmütig, ja relativistisch,  
ob die zunehmend so genannten »Junker«, die in der Sowjetzone zwischen 1945 und 1949 enteignet, vertrieben, gequält und vielfach umgebracht wurden, ihr Eigentum zurückbekommen.  
Allen wird mans nicht recht machen können, deshalb - und um ihm, seinem Blatt und uns die nächsten fünfzig Elegien in dieser Sache zu ersparen – ein Vorschlag zur Güte. Die es am schlimmsten getroffen hat, bekommen ihr Eigentum sofort vollständig zurück: die vielfach Umgebrachten. Das wäre mal eine Härtefall-Regelung, die ihren Namen verdient.
 
Michael Maier, vor wenigen Jahren noch der Stolz der »Kärntner Kirchenzeitung«, will jetzt aus der »Berliner Zeitung« die »Süddeutsche des Nordens« machen. Aber nicht als einer jener ominösen Blattmacher, die, wie man weiß, allesamt keinen graden Satz schreiben können, sondern als dichtender Chefredakteur. Bitte:  
Vor allem aber ist die Utopie von der Machbarkeit dahin, jene einigende Sackgasse, in der auf der je anderen Seite  
der zweiseitig einigenden Sackgasse  
ganz behaglich über einige Jahrzehnte hinweg gelebt werden konnte Es fällt in Deutschland offenbar schwer, sich vom ideologischen Sicherheitsnetz zu verabschieden. Eine der Fallen  
der Netzabschiedsfallen der zweiseitig einigenden Sackgasse  
ist die mangelnde Fähigkeit zur pragmatischen Sicht  
durchs ideologische Sicherheitsnetz auf die Abschiedsfallen der zweiseitig einigenden Sackgasse.  
Wer spricht denn von der Leere, die hinter der blanken, egoistischen Rücksichtslosigkeit herrscht? Leistung ist das eine, Darwin das andere.  
Wittenau das dritte.
 
Der SPD-Bundestagsabgeordnete Hans Kolbow verabschiedet seine Feldgrauen an die Balkanfront:  
Mögen alle unversehrt zurückkommen. Dieses Parlament ist bei ihnen.  
Schön wärs.
 
Wenn der »Spiegel« einmal seinen sozialen Tag hat:  
Was ist bloß mit den Arbeitgebern los? Die Präsidenten der drei Wirtschaftsverbände führen untereinander einen Kleinkrieg um Positionen und Prestige. Der Bundespräsident fordert jetzt die Verbandsfunktionäre auf, sich endlich um die Arbeitslosen zu kümmern.  
Bitte, nicht auch noch kümmern. Wenn sie den Leuten schon keinen Lohn mehr zahlen, sollen sie sie wenigstens in Ruhe lassen.
 
Damit der kleine Mann nicht im Zweifel bleibt, was in seinem großen Kanzler zwischen Weihnachtsgans und Silvesterkarpfen so vor sich geht:  
Das Jahr 1996 war eine Zeit wichtiger Entscheidungen, damit unser Land gut vorbereitet in das 21. Jahrhundert geht. Auch im neuen Jahr sind auf diesem Weg noch schwierige Aufgaben zu meistern. Es gibt keine einfachen und bequemen Antworten auf die großen Herausforderungen unserer Zeit! Jeder von uns spürt: Wir stehen mitten in einer Periode leidenschaftlichen Ringens um die Gestaltung einer guten Zukunft  
Die Bundesregierung hat zwei Hektar feinsten finnischen Waldes roden und, verarbeitet zu sechs Millionen Exemplaren eines Sonderdrucks, der »Bild«-Zeitung beilegen lassen. Aber wie Chirac immer zu seinem Elmüt sagt: Tout comprendre c'est tout pardonner - alles verstehen heißt alles begreifen.
 
Leserbriefe in der Tageszeitung »Die Welt« an einem einzigen Tag, dem 27. Dezember 1996:  
Eine weitere Fortsetzung des verstockten Schweigens könnte später, falls Deutschland einmal eine deutschbewußte Regierung haben sollte, den Polen zu Schaden gereichen. Stellt man sich weiter feindlich, könnte der deutsche Michel doch einmal auf die Idee kommen, den Raub zurück haben zu wollen.  
Jens Uwe Brinckmann, Hamburg  
Nur die Wahrheit heilt Wunden. Wie wenige wissen von den Motiven der vielen jungen Freiwilligen von Wehrmacht und Waffen-SS? Von der offiziellen deutschen Seite läßt sich sagen, daß zwar die Wahrheit über vergangene Schuld in Permanenz bekannt wird, daß aber die Wahrheit ausgeklammert und unterdrückt wird, wenn es darum geht, den deutschen Opfern von Krieg und Vertreibung und den deutschen Soldaten Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.  
Dieter Pfeiffer, Berlin  
Als ich den Artikel las, stand das Kriegsende 1945 wieder auf, die gnadenlose Auslieferung der Überlebenden an die Sowjets und an die Franzosen.  
Günther Mlynek, Neustadt  
Scharping hat mit seiner Forderung auf Verkürzung des Wehrdienstes auf sechs Monate seinen bisherigen Blamagen eine weitere hinzugefügt. Konsequenterweise hätte er gleichzeitig für die Bundeswehr die Bewaffnung mit Pfeil und Bogen, wie bei früheren Buschvölkern, für ausreichend erklären müssen.  
Erich Wittor, Hermannsburg  
Das Vorhaben der pauschalen Rehabilitierung der NS-Deserteure kommt aus Sachsen-Anhalt, wo die Erben der SED mitregieren. Aber es gibt noch andere Gruppen und Kräfte, die im Modell Sachsen-Anhalt die deutsche Zukunft sehen, in der dann die Soldaten der deutschen Wehrmacht nur noch durch die Reemtsma-Heer-Ausstellung über die Verbrechen der Wehrmacht repräsentiert werden. Unser Deutschland wird das dann nicht mehr sein.  
Herbert Schmeling, Berlin  
Sie lesen alle die »Welt«. Das erklärt, warum der »Jungen Freiheit« die Abonnenten fehlen.
 
Die CSU, hat ihr Bonner Anführer Glos gesagt, sei in der Regierungskoalition erstens  
die treibende Kraft  
zweitens  
der Motor  
und drittens  
ein starker Faktor der Stabilität  
Im Turnunterricht, der in den Fünfzigern von leicht versehrten Unteroffizieren der Wehrmacht erteilt wurde, hieß die Übung: Hopsergang an Ort.
 
Aus einem Polenstädtchen berichtet das »Deutschland-Magazin« des alten Nazis Kurt Ziesel:  
Gotthilf Fischer, Leiter der gleichnamigen Chöre, spürte wieder einmal die völkerverbindende Kraft der Musik. Auf zwei vom Bund der Vertriebenen organisierten Veranstaltungen in Allenstein und Heilsberg - im heute polnischen Teil Ostpreußens gelegen -  
welcher gestern der deutsche Teil Ostpreußens war und morgen sein wird  
sangen nicht nur die deutschstämmigen Teilnehmer die deutschen Volkslieder begeistert mit; auch die zahlreichen polnischen Besucher ließen sich von der guten Stimmung schnell anstecken.  
Die Rechte der Live-Übertragung hat exklusiv der Sender Gleiwitz erworben.