Konkret 02/97, S. 62  
Carsten Otte  
Heine Über alles,  
Über die bizarren Aktivitäten der Stadt Düsseldorf zum 200. Geburtstag Heinrich Heines  
Es gab Zeiten, da wurde hierzulande heftig darüber gestritten, ob ein Denkmal für Heinrich Heine aufgestellt werden soll oder nicht. Allerdings war nicht die (mangelhafte) Qualität seiner Dichtung der Grund des Streites, sondern Heines »echt jüdischer Zynismus und französelnde Frivolität«. Diese Zeiten sind erst einmal vorbei, es gibt in Deutschland nun zahlreiche Denkmäler zu Heines Ehren, ja, Harry, der erst später Heinrich hieß, wird mittlerweile »Weltautor« genannt, gehört also zur Goetheschiller-Garde. Ob der »Heinische Vers« vielleicht doch nicht die hohe Dichtkunst, sondern vielmehr »Opperettenlyrik« sei, »die auch gute Musik vertrüge«, wie dies Karl Kraus in seinem Aufsatz »Heine und die Folgen« schrieb, interessiert heute weniger.  
Am 13. Dezember 1797 wurde Heinrich Heine in Düsseldorf geboren. Dieses Jahr jährt sich demgemäß sein Geburtstag zum 200. Male, und zumindest die kulturbeflissenen Düsseldorfer sind froh, daß solch ein berühmter Mann in der schicken Stadt am Rhein das Licht der Welt erblickte. Was haben die Düsseldorfer auch nicht schon alles getan, um aus dem populären Schreiberling einen bedeutenden Dichter zu machen? Die Heine-Gesellschaft wurde 1956 in Düsseldorf gegründet, das Heine-Institut wurde 1970 eröffnet, 1972 stiftete die Stadt den mit 25.000 Mark dotierten Heine-Preis, 1981 wurde Bert Gerresheims Heine-Monument errichtet, in Heines Geburtshaus befinden sich heute die nach einem Heine-Schelmenstück benannte Kneipe »Schnabelewopski«, die Heine-Gesellschaft, die unter anderem die Heine-Plakette verleiht, hat sich dort ebenfalls eingenistet, in Düsseldorf findet man eine Heinrich-Heine-Allee, Heinrich-Heine-Schulen und eine Heinrich-Heine-Universität, das Heine-Archiv gibt das Heine-Jahrbuch heraus, das Heine-Institut veröffentlicht die Heine-Studien, 1989 erfand Nordrhein-Westfalen die Heine-Gastprofessur, es werden in Düsseldorf alle Jahre wieder Heine-Kongresse abgehalten, die auf 16 Bände angelegte Düsseldorfer Heine-Gesamtausgabe ist Dank des Heine-Forschers Prof. Dr. Manfred Windfuhr bald fertig, im Rathaus zu Düsseldorf sind in einem Heine-Gedenkraum eine Heine-Büste und diverse Heine-Manuskripte ausgestellt.  
Nicht immer waren die Freunde und Förderer Heinrich Heines sofort erfolgreich: Die Leitung der Düsseldorfer Universität lehnte es zum Beispiel mehrfach ab, sich in Heinrich-Heine-Universität umzubenennen. 1988 war es dann schließlich soweit, man hatte eingesehen, daß endlich auch die Wissenschaft den »streitbaren Poeten« auszeichnen müsse. Verständlich, daß bei derlei Mühen in der Vergangenheit jetzt auch der 200. Geburtstag des Schriftstellers ordentlich gefeiert werden muß: Wer 1997 nach Düsseldorf fährt, wird sich mit Heine beschäftigen müssen, da führt kein Weg dran vorbei. Der Pressedienst der Landeshauptstadt Düsseldorf hat überdeutlich angekündigt: »Die Vaterstadt bekennt sich zu ihrem großen Sohn.«  
Wie sieht das Bekenntnis einer Vaterstadt aus? Zunächst hat Düsseldorf 1997 offiziell zum Heine-Jahr gekürt. Begründung: »Er (H.H.; CO.) steht für Verstand und Witz, Kunst und Zivilcourage, Kritik und Selbstreflexion, Schönheit und Wahrheit; für Aufklärung, Toleranz und Weltbürgertum ebenso wie für Romantik, Rosen und Nachtigallen.« All dies, vom Verstand bis zu den Nachtigallen, soll im Heine-Jahr mit vielen Veranstaltungen bejubelt werden. Zum Beispiel mit einer Heine-Gedenkausstellung in der Düsseldorfer Kunsthalle; im Mittelpunkt stehen Heines Texte: »Wie in einem ins Räumliche übertragenen künstlerisch gestalteten Lesebuch sollen die Besucherinnen und Besucher umherwandern und sich hineinziehen lassen in die Gefühls- und Vorstellungswelt Heinrich Heines«, und damit das mit der raumlichen Übertragung des künstlerisch gestalteten Lesebuchs auch klappt, müssen die Düsseldorfer mithelfen, die Gefühls- und Vorstellungswelt Heinrich Heines aufzubauen. In einem Raum der Ausstellung soll es um »Die Loreley« gehen; man erinnere sich: »Den Schiffer im kleinen Schiffe / Ergreift es mit wildem Weh; / Er schaut nicht die Felsenriffe, / Er schaut nur hinauf in die Höh.« Man sagt, der Kaiser Hirohito habe sämtliche Strophen dieses Heine-Liedes gesungen, als er an der Loreley vorbeifuhr. Wie wird aber ein Loreley-Feeling in der Düsseldorfer Kunsthalle produziert? Ganz einfach: »Für unseren Loreley-Raum suchen wir: Souvenirs, Fotografien, Postkarten... Besitzen Sie etwas, das zu Heinrich Heines Loreley passen könnte? Bitte stellen Sie es uns als Leihgabe zur Verfügung. Wir danken für Ihre Mitarbeit. Ihr Heinrich-Heine-Institut.« Die Themen der anderen Ausstellungsräume lauten: Deutschland, Frankreich und Europa, die Frauen, die Nordsee und die Matratzengruft.  
An einem anderen Ort, nämlich in der Heine-Universität, soll es während des Heine-Jahres etwas seriöser zugehen. 60 Vorträge werden zu hören sein; es gilt, der Weltöffentlichkeit den »Fortschritt in der Heine-Forschung« mitzuteilen. Den Fortschritt in Sachen Volksfest werden die Düsseldorfer mit dem »sommerlichen Heine-Spektakel mit Musik, Theater, Literatur, Tanz, Gastronomie und Feuerwerk« erleben. Nachts fließt das Alt-Bier, tagsüber laden »Erlebnisplätze und poetische Orte zum Verweilen« ein. An den poetischen Orten werden Heine-Bücher ausliegen, es darf gelesen werden. Unter den verschiedenen Erlebnisplätzen muß man sich eine Art dezentralisiertes Düsseldorf-Disney vorstellen; zu bewundern sind: »inszenierte Straßen, die - mit Musik belebt oder durch Kulissen gestaltet - Hinweise auf Heines Leben in Düsseldorf geben«.  
Unmöglich, über alles zu berichten, was das Heine-Jahr den Düsseldorfern beschert, und doch weiß in Düsseldorf wohl kaum einer, wer Heinrich Heine überhaupt gewesen ist. Das macht allerdings nichts. Läsen die Düsseldorfer seine Verse, sie liebten ihn über alles. Zum Beispiel dieses süße Gedichtchen: »Hör ich das Liedchen klingen, / Das einst die Liebste sang, / So will mir die Brust zerspringen / Vor wildem Schmerzensdrang.« Vor Schmerz zersprang auch den Studenten der Fachhochschule Düsseldorf die Brust, als der Dozent für Design Wilfried Korfmacher ihnen vorschlug, zum Thema »Heine« eine Plakatserie zu gestalten. Zum neuen Armani-Parfum mögen sie mühelos eine Graphik erfinden, doch zu Heine fiel den Studenten wahrlich nichts ein. Auch deshalb stimmt es nicht, was die Organisatoren des Heine-Jahrs verbreiten-. »Heine gehört der ganzen Welt. Er wird in der ganzen Welt gelesen; es gibt Taxifahrer in Warschau und anderswo, die auf das Stichwort >Deutschland< hin unmittelbar beginnen, Heine-Verse zu rezitieren.« Mir ist bislang noch kein Taxifahrer begegnet, der, nachdem er festgestellt hat, daß ich aus »Deutschland« komme, damit begann, Heine-Verse aufzusagen, was vielleicht daran liegt, daß ich zu selten Taxi fahre. Die Taxifahrer in Afrika, in Asien oder in Lateinamerika, die ich kennenlernte, haben meist nur von Beckenbauer oder Boris Becker geredet. Manchmal von Hitler. Das ist wohl auch der Grund, warum die Goethe-Institute eine mehrsprachige »Tafelausstellung« zum Leben und Werk Heinrich Heines über den Erdball verschicken wollen. Die Premiere der wandernden »Tafelausstellung« ist selbstverständlich in Düsseldorf vorgesehen.  
Das Heine-Jahr ist im wahrsten Sinne des Wortes totalitär, keine Zielgruppe wird ausgelassen. Ein Schülerwettbewerb unter dem Motto »Heimat und Fremde« soll auch den Nachwuchs davon überzeugen, daß Heinrich Heine nicht nur ein großer Dichter, sondern auch ein Vordenker der Europäischen Union, daß er sogar der Erfinder der deutsch-französischen Freundschaft gewesen sei. Weil aus der Sache selbst nicht genug Legitimation zu ziehen ist, müssen die Planer des vereinten Europa auf die Helden der Kultur verweisen, und zwar gerade jetzt, da die Menschen auf die französische Außenpolitik mäßig und auf den Euro ganz schlecht zu sprechen sind. Nicht umsonst hat neben Roman Herzog auch Jacques Chirac die Schirmherrschaft über das Düsseldorfer Heine-Jahr übernommen. Die beiden Staatsmänner, so lautet die amtliche Erklärung, »würdigen damit nicht nur Heines herausragende Stellung in der Weltliteratur, sondern besonders sein Bemühen um Versöhnung zwischen Deutschland und Frankreich zu einer Zeit, als der Graben zwischen beiden Nationen noch sehr tief war.« Als sei es ein besonders exquisiter Spleen, machen die Pressefuzzis überall eine »Versöhnung« aus.  
Den Deutschen war Heinrich Heine jedoch überwiegend nicht allzu wohl gesonnen: »Ja, diese Überbleibsel oder Nachfahren der Teutomanen von 1815, die nur ihr altes ultradeutsches Narrenkostüm modernisiert haben und sich ein wenig die Ohren haben stutzen lassen - mein ganzes Leben lang habe ich sie verabscheut und bekämpft, und jetzt, da das Schwert der Hand des Sterbenden entfällt, fühle ich mich getröstet durch die Überzeugung, daß der Kommunismus, der sie als erste auf seinem Wege finden wird, ihnen den Gnadenstoß versetzen wird«, schrieb Heine in seinem »Vermächtnis« am 30. März 1855, und man darf zumindest bezweifeln, daß Roman Herzog sich mit diesen heftigen Worten anfreunden könnte. Mit den Schirmherrschaften ist das schon eine dumme Angelegenheit.  
Oder auch nicht. Denn ob nun ein Bundespräsident weiß, für welche Dichterehrung er seinen Namen hergibt, ist vollkommen unerheblich. Hauptsache Schirmherrschaft; das gibt dem Ganzen so eine Art heilige Aura. Abgesehen davon hat Heinrich Heine auch einige Zeilen zünftiger Heimatlyrik von sich gegeben, so daß Herzog bei seiner Eröffnungsrede einfach jene Strophe aus den »Reisebildern« vortragen kann, in denen Heine zugibt, während seiner Jugend in Düsseldorf gerne Apfeltörtchen gegessen zu haben. Die Lobeshymnen auf Heine, die Veranstaltungen, überhaupt das ganze Heine-Jahr sind sowieso lediglich Beiwerk. Geehrt wird nur, weil die Chose Geld bringt - im Kuratorium des Heinrich-Heine-Jahres sitzen unter anderem: Hans G. Adenauer (Dresdner Bank), Richard Deutsch (Deutsche Apotheker- und Ärztebank), Joachim Funk (Mannesmann), Ulrich Hartmann (Veba), Claus Liesen (Ruhrgas), Friedel Neuber (Westdeutsche Landesbank), Alexander von Tippelskirch (Deutsche Industriebank), Dieter H. Vogel (Thyssen), Hans-Dietrich Winkhaus (Henkel). Marlies Smeets, Oberbürgermeisterin von Düsseldorf, weiß das Engagement der Manager zu schätzen: »Mein tiefer Dank gilt den im Kuratorium Heine-Jahr vertretenen Unternehmen und Stiftungen, ohne deren Unterstützung Heines 200. Geburtstag nicht in diesem Rahmen hätte gefeiert werden können. « 4,72 Millionen Mark soll das Heine-Jahr kosten, wobei nur rund ein Viertel davon die Stadt Düsseldorf zu tragen hat. Den Rest zahlen die Vogels und Funks.  
Am 16. Februar, dem Tag vor Heines Todestag, wird das Heine-Jahr 1997 mit einem Festakt eröffnet. Am 13. Dezember gibt's zum Ausklang dann noch einmal einen Festakt, zwischendurch stehen ein paar kleinere Festakte auf dem Programm, im November etwa, wenn die Heinrich-Heine-Sondermarke der Deutschen Bundespost vorgestellt wird. Es soll im Herbst auch eine Zehn-Mark-Gedenkmünze auf den Markt geworfen werden. - Was als Wahn daherkommt, ist bloß das Marktgesetz: Wäre ich Konditor in Düsseldorf, hätte ich auf jeden Fall Heinrich-Heine-Apfeltörtchen im Angebot.