1997/02 Stefan Ripplinger: Provokation LiteraturHerr Kurz, in den OP, bitte
Konkret 02/97, S. 58  
Stefan Ripplinger  
Provokation Literatur
Herr Kurz, in den OP, bitte
 
Was taugt die Avantgarde? Stefan Ripplinger und Michael Scharang entgegnen auf Robert Kurz' Beitrag »Der Kollaps der Kommunikation« (KONKRET 1/97)
 
In der Welt von Robert Kurz geht es zu wie auf einer Intensivstation: Erst kollabiert die Modernisierung, dann sogar die Kommunikation (KONKRET 1/97). Wäre es in der mir bekannten Welt nur ebenso! Doch in ihr treibt die Modernisierung stets neue Blüten, und das Ende der Kommunikation läßt - so sehr man sich die Globalisierung der globalen Aphasie oder wenigstens eine Atempause wünscht - auf sich warten.  
Die Apokalyptik ist halt auch nur eine Eschatologie, sie besänftigt die Leidenden. »Krise der Weltökonomie«, »Zusammenbruch jeglicher Kommunikation«, solche Warnrufe sind eigentlich Anfeuerungen. Wer des Ganzen müde war, dem wird nun versichert, das Ende nahe, und noch einmal rafft sich der Müde auf. Er hätte es besser wissen müssen: Ist das Gerede vom Ende der Kommunikation nicht auch Kommunikation? Was soll es überhaupt bedeuten?  
Kurz konstatiert das »Verenden« des Kapitalismus »im allgemeinen Kommunikationskollaps«. Diese beiden Patienten sind gleichzeitig in seinen OP eingeliefert worden: der Kapitalismus und die Kommunikation. Indem es mit ihnen zu Ende geht, zappeln sie noch heftig. Der Kollaps der Kommunikation äußert sich beispielsweise in einem starken »Redestrom«; vielleicht ist Schlagfluß die richtige Diagnose, oder Inkontinenz.  
Hereingeschoben hat den Todkranken ein Schriftsteller, William Gaddis, der in seinem »gigantomanischen Sabber-Epos« JR »empirisch« zeigt, was »de Saussure als Theoretiker schon vor dem 1. Weltkrieg dargestellt hat: Da sprechen keine Subjekte mehr, sondern >die Sprache spricht<«. Dann ist also wahr geworden, was de Saussure und hundert Jahre vor ihm Wilhelm von Humboldt und noch etwas früher Johann Georg Hamann erkannt haben, daß durch Sprache eine von den jeweils Sprechenden unabhängige, gesellschaftliche Dynamik sich durchsetzt, daß sie gewissermaßen selbst mitredet? Und das ist dann der Kollaps? Dann müßte Sprache eine Totgeburt sein. Kurz beeilt sich hinzuzufügen, es spreche eine Sprache, »die sich gleichzeitig in rostigen und verbeulten Wortschrott auflöst«.  
Fragt sich, wie diese sich selbst in Wortschrott auflösende Sprache aussehen soll? Vielleicht wie ein »alltäglicher grammatikalischer Zusammenbruch«? Und wie sieht der aus?: »Als bevorzugte Satzform figuriert der Anakoluth, ein Satz also, der schon keiner mehr ist.« - Solange einer die Definition dessen, was ein Satz ist, der Schulgrammatik überläßt. Für die anderen gilt, daß die Logik eines Textes oder eines Gesprächs nicht durch Sätze regiert wird, sondern umgekehrt. Wer aber die Sätze separat betrachten will, muß feststellen, daß in frei gesprochener Sprache vollständige, schulgrammatisch korrekte Sätze nicht sehr häufig vorkommen - woran aber noch selten eine Kommunikation gescheitert ist. Die »Duden«-Grammatik weist den Anakoluth als Stilmittel bereits bei Goethe nach, Gaddis beherrscht es meisterhaft.  
Dann führt Kurz für seinen Kollaps an, daß bei Gaddis und im Kapitalismus »sämtliche Personen konsequent aneinander vorbeireden«. Das sagt sich so dahin, am Ende werden die Geschäfte in JR (der Roman handelt von einem elfjährigen Spekulanten) und anderswo aber doch abgewickelt. Ein anderes Indiz für das Gelingen von Kommunikation als das pragmatische gibt es nicht: Wenn irgendwo eine Firmenzusammenführung oder ein Aktientransfer nicht klappen sollte, weil die Akteure aneinander vorbei kommuniziert haben, reden wir noch einmal über den Kollaps der Kommunikation.  
Bleibt zu klären, wie einer einen Roman schreiben kann, der »einfach zeit- und ortloser Kapitalismus pur« ist, und wie Gaddis die »kapitalistische Realsatire reflexionslos aufgezeichnet und transkribiert« hat. Kurz stellt sich das so vor: »Es ist, als wäre Gaddis mit einem versteckten Cassetten-Aufnahmegerät unterwegs gewesen wie einst Andy Warhol mit seiner Kamera.« Eine besonders lustige Bemerkung, weil Warhol bekanntlich bei jeder Gelegenheit ein Tonbandgerät mit sich führte und aus den Aufzeichnungen seinen Roman a (N.Y. 1968; dt. Köln 1971) destillierte. Aber, Scherz beiseite: Jeder, der schon einmal die Ton-Aufzeichnung eines Gesprächs transkribiert hat, ahnt, wieviele Arten es gibt, einen gesprochenen Satz wiederzugeben, ja erst einmal einen Satz als solchen zu bestimmen, und wieviel Reflexion man darauf verwenden muß, ein wörtliches Protokoll anzufertigen. Aber diese Reflexion meint Kurz nicht, er will auf die »kritische Reflexion« hinaus. Und die mißlinge Gaddis schon deshalb, weil er »totale Faktizität« anstrebe.  
Wir können uns ersparen, auf Einzelheiten in JR einzugehen; es geht Kurz nicht um Gaddis - für ihn nur ein »Spätling« - , sondern um die literarische Moderne insgesamt, die den unsinnigen Anspruch erhebe, das »gesamte Gefüge dessen, was ist und gewesen ist, im Maßstab 1: 1 reproduzieren zu wollen«; er nennt Joyces Ulysses, Prousts Recherche, Musils Mann ohne Eigenschaften. Allesamt unlesbare Bücher von Größenwahnsinnigen.  
Ziehen wir ein Werk zu Rate, das Kurz nicht nennt, in dem aber, im Gegensatz zu denen, die er nennt, der Versuch, eine Totalität zu bieten, tatsächlich explizit eingestanden wird, Gertrude Steins The Making of Americans (1906-1908). Dort heißt es: »Ich werde irgendwann eine vollständige graphische Darstellung machen und das wird ein sehr langes Buch sein das alles über jede Art erzählen wird die es von Männern und Frauen gibt. « Selbstverständlich handelt es sich um eine »graphische Darstellung«, ein quasigeometrisches Modell also, und in The Making of Americans als dem ersten Versuch, diese »vollständige Darstellung« zu erreichen, geht es folgerichtig ausschließlich um zwei typische bürgerliche Familien und ihre Mitglieder, von denen jeweils behauptet wird, daß es »viele Millionen« gibt, »die immer genau wie er (oder sie) gemacht sind«.  
Man könnte vielleicht sagen, daß der moderne Roman partes und nicht bloß pars pro toto zu geben versucht. Das idiotische Unterfangen jedoch, statt wie Marx und Hegel zu einer »Arbeit des Begriffs« anzuregen, »konkrete Totalität in all ihren Farben, Formen, Gedanken, Mikro- und Makro-Ereignissen« wiederbeleben zu wollen, wird man keinem der von Kurz erwähnten Autoren unterstellen dürfen. Kurz tut es aber und freut sich dann, daß sie an der »logischen Unmöglichkeit des Anspruchs« scheitern und sich mit »abkürzenden Kunstgriffen« behelfen. Sollte ausgerechnet James Joyce die Tatsache unterschätzt haben, daß ein Text endlich ist und aus Wörtern besteht?  
Aus alledem soll sich dann die »Unlesbarkeit« der Moderne ergeben, während Le Comte de Monte-Cristo von Dumas père »sogar von Halbwüchsigen nicht selten auf einen Sitz verschlungen« wird. Kurzens Lektüre-Ideal: ein Kolportageroman, rasch gelesen. Darauf läuft es hinaus. Und man fragt sich, was seine großangelegte Verhohnepipelung der Moderne soll, wenn es ihm doch nur darum geht, nach des Tages Mühen in den Bergwerken des Begriffs bei leichter Unterhaltung zu entspannen? Provoziert ihn Literatur, die diesem Zweck nicht genügen will?