Konkret 02/97, S. 57  
Jürgen Roth  
Buch & Deckel  
Mario Moretti/Carla Mosca/Rossana Rossanda: Brigate Rosse - Eine italienische Geschichte. Verlag Libertäre Assoziation/Verlag der Buchläden Schwarze Risse und Rote Straße, Hamburg/Berlin 1996, 284 Seiten, 29 Mark  
»Tausende von Genossen haben die Erinnerung zum Schweigen gebracht, den Sinn eines ganzen Abschnittes ihres Lebens ausradiert«, klagt Mario Moretti, Mitgründer der Roten Brigaden, in einem Streitgespräch, das er 1993 an sechs Tagen mit Carla Mosca und Rossana Rossanda, Initiatorin der Tageszeitung »il manifesto« und ehemaliges Mitglied der Kommunistischen Partei Italiens, hat führen können. Aus dem Knast heraus liegt damit ein Rechenschaftsbericht vor, der Entstehung, Organisation und Niedergang des Guerilla-Kampfes in Italien ohne sentimentale Verklärungen und phraseologische Bemäntelung nachzeichnet.  
Obgleich Rossanda, die in den siebziger Jahren zwischen PCI-Dissidenz und bewaffneten Auseinandersetzungen nach eigenem Bekunden das Leben einer »kommunistischen Outsiderin« führte, ab und an nicht der Versuchung widersteht, die Beschreibung des Scheiterns linker Militanz mit der Klage über den Verlust einer - manchem RAF-Mitglied besonders liebgewordenen - spezifisch linken »Identität« zu verbinden, nimmt das Interview durch seine analytische Stringenz ein. Moretti, der die Entführung Aldo Moros leitete, den Vorsitzenden der Christdemokraten nach 55 Tagen erschoß, 1981 verhaftet wurde und seither einsitzt, läßt die Geschichte einer revolutionären Bewegung Revue passieren, die zu keiner Zeit am Paradigma »nationaler Befreiung« orientiert war. Im Gegensatz zur isolierten RAF bestanden die Brigaden, als man 1974 den Sprung von den Klassenkämpfen inmitten der Fabriken zum »Angriff auf das Herz des Staates« vollzogen hatte, noch auf ihrer Anbindung an die Ziele kommunistischer Agitation. Gleichwohl erwuchs der Entschluß zum militärischen Schlag gegen den »imperialistischen Staat der multinationalen Konzerne« aus objektiv veränderten gesellschaftlichen Bedingungen: »Wir kamen aus jahrelangen Arbeiterkämpfen, auch harten, und wir kannten ihre Grenzen. Man mußte darüber hinaus.« Denn »du kannst das Kapital nicht nur aus der Fabrik heraus angreifen«, zumal dann, wenn der Staat bereits zur Provokation und zur repressiven Konsolidierung übergegangen ist.  
Morettis akribische Rekonstruktion, die von der Beschreibung taktischer Details, der theoretischen Reflexion klandestiner Aktionen bis zur Darstellung zahlloser Schwellensituationen reicht, greift weder zu moralischen Entlastungen noch mythischen Überhöhungen einer Auseinandersetzung, die in die politische Tragödie mündete. Stand am Anfang der Roten Brigaden das Wissen, eine »extremistische Avantgarde, aber innerhalb der Arbeiterkämpfe«, zu sein, beschließt zwanzig Jahre später den Versuch, durch »bewaffnete Propaganda« für eine Umwälzung der Verhältnisse zu sorgen, die Erkenntnis, es sei »nicht eine Bedingung des Kampfzyklus, aus dem wir entstanden, ... übriggeblieben«. Dem erklärten Verzicht auf bewaffnete Auseinandersetzungen korrespondiert mithin Morettis Forderung nach Amnestie: »Keine Gesellschaft kann ewig die prozessualen Rattenschwänze einer vergangenen Konfrontation, von der nicht mal mehr die realen sozialen Subjekte existieren, hinter sich herschleifen.«  
Kann sie aber augenscheinlich sehr wohl.