Konkret 02/97, S. 56  
Ischrak Kamaluldin  
Buch & Deckel  
Katrin de Vries/Anke Feuchtenberger: Die Hure H. Comic. Jochen Enterprises, Berlin 1996, 19,80 Mark  
Die Zeichnerin Anke Feuchtenberger ist in den letzten Jahren durch ihre Plakate und Illustrationen aufgefallen. Auf dem Ramschmarkt der Mediengrafik, wo jeder jeden kopiert und auch gute Arbeit schnell zur schicken Masche verkommt, stehen ihre Zeichnungen eigentümlich für sich. Ihre Figuren sind uns nah in ihrer Zeitgenossenschaft, aber zugleich so fremd, wie uns schlimme oder schöne Träume fremd sein können.  
Das Befremden, das diese Bilder auslösen können, wurde zum Affront, als die Gouvernante des deutschen Zeitungswesens, die Hamburger »Zeit«, Ende 1995 Anke Feuchtenberger die vorweihnachtliche Literaturbeilage illustrieren ließ. Die Bildgeschichte, die Feuchtenberger nach einer Erzählung der Berliner Autorin Katrin de Vries gezeichnet hatte, weckte den Spießer im liberalen Intellektuellen. Der Vorwurf unerträglicher Häßlichkeit tauchte in Leserbriefen auf, und dieser Vorwurf wird die Zusammenarbeit der beiden Künstlerinnen wahrscheinlich auch in Zukunft begleiten.  
Die erste gemeinsame Buchveröffentlichung von Anke Feuchtenberger und Katrin de Vries liegt jetzt unter dem Titel Die Hure H. vor. Der Berliner Comic-Verlag Jochen Enterprises sprang über seinen Schatten und veröffentlichte die drei Bilderzählungen, die den Rahmen dessen, was zur Zeit Comic sein darf, gründlich sprengen. Die drei Geschichten eignen sich nicht zum schnellen Verzehr. Jedes der ganzseitigen Bilder ist gegen den flüchtigen Blick gezeichnet. Der Körper der Hure H besitzt eine Präsenz, die nichts mit der Glätte unserer Fastfood-Ästhetik zu tun hat, sondern an die Dreidimensionalität und das Gewicht von Statuen erinnert. Die Nacktheit dieser Figur ist eben nicht obszön, wie man in der ersten Irritation unterstellen möchte. Im Gegenteil, in Feuchtenbergers Zeichnungen ist der weibliche Körper nicht Funktion eines Zwecks, sondern immer auf rätselhafte Weise mehrdeutig und damit moralisch und ästhetisch im Vollbesitz seiner Rechte.  
Die drei Bildgeschichten, die das Buch enthält, basieren auf Erzählungen von Katrin de Vries. Die Zeichnerin hat den Text gekürzt und auf kluge Weise in die einzelnen Bilder integriert. Die schnörkellose, mit jedem Wort Wirklichkeit setzende Prosa von de Vries wird nicht zur Informationskrücke degradiert, sondern Bild und Text erzählen auf schlüssige Weise gemeinsam und machen sich dadurch gegenseitig unentbehrlich. Die Titelheldin der drei Geschichten ist eine Figur, für die es kein direktes Vorbild gibt, eine Abenteurerin, die, halbnackt und doch wohlbehütet, in eine surreale Welt hinauszieht.  
Die amerikanische Schriftstellerin Gertrude Stein hat festgestellt, daß das Neue in der Kunst zunächst zwangsläufig für häßlich gehalten wird. Die Hure-H.-Geschichten haben die besten Aussichten, in diesem Sinne als häßlich mißverstanden zu werden, aber wer sie aushalten kann, sollte nicht bis übermorgen damit warten, ihre Schönheit zu entdecken.