Konkret 02/97, S. 56  
Jens Hoffmann  
Buch & Deckel  
T. C. Boyle: América. Deutsch von Werner Richter. Carl Hanser Verlag, München 1996, 389 Seiten, 45 Mark  
Flüchtlinge brauchen bekanntlich offene Grenzen, Geld, Essen, Wohnungen und Kleidung. Auf Verständnis und teilnahmsvollen Zuspruch in Form von Kulturprodukten können sie verzichten. Das hat Boyle aber nicht davon abgehalten, América - der Originaltitel The Tortilla Curtain klingt nicht ganz so fein - zu schreiben. Im Vorspruch wird irritierenderweise Steinbecks Früchte des Zorns, ein Roman über verarmte, weiße Bürger der Vereinigten Staaten, zitiert. Gewidmet ist América Pablo und Theresa Campos. Will sagen: Das Publikum hält echte, ehrliche Sozialkritik in den Händen. Da wird es also auch bewußtseinsmäßig allerlei zu lernen geben.  
Boyles Geschichte geht so: Cándido und América Rincôn sind vor der Armut in Mexiko nach Kalifornien geflohen. Sie leben als vogelfreie Indocumentados an einem Bach am Stadtrand von Los Angeles und halten sich mit Gelegenheitsjobs und der Hoffnung auf eine bessere Zukunft am Leben. Nicht weit von ihrem Lagerplatz entfernt erstreckt sich Arroyo Blanco, eine Wohnanlage für Leute, die ihr häusliches Sicherheitssystem duzen und Keime im Swimmingpool als Anschlag auf ihre persönliche Freiheit begreifen. Dort leben Delaney Mossbacher und Kyra Mossbacher-Menaker mit Kyras Sohn Jordan, zwei Hunden und der Katze Edith. Kyra ist eine erfolgreiche Immobilienmaklerin, Delaney macht den Haushalt und schreibt Kolumnen für das Naturmagazin »Wide Open Spaces«. Die beiden rauchen nicht, trinken selten, trennen ihren Müll und leben auch sonst nach liberal-humanistischen Prinzipien. Ihre zwei Autos sind wachsversiegelt und vollkaskoversichert. Im Kühlschrank der Mossbachers saß nie eine weinende Maus.  
Daß ihre humanistischen Prinzipien nur bedingt für wirkliche Menschen gelten, wird deutlich, als Delaney Cándido Rincôn mit dem Auto anfährt. Nach diesem Unfall sieht der Naturfreund plötzlich überall Mexikaner. Mexikaner campieren in seinem geliebten Cañon, Mexikaner stehen vor dem Supermarkt herum, Mexikaner erledigen die dreckigen Arbeiten, Mexikaner placieren sein Auto auf dem Restaurantparkplatz - »mußten sie denn alle Mexikaner sein?« Delaney fühlt sich belagert. Und auch Kyra sind plötzlich zu viele Mexikaner im Viertel. Sie bemerkt den säuerlichen Ausdruck auf den Gesichtern potentieller Kunden. »Jemand mußte etwas gegen diese Typen unternehmen - sie waren überall, sie vermehrten sich wie die Karnickel, und für das Geschäft bedeuteten sie den Tod.«  
Widerspruch gegen die rassistische Hetze ihrer Nachbarn ist von den Mossbachers nun nicht mehr zu erwarten. Ein privater Sicherheitsdienst soll die Zufahrt von Arroyo Blanco kontrollieren - warum nicht? Schließlich möchte man doch gern wissen, wer sich in der Nachbarschaft aufhält. War da nicht eine Notiz zu professionellen Einbrecherbanden in der Zeitung?  
Die Gemeinschaft der Hauseigentümer von Arroyo Blanco beschließt den Bau einer zwei Meter hohen Mauer. Nun ja, das ist nicht gerade eine liberale Maßnahme - aber irgend etwas muß man schließlich tun gegen die herumstreunenden Kojoten und Ausländer. Zwei Hunde wurden den Mossbachers getötet. In der Nachbarschaft soll ein Baby durch einen Kojoten verletzt worden sein. Und außerdem wurden auch weiße Frauen belästigt. Irgendwer hat das erst kürzlich erzählt. Wenn der Staat die Sache im Griff hat, wird die Mauer selbstverständlich wieder verschwinden. Keine Frage. Aber solange dies nicht der Fall ist, zählt die Initiative freier, rechtschaffener Bürger, die ja wohl noch sich selbst und ihr Eigentum schützen dürfen.  
Als ein Feuer der Rincôns durch den Wind im Cañon außer Kontrolle gerät und die Wohnanlage bedroht, muß die Polizei zwei vorläufig festgenommene Männer vor dem lynchsüchtigen Mob der Hauseigentümer in Sicherheit bringen. Delaney hat sich Mut angetrunken und prügelt auf einen der Festgenommenen ein. Später erinnert er sich an die Abtreibungsgegner, die ihn und seine erste Frau vor Jahren am Betreten der Frauenklinik hindern wollten: »Tja, und jetzt war er einer von denen. Er war der Hasser, er war der Spießer, der Rassist, der Geiferer.«  
Aber das stört ihn nicht mehr. Im Gegenteil. Er hat seine Aufgabe gefunden. Mittels allerlei elektronischer Verstärkung will er dafür sorgen, daß die Störenfriede und Brandstifter endgültig dingfest gemacht werden und »ein einfaches Ticket nach Tijuana bekommen«. Er legt sich auf die Lauer und macht den Unterschlupf )seines( Mexikaners Cándido ausfindig. Mit einem geladenen Revolver schleicht er sich an. »Wichtig war nur eins: ihn zu finden, ihn aus seinem Bau zu scheuchen, seine Zähne und Zehen und die Haare auf seinem Kopf zu zählen und das alles aufzuzeichnen als Beweis.« Den Rest werden dann schon die Einwanderungsbehörde und die Polizei mit ihren Clipboards, Handschellen und kotzegrünen Bussen erledigen.  
Zur Auflösung der Geschichte bastelt Boyle eine sentimentale Pest von Naturschauspiel zusammen. Ein neugeborenes, blindes Mädchen verschwindet in tosenden Wassermassen, die Körper der Liebenden vereinen sich auf dem Dach eines Postamtes, und eine rettende Hand fischt schließlich auch Delaney heraus. Raten Sie, wessen Hand. Nachdem das Wasser dann ein bißchen abgeflossen ist, schwenken die Lebenden wieder tapfer ihre Hoffnungsfähnchen. Merke: Weiße, die sich schweren Herzens für Rassismus entscheiden, kriegen eine zweite Chance. Boyle smiles. Mit einem passagenweise auch als Appetitmacher funktionierenden Flüchtlingsroman ins Geschäft zu kommen, ist ziemlich cool. Die Filmrechte sind wahrscheinlich schon verkauft.  
Der »Feuersturm von Dresden« ist übrigens auch in América wieder dabei. Boyle verwendet ihn zur Beschreibung des Feuers im Cañon. In World's End(1987)mußte er den schlechten Zustand eines Kochtopfbodens verdeutlichen. Der kommt rum, der Feuersturm.