Konkret 02/97, S. 54  
Erwin Riess  
Buch & Deckel  
Hannah Arendt/Heinrich Blücher: Briefe 1936-1968. Piper Verlag, München 1996, 597 Seiten, 49,80 Mark  
Die bürgerliche Revolution war, betrachtet man ihre Ergebnisse, nicht zuletzt eine Revolution der Post. Vor allen anderen bürgerlichen Unternehmungen beförderten Napoleons Kriege das Postwesen. Die Ware der Post ist der Brief, und Briefe sind Ersatzreden von Menschen, die keine andere Möglichkeit finden, sich auszutauschen. Zu Zeiten, da das Telefon noch nicht erfunden oder nur schwer verfügbar war, kam dem Brief ein hoher Gebrauchswert zu, in ihm wurden die Händel des Alltags erörtert. Wer schreibt was über wen an wen, lautet der dramaturgische Gehalt des Briefes, und es ist ohne Belang, um welche Art Brief - Geschäfts-, Kondolenz- oder Liebesbrief - es sich handelt. Selbst der Leserbrief, der ja zur Veröffentlichung bestimmt ist, kann seine briefliche Natur nicht abstreifen. Hat er keinen Gebrauchswert, ist es schade um die der Werbung entzogenen Zeilen.  
Zieht man den Gebrauchswert vom Brief ab, erscheint erst seine Substanz: der Tratsch. Das ist nicht wenig, denn der Tratsch ist das Feld, auf dem die Menschen sich ihrer Sicht der Welt bewußt werden. Das ist aber andererseits auch nicht viel, denn die Weltsicht hat es an sich, daß sie verschoben, wenn nicht verschroben ist.  
Auch kluge Menschen tratschen. Aus diesem Grund werden nach einer Schamfrist ihre Tratschereien posthum als kommentierte, ausgewählte oder gesamte Briefwechsel herausgegeben. Es empfiehlt sich aber, die veröffentlichten Briefwechsel schreibender Menschen mit Vorsicht zu lesen, denn der Tratsch hat die vertrackte Eigenschaft, den Blick auf das Werk eines Schriftstellers zu verstellen. Diese Regel ist so streng, daß von ihr nicht einmal Ausnahmen existieren, denn auch diese, der Briefwechsel Flauberts mit George Sand etwa oder die Briefe Lichtenbergs und Brechts, sind Tratsch und bleiben hinter dem Werk zurück. Daß sie mit Gewinn gelesen werden können, zeugt nur davon, daß manche Köpfe geistvoll zu tratschen vermögen.  
Hannah Arendt und Heinrich Blücher schrieben einander von 1936 bis 1968 über vierhundert Briefe, von denen im vorliegenden Band immerhin dreihundertvier veröffentlicht worden sind. Welche Kriterien zum Ausschluß der übrigen führten, wird in dem sorgfältig editierten Band nicht gesagt. Der Tratsch wurde also zensuriert, was auf ein doppeltes Mißverständnis zurückgehen dürfte, denn weder fügt der Briefwechsel mit ihrem Mann, dem Ex-Kommunisten und Philosophieprofessor, dem Werk Hannah Arendts neue Erkenntnisse hinzu, noch ist vorstellbar, wodurch der in den aufgenommenen Briefen ausgebreitete Tratsch noch übertroffen werden könnte. Der Tratsch nämlich verträgt aus Prinzip keine Beschränkung. Er ist, da nicht für andere bestimmt, gern bodenlos, oft gemein, immer aber ungerecht. ihn zensurieren heißt ihn zerstören.  
In den fünfziger und sechziger Jahren unternahm Hannah Arendt ausgedehnte Reisen durch Europa und Israel. Fixpunkte waren Deutschland und Basel, wo sie bei ihrem Freund und Lehrer Jaspers abstieg, dem sie gleichwohl ihre fortdauernde Affäre zu Heidegger verschwieg. In ihren Briefen berichtet Arendt über das wieder aufgebaute Deutschland. In Heidelberg trifft sie 1952 auf Korpsstudenten: »So viele, daß man sich am liebsten nicht auf die Straße begibt. Alles was über 20 Jahre alt ist, ist hoffnungslos, danach allerdings wird es anders.« Arendt beschreibt, was sie sieht, Blücher antwortet mit Reflexionen über das deutsche Wesen. »Wenn Jaspers das wahre deutsche Wesen sucht, findet er niemals den wahren deutschen Konflikt, der immer in dem republikanisch-freiheitlichen Willen Weniger gegen die kosakisch-knechtischen Neigungen Vieler bestand.«  
Napoleon hat recht gehabt, stimmt Hannah Arendt zu, es handele sich darum, ob die Weit republikanisch oder kosakisch werde, und in diesem Sinne seien die Engländer am weitesten. »The most civilized country on earth, aber auch das langweiligste!« Drei Jahre später, 1955, besucht sie Griechenland und Israel und berichtet, ganz deutsche Bildungsbürgerin, daß die Menschen in Griechenland so »kotzdämlich« wie die Portugiesen seien. »Arm und faul und dumm«, eine rechte Schande also für die Antike. Blücher will da nicht zurückstehen. »Die Deutschen haben sich nicht aus der Schuld zu retten, sondern aus der Schande«, schreibt er und jammert über den heißen Sommer in New York, der unerträglich sei, noch dazu habe ein Stahlstreik den Nachschub an Klimageräten unterbunden, und, was dem Skandal die Krone aufsetzt, der Streik spiele nur den Russen in die Hände. Wie der Fall der Exportquote und die bundesdeutsche Anti-Atombewegung der späten fünfziger Jahre. Über Israel äußert Hannah Arendt sich wohlwollend. »Was geleistet ist, oft sehr eindrucksvoll, geht schließlich in den Städten und der Sozialarbeit doch auf deutsche Juden zurück«, sie ist aber dann doch froh, wieder in »menschliche Gegenden« zu kommen, Zürich und Basel, »wie von Katzen saubergeleckt« und nicht so dreckig wie der Balkan. »Klima + Sprache + Armut = Fanatismus«, schließt Arendt ihre Israel-Betrachtungen ab und eilt zu einem Kongreß, wo sie auf den »wunderbaren« Ignazio Silone trifft, leider aber auch auf einen Vertreter der »Schweinebande«, wie sie die Frankfurter Schule nennt, den »dummdreisten Ignoranten und Schwätzer« Horkheimer.  
immer wieder äußert sich Arendt begeistert über die Musik des von den Nazis geschätzten Carl Orff, in Zürich findet sie Gefallen an einem Lorgnon und in Berkeley an der Höflichkeit der Studenten. Die Auswahl obiger Zitate ist ebenso willkürlich wie ungerecht, folgt also den Vorgaben des Tratsches. Unschwer ließen sich auch heitere Passagen aus dem Liebes - leben der beiden anführen. So Hannah Arendts warmherzige und kluge Bemerkungen über Flüsse: »Angenehm, mal was zu sehen, was selbst die Deutschen nicht funkelnagelneu machen können«, sagt sie über den Rhein. Sie rühmt den Mississippi, bedauert den Hudson wegen dessen Steilufer und gerät angesichts des Colorado ins Schwärmen: ».la, ohne die Flüsse wäre die Erde hier verloren. Die Flüsse sind das Entscheidendste. Die lieben Flüsse.«  
Schriftsteller sollten in ihrem Werk aufgesucht werden, nicht während ihrer Ausgänge. Was sie zu sagen haben, findet sich in ihren Publikationen, kaum aber in ihren Briefen. Es ist kein Zufall, daß Hannah Arendts Briefe während des Eichmann-Prozesses in Jerusalem im Vergleich zu ihrem Text über den Prozeß unergiebig, fast belanglos anmuten. Briefe von Schriftstellern sind fast immer enttäuschend. Die interessantesten Briefe stammen eben von Briefschreibern, welche nicht publizieren. Leider verhält es sich so, daß diese Menschen, mindestens neunzig Prozent der Bevölkerung, nicht nur nicht publizieren, sondern auch keine Briefe schreiben. Folglich hat Lichtenberg recht, wenn er sagt, mit Abstand die besten Briefe seien die ungeschriebenen.  
Wer allerdings eine Neigung für Tratsch hegt, der sei beruhigt. Die Briefwechsel Hannah Arendts mit Mary McCarthy, Karl Jaspers, Kurt Blumenfeld, Martin Heidegger, Hermann Broch sind bereits erschienen oder erscheinen demnächst.