Konkret 02/97, S. 54  
Jens Hoffmann  
Buch & Deckel  
Simha Rotem: Kazik. Erinnerungen eines Ghettokämpfers. Verlag der Buchladen Schwarze Risse/Rote Straße, Berlin 1996, 207 Seiten, 25 Mark  
Zum utopischen Gehalt von Menschen und Dingen gehört, daß sie bereits in der Gegenwart auf gesellschaftliche Verhältnisse hindeuten, in denen jene nicht mehr nach Verwertbarkeit oder Funktion eingeschätzt und beurteilt werden müssen, sondern wahrgenommen werden, weil sie da sind. Auch Sätze und Geschichten hätten es unter diesen Bedingungen durchaus leichter. Sie wären mit einem Publikum konfrontiert, das läse, um Erfahrungen wahrzunehmen und nicht um Gedrucktes in gewinnversprechendes kulturelles Investitionsmaterial zu verwandeln. Die Wahrheit wäre einfach die Wahrheit, und keine Rechnung, die gefälligst restlos aufzugehen hat. Überdies könnte das Leben dann einmal etwas anderes sein als die auf Dauer doch recht ermüdende Bilanzierung empfangener und ausgeteilter Kopfnüsse.  
Simha Rotem berichtet in dem bereits 1984 in Israel veröffentlichten Buch Kazik. Erinnerungen eines Ghettokämpfers über sein Leben vor, während und nach der Besetzung Polens durch die Deutschen. Er erzählt vom Kampf der jüdischen Untergrundarmee und von seiner Enttäuschung nach der Befreiung Warschaus durch die Rote Armee, die nicht die Befreiung vom Antisemitismus brachte. Er erinnert an die ermordeten und davongekommenen Genossen und Genossinnen und nennt die Namen hilfsbereiter Menschen, die Essen oder ein Versteck gaben, ohne etwas dafür zu verlangen. Er beschreibt, wie er Geld von Ghettogefangenen erpresste, um Waffen für die Untergrundarmee kaufen zu können. Und er beschreibt, wie er für diesen Zweck die Hinrichtung eines jüdischen »Kunden« - bis zum Entsichern der Waffe - durchspielte: »Diese Aktionen gehörten nicht zu den erfreulichen Ereignissen in meinem Leben.«  
Die Unmöglichkeit, die von den Deutschen während des Zweiten Weltkriegs Verletzten und Ermordeten durch Erinnerung und Wahrnehmung der überlieferten Lebenszeichen zu retten, erzeugt eine Hilflosigkeit, die nicht aufzulösen ist. Auch die Identifizierung und Anklage der Täter/innen und Mitläufer/innen, die symbolische Verurteilung einer Welt, die nach 1945 nicht ganz anders wurde als davor, und die ebenso symbolische Annäherung an die Opfer, Davongekommenen und Widerstandskämpfer/innen sind keine Mittel gegen die Tatsache, daß Millionen für und wegen nichts ermordet worden oder bis heute dazu gezwungen sind, mit den Verbrechen der Deutschen zu leben.  
Simha Rotem hat nach seiner Ankunft in Israel, das heißt nach einer mehrwöchigen Internierung im britischen Lager Atlit, auf dem Bau gearbeitet. Er wohnte einige Monate in Tel Aviv bei einem Paar, das ihn wegen der Schreie, die er im Schlaf ausstieß, nicht vor die Tür setzte. Eine Büroarbeit mochte er nicht annehmen - »Die körperliche Arbeit war für mich damals ein inneres Bedürfnis, etwas Heilsames. Nach einem Arbeitstag auf dem Bau kehrte ich müde und erschöpft, aber ruhiger nach Hause zurück.« Rotem lernte Hebräisch und sprach wenig. Er schwieg, weil er häufiger nach den Toten als nach den Davongekommenen gefragt wurde. Und er schwieg, weil ausgerechnet er es als Schuld empfand, am Leben geblieben zu sein.  
Rotem telephonierte mit Marek Edelmann, einem Freund aus der jüdischen Untergrundarmee, der nach Kriegsende in Warschau als Kardiologe arbeitete. Es ließ ihm keine Ruhe, daß am 10. Mai 1943 nicht alle im Ghetto eingesperrten Kameradinnen und Kameraden mit dem von ihm herbeigeschafften LKW gerettet werden konnten. Im Gegensatz zu den Nazis und ihren Kindern hatte Rotem nicht die Wahl, sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen oder nicht. Es ist das Privileg der Deutschen, die deutschen Verbrechen des Zweiten Weltkrieges einfach zu ignorieren.  
Simha Rotem lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Jerusalem.