Konkret 02/97, S. 43  
Jürgen Roth  
Vögeln für die Einheit?
 
Na bitte. »Ostdeutsche sind besser im Bett!« meldete »BamS« am 8. Dezember, »wenigstens beim Sex erreichten die Ostdeutschen Weltniveau«, und das bis auf den heutigen Tag. Ein Höhepunkt nach dem anderen. Gratulation.  
So interessant ein solcher Befund, so vielfältig aber auch die jüngst wieder nachdrücklicher von maßgeblichen Vereinigungstheoretikern und -literaten ins Feld geführten Überlegungen, Schriften und Traktate, denn man fragt sich bei aller Freude über ungebrochene östlich-deutsche Liebestummelei schon hie und da, wie es sonst zwischen beiden Landeshälften ausschaut, wie beiderseitige Annäherungen und das geforderte, das gewünschte Zusammenwachsen gedeihen und vorankommen.  
Ja, wie lebt der Ost-Deutsche eigentlich zur Zeit, wie fühlt er, was macht sein engeres Lebensumfeld? »Der Osten wird bunt«, verriet der »Spiegel« schon im Oktober (Heft 41/96), »mit der von oben erzwungenen Gleichheit ist es vorbei«, und obzwar sich minoritäre Elemente in »die gute alte SED-Zeit zurückmotzen«, sei »die -.. .,.. existierenden Sozialismus über 40 Jahre erzwungene geduckte Solidargemeinschaft zerbröselt«. Mit Ausnahme wiederum Jene, unter den Daunen.  
Während dem »Spiegel« ein gelb getünchter Plattenbau zum Anlaß gerät, die Buntwerdung des schäbigen Ostens auszurufen, während Sex im Osten »phantasievoller, freier und lustbetonter« (»BamS«) ist als im Westen, während ja bereits Thomas Hettche das innerdeutsche »Verhältnis« entlang der Koordinaten eines westlich-yuppisierten Phallozentrismus und eines östlich-dämonischen Sadomasochismus beschrieb und im nun aber endlich auch realiter zu vollziehenden Einheitsbrachialfick kulminieren ließ (Nox), während Thomas Brussig, man erinnert sich noch, den antifaschistischen Schutzwall mit dem Genital seines Vereinigungshelden imaginär niederrammte (Helden wie wir) - während somit seitens der Dichter und Nachrichtenmagazine die nationalen Hausaufgaben fürs erste erledigt wurden, traten jüngst zwei fast Vergessene des Kulturmilieus auf den Plan, der West-Feuilletonist und die »unbequeme« Ost-Essayistin. Ob indes Daniela Dahn und Helmut Böttiger als Seismographen der geschundenen Vereinigungsseelen eine neue Denk-, ja Reflexionsoffensive einzuläuten vermögen, gewiß ist es nicht. Daß es ihnen, ziselierter, wägender und »weicher« (G. Seibt) in der Wahrnehmung, um die Stärkung ostzonaler Standpunkte, die Beschreibung quasimentaler Stärken und Vorteile der Ex-DDR zu tun ist und sie dergestalt kulturelle Frischzellenkuren für die Nation verordnen, mag niemand von der Hand weisen. Vor allem die »Taz« nicht. Sie überschrieb eine Sammelbesprechung am 12. November 1996: »Der Osten ist mehr als trotzig. Er ist das Zentrum der Veränderungen. Hier schimmert die Zukunft des neuen Deutschland hervor.«  
Dahn sehnt zum Beschluß ihrer geharnischten Schelte Westwärts und nicht vergessen. Vom Unbehagen in der Einheit (Rowohlt 1996) ein Ländle vollendeter Friedfertigkeit herbei, in dem, durchaus den Traditionen sozialistischer Erotik verpflichtet, »nur noch das Schöne, Erfreuliche und Zärtliche, das >Programm des Lustprinzips(« Platz haben möge; ein Staat wär's obendrein, dessen Insassen auch wieder zu ihren Lesungen strömen würden. Dahns eitles Geschwätz über die eigene Prominenz und zwischenzeitlich eingebüßte VIP-Werte (»Seit dem Beitritt ... bin ich erst zu einer einzigen Lesung nach Westdeutschland (inklusive Westberlin) eingeladen worden«) führt schließlich so weit, trotz aller zutreffenden Kritik an den Abwicklungsgepflogenheiten und am Justizapparat der herrschenden Klasse frohgemut herauszukrähen, man gehöre jetzt - yippie! - gefälligst auch dazu: »Dieses sich Einmischenkönnen gehört zu den vereinigungsbedingten Errungenschaften, die mir ausgesprochenes Behagen bereiten.«  
Zeilenquäler Helmut Böttiger hantiert via sein neuestes Opus Ostzeit - Westzeit (Luchterhand 1996) dagegen subtiler, um nicht zu klagen: nochmals impertinenter als eine hauptberuflich für »Widerspenstigkeit« und »Osttrotz« verantwortliche ehemalige DDR-Linke wie Daniela Dahn. Hervorgetan hat sich Böttiger bislang vor allem als Fußballkulturhistoriker, der ganz vernarrt ist in Günter Netzers »lange Haare«; der zwecks hymnischer Preisung eines Anfang der siebziger Jahre durch Zufall partiell demokratischer geratenen Deutschland zu schimmeligen Metaphern und den furchteinflößendsten Analogien griff, etwa »Netzer spielte wie Willy regierte« o.s.ä. Heute fühlt er sich zu ungleich Höherem berufen und diagnostiziert »Aufbrüche einer neuen Kultur«. Brachen die 68er noch »Strukturen«, so bricht dieser Tage die Kultur ohne jedes Zutun einfach ganz alleine auf, und zwar von Osten nach Osten. »Zum Kotzen« finden Ost-Deutsche laut Daniela Dahn »die permanente westliche Doppelmoral«, ordentlich gereihert werden darf aber auch anläßlich jener laut Böttiger durch die ostdeutsche Kulturszene initiierten Aufbrüche, an deren Anfang Überraschendes steht: »Plötzlich gibt es den Westen gar nicht mehr.«  
Ob Böttiger frohlockt übers mögliche Ende der verhaßten Westbindung oder doch eine Horde gewiefter Ostdenker und -»Kulturarbeiter« den Kapitalismus niederstemmen wird, ist unklar - unklar wie Böttigers sprachlich inkommensurabler, gedanklich singulär verquollener Aufsatzband. Die »Taz« ihrerseits dürfte nicht falsch gelegen haben, als sie des Feuilletonisten Gerede übers »Laboratorium« für »ein ganz neues Lebensgefühl« in »Zentren der Bewegung« ummünzte. Hauptstadt der Bewegung: Berlin.  
Jeder rechtsfühligen Deutung leistet Böttiger Vorschub. Castorf (»... hat gerade ein in diverse Geschichtsdaten peitschendes Premierenstakkato hinter sich«) ist sein neuer Netzer, Schlingensief - der auf arte mitteilte: »Im Westen wird nur noch verwaltet, die DDR hat einen Stallgeruch« - ein weiterer Gewährsmann für jene diffuse Melange aus angeblichen »Mentalitäten«, Deutschland-Mythologemen und einem schwülstigen Einfühlungsfeuilleton, dem zwei bis vier wechselnde Subkulturavantgarden zum »ästhetischen Vorschein der deutschen Zukunft« anschwellen: »Der Prenzlauer Berg weitet sich«, »im Aufbrechen der alten DDR wurden Energien freigesetzt, die auf nur noch müde Zirkulationsbewegungen in Westberlin stoßen. Die Brutstätten des neuen deutschen Gefühls und der Härte liegen schon längst in Mitte und am Prenzlauer Berg.«  
Was hat aber der Ost-Deutsche vor? Staatsbürgerliche Kritik und Apologie schreiben ihm eine herausragende Rolle im Prozeß nationaler Konsolidierung zu. Dahns Plädoyer für mehr und mehr Demokratie genauso wie Böttigers Beschwörung einer ästhetisch projektierten neuen deutschen Antimoderne treiben die »innere« Zurüstung voran; Topoi sind der Osten, dem Aufschwung blüht, und seine Bewohner, die einer verkommenen Westler-Fraktion Lehrer des Lebens sein werden.  
Zu guter Letzt also evtl. sogar vögeln für die Einheit? »Die Mauer im Kopf - fällt sie etwa im Bett, kuschelt dort zusammen, was zusammengehört?« »BamS« bleibt vorerst skeptisch. Was Herr Böttiger und Frau Dahn auf ihrem Weg in die vollendete Einheit empfinden, vermögen wir uns kaum auszumalen - es sei denn, wir lesen Dahns Protokoll einer Enttäuschung unter vertauschten Vorzeichen: »Der Prozeß der Annäherung wurde durch die Einheit abrupt abgebrochen. Dabei war das liebevolle Vorspiel schon weit gediehen. In dieser Stimmung konnte vielen glaubhaft gemacht werden, Beitritt sei etwas ähnlich Angenehmes wie Beischlaf. (Niemandem wird es schlechter gehen, sondern allen besser.) Vereinigung? Nur coitus interruptus. Mit fatalem Nachspiel: allgemeines Unbefriedigtsein.«