Konkret 02/97, S. 39  
Kay Sokolowsky  
In diesem Sinne - You MUST Love Me
 
Zwei Naturgesetze regeln Hollywood. War's ein Erfolg, kopier es; und: Kein Mensch mag Filme mit Madonna sehen. Das eine Gesetz gegen das andere ausspielen wollten die Firma UIP und der Regisseur Alan Parker, als sie sich an die Verfilmung des Musicals »Evita« machten. Aber so wenig einer die Schwerkraft überwindet, indem er auf die Entropie vertraut, so verloren dürften die ca. 120 Millionen Dollar sein, die Produktion und PR des Streifens auffraßen. Einen Madonna-Film besuchen, das hat immer bedeutet: Dem sturen, sch weißfeuchten Versuch dieser Frau beizuwohnen, das, was Gott ihr nicht geben mochte: Talent, Präsenz und Erotik, mit aller Gewalt zu erzwingen. Wohl, Alan Parker läßt Ms. Ciccone besser aussehen denn je, aber deshalb sieht sie noch lange nicht gut aus. Gewiß, sie muß nicht viel reden, es wird ja nonstop gesungen, aber nicht mal mit den rund zweitausend Streichern, die das Filmorchester aufbietet, kommt auch nur die Spur von Seele in ihre Robotstimme.  
Die US-Presse hat »Evita« in Stücke gerissen, die deutsche sich schier überschlagen: »strotzt vor Kraft« (»Spiegel«), »wunderbar« (»Hamburger Morgenpost«), »ein sehr gelungener Film« (» Taz«), »Go and see it!« (»Bild«), mehrseitige Fotostrecken in »Stern« und »Zeit-Magazin«. Als Reservate der Vernunft erwiesen sich ausgerechnet »TV-Spielfilm« (»plakativ-platt«) und die »FA Z« (»eine Qual«). Was in den USA nur mehr ennuyiert, die Verkleidung Madonnas als Filmstar - hier zieht es immer noch und macht zumal das liberale Feuilleton mit Begeisterung glauben, »Evita« sei das Ereignis, das UIP verspricht, und nicht der Schmarren, zu dem unweigerlich jeder Film wird, in dem Madonna erscheint. Das darf nicht sehr wundern in der Heimat von Katja Riemann.  
Und vielleicht ist es auch schon normal, daß ein Stück, das Hektoliter von Glamour über die Heilige des Peronismus a ausgießt, das Che Guevara als ihren Liebhaber präsentiert, das Diktatur und Folter einschrumpft auf »temperamentvolle Polizeieinsätze« (Mariam Niroumand, in dem nie vergeblichen Bemühen, degoutanter als ihr Thema zu sein) - daß solch ein Paradestück von Verklärung eines faschistischen Regimes hierzulande genauso romantisch wahrgenommen wird, wie es daherkommt. Cordt Schnibben, »Spiegel« (4 Seiten): »Eine schöne große Oper über Pop und Politik«. Niroumand, »Taz« (2 Seiten): »Strahlend, pompös, elegant, wie es sein muß«. Doch es bleibt, in »Bild«, der einmaligen Dana Horáková vorbehalten, in zwei Sätzen zu sagen, worauf die Riesen-Riemen ihrer Kollegen hinauswollen: »Am besten, Sie vergessen, was Sie über ... Evita Perón, Argentinien und Politik VORHER gehört haben und wissen. Lassen Sie sich berauschen.«