Konkret 02/97, S. 25  
Holger Becker  
Fleisch von ihrem Fleische  
Ein »Lexikon des DDR-Sozialismus« versucht sich als Gegengift gegen die »DDR-Nostalgie«
 
Diktatur, so meint Ernst Jünger, verfeinert den Stil. Wenn es ein gewichtiges Argument gegen diese ansonsten nicht rundweg abzulehnende These gibt, dann heißt es Lutz Rathenow. Das wissen zumindestens jene Redakteure diverser Zeitungen und Zeitschriften, die dieses bedauernswerte Opfer fehlgeleiteten Geltungsdrangs mit seinen Bekanntmachungen des eigenen Unvermögens belästigt. Auch das hier anzuzeigende Lexikon des DDR-Sozialismus verschont den Rezensenten nicht, eine neue Folge der Serie »Lutz greift ein« lesen zu müssen. Das allerdings war zu befürchten, da schon der Waschzettel drohte, an diesem Werk hätten auch »führende Bürgerrechtler« mitgeschrieben. Zu denen gehört der Terminator vom Prenzlauer Berg allemal. Er, der sich überall mit dem Spruch »Ich bin fünf Teller Eisbein« vorstellen könnte und der trotzdem jedwedem Journal Lutz-Rathenow-Fotos aufdrängt, übernahm für diese »erste Bilanz des DDR-Sozialismus« das Stichwort »Selbstzensur«.  
Hinter der Einladung, gerade ihn zu diesem Thema schreiben zu lassen, könnte man Chuzpe der Herausgeber wittern. Doch die heißen u.a. Rainer Eppelmann und Dorothee Wilms, was die Vermutung selbstverständlich sofort erledigt. Der Mann ist ja quasi »Fleisch von ihrem Fleische«, nur eben vier Portionen mehr. Und so trägt er auch dicker auf als die andern, die mit ihm zusammen verhindern wollen, daß - laut Herausgeber-Vorwort - »die DDR-Vergangenheit verharmlost und ihr totalitärer Charakter verschwiegen wird«. Nein, Lutz wird nichts verschweigen, nicht den totalitären Charakter von Vergangenheiten und schon gar nicht die schockierende Erkenntnis, nach der »das gesamte Leben in der DDR ... ein Leben in staatlich verordneten bis tolerierten Regelsystemen« gewesen sein soll. Wenn das denn wahr ist, stellt sich die Frage: Hat die Stasi diesen Spätkybernetiker zwangsweise mit Nackensteak, Letscho und Sahnetorten gemästet und ihm so das Dasein in einem biologischen Regelsystem der Marke Mops rüde verordnet, oder hat sie sein eigenes Streben nur toleriert? Eine von beiden Varianten muß die richtige sein.  
Wahrscheinlich gehört es auch zu den Verbrechen der Stasi, daß Rathenow nichts von den Segnungen der Selbstzensur weiß. Immerhin hatten Mielkes Schergen ja mal damit gedroht - er hat es im »Rheinischen Merkur« selber berichtet -, ihm solange Lutz-Lyrik vorzutragen, bis er selbst um ein Ende der unmenschlichen Folter bitten würde. Denen aber hat er selbstverständlich gar nichts geglaubt, nicht mal den bestgemeinten Wink mit dem Zaunpfahl. Und so haben wir den Salat, jetzt lesen zu müssen, Selbstzensur beginne dort, wo der »einzelne Bürger ... bestimmte Absichten des Staates politisch und mental ... verinnerlicht« hat. Darf's nicht ein doppelter Bürger oder ein Doppelkornbürger oder gar ein Hambürger sein, der einen Plattklops verinnerlicht hat, politisch oder mental, ganz egal?  
Und wer auf dieser Welt hat noch Mitleid mit unschuldigen Bäumen? Die Auftraggeber dieses Werkes - es sind Christdemokraten aus St. Augustin, die Rathenow erst unlängst mit dem Konrad-Adenauer-Preis beschenkten - jedenfalls haben es nicht. Sie denken tatsächlich, ein Lexikon im Stile des früheren Kleinen Politischen Wörterbuchs aus dem SED-eigenen Dietz Verlag könnte gegen die diagnostizierte »DDR-Nostalgie« helfen, deren Grund nach Meinung des Pfarrers Erhart Neubert u.a. in einem »Zurückbleiben der mentalen Ausstattung« von »diktaturgeschädigten Ich-Schwachen« liegt. Dafür mußte sich Wolfgang Schäuble auf dem Weg zum Schreibtisch von Vera Lengsfeld die Reifen neu aufpumpen lassen, mußte Joachim Gauck seine Pornos weglegen, Wolfgang Templin die Hände mit Kernseife waschen und Rainer Eppelmann, der ohnehin selten Zeit hat, weil er den Film »Lenin kam bis Lichtenberg« dreht, sein Evchen vertrösten? Zusammen mit rund 120 anderen Autoren haben sich nämlich auch diese Vier als Mentalausstattungsbeihelfer versucht.  
Was dabei herauskam - eine alphabetisch geordnete Zusammenfassung volkspädagogischer Bemühungen der letzten sechs Jahre D-Mark - , ist für den Ostler zu teuer, taugt also höchstens als Vademecum für berufsmäßige Propagandisten und Agitatoren. Schließlich sind die Berichte der Enquete-Kommissionen zur »SED-Diktatur« zum Auswendiglernen zu lang. Doch diese Leute reden sich nun schon seit langem die Mäuler zu Fusseln und Streifen - vollkommen nutzlos: Im Westen weiß ohnehin jeder, wie schlimm die DDR war, und die »dikaturgeschädigten Ichschwachen« im Osten, die das ganze Elend ertragen mußten, wollen undankbarerweise gar nicht täglich bestätigt bekommen, wie schlecht es ihnen früher mal ging. Auch nicht von einem Lexikon, das dazu den Nachteil hat, daß es ein Staubfänger ist. Im Notfall kann ohnehin jeder mindestens drei jener Verbrechen des DDR-Sozialismus aufsagen, auf die dieses Kompendium hinweist. Etwa:  
· Der DDRler ist 40 Jahre nicht nur belogen und betrogen, sondern auch gezwungen worden, mit Händen und Füßen bzw. albanisch zu reden, was er aber nicht konnte. Denn die SED hat »das Volk zum Verstummen gebracht« (Rainer Eppelmann/Gerd Poppe). Erst durch das mutige Wirken der Bürgerrechtsbewegung hat das Volk »seine eigene Sprache wiedergefunden«.  
· Außer dem Schwangerschaftsabbruch wurde in der DDR bedenkenlos auch der »kulturelle Traditionsabbruch« (Erhart Neubert) praktiziert, beides gegen den Widerstand der evangelischen Kirche. Mit dem »kulturellen Traditionsabbruch« ging die »Verknappung von nichtideologischem Wissen« einher. So wurden »Alltagsvollzüge als sozialistisch umdefiniert«. Außerdem fehlte Toilettenpapier.  
· Die Todesstrafe wurde 1987 nur abgeschafft, um die Russen zu ärgern. Es war »ein Affront Honeckers gegenüber Gorbatschow« (Friedrich-Christian Schröder), der sich gerade dafür ausgesprochen hatte, Meister Hanf weiter in Ehren zu halten. »Die Freiheitsräume, die der KPdSU-Generalsekretär seinen Landsleuten zunehmend gewährte, delegitimierte die von der SED nach wie vor ausgeübte Repression« (Gerhard Wettig).  
Und damit wollen wir den Sums um diese Schwarte denn auch beenden. Für sich genommen ist sie die Flaschen Rotwein nicht wert, die jeder zum Durchhalten der 806-Seiten-Lektüre unbedingt braucht. Empfehlen muß man das als »Sachlexikon« schon wegen seiner willkürlichen Stichwortauswahl weitgehend wertlose Werk aber all denen, die heute schon wissen wollen, was morgen in den Schulbüchern steht. Es wird bald in jeder Bibliothek zu haben sein. Dafür kann die Bundeszentrale für politische Bildung ganz sicher sorgen.
 
Rainer Eppelmann/Horst Möller/Günter Nooke/Dorothee Wilms (Hrsg.): Lexikon des DDR-Sozialismus. Das Staats- und Gesellschaftssystem der Deutschen Demokratischen Republik. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn/München/ Wien/Zürich 1996, 806 S., 128 Mark