Konkret 02/97, S. 10
 
Herrschaftszeiten
 
Rassenkunde 1  
Zur Fahndung nach Straftätern benutzt die deutsche Polizei bundesweit den computergerechten Vordruck »Erfassungsbeleg KP 8«, in dem Polizisten ankreuzen, ob die gesuchte Person »asiatisch, negroid, nordländisch/mitteleuropäisch, orientalisch, südländisch, slawisch« aussieht. Eine Arbeitsanleitung gibt den Beamten hilfreiche Hinweise: »Negroid = dunkle Haut- und Haarfarbe, Kraushaar, wurstige Lippen. Slawisch ~ breites Gesicht, betonte Wangenbeine ... « Bei gesuchten Frauen dürfen die Beamten zwischen »vollbusig« und »flachbrüstig« wählen.
 
Rassenkunde 2  
Im Vierten Reich werden wieder Köpfe vermessen. Einer der Experten für minderwertige Physiognomien ist Marc Werthmann von der »Bild«-Zeitung:  
Das FBI. Die Steckbriefe der zehn meistgesuchten Männer. Ich sehe Brutalo-Gesichter.  
Ein anderer ist Klaus Geitel von der »Welt«, Abteilung »Geistige Welt«:  
Er (Franz Schubert) sah nicht aus wie ein Genie.  
Ein dritter ist Johann Georg Reißmüller, Herausgeber der »FAZ«:  
Walter Ulbricht sitzt mit lauerndem Blick_  
Ulbricht schaute in diesen frühen Jahren immer bedrohlich aus... Es ist das Gesicht eines Staats- Terroristen... Auf einem Plakat hat Ulbrichts Gesicht gar einen Zug von Stalin... Der SED-Justizminister Fechner mit dem satten Grinsen des Arrivierten...  
Ein vierter heißt Reinhard Mohr, hat früher seine Schuldigkeit bei der »Tageszeitung« getan und tut sie jetzt beim »Spiegel«:  
Reinhardt zeigt sein strahlendes Egon-Krenz-Gebiß und lächelt sich in Stimmung.
 
Diskursethik  
Die »Hamburger Morgenpost« berichtete über das »Hurenhaus in der Pagenfelder Straße«: »Gequält, vergewaltigt - 17jährige Polin in Hamburg monatelang zur Prostitution gezwungen«. Das Hamburger Stadtmagazin »HH 19« fand heraus, daß die »Morgenpost« exakt für dieses Hurenhaus geworben und damit auch nach dem Erscheinen dieser Story nicht aufgehört hatte. Jährlich zehn Millionen Mark, so hat »HH 19« errechnet, verdient die Zeitung, die dem Verlag Gruner & Jahr (»Stern«, »Brigitte«, »Geo«, »TV-Today«, »Spiegel«) gehört, an solchen Zuhälter-Anzeigen. Chefredakteur Matthias Döpfner: »Redaktion und Anzeigenteil sind bei uns strikt getrennt.« Hier wie dort: in Prostituierte und Zuhälter.
 
Big spender  
In einer ganzseitigen Anzeige dankt der Verlagskonzern Gruner & Jahr (»Hamburger Morgenpost«) »allen Sponsoren, die zum Gelingen des Gruner + Jahr Weihnachtsbasars 1996 aktiv beigetragen haben, herzlich«. Unter den Bedankten finden sich Avis, Black & Decker, Deutsche Lufthansa, Duscholux, Fissler, Gardena, Holsten Brauerei, Ikea, Melitta, Otto Versand, Quelle Versand, Remington, Rosenthal, Schöller Mövenpick, Schwartau, Siemens, Silit, Soehnle Waagen, Wolf-Geräte, Zwillingswerk Henkels und hundert weitere. In wieviele Millionen also durften sich die Begünstigten, das Mutter-Kind-Haus der Theodor-Wenzel-Einrichtung und der Verein Dunkelziffer e.V. (Hilfe für sexuell mißbrauchte Kinder), teilen? In exakt 90.000 (in Worten: neunzigtausend) Mark.
 
Wiedergutmachung 1  
Von den ehemals 18.000 italienischen SS-Männern der 29. SS-Division »Waffengrenadier Italien« leben noch 152. Sie erhalten (wie bis zu ihrem Tod ihre verstorbenen Kameraden auch) eine monatliche Rente von 600.000 Lire, das sind ca. 600 Mark.
 
Wiedergutmachung 2  
Die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen will die Bundesregierung durch einen Parlamentsbeschluß dazu bewegen, die ehemaligen Häftlinge, größtenteils osteuropäische Juden, zu entschädigen, die in deutschen Konzernen zu Arbeit unter KZ-Bedingungen gezwungen worden waren. Ohne Rücksicht auf die angespannte Finanzlage sollen die wenigen bis heute Überlebenden sage und schreibe einmalig bis zu 10.000 Mark erhalten.
 
Intermezzo  
Anstatt jede für sich einzugehen, ist die Berliner »Wochenpost« zum Jahreswechsel in der Hamburger »Woche« aufgegangen. Aber auch das wird danebengehen.
 
Träne auf Reisen  
Vorher hieß sie Wollenberger und mußte Schwerter zu Pflugscharen schmieden. Jetzt heißt sie Lengsfeld und ist von den Grünen zu der Partei gegangen, die gerade beschlossen hat, für weitere zwanzig Milliarden Mark Pflugscharen zu Eurofightern zu machen. Am Abend des Parteiwechsels hat Frau Lengsfeld vor Fernsehkameras versichert, sie habe mit der CDU schon deshalb keinerlei Abrede über einen künftigen Listenplatz treffen können, weil ihre neue Partei von ihrem Übertritt erst am selben Tag erfahren habe. Arnold Vaatz wiederum, der CDU-Umweltminister von Sachsen, der Frau Lengsfelds Erzählung nicht mitgekriegt hatte, berichtete ein paar Stunden später, daß die neue Parteifreundin ihn schon »vor einigen Wochen... ins Vertrauen gezogen« habe, er seitdem ständig mit ihr im Kontakt geblieben sei und sich bemüht habe, »diesen Übertritt logistisch zu begleiten«. »Zum gegebenen Zeitpunkt habe ich mich dann bei der Parteizentrale der CDU gemeldet und vermittelt.« Die »Hamburger Morgenpost« nannte Frau Lengsfeld aus diesem Anlaß »wahrheitsfanatisch«. Auch bei ihr sind Redaktion und Anzeigenabteilung streng getrennt.
 
Schalom 8. Mai  
In Israel wird der Tag der deutschen Kapitulation offizieller Gedenktag. Der Grund dafür ist, daß die Weltkriegsveteranen, die in den letzten Jahren aus der ehemaligen Sowjetunion nach Israel eingewandert sind, ihren Landsleuten eine bisher weniger beachtete Form des jüdischen Widerstands gegen die Nazis zu Bewußtsein gebracht haben: 1,5 Millionen jüdische Soldaten hatten in den Armeen der Anti-Hitler-Koalition gekämpft, die weitaus meisten von ihnen in der Roten Armee. Häufiger als bei den Westalliierten haben es Juden dort zu hohen Dienstgraden gebracht, so daß es in der Roten Armee schließlich 305 jüdische Generäle gab. Insgesamt sind im Zweiten Weltkrieg mehr jüdische Soldaten gefallen als in allen von Israel geführten Kriegen zusammen. Der »Frankfurter Allgemeinen« ist der neue jüdische Feiertag nicht recht: »Bedenklich stimmt, daß die Einführung des Gedenktages am 8. Mai den Anschein erwecken könnte, als habe Israel Anteil am Sieg über das Dritte Reich.«
 
Kanthers Ostarbeiter  
Polen hat 2.000 neue Stellen geschaffen, um die Landesgrenzen besser kontrollieren zu können. Die Wanderungsbewegung, deren Ziel Deutschland ist, soll bereits an der Ostgrenze aufgehalten werden. Ein Teil der Beamten werde jedoch auch an der Westgrenze eingesetzt, an der von Januar bis Oktober letzten Jahres 9.200 Personen beim illegalen Grenzübertritt nach Deutschland aufgegriffen worden seien.
 
Kanthers Frontbericht  
Die Zahl der politischen Flüchtlinge, die in der BRD Asyl suchen, ist 1996 noch einmal um neun Prozent auf 116.367 zurückgegangen. Der Anteil der Bewerber, denen Asyl gewährt wurde, sank gegenüber dem Vorjahr von neun auf 7,4 Prozent. Die Zahl der nach der Abschiebung in ihrem Herkunftsland Gefolterten und Getöteten wird nicht erhoben. Es darf davon ausgegangen werden, daß sie sich zu der anderen umgekehrt proportional verhält.
 
Blüm  
»das traurige Denkmal eines auslaufenden Politikmodells« (»FAZ«), hat sich noch einmal zu voller Manneshöhe erhoben, um mit wütenden Rufen unter dem Kabinettstisch hin und her zu laufen: »Verbrecherische Geldwäscheorganisation«, rief er, »menschenverachtendes Kartell der Unterdrückung«, »Gehirnwäsche«. Meinte der alte »Herz-Jesu-Marxist« (F.J. Strauß) die Deutsche Bank, den Arbeitgeberverband und den Springer-Konzern? Ach nein, bloß eine Aberglaubensgemeinschaft, der er nicht angehört.
 
Liebl  
der »Weltanschauungsbeauftragte des Erzbischöflichen Ordinariats von München«, hat die Scientologen eine »totalitäre Organisation« genannt, die »nur auf Geld und Macht aus« sei. Der Konkurrenzbeobachter hat gewiß recht. Von totalitären Organisationen, die nur auf Geld und Macht aus sind, verstehen Erzbischöfliche Ordinariate was.
 
Dank vom Hause Habsburg  
Aloijzij Sustar, Erzbischof von Ljubljana und Metropolit Sloweniens, ist vom Österreichischen Bundespräsidenten mit dem Großen Goldenen Ehrenzeichen mit Stern dekoriert worden. »Für Verdienste um die Republik Österreich.« Am Tag nach dieser Meldung nannte der Wiener Korrespondent der »Frankfurter Allgemeinen« Ljubljana in einem dreispaltigen Artikel nur noch »Laibach«.
 
Nationale Anfrage  
Die Abgeordnete Angelika Graf (SPD) hat die Bundesregierung apropos Lärmschutz gefragt:  
Ist an eine Einkapselung des deutschen Teils der Brennerautobahn gedacht, und welche Kosten würden hierfür anfallen?  
Der parlamentarische Staatssekretär Manfred Carstens (CDU) mußte die völkische Ökologin enttäuschen. Nicht, daß er etwas gegen Lärmschutz hätte, aber  
die Brennerautobahn befindet sich in ganzer Länge auf österreichischem bzw. italienischem Hoheitsgebiet.
 
Perestrojka  
Es war nicht alles vergebens, und umsonst auch nicht. Michail Gorbatschow hat in seiner Steuererklärung für 1995 folgende Einnahmen angegeben: für Vortrags- und Autorentätigkeit aus Deutschland DM 692.000, aus Japan, den USA und Italien DM 1.500.000. Hinzu kommen eine Rente, die sein alter Genosse Jelzin auf DM 3.000 pro Monat erhöht hat, ein Landsitz mit Hauswirtschafterin, Leibarzt und sieben Leibwächtern und eine Wohnung in Moskau.
 
Hängematte 1  
Die Zahl der Sozialhilfeempfänger ist in Berlin zwischen 1991 und 1996 um 46 Prozent auf 191.000 Personen gestiegen. In Ost-Berlin hat sich die Zahl mehr als verdoppelt. Die Sozialhilfe für Ostberliner Kinder und Jugendliche ist seit 1994 um fast 30 Prozent gestiegen.
 
Hängematte 2  
Anfang des Jahres meldete die »Hamburger Morgenpost«: »8.386 Mark!. Hamburger sind Deutschlands Top-Verdiener. Nirgendwo wird so gut verdient wie an der Elbe.« Von den letzten treuen Lesern der ehemals sozialdemokratischen Zeitung, die zuerst einen Blick auf ihren Lohnstreifen geworfen und sodann der Redaktion telefonisch ein schönes neues Jahr gewünscht hatten, sah das Blatt sich genötigt, tags darauf seine frohe Botschaft ein wenig zu korrigieren: »Karriere-Stadt Hamburg: Aber 8.386 Mark Gehalt kriegen nur wenige.« Nachdem sie tags zuvor alles ganz genau gewußt hatte, wurde die Redaktion jetzt geradezu investigativ: »Wir wollten wissen: Was verdienen die Hamburger wirklich.« Wirklich, so stellte sich heraus, bekommt ein Lagerarbeiter in der Karriere-Stadt 2.381 Mark im Monat, ein Schlosser 3.700, ein Briefträger, verheiratet, zwei Kinder, 3.780, ein Maurer 4.228, ein Filialleiter im Einzelhandel 4.309, ein Schifffahrtskaufmann 4.290, ein Assistenzarzt 5.796, ein Polizeihauptkommissar 4.505 (alles brutto). Wie aber war es zu dem durchschnittlichen Monatseinkommen von 8.386 Mark gekommen? Man hatte die 6.000 Einkommens-Millionäre der Stadt eingerechnet.
 
Auf der Couch  
Ich habe in den letzten Monaten mein Leben völlig umgekrempelt. Durch die Trennung von meiner Frau im August bin ich in eine tiefe Lebenskrise geraten. Wir waren 13 Jahre zusammen - für mich ging ein ganzer Lebensabschnitt zu Ende. Mir wurde plötzlich klar, daß ich meinen bisherigen Lebensstil ändern mußte. Ich hatte viel zuviel in mich hineingestopft. Zuletzt wog ich 108 Kilogramm, und es ging mir gesundheitlich richtig schlecht. Da hab ich die Krise zu einem Neuanfang genutzt: Weniger essen, kein Alkohol, viel Sport, Terminmüll abwerfen. Ich habe mich auf das Wesentliche konzentriert.  
Joschka Fischer, exklusiv zur »Bild«-Zeitung. Das Private wird immer politischer.
 
Im Doppelbett  
Und das Politische immer familiärer. Fischer, der sich endlich auf das Wesentliche konzentriert, hat »über neue Ansätze« nachgedacht. Diesmal ist aber nicht noch eine Kampftruppe in noch ein Kriegsgebiet herausgekommen, sondern eine »kombinierte Lösung« des Rentenproblems: »Geringere Renteneinkommen. Steuerliche Privilegierung von Paaren mit Kindern. Einbindung der Alten in den Arbeitsprozeß - wenn es geht, auf freiwilliger Grundlage.« Und wenn nicht, dann eben unter Zwang, von dem Väter und Mütter von vier oder mehr Kindern, die ihr Kreuz schon getragen haben, ausgenommen werden können.
 
Adam Riese  
Rauchen schadet nach Ansicht von Jean Comolli, Chef des französischen Tabakmonopols »Seita«, zwar der Gesundheit, nutze aber der Volkswirtschaft. Die Belastung, die den Krankenkassen durch die Malaisen der Raucher entstünden, sei viel geringer als die Entlastung der Rentenkassen durch die kürzere Lebenserwartung der Raucher. Comolli: »Insgesamt bringt der Tabak der Gemeinschaft mehr, als er kostet.«
 
Eva Riese  
Die Gleichberechtigung von Mann und Frau kommt gut voran. Eine neue Studie, so wird gemeldet, habe ergeben, daß in den USA 73 Prozent der Frauen im gleichen Job genausoviel verdienen wie ihre männlichen Kollegen. 1970 seien es nur 59 Prozent gewesen. Bevor die deutsche Bürgerinnenbewegung in Jubel ausbricht, ein kleiner Dämpfer: Zwei Drittel der Arbeitnehmer, die zum US-Mindestlohn von 4,25 Dollar arbeiten, sind Frauen. Woraus folgt...

 
Man lese das kreuzbrave Buch des früheren SDS-Kümpfers Joscha Schmierer, das bei jedem Aufsatzwettbewerb der Jungen Union gute Chancen hätte  
Peter Gauweiler, Münchner CSU-Vorsitzender
 
Erich Böhme: Herr Strauß, Ihr Vater hat mal gesagt: »Der >Spiegel< ist die Gestapo im Deutschland unserer Tage.« Hat er damit recht gehabt? Max Strauß: Ja, also, für Stasifragen bin ich eigentlich nicht kompetent  
Talk im Turm, 12.1.97
 
Da werden CIA, Mossad und BND in die gleiche Kategorie eingereiht mit dem KGB, als ob die drei Erstgenannten jemals politisch Andersdenkende umgebracht hatten  
Ignatz Bubis, FDP-Politiker