Konkret 10/96, S. 61  
Alexander Bogner  
Pflicht zum Sterben  
Der Mainzer Rechtsphilosoph Norbert Hoerster ist der deutsche Bauchredner Peter Singers. Sein aktuelles Buch zeigt, daß die neue »Euthanasie«-Debatte dasselbe Ziel hat wie die alte: die Freigabe der Vernichtung »lebensunwerten« Lebens  
1938 traf in der »Kanzlei des Führers der NSDAP« das Gesuch eines Elternpaares um die Tötung seines behinderten Kindes ein. Die NS-Ärzte entsprachen ihm bereitwillig und markierten damit den Einstieg in die »Kindereuthanasie«, deren reibungslosen Vollzug die Nazis als geglückten Probelauf für die spätere »T4«-Aktion korrekt bewerteten. Mit wachsender Ressourcenknappheit während des Krieges wurde die Altersgrenze zur Anwendung der »Euthanasie« schrittweise heraufgesetzt. Anfangs tötete die von Hitler formlos dazu ermächtigte Ärzteschaft »unheilbar kranke« Kinder bis zu 3 Jahren, bald bis 8, dann bis 12 und schließlich noch mit 17 Jahren. Bis 1945 wurden über 5.000 behinderte Kinder ministeriell erfaßt, selektiert, asyliert und umgebracht. Bei der Erfassung der überwiegend nicht in Anstaltspflege lebenden Kinder war der »Reichsausschuß zur wissenschaftlichen Erfassung erb- und anlagebedingter schwerer Leiden« auf die Mithilfe von Hebammen, Ärzten, Mitarbeitern der staatlichen Gesundheitsämter und nicht zuletzt der Eltern angewiesen – ein eindrucksvoller Beleg für die Verankerung der Eugenik in den Köpfen. Natürlich war der Vorsatz der Nazis, »lebensunwertes Leben« zu vernichten, um den »gesunden Volkskörper« von allen »Ballastexistenzen« zu säubern, schon im Jahre 1930, als die »Nationalsozialistischen Monatshefte« »Tod dem lebensunwerten Leben!« gefordert hatten, weder originell noch ungewöhnlich gewesen.  
Vorausgegangen war ein akademischer Diskurs, der das universelle Recht auf Leben verwertungslogisch partikularisiert hatte. »Gibt es Menschenleben«, hatte 1920 der gelehrte Sproß einer alten Frankfurter Bierbrauer-Dynastie rhetorisch gefragt, »die so stark die Eigenschaft des Rechtsgutes eingebüßt haben, daß ihre Fortdauer für die Lebensträger wie für die Gesellschaft allen Wert verloren hat?« Drei Seiten später stellte er seine Endlösung dieser Frage vor: Die rechtliche Freigabe der Tötung »negativ zu wertender Existenzen« sei nicht weniger als eine »Pflicht gesetzmäßigen Mitleids«. Drei Gruppen von Menschen hatte Karl Binding, Juraprofessor im Ruhestand, in seinem Teil der Schrift Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens (1920) dabei im Sinn: Kranke und Verwundete, »unheilbar Blödsinnige« und eine Restgruppe, der sich auch behinderte Neugeborene zurechnen ließen. Der Tod der »Idioten«, »die das furchtbare Gegenbild echter Menschen bilden und fast in jedem Entsetzen erwecken, der ihnen begegnet«, reiße »nicht die geringste Lücke«, da ihr Leben »absolut zwecklos« sei, »aber sie empfinden es nicht als unerträglich«.  
Dr. med. Alfred Hoche, Co-Autor dieser eugenischen Hetzschrift, versuchte mit seinen Mitteln den Kreis der zu vernichtenden »Defektmenschen« genauer zu bestimmen. Den von ihm verbal bereits beerdigten »geistig Toten« attestierte er »Fremdkörpercharakter« in der Gesellschaft. Die Hilflosigkeit und Unproduktivität dieser Behinderten mache ihre »Beseitigung« zu einem »erlaubten, nützlichen Akt«. Für behindert wurde – sehr modern – von Binding/Hoche erklärt, wem das »Selbstbewußtsein« fehle sowie der »geistige Rapport mit der Umwelt«.  
Die Nachwirkungen dieser Ethikdebatte dauern an bis heute. 75 Jahre nach dem Erscheinen von Bindings und Hoches Aufruf zum Mord und 50 Jahre nach der Befreiung der letzten »Euthanasie«-Anstalt im bayerischen Kaufbeuren durch die Amerikaner, verteidigt Norbert Hoerster das liebgewonnene Selektionskriterium: »Natürlich gibt es so etwas wie ›lebensunwertes‹ Leben. Ich vermag keineswegs notwendig etwas Inhumanes oder Verwerfliches darin zu erblicken, über das Leben eines bestimmten Menschen zu sagen, es sei nicht ›lebenswert‹!« Der »gesunde« Menschenverstand, der hier seine Muskeln spielen läßt, hat auch schon die »bewährte« Lebenswerttheorie parat: »Ein Leben mit dem Defizit einer Schädigung oder Behinderung ... besitzt einen geringeren Eigenwert wie Fremdwert als ein Leben ohne dieses Defizit. ... Eine Welt bzw. eine Gesellschaft ohne Krankheiten und Behinderungen beinhaltet ceteris paribus ein größeres Maß an Lebenswert und ist insofern besser als eine Welt bzw. eine Gesellschaft mit Krankheiten und Behinderungen.«  
Also einfach »die Summe des Schmerzes in der Welt durch einen Akt der Euthanasie verringern«, damit die »Glückssumme im Universum« steigt, wie der »verehrte Kollege Singer« (Hoerster) ganz praktisch philosophiert? So einfach, weiß Hoerster, geht das heute noch nicht: Menschen anhand kognitiver Merkmale – wie Singer – zu »nichtpersonalen Wesen« ohne Lebensrecht zu erklären, deren Tötung folglich »unproblematisch« ist, überfordert die »geistige Kapazität eines Durchschnittsbürgers«. Man darf, rät Hoerster den Befreiungskämpfern gegen die Tyrannei einer antiliberalen Vernichtungspraxis, »die Schwierigkeiten und Irritationen, die ein solches Unterfangen mit sich bringen würde, nicht unterschätzen.« So dreist wie Singer sollte man die Freigabe der Tötung von »lebensunwertem Leben« also noch nicht fordern. Um das gleiche Ziel dennoch zu erreichen, hat Hoerster ein schmales Bändchen verfaßt, dessen unverfänglichen Titel Neugeborene und das Recht auf Leben man sich nach der Lektüre mit »Behinderte Neugeborene und die Pflicht zum Sterben« übersetzen darf. Hoersters Vorgehen ist nicht neu: Wieder einmal wird die aktuelle moralische Belastungsgrenze durch eine Diskussion über den Lebenssinn »unheilbar leidender Säuglinge« abgefragt.  
Der Suhrkamp-Verlag hat HoerstersWerk letztes Jahr auf den Markt gebracht, ohne daß es zu irgendwelchen Protesten gekommen wäre. Auf den rund 130 Seiten dieses Buches versucht der Autor den Nachweis zu führen, daß die Eugenik immer noch das Patentrezept dafür ist, die Welt human einzurichten. Anders als die alten Sozialdarwinisten, die noch auf die gesellschaftlichen »Selbstheilungskräfte« vermittels universeller Konkurrenz vertrauten, will Hoerster »ein größeres Maß an Lebenswert schaffen ... durch aktive Sterbehilfe gegenüber Neugeborenen, deren Leben ... alles in allem von überwiegend negativen Erfahrungen (wie Leidenserfahrungen) geprägt ist«. Während er sich damit, was die Abtreibung betrifft, noch auf legalem Gelände bewegt, wirken bei der Anerkennung der formalen Gleichheit lebender Behinderter noch jene Reste einer »metaphysisch fundierten Normenordnung«, die Hoerster ein allzu unwirsches Drängen auf die Aberkennung des basalen Menschenrechts nicht ratsam erscheinen lassen. Hoerster ist vielmehr »im Ergebnis wie Singer der Auffassung, daß nur im Fall eines Wesens mit Ichbewußtsein und Zukunftswünschen – abgekürzt formuliert, im Fall einer ›Person‹ – hinreichende prinzipielle Gründe vorliegen, diesem Wesen ein eigenständiges Recht auf Leben ... einzuräumen«.  
Gleich im ersten Kapitel seiner neuen Schrift präsentiert Hoerster die Musterlösung für den Balanceakt, eine rationalistische Selektionsethik zu begründen, ohne Singers »Pionierarbeit auf dem Gebiet der angewandten Ethik« (Hoerster) direkt zu kopieren. Das schafft er mithilfe der vertragstheoretischen Begründung des Rechts auf Leben. Da jedes individuelle Recht gleichzeitig allen anderen Individuen die Pflicht auferlegt, dieses Recht zu achten, d.h. alle anderen in ihrer Handlungsfreiheit einschränkt, muß nach allen Regeln der bürgerlichen Rechenkunst der jeweilige Träger dieses Rechts den übrigen Adressaten einen äquivalenten Anspruch zubilligen. In unserem Fall ist dies das individuelle Überlebensinteresse. Weil alle ständig töten wollen, muß der Verzicht auf die Befriedigung dieses Urtriebs überdies wenigstens einem nachvollziehbaren Zweck dienen. Nach Hoersters Adaption der Hobbesschen Bürgerkriegsanthropologie »ist es also wohl begründet, nur zugunsten jener Wesen ein Recht auf Leben in Geltung zu setzen, die ein Überlebensinteresse haben«. Welche »Wesen« nun aber dieses Überlebensinteresse haben, ist schnell entschieden. Nach über 200 Jahren aufklärerischen Menschenbildes ist klar: »Nur ein Wesen, das ein Bewußtsein besitzt, kann auch irgendein Interesse haben. Das hängt damit zusammen, daß jedes Interesse auf einen Wunsch bezogen ist und daß nur ein Wesen, das ein Bewußtsein besitzt, Wünsche haben kann.« Da für Hoerster kein einziges Neugeborenes relevante, d.h. zukunftsbezogene Wünsche hat und »nach wissenschaftlicher Erkenntnis ... die ersten Spuren des Ichbewußtseins« sich nicht vor dem ersten Lebensmonat nachweisen lassen, würde das Weiterleben des Säuglings in den ersten vier Wochen allein vom Daumenzeig der Eltern abhängen.  
Diese Position vertritt bekanntlich Singer. Er schlägt vor, die Zuerkennung eines Lebensrechts 28 Tage nach der Geburt anzusetzen (weil bis dahin alle »Defekte« sicher diagnostizierbar sind) und erhält deswegen einen freundschaftlichen Rüffel von seinem deutschen Kollgen. Zwar seien »Singers Thesen und seine damit verbundenen Intentionen ... keineswegs behindertenfeindlich«, doch würde momentan, so Hoerster, »der Durchschnittsbürger, von dessen Akzeptanz die Sozialmoral ja abhängt«, Singers Vorschlag noch nicht fressen. »Ein Kriterium wie das des Überlebensinteresses sowie die nachfolgende Frage nach dessen Beginn würden ihn offensichtlich überfordern.« Aus Sicherheitsgründen kürzt Hoerster dieses Theater um einen Monat hin oder her ab und stellt fest: »Die Geburtsgrenze ist offenbar eine Grenze, die einen optimalen Schutz aller menschlichen Individuen, die bereits ein Überlebensinteresse haben könnten, sicherstellt.« Klingt gut und erfüllt seinen Zweck: Lebensrecht für alle und zwar sofort – abgesehen von jenen »leeren Menschenhülsen« (Hoche), die nach wissenschaftlicher Erkenntnis sowieso niemals irgendwelche Interessen werden ausbilden können.  
Mit dem Erreichen dieses Etappenziels ist Hoersters Kreuzzug für die Aberkennung des Menschseins von Behinderten jedoch nicht beendet. Die Welt ist schließlich noch voll mit »geschädigtem Leben« von »überwiegend negativer Qualität«, dem das Lebensrecht aufgrund seiner Rationalitätskriterien nicht abgesprochen werden kann. Als Rettung aus diesem Argumentationsnotstand erweist sich die Lüge von der »echten Sterbehilfe«. Mit der noch Mitte des 19. Jahrhunderts intendierten Bedeutung einer umfassenden humanen Begleitung des irreversibel eingetretenen Sterbeprozesses hat der heutige Begriff nur noch die Worthülle gemein. Hoersters vehementer Einsatz für die aktive »Euthanasie«, den »heilenden Eingriff« auch bei »schmerzloser Hoffnungslosigkeit« (Binding), soll den »Lebenswert« in einer Gesellschaft durch die Tötung von Behinderten heben. Natürlich sagt er das nicht so direkt, schließlich geht es – man befindet sich ja noch in der Testphase zur Lockerung ethischer Schamgrenzen – ausschließlich um Neugeborene. Daß die allerdings meist einen geringeren »Affektionswert« für ihre Umgebung besitzen als heranwachsende Behinderte, wußten schon Binding/Hoche und reservierten dieser Gruppe den ersten Platz in ihrem Vernichtungsplan.  
Die nicht nur historische Parallele seines publizistischen Versuchsballons kennt Hoerster selbst. Daher legt er fest, daß im Gegensatz zur unechten Sterbehilfe der Nazis ein Arzt die »echte Sterbehilfe« dem »schwer und unheilbar Leidenden« auf eigenen Wunsch gewähren soll. Da das Neugeborene nichts wünschen kann, entscheidet das elterliche Recht auf ein Wunschkind. Die Elternentscheidung soll erst dann an Autorität einbüßen, wenn sie nicht dem »wohlverstandenen Interesse des Neugeborenen« dient. Das heißt: Eltern, die partout nicht einsehen wollen, daß »das weitere Leben des Neugeborenen ... für ihn eine überwiegend negative Qualität besitzt, also von ihm alles in allem nicht als lohnend, sinnvoll oder lebenswert empfunden werden kann«, und sich damit über Hoersters »Prinzip des Patienteninteresses« hinwegsetzen, soll das Vormundschaftsgericht zur Vernunft bringen. Denn »es wäre offensichtlich inhuman, das leidende Kind rettungslos einer elterlichen Willkür auszuliefern«.  
In der Regel jedoch vertraut die Zivilgesellschaft bei der Exekution ihrer tödlichen Hilfsbereitschaft lieber nicht auf den invasiven Staat. Die ökonomisch erwünschten selektiven Maßnahmen sollen in voller Eigenverantwortlichkeit vollzogen werden. Da muß irgendwann auch mit der humansten Binnenperspektive, die Hoerster anstelle platt utilitaristischer, volkswirtschaftlicher oder gar »rassenhygienischer« Begründungsstrategien bevorzugt, Schluß sein. Weil in der Sichtweise des nicht-behinderten Philosophen Behinderung nur maßlos leidvoll sein kann, sind Menschen, die sein Zukunftsprojekt »leidfreies Universum« behindern, zum Tode verurteilt. Die 70 oder 80 Jahre, die dem einzelnen behinderten Neugeborenen in der Regel vergönnt wären, um (wie jeder Mensch) seinem Leben einen Sinn zu geben, fallen, da dies ohnehin »nur in Einzelfällen realisiert werden kann«, Hoersters Erlöserwahn zum Opfer.  
Dem Mitglied der »Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben« ist für das Endziel einer Welt ohne »Mißbildungen« und »Defekte« auch die so geschönte »passive« Euthanasie (die oft sehr aktiv ist) noch zu lasch. »Ob der Betroffene gegenwärtig eine Krankheit hat, die – über kurz oder lang – zu seinem Tode führen wird, kann für die Zulässigkeit einer Sterbehilfe nicht ausschlaggebend sein. Es gibt auch Leidenszustände (etwa infolge einer Behinderung), die zwar nicht lebensgefährdend,aber trotzdem unerträglich und auf Dauer unzumutbar sind. Auch in diesen Fällen muß es zulässig sein, den Tod des Betroffenen ... herbeizuführen.«  
Der Philosoph kann hier erst einmal kurz ausschnaufen. Behinderte haben nun keine Chance mehr. Im Bestreben, die Welt durch »einen unter Wertgesichtspunkten legitimen Austausch bzw. Ersatz von Lebewesen... im Einklang mit den Interessen aller Betroffenen zu verbessern«, sublimiert er noch jede ethische Regung, um Thanatos freie Bahn zu geben: Wie »vor Naturkatastrophen« müsse man sich gegen die »naturgegebenen Krankheiten und Behinderungen« schützen dürfen. Als beste Prävention gegen menschliche »Naturkatastrophen« empfiehlt Dr. Hoerster moderne Pränataldiagnostik sowie die »eugenische Auswahl« bei Neugeborenen ohne Lebensrecht. Für die restlichen behinderten Neugeborenen, die diesen Todesfallen des »gesunden« Volksempfindens entkommen sind, zaubert er die »echte Sterbehilfe« aus dem Ärmel.  
So schließt sich der Kreis: Da man in der Fitnessgesellschaft weiß, daß nur das Schöne das Wahre sein kann, ist die objektive Bewertung von Leben nach dem körperlichen Erscheinungsbild Konsens. Das individuelle Lebensrecht wandelt sich unterderhand zum Recht auf ein vollwertiges Leben, dem zwangsläufig die eugenische Selektionspflicht folgt. Am Ende steht die »Euthanasie« als der Garant für »maximale« Lebensqualität, weil weniger niemandem zumutbar ist. Folgerichtig ist nach Hoersters Logik die »Sterbehilfe grundsätzlich mit dem Recht des Betroffenen auf Leben vereinbar« – auch dann, wenn »der Betroffene« überhaupt nicht im Sterben liegt. Wer sich bei solchen Tönen wundert, daß ihr Urheber immer noch auf seinem Lehrstuhl für Rechtsphilosophie in Mainz sitzen kann, kennt die Universität Mainz nicht (siehe KONKRET 8/96) oder will eben nicht verstehen, daß die Vernichtung der (vorläufig noch:) neugeborenen Behinderten, selbstverständlich im strikten »Eigeninteresse«, eine »reine Heilbehandlung« (Binding) und also jede Aufregung um diese Frage überflüssig ist. Denn wie sagt der selbsternannte Richter über »lebensunwertes« Leben und den »schönen« Tod so treffend?: »Sterben muß jeder Mensch.«
 
Alexander Bogner schrieb in KONKRET 7/96 über die antideutsche Gruppe »Fight for Freedom«