Konkret 10/96, S. 56  
Günther Jacob  
Melodie & Rhythmus  
A.N.T.I.: Ostpower; Vertrieb: Mike Weikamm, Priesterstr. 22, 08289 Schneeberg  
Daß HipHop in Deutschland zur Berufungsinstanz bei der Verbreitung hierarchischer und autoritärer Werte und schließlich von nationalistischen bzw. »ethnischen« Sprachregelungen und Praxen werden würde, war vorauszusehen. Die positive Bezugnahme auf »Rasse«, »Nation« und »Familie«, die Idealisierung von »survival«, »streetculture«, charismatischen männlichen Helden und Körperkult, die ungewöhnliche Kombination von Befreiungsrhetorik und dem offensichtlichen Einverständnis mit den kapitalistischen Verhältnissen – all das existiert zweifellos als starke Strömung im HipHop. Dafür, daß der »Ethno-Beat« des US-amerikanischen HipHop, der dort immerhin auch noch eine antirassistische Dimension besitzt, nach dem Import in die BRD schnell synchron zum Takt ganz anderer nationalistischer Diskurse pocht, können jedoch nicht die US-amerikanischen Rapper und Rapper verantwortlich gemacht werden.  
Seit geraumer Zeit läßt sich beobachten, wie sich durch Bezugnahme auf die mit dem HipHop verbundene »Minderheitenproblematik« (Spiegel), auf die damit einhergehende Survival-Rhetorik sowie auf ein spezielles Risiko-Design (Kapuzenpullies, Allround-Sportschuhe, »Patrol«-Jeeps etc. künden von der Mobilmachung für »härtere Zeiten«) auch eine »ostdeutsche Identität« begründen läßt. Nachdem im Westen der BRD popsubkulturelle Szenen bereits seit einigen Jahren auf verschiedene Weise die Notwendigkeit »einer Art Afrozentrismus der Jugendkultur« erörtern, problematisieren auch junge Leute, die in der DDR aufgewachsen sind, immer häufiger ihre »Ostidentität« anhand einer rigorosen Parallelisierung ihrer Lage mit der der »Schwarzenbewegung«: »Uns verbindet, daß wir geringere Chancen haben. Viel stärker wird es so den Schwarzen in der USA gehen«, gaben z.B. 1994 linke Studenten einer Zeitschrift zu Protokoll.  
Aus ihrer Beschäftigung mit HipHop und der Identitätspolitik von US-amerikanischen »Minderheiten« ziehen solche Szenen, unterstützt u.a. vom »Spiegel«, der den »spielerischen Nationalismus« von »Subkulturen« lobt, heute den fatalen Schluß, daß auch sie dringend lokale, regionale oder nationale Identität benötigen. Das popkulturelle Streben nach dem Signet der Unverwechselbarkeit wird einfach um ethnopluralistische und offen nationalistische Momente erweitert und führt damit unversehens immer tiefer in eine Gesellschaft hinein, in der die Ethnisierung des Sozialen zur wichtigsten Vergemeinschaftungsform geworden ist.  
In dem Anfang des Jahres erschienenen Band 38 des Deutsch-Englischen Jahrbuches Gulliver zum Thema »Rap« nahm die Redaktion einen Beitrag von Thomas Fuchs aus Magdeburg auf, in dem unter dem Titel »Deutsche HipHop-Kultur zwischen den Mauerresten« die »HipHop-Kultur« dafür gefeiert wird, daß sie nicht nur die »Akzeptanz von fremden Kulturen an sich« fördert, sondern ganz speziell »die Kluft zwischen West- und Ostdeutschen mit Hilfe einer _germanisierten Subkultur überwinden« hilft. Während ganz nebenbei der afroamerikanischen Rap-Gruppe A Tribe Called Quest vorgeworfen wird, »gegenüber Deutschen eine ethnische Arroganz aus(zu)strahlen«, und »speziell den Türken« mit ihrem »Ghetto-Hintergrund« ein fast natürliches Verhältnis zu HipHop nachgesagt wird, kommt der Autor zur Sache: Deutscher Sprechgesang, so der emphatische Schlußsatz, hilft Ossis und Wessis, »die Mauer zwischen ihnen einzureißen, um gemeinsam durch die HipHop-Kultur ein anderes Verständnis auch von Deutschland zu entwickeln.«  
Gerade mal ein halbes Jahr danach tritt nun die Rap-Gruppe A.N.T.I. mit einem 96er-Remix von »Wir sind ein Volk« an. Die Band aus Schneeberg ist seit sechs Jahren aktiv, was ihren Breaks und Loops übrigens nicht anzumerken ist, und bringt ihre Kritik am Ausbleiben des flotten kapitalistischen Lebens ganz radikal auf den Punkt: Die Ossis stehen auf einer Stufe mit den »Asylanten« – und das im eigenen Land! Was diese Wahnsinnskritik noch schrecklicher macht, ist, daß sofort deutlich wird, daß einem hier wahrhaftige oral history begegnet. Man weiß sofort, wie diese Gedanken in die Köpfe dieser jungen Leute gekommen sind: Sie haben einfach dem »Volk« aufs Maul geschaut, vielleicht auch mal ins PDS-Programm, und das haben sie unzensiert durch die klappernde Reimmaschine gejagt.  
Ihr habt was gegen mich  
dann sagts mir ins Gesicht  
aber wundert euch nicht  
wenn ihr eines in die Fresse kriegt  
denn ich bin ein Ossi  
und sag es laut heraus  
mit euch Scheißwichsern  
nehm ichs allemal auf  
Maul auf – Scheiße raus  
das ist euer Stil  
ihr habt zwar keine Ahnung  
aber reden tut ihr viel  
doch eure Zeit ist abgelaufen  
bevor sie richtig begann  
ihr werdet in eurer eigenen Scheiße ersaufen  
verrecken, Mann, denn jetzt kommt  
Power aus dem Osten  
und ihr steht dabei auf verlorenen Posten  
außer Haßparolen  
habt ihr nichts mehr zu sagen  
an eurer Stelle  
würd ich mich nicht mehr in Osten wagen  
ihr beschimpft alle Ossis als dumm und Faschisten  
und was seid ihr: fanatische Rassisten  
...  
Stolz, Deutscher zu sein, ist die Frage  
es fragt sich nur wie ich es vertrage.  
Als Mensch zweiter Klasse im eigenen Land  
sind wir Ossis im Ausland bekannt.  
Wir sind Menschen zweiter Klasse  
im eigenen Land  
Menschen zweiter Klasse.
 
Mensch aus dem Osten  
du bist so arm  
die Wessis werden mit uns Ossis nicht warm.  
Auf einer Stufe mit den Asylanten  
wo sind sie hin, unsere deutschen Verwandten.  
Als sie zahlen sollten  
kratzten sie die Kurve.  
Sie ließen uns zurück auf der untersten Stufe.  
Da sitzen wir noch heute  
und sind der letzte Dreck.  
Ostnigger  
heißen wir am Stück.  
Die Farbe unserer Haut ist zwar weiß  
doch in Deutschland sind wir der letzte Scheiß.  
Refrain:  
Nicht anerkannt, fremd im eigenen Land  
kein Ausländer, und doch ein Fremder
 
Die aus der Perspektive der peripheren Region vorgetragene Klage »Die Wessis verstehen uns nicht« ist nur eine zeitgemäße Umformulierung von »Wir sind ein Volk«. Sie versucht, die Westler (im Zentrum) an ihrem eigenen Nationalismus zu packen und zum Dementi zu veranlassen, und am Ende betonen alle einhellig, gute Deutsche zu sein.