Konkret 10/96, S. 52  
Sahra Wagenknecht  
Buch & Deckel  
Inge Viett: Einsprüche. Briefe aus dem Gefängnis. Nautilus, Hamburg 1996, 160 Seiten, 24 Mark  
Inge Viett meldet sich wieder zu Wort. Mit mutigen »Einsprüchen« gegen den Geist einer Zeit, in der die alte Gesellschaft ihren vermeintlichen politisch-ideologischen Endsieg feiert und sich mit Brutalität und Skrupellosigkeit all das zurückholt, »was 40 Jahre lang versucht hat, sich von ihr zu entfernen«. In einer Reihe von Briefen, entstanden zwischen Vietts Verhaftung im Juni 1990 und dem Frühjahr 1996, reflektiert sie die geschichtlichen Ereignisse: die wütende Zerschlagung der DDR und alles mit ihr Verbundenen durch die siegreiche kapitalistische Macht, deren Bemühen um endgültige »Aburteilung, Ausstoßung, Verleugnung, Diffamierung, geringstenfalls Verhöhnung aller sozialistischen Bestrebungen der Vergangenheit und der Zukunft«. Stasi-Hysterie und juristische Verfolgung von DDR-Verantwortungsträgern sind gleichermaßen Teil dieses Szenarios wie das geheuchelte Entsetzen der westdeutschen Politik über die »Auffindung« ehemaliger RAF-Aussteiger auf DDR-Gebiet, die politische Instrumentalisierung ihrer Verhaftung und der Prozesse gegen sie. »Überall niederträchtiges Wühlen nach Schwäche, um zuzuschlagen«, konstatiert Inge Viett. Schon der permanent mitlesende Zensor schloß aus, das Thema RAF zum Hauptgegenstand der Briefe zu machen. Aber wohl nicht er ist der Hauptgrund, sondern der Umstand, daß die Distanz zu jenen »ganz und gar untauglichen Methoden« für Inge Viett längst Selbstverständlichkeit ist. In ihrem Buch geht es ihr um Anderes, Wichtigeres. Bereits zu Beginn betont sie: »...meine Geschichte, das sind nicht nur die Jahre, die Erfahrung bis zum Exil, das ist nur die eine Hälfte, die andere sind die Jahre hier in der Republik, und es waren meine besten Jahre.«  
Engagiert wendet sich Inge Viett gegen die seit 1989 selbst unter Linken – Ost wie West – grassierende Haltungslosigkeit und Anbiederung an die scheinbar endgültig überlegene Macht, gegen die unterwürfige Distanzierung von der eigenen Geschichte bzw. einen Umgang mit ihr, der sich Maßstäbe und Begrifflichkeit von gegnerischer Seite diktieren läßt: »... diese ganze Täter/Opfer-Terminologie und -Debatte ist gestrickt aus der Ideologie des Siegers und seinen politischen Interessen. ... Dieser Art von Aufarbeitung müssen wir uns verweigern und widersetzen, sie zielt auf die Auslöschung unserer authentischen Erfahrungen.« Viett polemisiert gegen die Phrase von den »Chancen der deutschen Einheit«, gegen »märchenhafte Wunschgebilde ..., gebaut auf die Gutwilligkeit und Einsichtigkeit des Kapitals, welches diese Eigenschaften aber leider nicht hat«, und gegen jene peinliche Apologetik, die die Wiederherstellung der alten Ausbeuterordnung als »Zugewinn an demokratischen und emanzipatorischen Rechten« schönzureden und den historischen Rückschlag so in einen – zumindest relativen – Fortschritt umzudeuten sucht. Sie verteidigt das in der DDR Errungene gleichermaßen gegen die menschenverachtende Realität der Kapitalgesellschaft wie gegen das ignorante Maß abstrakter Utopien, das in seinem »Alles oder Nichts«-Starrsinn Raum und Zeit nicht kennt und dadurch letztlich ununterscheidbar wird von bürgerlicher Denunziation. Überflüssig zu sagen, daß Inge Vietts Haltung zur DDR keine unkritische ist. Aber ihrer Kritik ungeachtet steht sie zur sozialistischen Tradition und Geschichte, und zwar so aufrecht, klar und kompromißlos, wie man es sich von manchem Linken, für den die DDR nicht bloß Exil, sondern von Kind auf prägendes Lebensumfeld war, wünschen könnte.  
Immer wiederkehrendes Thema der Briefe ist das Ringen um Selbstbehauptung und moralische und politische Integrität in einer Zeit, in der jegliche Orientierungspunkte zu verschwimmen drohen und der vorläufige Weltsieg des Kapitals dem kommunistischen Denken den Boden unter den Füßen wegzuziehen scheint. Dieses Ringen hat für Inge Viett neben der inhaltlich-weltanschaulichen eine unmittelbar persönliche Komponente. Es geht darum, sich trotz der allgegenwärtigen Repression eines zermürbenden Gefängnisalltags nicht aufzugeben und überdies einen Prozeß durchzustehen, in dem »über meine konkreten Fehler und Irrtümer... dieser (der sozialistische) Hintergrund meiner Lebenspraxis abgewickelt werden (soll), dargestellt als Verirrung, Absurdität, als kriminelle Entgleisung«.  
Inge Viett leugnet nicht ihre »Ratlosigkeit« über viele Fragen des Heute und Morgen, die die meisten Linken mit ihr teilen dürften. An keiner Stelle mimt sie plakative Stärke. Die Briefe zeigen uns vielmehr eine überaus sensible, mit Unsicherheit, existentiellen Zweifeln und Selbstzweifeln kämpfende Frau. Daß sie in diesem Kampf dennoch nie unterliegt, verdankt sie gewiß nicht zuletzt ihrer Überzeugung: »Jeder Zustand trägt die Gnade der Endlichkeit in sich, darum haben wir immer wieder eine Chance. Nur aufgeben dürfen wir nicht.«