Konkret 08/96, S. 66  
Hermann L. Gremliza  
Gremlizas express
 
Wohin der Kampf um vereinfachte Schreibweisen führen wird, läßt sich an Texten erkennen, die auf Maschinen erfaßt sind, denen das scharfe ß fehlt. Aus einem in Dänemark gesetzten, vom Dänischen ins Deutsche übersetzten Kochbuch stammt der Rat:  
Man soll regelmässig, abwechslungsreich und in Massen essen.  
Man sieht, wie schnell aus einer Rechtschreibreform ein bedingt vorsätzlicher Völkermord werden könnte.
 
Zwei Frankfurter Streetfighter: der eine, Josef Fischer, frißt bis er platzt, der andere, er heißt Klaus Trebes, hat aus der Neigung zu unablässiger Nahrungsaufnahme einen Beruf gemacht. In der Farbanzeigenbeilage der »Frankfurter Allgemeinen« stellt er den kochenden Feinschmecker dar, der mit einer Seezunge etwa so verfährt, wie es das andere halt- und halslose Ungeheuer mit der Weltrevolution vorgemacht hat:  
Mit einem Messer mit biegsamer Klinge die vier Filets vom Rückgrat her nach außen ablösen. Man brate die gewürzten Filets in geklärter Butter und überziehe sie mit einer leichten Orangensauce. Für die Sauce die abgeriebene Schale einer unbehandelten Orange mit etwas Orangensaft, Fischfond, Noilly Prat und Sahne einkochen und kalte Butter untermixen...  
Wer einer Seezunge, anstatt sie an ihrer Gräte zu garen, die Filets abschält, wer diese dann in Orangensaft, Wermut und Sahne tunkt, warum greift der nicht gleich zu Currywurst mit Pommes rotweiß? Schmeckt toll, geht ruckzuck, kost’ so gut wie nix. Und macht genauso fett.
 
Manchmal wird man von Fremden oder Kindern gefragt, was es mit der modernen Zivilgesellschaft auf sich habe, von der in den deutschen Feuilletons so sehr die Rede sei. Da kommen zwei Meldungen zuhilfe:  
Bonn – Beim Endspiel um die Europameisterschaft erhält die deutsche Nationalmannschaft von den Tribünen im Londoner Wembley-Stadion auch Unterstützung durch Politiker aus Bonn. Die politische Delegation wird mit Bundeskanzler Kohl und Innenminister Manfred Kanther mit Maschinen vom Typ Challenger und Fokker einfliegen. Der für Sport zuständige Bundesinnenminister nimmt Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer (Bündnis 90/Die Grünen) in seiner Maschine mit.  
Bonn – Auch hier regiert König Fußball. Nach der Presseamts-Fete bei Regierungssprecher Peter Hausmann schauten Polit-Promis und Journalisten vorgestern abend noch beim ZDF (Studioleiter: Peter Ellgaard) vorbei. Vorsorglich hatten die Mainzelmänner vier Monitore aufgebaut und die Lautsprecheranlage auf O-Ton Wembley umgepolt. Gegen 3 Uhr köpfte Ellgaard noch eine Flasche südafrikanischen Rotwein mit Joschka Fischer. Der Bonner Grünen-Sprecher versackte danach mit Verteidigungsminister Rühe in einem Bonner Nachtcafé.  
Das hat es mit der modernen Zivilgesellschaft in Deutschland auf sich.
 
Was werden unsere Enkel einmal von uns denken, wenn sie hören, was 1996 im ersten Nachrichtenmagazin am Platz geschrieben worden sein soll:  
Der Dichter Hans Magnus Enzensberger holte zeitgenössische Aussagen zur Person seines Kollegen Goethe heraus...  
Sie werden denken, ihre Großväter seien allesamt gegen den Bus gelaufen.
 
Noch die schönste Nachricht ist mit einem Tropfen Wehmut getauft. Diese auch?:  
Zwei Freunde aus Stuttgart feiern den Sieg der Nationalelf über Kroatien. Mit einem Nissan rasen sie über die Landstraße. Der Beifahrer (17) hält jubelnd eine Deutschland-Flagge aus dem Fenster. Erlaubt ist Tempo 70 – die Jungen fahren mit Tempo 130. Plötzlich weht die Fahne vor die Windschutzscheibe. Der Fahrer (19) sieht nichts mehr, kracht gegen einen Straßenbaum. Fahrer in Lebensgefahr, Freund leicht verletzt.  
Nein, diese nicht.
 
»Neues Deutschland«, neues Layout, neuer Journalismus:  
Basteln die sozialdemokratischen Regierungschefs schon an einem neuen Beispiel ihrer Unglaubwürdigkeit?... Ist der Sparkatalog ein Wegweiser zu einer über uns hereinbrechenden Koalition der Unvernunft – in der die Gewerkschaften als einsame Rufer in der Wüste zurückgelassen werden?  
oder:  
Die Himmel über Berlin stürzen ein – nach dem Haushaltsloch überkommt die Hauptstädter nun das Ozonloch. Derzeit erleben wir in der Hochatmosphäre die Folgen dessen, was wir vor zehn, zwanzig Jahren in die Luft entließen.  
oder:  
Einen solchen Pfeiler hat die Nato errichtet... Dabei ist es freilich nicht ohne heftiges Tauziehen abgegangen. Bis vier Uhr früh war an Formulierungen gebastelt worden. Der europäische Pfeiler ist vorerst an die Kette eines US-Veto-Ankers gelegt. Ohne die Rückkehr der Franzosen wäre wohl der Euro-Pfeiler nicht zustandegekommen. Deren weitreichende Vorstellungen über ein drittes Nato-Oberkommando wurden allerdings ausgebremst. Aber Klaus Kinkel machte auch daraus noch einen Punktsieg für die Deutschen.  
Die erste deutsche friedliche Revolution als Umwälzung des Zentralorgans zu einem Lokalanzeiger, in dem Interessen Unvernunft heißen und ihre Exekution Unglaubwürdigkeit, wo Politik gebastelt wird, Rufer in der Wüste stehen, Haushaltslöcher auf Ozonlöcher gereimt, Pfeiler mittels Tauziehen errichtet und mit einer Kette an einen Anker gelegt, Kriegspläne wiederum gebastelt und Ausbremsungen in Punktsiege verwandelt werden. Alle (und allen voran die Damen und Herren, die diese Sätze unterm Ozonloch gebastelt haben) werden es für das Resultat einer oberlehrerhaften Überschätzung des Wortes halten, wenn man ihnen sagt, daß sich in Rühes Sprache nichts anderes denken läßt als Rühes Politik, und machen erst recht nicht.
 
Thomas Schmid, vormals Mao Zedong und »Autonomie«, dann Zitelmann und »Junge Freiheit«, jetzt Kopper-Family und »Hamburger Morgenpost«, macht einen weiteren Vorschlag:  
Jeder junge Mensch  
also nicht mehr der Thomas Schmid  
wird verpflichtet, eine bestimmte Zeit dem Gemeinwesen zu widmen.  
Also ganz im Geist der chinesischen Kulturrevolution, die auch ihre Studenten zum Dienst am Gemeinwesen in den Ackerbau schickte.  
Das wäre, wie der Zivildienst heute schon, nützlich. Und es wäre ein kleiner Beitrag zur Stärkung des Gemeinsinns, dessen Verfall heute so oft beklagt wird.  
Und warum traut sich keiner, diesen allgemeinen Zivildienst vorzuschlagen, außer vielleicht die Besatzung jedes Stammtisches zwischen Hoyerswerda und Überlingen?  
Warum sich niemand traut, diesen allgemeinen Zivildienst vorzuschlagen? Weil es dann gleich heißt: Aha, da soll der Arbeitsdienst unseligen Angedenkens wiederbelebt werden. Es wäre ein später Erfolg Hitlers, wenn die Arbeit für das Gemeinwesen ein Tabu bliebe.  
Wie es ein später Erfolg Hitlers wäre, wenn die Einrichtung von Einrichtungen für Schädlinge des Gemeinwesens unterbliebe, bloß weil es gleich hieße, aha, da sollen die Konzentrationslager unseligen Angedenkens wiederbelebt werden. Einen anderen späten Erfolg, daß der Aufmarsch der Bundeswehr auf dem Balkan unterblieben wäre, weil es gleich wieder geheißen hätte, aha, da soll die Wehrmacht unseligen Angedenkens wiederbelebt werden, hat das Gemeinwesen dem Hitler schon vermasselt.
 
Auf hundert Seiten durften die teuersten Schreiber der Nation darüber nachdenken, weshalb die englische Presse den deutschen Fußballspielern so wenig zugetan war. Als der Chefredakteur des »Daily Mirror« gefragt wurde, ob seine Zeitung Kricket-Teams aus der Karibik oder Bangladesh genauso böse behandeln würde, wie sie es mit den deutschen Fußballern getan habe, sagte er:  
Um Gottes Willen nein, das wäre ja offener Rassismus.  
Was denn den Unterschied zum Umgang mit den Deutschen ausmache?  
Well, der Unterschied sind die Deutschen.  
So ist es. Und kein einziger unserer teuersten Schreiber ist darauf gekommen.
 
Aber auch auf der Insel kriegen sie nicht immer alles mit. Die »Daily Mail« etwa verurteilte den englischen Umgang mit den Deutschen so:  
Dies ist kein Patriotismus, sondern ein gemeiner Cocktail aus Fremdenhaß, latenter Gewalt und Chauvinismus.  
Diesmal waren es die Engländer, die sich vor der einfachen Lösung blamierten: Ein gemeiner Cocktail aus Fremdenhaß, latenter Gewalt und Chauvinismus – das eben ist Patriotismus.