Konkret 08/96, S. 64  
Michael Nauert  
Film & Theater  
Mission: Impossible  
Regie: Brian de Palma; mit Tom Cruise, Jon Voight, Emmanuelle Béart; USA 1996; 110 Minuten; ab 8.8.96 im Kino (UIP)  
Normalerweise ist es ziemlich uninteressant, wie sich eine Verfilmung zu ihrer Vorlage verhält. Meist gibt es ein Buch und einen darauf basierenden Film, aber beide befinden sich in so unterschiedlichen Rezeptionskontexten, daß Interferenzen nicht zu erwarten sind und jedes Produkt für sich aus unterschiedlichen Gründen gut, schlecht, spannend oder sonst irgendwie gefunden werden kann. Etwas anders ist es in Fällen wie diesem, wo Vorlage und Film sich im gleichen Feld bewegen: der amerikanischen Popkultur mit potentiell universalem Anspruch.  
Zwischen 1966 und 1973 wurden von der überaus populären TV-Serie »Mission: Impossible« (in Deutschland: »Kobra, übernehmen Sie!«) 168 Episoden gedreht, die in 90 Länder verkauft wurden. (Dazu kommen 35 Folgen aus einer Neuauflage von 1988 bis 1990.) Im Mittelpunkt stand dabei eine Gruppe Agenten der US-Regierung, die auf besonders schwierige Fälle an exotischen Schauplätzen spezialisiert war. Sie löste diese durch präzises Teamwork und häufig durch das Inszenieren von aufwendigen Scheinsituationen und Scheinwelten, durch die die jeweiligen Gegenspieler getäuscht wurden. Mit einer solchen Szene beginnt auch der Film von Brian de Palma, doch dann wendet er sich schnell von diesem Muster ab. Genauer gesagt: Er denunziert seine Vorlage.  
Bei einer vergleichsweise banalen Operation in Prag wird das gesamte Team von Ethan Hunt (Tom Cruise) getötet, und es stellt sich heraus, daß es darum ging, einen Maulwurf in den Reihen der Agenten zu enttarnen. Hunt ist als einziger Überlebender nun der Verdächtige, er flieht und stellt ein illegales neues Team zusammen, um aus dem CIA-Zentralrechner Informationen zu stehlen, die er bei einer mysteriösen Informationshändlerin gegen den Namen des Verräters eintauschen möchte. Die genaue Story ist dabei ebensowenig nachvollziehbar wie in vielen der TV-Episoden, aber die Effekthascherei geht in eine andere Richtung. War früher die undurchschaubare, raffinierte Konstruktion (die nicht immer wirklich schlüssig sein mußte) das Sensationelle, gibt es hier nur temporeiche Verwirrung, die in spektakulären Actionszenen aufgelöst wird. Vor allem wird aber das zentrale Teamwork-Ideologem aus der Zeit des Kalten Krieges korrigiert: Sogar unter den Regierungsagenten gibt es einen Verräter, und auch die Arbeit im von Hunt neugegründeten Team ist von (berechtigtem) Mißtrauen geprägt. Im Grunde ist Tom Cruise ein Einzelkämpfer, der nur überlebt und zum chicen jugendlichen Helden wird, weil er niemandem mehr vertraut.  
Nun könnte man meinen, das seien lediglich Anpassungen an eine veränderte Zeit, in der Individualisierungstendenzen den gesellschaftlichen Konsens auflösen und in der staatlichen Institutionen grundsätzlich zu mißtrauen ist. Aber am Ende siegt doch das Gute in Gestalt der Regierung über die Gier des Einzelnen, und die denunziatorische Absicht des Films wird spätestens deutlich, als unnötigerweise die einzige Figur, die aus der Serie direkt übernommen wurde, als Verräter entlarvt wird.  
De Palma und seine Produzenten haben auf die schwierige Gratwanderung zwischen einem respektvollen Umgang mit dem Original und dem Effektearsenal von George Lucas’ Licht-und-Ton-Firma verzichtet, die zuletzt von »Goldeneye« gemeistert wurde. Statt dessen haben sie dem »Charme« und den Ideen der 60er einen Tritt gegeben und unter Ausbeutung einiger Serienmotive einen stinknormal spektakulären, teuren, auf seinen Star fixierten Actionfilm gemacht, der teilweise wie eine James-Bond-Imitation wirkt und nicht einmal auf längst peinliche Internet-Spielereien verzichten kann, aber trotzdem die vier oder fünf erstaunlichen Szenen liefert, die man vom Stand der Technik erwarten darf – auch wenn eine davon aus Jules Dassins »Rififi« geklaut ist. Und das ist letztlich doch zu wenig spektakulär.