Konkret 08/96, S. 62  
Klaus Bittermann  
Die Besessenheit der frühen Jahre  
Über die Romane des englischen Schriftstellers Nick Hornby  
Es ist schon Jahre her, seit ich Wolfes Fegefeuer der Eitelkeiten las und berauscht war von Stil, Spannung, Witz, Ironie, Esprit, eben von alldem, was ein guter Roman bieten muß. Ich konnte nicht verstehen, daß es Leute gibt, die das Buch mittelmäßig finden oder einfach nur langweilig. Mag sein, daß das mit Geschmäcken zu tun hat, aber wenn das so ist, dann gibt es für mich keinen Zweifel, wer den guten und wer den schlechten Geschmack besitzt, denn dieses Buch verfügt über Qualitäten, die unabhängig sind von Stimmung und Laune des Lesers, es sei denn, er mag Mittelklassewehwehchenliteratur und findet zum Beispiel John Updikes Rabbit in Ruhe großartig.  
Seither jedenfalls herrschte Dürre, und auch wenn ich an durchaus respektablen Romanen nicht unterversorgt war, konnte doch keiner jene Begeisterung bei mir hervorrufen – bis zu jenem Tag, an dem mir High Fidelity von Nick Hornby in die Hände fiel. Ich weiß, daß ich damit nichts Neues sage, daß schon längst beinahe überall Hymnen auf ihn gesungen worden sind, daß es von High Fidelity bereits die 4. oder 5. Auflage gibt, daß das Buch in England sofort ein Bestseller wurde und in wer weiß wie viele Sprachen übersetzt wird. Diesmal jedoch irrt der Publikumsgeschmack so wenig wie bei Fegefeuer der Eitelkeiten, und die Rezensenten haben kein ödes Buch in den Himmel gelobt.  
Ich liebe diesen Roman, obwohl er ein Thema behandelt, das ich nicht besonders schätze, weil es zumeist ein grandioses Mißlingen garantiert: das Beziehungs-Thema. Auch daß Hornby seine innere Stimme monologisieren läßt, ist nicht dazu angetan, das Buch zu empfehlen, aber er macht es einfach auf eine hinreißende Weise. Rob Fleming, der Protagonist des Buches, ist ein Mann Mitte Dreißig und Besitzer eines Schallplattenladens. Seine langjährige Freundin hat ihn gerade verlassen, und es plagen ihn Zweifel, ob seine autistische Fixierung auf Musik wirklich der Maßstab aller Dinge ist und einigermaßen zuverlässig durchs Leben führt. Früher ist es einfach Unsinn gewesen, zu behaupten, »eine Beziehung hätte Zukunft, solange die Plattensammlungen ganz und gar nicht harmonieren«, die Simple Minds gehörten noch vor U2 plaziert, Bryan Adams und Genesis aber zu den Musikern, »die nach der musikalischen Revolution erschossen gehören«, und mit Leuten, die zu sehr damit beschäftigt waren, »Dispokredite zu bewilligen oder im ehemaligen Jugoslawien Frieden zu stiften«, will Rob Fleming nichts zu tun haben. Nun aber stellt sich die Frage, ob es möglich ist, »eine Beziehung und eine große Plattensammlung gleichzeitig zu verwalten«, ein Konflikt, der dem alter ego Hornbys schwerwiegende Kompromisse abnötigt.  
Wer kennt nicht diese Besessenheit der frühen Jahre, als jeder, der nicht mindestens Jimi Hendrix, die Doors, Eric Burdons »War«, die Stones und die Pretty Things zu den Top Five zählte, auf der anderen Seite der Barrikade stand? Zwar können nur aus dieser blinden und alles andere ausschließenden Begeisterung Mythen entstehen, aber von außen betrachtet gibt die radikale Haltung keineswegs immer Anlaß zum Jubeln, sondern ist häufig auch ziemlich nervtötend und peinlich. Solche Momente beschreibt Hornby großartig und mit zauberhaftem Witz. Rob Fleming ist widerlich und unausstehlich und dann doch wieder äußerst charmant, er ist melancholisch und niedergeschlagen und dann doch wieder obenauf, weit klaffen Anspruch und Wirklichkeit seines Lebens auseinander, und weil er damit seinen Frieden noch nicht geschlossen und den Konflikt noch nicht begraben hat, wie die meisten seiner Generation, die nur an ihre Karriere denken und am Wochenende Tina Turner hören, wirkt er so durchaus sympathisch.  
Nach High Fidelity ist nun auch Hornbys erstes Buch erschienen. In Ballfieber erzählt er von seinen Leiden als Fan des Fußballklubs Arsenal London. In kurzen Kapiteln erinnert er sich an einzelne Ereignisse, und jedes dieser Ereignisse ist untrennbar verknüpft mit einem Spiel von Arsenal, so als ob es nur deshalb im Gedächtnis haften blieb. Kann sein, daß Leuten, die nichts mit Fußball anfangen können, Hornbys Bekenntnisse kalt lassen, obwohl doch nirgendwo besser und vergnüglicher nachzulesen ist, daß nicht jeder Fußballfan Hooligan und doof ist, sondern womöglich unter seiner Sucht, seiner bedingungslosen Treue leidet, mit jedem Spiel erneut emotionale Torturen durchmacht und sich selbst beim Wunsch ertappt, das Schwein von Schiedsrichter möge zum Teufel gehn, obwohl man den Regelverstoß vom eigenen Platz aus nur undeutlich sehen konnte.  
»Tolle Fans« schallt es aus jeder »ran«-Sendung bis zum Erbrechen, und gemeint ist jene wogende und gesichtslose Masse, ohne die die Sender ihre Kameras einpacken könnten, aber natürlich haben die Berichterstatter nicht die leiseste Ahnung, was es bedeutet, Fan zu sein, daß das Fan-Dasein eine enorme Reduktion bedeutet, weil Fußball alle Gedanken zu okkupieren vermag, und daß man möglicherweise mitten in einem Gespräch über sonstwas an die wunderbare Steilvorlage von Emmerich auf Held im Europapokalendspiel 1966 gegen Liverpool denken muß, die das Führungstor zur Folge hatte. Jeder Borussia-Fan, dem das schon einmal passierte, weiß, wovon die Rede ist. Hornby hat derlei Bedrängnisse aus der Perspektive eines Mittelschichtsintellektuellen beschrieben, der genügend Verstand besitzt, um guten von schlechtem Fußball zu unterscheiden, der die Fähigkeit hat zu abstrahieren und der dennoch immer wieder zutiefst enttäuscht ist, wenn Arsenal verliert, auch wenn es verdient war und sich um ein völlig unbedeutendes Spiel handelte.  
Obwohl Hornby abergläubisch genug ist zu hoffen, das neue Mannschaftstrikot, vor dem Fernseher bei der Übertragung eines wichtigen Spiel übergezogen, könnte helfen, ist Ballfieber das bisher wahrscheinlich intelligenteste Fußballbuch, denn man erfährt eine Menge höchst aufschlußreicher Dinge über den englischen Fußball der letzten zwanzig Jahre, über den Rassismus in den englischen Fußballstadien, über die hoffnungslose Nationalmannschaft, die einen hoffnungslosen Haufen anzieht (was einem ziemlich bekannt vorkommen dürfte, denkt man an den Mob, der sich 1990 in Berlin zusammenrottete, als die deutsche Nationalmannschaft die Tschechoslowakei aus dem WM-Turnier warf), über die diversen Fußballkatastrophen, die vorauszusehen waren, und über die geheimnisvolle Tatsache, daß Fußballfans vor allen anderen wußten, daß der Golfkrieg ausgebrochen war. Hornby parliert auch über nebensächliche Dinge so wunderbar, daß man gar nicht genug kriegen kann von den Geschichten, von denen man ziemlich schnell weiß, wie sehr man sie vermissen wird, hat man Ballfieber zu Ende gelesen.
 
Nick Hornby: High Fidelity. Kiepenheuer & Witsch, Köln 1995, 336 Seiten, 39,80 Mark; und Ballfieber, Rogner & Bernhard bei Zweitausendeins, Hamburg 1996, 225 Seiten, 28 Mark
 
Klaus Bittermann schrieb in KONKRET 6/96 über Margret Boveri