Konkret 08/96, S. 60  
Stefan Ripplinger  
Es geht nicht mehr
Fußball ohne Volk
 
Kaum ist die EM gewonnen, da wartet die Nation auch schon auf die neue Bundesligasaison. Und auch der linke Fußballfan wird seinem Verein wieder die Daumen drücken. Fragt sich bloß, warum. Joachim Rohloff über die Fußballbegeisterung der Linken; Stefan Ripplinger über allerlei Versuche, dem Fußballspiel einen tieferen Sinn zu geben  
»Wenn beispielsweise ein Ball voller Luft ist, ist er voller Etwas; läßt man dieses Etwas ab, wird jedermann bereitwillig zugeben, daß nichts in dem Ball sei. Was für diesen gilt, kann mit demselben Recht von einem Menschen gesagt werden.«
Henry Fielding: »An Essay on Nothing«
 
Während am 30. Juni gegen 20 Uhr meine Nachbarn zur Übertragung des Fußball-Finalspiels Deutschland-Tschechien sich in ihre mit National-Flaggen geschmückten Mietshäuser zurückgezogen hatten, wollte ich die Gunst der Stunde nutzen, um einen hohen Stapel Bücher zu sichten, welche von den besten Fußball-Kennern des Landes verfaßt worden sind.  
Das hätte ich besser nicht getan. Denn schon der erste Satz des ersten Bandes, nach dem ich gegriffen hatte – Helmut Böttigers Kein Mann, kein Schuß, kein Tor (München 1993) – , brachte mich aus der Ruhe: »Nirgends ist der Abgrund zwischen den Intellektuellen und dem Volk größer als in Deutschland.« Ich hätte vielleicht innehalten und mich fragen sollen, was ein »großer« Abgrund ist, aber ich glaubte schon verstanden zu haben, und alarmiert las ich weiter: »Denn die Künstler rümpfen die Nase über die gemeinen Spiele des Volkes. ... Doch was vermag die jambische Strecke eines Schillerschen Monologs gegen einen Flankenlauf Garrinchas oder Libudas? Was besagt ein Shakespearescher Theatertod gegen das entscheidende Kopfballtor in der 92. Minute?«  
Gerade weil ich geneigt war zuzustimmen – obschon ich mir einen Flankenlauf nicht anders als schmerzhaft vorstellen kann, nicht weiß, wer Garrincha war oder ist, und bis dahin auch nicht angenommen hätte, daß ein Fußball-Match länger als 90 Minuten dauert – , befand ich mich nun in einem Zwiespalt. Wenn ich kein deutscher Intellektueller und schon gar nicht ein naserümpfender Künstler sein wollte – mußte ich dann nicht das Buch auf den Stapel zurücklegen, mußte ich dann nicht hinaus, um mit dem »Volk« zu jubeln, zu schimpfen und Fahnen zu schwenken? Gerade das erschien mir wenig ratsam: Bestünde nicht die allergrößte Gefahr, daß ich im falschen Augenblick jubele, schimpfe oder die Deutschlandfahne hochreiße?  
Was konnte ich also tun? Ich war geradezu gezwungen, diese Bücher genauestens zu studieren, wenn ich nicht riskieren wollte, daß bald schon der Abgrund zwischen dem Volk und mir nicht mehr zu überwinden sein würde. Schon zerplatzten draußen die ersten Feuerwerkskörper (ich sage Ihnen vermutlich nichts Neues: Deutschland hatte gewonnen), als ich auf diese lehrreiche Passage in Böttigers Werk stieß: »Die Dialektik als fortgeschrittene Form des Denkens fand sich wieder als Doppelpaß auf dem Spielfeld. Ein klassischer Dreischritt, mit dem Torschuß als abschließender Synthese: Derlei hegelianischer Fußball konnte nur von dieser deutschen Nationalmannschaft praktiziert werden.«  
Wenigstens hatte ich an diesem 30. Juni nichts verpaßt, denn die Hegelianer spielten zuletzt 1974 auf. Es waren die Netzer, Breitner, Müller, für die sich bereits meine Mitschüler begeistert hatten. Dieselben Mitschüler übrigens, die mich, der ich damals schon zur Dialektik und zu damit verwandtem »Querdenken« (Böttiger) gänzlich unfähig war, zusammenstauchten, wenn ich während des Pflichtspiels nach der Sportstunde im Elfmeter-Raum herumlungerte, Pässe verfehlte oder gar, in größter Panik, den ankommenden Ball ins falsche Tor bugsierte.  
Bis zu diesem 30. Juni wäre ich nie und nimmer darauf gekommen, daß die damalige Nationalmannschaft vom Weltgeist inspiriert war. Und noch viel weniger hätte ich gedacht, daß diese auch von Brecht und Sartre vorbereitete Fußball-Genialität bald darauf vom »schematischen Plus-Minus-Denken« des Tennis, vom amerikanischen Positivismus und von der Pfälzer Schunkelmentalität überlagert und zersetzt wurde. Das war völlig an mir vorbeigegangen, aber Böttiger öffnete mir die Augen: Zusammen mit Helmut Kohl, der Pfalz insgesamt, Botho Strauß, Sat.1 und den USA hat das »undialektische«, »digitale« Tennis die »Identität« des Fußballs zerstört – immerhin einen wesentlichen, wenn nicht den alles entscheidenden Teil der »kulturellen Identität« Deutschlands.  
Traurig. Ich griff zu einer theologischen Erquickung, Gott ist rund (Berlin 1996) von Dirk Schümer. Er beginnt mit dem Satz »Fußball ist Schwachsinn«, dem ich vor meiner Aufklärung durch Böttiger rückhaltlos zugestimmt hätte. Fußballer sind häßlich, führt Schümer aus, Fußball-Spiele sind unelegant, atavistisch und langweilig obendrein. Ganz richtig – aber wo bleibt der tiefere Sinn? Er erscheint in Gestalt des Nikolaus von Kues (nahe dem Betzenberg-Stadion): »Der Ball bedeutet für Nikolaus das Symbol der göttlichen und der mathematischen Vollkommenheit. ... Im Ball fallen die Prinzipien zusammen: Chaos und Ordnung, Vernunft und Irrsinn, Schönheit und Mißgestalt, Ruhe und Bewegung.« Die unvollständige Induktion nach dem Vorbild der Hochscholastik ergibt also: »Fußball steht für alle Erscheinungsformen der menschlichen Existenz. Er ist weltumspannend. Man könnte sogar sagen: totalitär. Fußball lohnt die höchste begriffliche Anstrengung. Wenn wir alle seine Aspekte verstanden haben, dann haben wir auch das Leben verstanden.«  
Die Weltformel, die Essenz des Lebens selbst in greifbarer Nähe, las ich unablässig weiter. Draußen war das Feuerwerk längst abgebrannt. Es tagte bereits, als mein Blick über Schümers verheißungsvollen Satz glitt, »die Eigentlichkeit des Fußballs« sei »immer noch zu finden«. Aber wo steckte sie bloß? Bei Nikolaus vom Betzenberg, beim 1. FC Existentialontologie? Ach wo – bei Sepp Herberger: »Bei allem wissenschaftlichen Ansehen Heideggers und seiner kargen Kunst des Denkens – der schlüssigere Kopf bleibt Sepp Herberger, dieser biedere Handwerksmann des Fußballsports.«  
Sieh da, der einfache Mann aus dem Volke. Als sei er jener wettergegerbte Bergbauer, den Prof. Heidegger stets um Rat fragte, kann man von Herberger erfahren, daß Fußball »an die tiefsten Geheimnisse des Lebens« rührt; des Lebens, »das schließlich auch nichts anderes ist als die jeweils unvorhersehbare Ausführung eines genetischen Regelwerks durch Kommunikation von Akteuren, die letztlich gar nicht anders können als mitzuspielen, wo das Schicksal sie hingestellt hat«. Wie Sepp Herberger die Seinen. Schon fühlte ich mich vom Schicksal auf die Reservebank versetzt: »Elf Jünger spielen mit, und Judas ist der Ball.«  
Nachdenklich geworden, ging ich zu Bett und träumte von Bällen mit Koronen, von Bällen, die kometengleich durchs Weltall flogen, begleitet von Engeln, die alle wie der junge Netzer aussahen und »Olé, olé, olé« flöteten. Als ich mich wieder erhob, wußte ich, daß ich das genetische Regelwerk des Lebens entziffern und dem Schicksal trotzen wollte, das mich ins Abseits hatte laufen lassen. Zurück zum Volk, zu den biederen Handwerkern des Seins!  
Aber, Vorsicht: »Das Volk liebt den Verrat, aber haßt die Verräter«, warnt Norbert Seitz (Bananenrepublik und Gurkentruppe, Ffm. 1987) mit den Worten des machiavellistischen »Nationalverteidigers« Thomas Berthold. Wieso Verrat? Wollen die Fußball-Intellektuellen nicht alle in den Schoß des Volkes zurück? Nein, schreibt Seitz, das »plötzlich so starke Mitteilungsbedürfnis von Intellektuellen in Sachen Fußball« habe andere Ursachen: »Sie (die Ursachen; S.R.) bewegen sich in den Urgründen des traditionell in Deutschland am meisten verletzten Seelenlebens von Intellektuellen.« Schon wieder Abgründe, keine, die vom Leben trennen, sondern solche, in denen das Leben selbst haust. Sollte ich hinabsteigen? Aber nur mit Grausen, denn Furchtbares hält das Seelenleben der verletzten deutschen Intellektuellen bereit: »Es ist Niedriges, nämlich bodenlose Häme und die kaum zu bändigende Schadenfreude gegenüber dem schleichenden Niedergang des deutschen Fußballs, was viele neugierig werden ließ.«  
Erst die Lust am Verrat triebe also die Intellektuellen zum Volk? Dann wäre nicht der Ball der Judas, sondern die Ballosophen wären es? So habe ich unsere Lehrmeister des edlen Sports aber nicht verstanden. Dietrich Schulze-Marmeling etwa postuliert in Der gezähmte Fußball (Göttingen 1992): »Lebendiger Fußball läßt sich nicht am Reißbrett und hinter verschlossenen Türen entwickeln, sondern benötigt die Nähe des Volkes und die Integration in den Alltag.«  
Der deutsche Fußball aber habe den »Fußball-Humanismus« aufgegeben, entferne sich zusehends von seiner »sozialen Basis« und werde – wir wissen es schon – dem »Bumm-Bumm-Tennis« immer ähnlicher. So redet doch kein Judas, sondern ein sportlicher Freund des Volkes! Diese Männer eilen von rechts und links herbei, um das Volk auf den Weg seiner eigentlichen Bestimmung zurückzuführen. Auf den Weg, den authentische Fußball-Weise wie Sepp Herberger vorgezeichnet haben, zurück zu den großen Humanisten und Dialektikern des Spiels, dorthin, wo der Fußball noch lebt. Solche Edlen des Verrats verdächtigen – das ist schon arg.  
Mißmutig betrachtete ich im Frühstücksfernsehen unsere tennisverdorbenen, positivistischen Nationalspieler, wie sie, auf dem Balkon des Römer stehend, die Huldigungen des digitalisierten Angestellten-Milieus entgegennahmen, und sann auf Abhilfe. Da las ich Christoph Bausenweins versöhnliche Worte in Geheimnis Fußball (Göttingen 1995), »auf das Rad« hätten »manche Völker verzichten« können, »nicht aber auf den Ball«. Und weiter: »Der Fußball lebt, scheinbar ungebrochen, trotz aller Konkurrenz durch andere Sportarten.«  
Der deutsche Fußball lebt noch immer, trotz Bumm-Bumm-Tennis und Helmut Kohl. Ich glaubte, aufatmen zu dürfen. Aber dann kam’s: Der Fußball habe, »wenn überhaupt, allenfalls an der Basis Probleme«. An der sozialen Basis? Bausenweins kühler Bericht traf mich ins Mark: Seit 1984 mehr als 40 Prozent »Nachwuchskicker« weniger. Das konnte nur bedeuten: Wenn diese Tendenz sich fortsetzt, werden eines Tages, und bald schon, die Intellektuellen auf der Suche nach dem Volk in Ermangelung desselben selbst auf den grünen Rasen müssen.  
Das war zuviel für mich. Selbst spielen? Lieber wollte ich als Naserümpfer dastehn. Das restliche Dutzend Fußball-Bücher habe ich dann nicht mehr gelesen. Geheilt wandte ich mich den Siegesmeldungen der Morgenzeitungen und einem kohlenhydratreichen Lunch zu.
 
Der Autor dankt Herrn Martin Krauß für die Zusammenstellung der Literatur-Liste.
 
Stefan Ripplinger schrieb in KONKRET 7/96 über verbrauchende Journalisten