Konkret 08/96, S. 56  
Michael Rudolf  
Melodie & Rhythmus  
Metallica: Load; Vertigo  
Lange Zeit galten Metallica als die Protagonisten ihres Subgenres und machten auch viel Gewese um die Metalgenese: als Trashpioniere mit bügeleisernen Gitarrenschwaden und Getrommel in Breakneckspeed. Doch Metallica wären nicht Metallica, wenn sie nicht die kolludierende Attitüde, die sich der Metal zuschreibt, »glaubhaft« verkörpert und ohnedies mit dem Singen über freie Wahlen und Meinungsfreiheit eine gewisse »Intelligenz« ins Spiel gebracht hätten. So weit unter die Theke ist die Fachpresse jedenfalls bereit zu greifen, um diesen Begriff und Metallmusik in Kongruenz zu bringen. Mehr noch, ein Rezensent sieht sich veranlaßt, anläßlich »Load« zweimal das Verb »diversifizieren« zu verwenden, und ein anderer konzediert nach diversen kritischen Anmerkungen sogleich spitzbübisch mögliche Morddrohungen seiner Leserschaft.  
Neuerdings, das heißt exakt seit Veröffentlichung der letzten Platte, 1991, ist im Zusammenhang mit besagter Combo viel von Verrat und Ausverkauf die Rede, nur weil Metallica in die Charts Einzug hielt. Schwer nur ist in den Stretchhosenkreisen kognitive Aktivitätzu stimulieren. Es ist einfach eine Tatsache, daß Tonträger in erster Linie zum Zwecke des Verkaufs hergestellt werden. Noch größeres Mißtrauen erreg-te das Faktum, daß die nunmehr bekannteste Metallcombo der Welt die theatralische Bösewichtelei leid ist und nicht mehr jeden Tag schwarze Leibchen tragen mag. Darüber hinaus dürfen sich die Bandmitglieder vor Interviewern, die nur selten mit Einsicht in Verbindung gebracht werden können, für ihre Kurzhaarfrisuren rechtfertigen.  
Es scheint der letzte Hort des Rebellentums und der ewig Aufrechten im Kollaps begriffen zu sein. Die kleine Welt, die mit Brusthaartoupet und Silikonbizeps der großen Welt die Stirn bietet, ist aus den Fugen. Im sinistren Seniorenklub, wo jeder Song »killt«, gilt es als Sakrileg, wenn Metallica mit der 1996er »Load« Presse und Fans wiederholt nicht so überrascht, wie sie überrascht werden wollen, nämlich gar nicht. Selbst Musiker können erwachsen werden. Wer hätte das gedacht? Alle, nur jene nicht, die das Buchstabieren in den Leserbriefrubriken ihrer Metallzirkulare erlernt haben. Die sich links bis liberal gebenden Klatschblättchen amüsieren ja allenfalls durch die mehr oder weniger gelungene Selbstinszenierung der Redakteure – trotz steigender Bauchspeckeinwaage und progressiven Haarverlusts, oder gerade deshalb. Höchste Zeit, daß die vorgeblich »intelligenteren« Metallica Fluchtgedanken ankommen, und sei es in Form uninspirierter Grunge- und Countryanleihen.  
So ventiliert das Metal-Milieu sein rumpfrebellisches Potential wider die Renegaten, hagelt es verbitterte Pop-Vorwürfe. Doch nur die wenigsten memorieren die Kriterien eines guten Songs, und Metallica, das ist die größte Langeweile dabei, auf ihrer neuen CD am allerwenigsten. Dann doch lieber Trashmetal.