Konkret 08/96, S. 51  
Jürgen Roth  
Buch & Deckel  
Philip Kerr: Das Wittgenstein-Programm. Rowohlt Taschenbuch, 412 S., 14,90 Mark  
Der Eindruck wäre nicht ganz falsch, die Lektüre des Kriminalromans Das Wittgenstein-Programm verlange nach dem begleitenden Besuch einer Vorlesung über die Geschichte der Philosophie, zumindest ein Curriculum in Sachen Ludwig Wittgenstein. Zwar kennt beinahe jeder das aus dem Tractatus logico-philosophicus (1922) stammende Axiom: »Worüber man nicht sprechen kann, darüber soll man schweigen«, weniger gegenwärtig aber dürfte Wittgensteins – später widerrufener – Versuch sein, mit jenem Werk streng analytisch den Positivismus des Wiener Kreises auf dessen eigenem Terrain zu überbieten. »Die Welt ist alles, was der Fall ist«, somit alles, was nicht der Fall ist, nicht zur Welt gehörig. Ein Ausschließungskriterium wie dieses, das im Vollzug der Logik paradoxerweise auch die vermeintlich ad acta gelegten Fragen der Ethik, Ästhetik und Metaphysik der begrifflichen Beherrschung zu unterwerfen versucht, führt jedoch schließlich zur Sprengung der positivistischen Glaubenslehre, es sei nur real, was real sei. »In der Logik ist nichts zufällig«, lautet noch Satz 2.012. Später gilt folgerichtig die »Ethik«, das systematisierte schlechte Gewissen der herrschenden Klasse, als »unaussprechbar« – es »kann keine ethischen Sätze geben«, und an dieser Grenze zur Uneinholbarkeit klassischer Wertorientierung, die dem Subjekt im positivistischen Programm zuvor von den Schultern genommen worden war, steht gleichwohl jene Reflexion auf die Endlichkeit, von der bürgerliche Philosophie seit jeher ihren Grund bezog: »Der Tod ist kein Ereignis des Lebens. Den Tod erlebt man nicht« (6.4311).  
Die vom Logischen Positivismus und der Ordinary Language Philosophy im sog. »linguistic turn« angestrebte Befreiung von Sinnkriterien und Subjektkohärenz, der Abschied von den Evidenzen und Wesensbestimmungen der Bewußtseinsphilosophie mündeten in die Auffassung, »daß alle übrigbleibenden philosophischen Fragen logische Fragen sind« (Rudolf Carnap). Wittgenstein aber greift, wo ihm die ethische Existenz nurmehr als ästhetische zu rechtfertigen ist, auf Moti-ve des Fin de siècle zurück. »Ethik und Ästhetik sind eins«, und jene Daseinsanalytik, die der Tractatus nicht verfolgen sollte, wird dort wieder eingeholt, wo sich Erkenntnis als Abfolge alle Fragen ein für allemal beantwortender Konklusionen darstellt.  
Der Austreibung der Geschichte aus der Philosophie entsprach auf wissenschaftlichem Terrain das Ausstreichen jedweder gesellschaftlicher Erfahrungen: Verstand sich der Logische Positivismus als radikale Philosophiekritik, so stellte er schließlich doch nur die Begriffsstrukturen der instrumentellen Vernunft bereit. Logische Verfahren zielen auf Klassifikation, Registrierung und schematische Behandlung ihrer Gegenstände. Im Jahr 2013 nun hat, erzählt Philip Kerr, ein solches Denkverfahren längst Eingang in den Polizeiapparat gefunden. Mit Hilfe des computergestützten Lombrosoprogramms werden genetisch auf Aggression geeichte und deshalb potentielle Gewalttäter erfaßt und einer, wie es heißt, freiwilligen Hormontherapie unterzogen – natürlich unter Wahrung des Datenschutzes. Einige der Erfaßten tragen als Codes die leuchtenden Namen von Philosophen. Unter ihnen befindet sich auch ein »Wittgenstein«, dem es aber durch Zufall gelingt, in das Lombrosoprogramm einzudringen und die ihn betreffende Datei zu löschen. Daraufhin macht er sich daran, seine erfaßten »Brüder« aus der Welt zu schaffen. Zunächst wird über diesen systematischen Zusammenhang einer Reihe von Morden in London nichts bekannt, bis Chief Inspector Jakowicz mit Hilfe eines Computerspezialisten und eines Philosophieprofessors dem Täter nach und nach auf die Spur kommt, indem man sein scheint’s streng logisches Vorgehen rekonstruiert.  
»Wittgensteins« modus operandi als Serienkiller gleicht sich in den von Kerr parallel zur Ermittlungsgeschichte wiedergegebenen methodischen Selbstreflexionen dem Entwicklungsgang des Tractatus an; gegen Ende brilliert er durch eine an de Quincey geschulte ästhetische Rechtfertigung des Mordes, die er der Kommissarin via Teletelephon zur Kenntnis bringt, wie ja deren zum Serienmord äquivalente Tätigkeit der Aufklärung von Ereignisreihen schon Brecht zufolge den sprachanalytisch-philosophischen Verfahren sehr ähnlich ist. Bezeichnenderweise nennt der Killer »Wittgenstein« seine Notizbücher nach den posthum publizierten Schreibheften des Philosophen »Braunes Buch« und »Blaues Buch«. Doch »Wittgenstein«, so sehr er am Verhältnis von Sprache, Denken und Wirklichkeit herumlaboriert, um sich sein Vorgehen selbst verständlich zu machen, handelt strikt nach der vom Staatsapparat vorgegebenen Methode des »Logischen«. Philosophische Meditationen, die er als »Dienst an der Gesellschaft« begreift, weil sie zur Auslöschung von potentiellen Schwerverbrechern führen, exekutieren bloß Tractatus-Sätze in strenger Einhaltung ihrer von der Vorlage geforderten Reihenfolge. Erst als es zur Kontaktaufnahme zwischen ihm und der Kommissarin kommt, wird sein Selbstbildnis brüchig in dem Maße, wie auch der Ermittlungsapparat auseinanderfällt. Auf eigene Faust versucht Jakowicz, »Wittgenstein« zu fassen – und begibt sich damit in eine stetig größer werdende Nähe zum Objekt ihrer kriminalistischen Begierde, die schließlich im Moment der Vollstreckung des Urteils am Delinquenten zur Entdeckung des Ethos einer ästhetisch konnotierten wenn nicht Liebes-, so doch freundschaftlichen Beziehung führt.  
Für diesen letzten im Tractatus vorgesehenen Fall des philosophischen Exerzitiums außerhalb der reinen Sphäre des Logischen hat der Staat bei Kerr allerdings als zu verhängendes Strafmaß nicht die Todesstrafe, sondern das »Schlafkoma« vorgesehen, den jämmerlichen, perfiden Triumph einer scheinhaften Humanität, wo doch nur triumphiert, was dem System Stabilität verleiht: die schlechte Unendlichkeit der instrumentellen Vernunft als »Unzeitlichkeit«, denn »Gott offenbart sich nicht in der Welt« (Tractatus, 6.432), und wäre es jener, der die Verhältnisse umkehrte.