Konkret 08/96, S. 42
 
Kunst & Gewerbe
 
Neues aus Albion  
Einst durfte der menschliche Ausschuß – den der freie Markt so zuverlässig produziert wie verschandelte Landschaften oder Salmonellen im Frühstücksei – von den Eliten immerhin erwarten, in seiner Erniedrigung nicht auch noch ausgelacht zu werden. Dafür hatte der Berber freilich schön den Mund zu halten beim Betteln ums täglich Schimmelbrot, und sich dabei handlich gegen die Kaufhausmauer zu falten, damit es nicht soviel Umstände machte, ihn zu ignorieren bzw. von der Polizei abräumen zu lassen. Abends in der Oper wurden dann zweieinhalb Tränen zerdrückt, wenn die arme Mimi ihre Lunge in Stücke hustete.  
Seit aber das Kapital weit und breit keinen Gegner als sich selbst zu fürchten hat, bereiten ihm die Verlierer des Rattenrennens nicht einmal mehr das Surrogat von Gewissensbissen. Erst wird der Sozialstaat ausgehöhlt, danach den Bettlern, die sich unter den Brücken noch kein Gelenkrheuma geholt haben, ein Stapel »Hinz & Kunz« (oder wie die sog. Obdachlosenzeitungen heißen) in die Hand gedrückt und der große, immer größere Rest, der zu dieser äußersten Travestie aufs Schmieden des eigenen Glücks entweder zu stolz, zu schwach oder zu ausländisch ist, freigegeben zum Verrotten. »Eure Armut kotzt mich an«, hieß ein Autosticker, der kurz nach dem Kollaps der Sowjetunion bei den nachgewachsenen Mehrwertverwertern ziemlich populär wurde. Daß dieser Brechreiz sich in Hautgout verwandele, ist das letzte, was den Herren des Marktes noch fehlt, um dem Elend, das sie zu verantworten haben, ohne Bromsalz begegnen zu können.  
Es blieb, natürlich, einem gelernten Werbefilmer vorbehalten, eine Berber-Ästhetik zu schaffen, die sich endlich von Puccinis vorwurfsvollem Ton befreit und z.B. Andersens »Sterntaler«-Geschichte endgültig wie ein Märchen aussehen läßt. Der Mann, der genausoviel Talent wie Skrupel besaß, um die drängende Aufgabe zu erledigen, heißt Tony Kaye. Er entdeckte an der Waterloo Station in London den Obdachlosen Roger Powell und beauftragte seinen Assistenten, dies elende Exemplar eines Primaten ins Atelier zu schaffen. Meister Kaye bot Pennbruder Powell, aus sicherer Entfernung, ein wöchentliches Honorar, wenn er sich als das lebende Artefakt »Roger« in Galerien und Museen ausstellen lassen würde. Powell erkannte, daß man ihm ein Angebot machte, das er nicht ablehnen konnte, und hat seither als atmende Statue u.a. in der Tate Gallery und dem British Museum gedient.  
850.000 Pfund fordert Powells »Entdecker« Kaye von dem eifrigen Mäzen, dem solch ein Stück in der Sammlung gerade noch gefehlt hat. Denn etwa so teuer käme es, einen humanoiden Organismus von Powells Alter (47) bis zum Tod zu ernähren. Der sozialkritische Impetus, den besonders flachköpfige Kunstkritiker in dieser, ogott, Installation evtl., ogottogott, »verorten« möchten, war nie vorhanden – »Roger« ist nichts weiter als ein armes Schwein, das die »abortschüsselhafte« (Ror Wolf) Neuordnung der Welt zu illustrieren und, ähnlich den endlosen Zügen kriegsgefangener Barbaren übers Forum Roma-num, triumphal zu bestätigen hat.  
Der nächste Schritt in dieser Aufbereitung der Not dürften Berber sein, die live in ihren Pappkartons erfrieren, in pilzfeuchten Wohnlöchern authentisch verfaulen oder sich krankenscheinfrei von der Leberzirrhose zerfressen lassen. So schließt sich der Kreis: Um moralische Bedenken vom Halse zu haben, initiierte der aufstrebende Kapitalismus zugleich mit der Kinderarbeit die Abolitionsbewegung. Heute bekommen die Marktherren ein Plazet für ihre Sünden, noch ehe sie darum gebeten haben, und deshalb führen sie für den Salon, in dem ja sonst nichts los ist, die Sklaverei wieder ein.
 
Deutsche Hände  
Nur in einem einzigen Zusammenhang hat das Wort »Beutekunst« tatsächlich einen guten politischen Sinn: Rußland erbeutete Kulturgüter von der Sowjetunion. Oder, wie Werner Pirker kürzlich in der »jungen Welt« schrieb: »Was die multinationalen Sieger über den Faschismus an ›Trophäen‹ erobert hatten, wird von Rußland, der antikommunistischen Siegermacht über die Sowjetunion, als Beute beansprucht.«  
Jeder andere Gebrauch des Wortes ist deutschnationale Propaganda. Das Kompositum »Beutekunst«, stellte die Gesellschaft für deutsche Sprache fest, lasse sich erst seit zwei Jahren belegen. Weder Erich Honecker noch Konrad Adenauer sei dies Wort ein Begriff gewesen. Sie hätten vielleicht von »beschlagnahmter Kunst« gesprochen. Doch genau dieser Umstand – daß Kulturgut als Reparation von den Siegern über Nazi-Deutschland eingezogen wurde, als schwacher Ausgleich für die von der Wehrmacht verübten Zerstörungen – soll durch den Begriff »Beutekunst« unkenntlich gemacht werden. Mit ihm wird der Vorgang des Requirierens zum archaischen Akt der Beutenahme.  
Umso empfindlicher reagierten die »deutschen Köpfe«, deren »kulturelle Identität nicht ins Reich der Klone regrediert« ist (»Zeit«, 12.7.), als die russische Duma in ihrer Entscheidung, die von der Sowjetarmee sichergestellten Kulturgüter sollten in Staatsbesitz übergehen, dies ausdrücklich mit der Kompensation für erlittene Verluste begründete. Eine »überholte Denkweise« attestierte Karl Lamers (CDU) der Duma. Auffällig ist allerdings, wie sehr Politiker, die letztes Jahr noch offen drohten, jetzt darum bitten, sich »nicht zu echauffieren« (Bernhard Vogel, CDU), oder eine »partnerschaftliche« Lösung (Klaus Kinkel) empfehlen. Offenbar hofft man, daß der Föderationsrat und Jelzin das Duma-Gesetz stoppen werden. Und da würden nationale Töne nur stören.  
Wie die Stimmung im Lager der Revanchisten tatsächlich ist, erfährt man von Wilfried Menghin, dem Leiter jenes Museums für Vor- und Frühgeschichte in Berlin, das partout Schliemanns Gold zurückhaben will: »Wäre ich auf dem Roßmarkt, würde ich sagen: Du kriegst keinen Hafer mehr für den Gaul, der sowieso mir gehört.« Die »Beutekunst«-Debatte als ein lautstark geführter Streit um den Preis eines alten Gauls: Der Vergleich ist treffend, denn wissenschaftlich oder kulturell sind die aggressiven Rückgabe-Forderungen keineswegs zu begründen. Der Schliemann-Schatz ist in dem von Menghin geleiteten Museum in Repliken zu sehen, die ein Laie schwerlich vom Original unterscheiden könnte.  
Wissenschaftler, die die Originale besichtigen wollen, können das inzwischen tun. Ob sie deswegen nach Moskau oder nach Berlin reisen müssen, wird ihnen egal sein.  
Es geht also einzig um ein angemaßtes »deutsches Eigentum« (so Menghins Oberkustos Klaus Goldmann im »Tagesspiegel«, 10.7.), um eine angebliche »kulturelle Identität«, um Symbole deutscher Macht-Entfaltung. Wer die deutschen »Beutekunst«-Forderungen gehört hat, weiß, daß es letztlich egal ist, in wessen Händen sich diese auratischen National-Heiligtümer befinden – solange sie nicht in deutsche Hände gelangen.
 
Deutscher Mann  
»Das Gegenteil eines Duckmäusers«, schreibt der vormals als irgendwie kritisch links verortete gelernte DDR-Schriftsteller Joachim Seyppel – 1973 rein in die Zone, 1982 raus aus der Zone – in einem über weite Strecken besinnungslosen Besinnungsaufsatz in der »Welt«, ist der Soldat. Haben richtig gelesen, Damen und Herren: Eben jener, der aufgeklärten Menschheit als vollendeter Inbegriff des Duckmäusertums unrühmlich bekannt gewordene Soldat wird hier als sein ureigenes Gegenbild aufgebaut, und das geht so: Ich denke an Verläßlichkeit, Beistand. Nicht immer gleich davonlaufen, auch mal gegenhalten. Der schlanke, durchgeformte, nicht unbedingt unsympathische junge Mensch mit dem aufrechten Gang, der gehört zu meinem Archetypus. Er ist das Gegenteil eines Duckmäusers oder Jasagers: Vielleicht hat er eingesehen, zuweilen gehorchen zu sollen – doch nicht um jeden Preis und nicht den der Pervertierung militärischen Handwerks zum Morden. Widerstand ist soldatisch: Darin gehe ich mit den Putschisten gegen die Tyrannis konform. Übrigens bügelt die Uniform die Unterschiede nicht weg, sondern hebt sie bei denen hervor, die sich über die Montur hinaus auszeichnen. Soldatische Tugenden sind menschliche Tugenden auf einem speziellen Terrain. Soldatische Tugenden folgen dem Gebot »Du sollst nicht töten«, weil sie dazu da sind, zu verhindern, daß getötet wird. Sie sichern das Recht auf Leben ab. Sie schützen und verteidigen es. Und während sich Seyppel noch Gedanken macht, wie seine »martialischen Pläne zur Umerziehung des Volkes« dem Publikum nähergebracht werden könnten – Tatsächlich kann ich mir den Soldaten als Vorbild denken ... Ich denke an einen eher einfachen, simplen Menschen, der sich nicht schämt,wenn er auf sich hält, wenn er notfalls einiges zustandebringt, und dem man, begegnet man ihm nachts im Wald, nicht gleich einen Raub- oder Sexualmord zutraut – kommt er darauf, daß halbe Sachen keine ganzen sind ... Wir müssen einen Wehrstand für die ganze Welt, nicht nur für uns einrichten, meine Damen und Herren! Denn wie sangen sie und singen sie wieder: »Heute gehört uns Deutschland, morgen die ganze Welt!« Möge das christliche Abendland diesmal, wenn Seyppel ihm auch die rechte Wange hinhält, nicht zögern, ihm eine drauf zu geben.
 
Jüdischen Arbeitern  
und Revolutionären ist gegenwärtig (bis zum 25.8.) im Jüdischen Museum Frankfurt am Main eine Ausstellung gewidmet, die geeignet ist, der gegenwärtig bei den Deutschen so beliebten Schtetl-Romantik ein realistisches Bild der Lebensbedingungen der Juden in Rußland, Polen, Großbritannien und den Vereinigten Saaten entgegenzusetzen. Zudem präsentiert die Ausstellung Zeugnisse der jüdischen Arbeiterbewegung, die sich im späten 19. Jahrhundert herauszubilden begann und zunächst einen jüdischen Sozialismus proklamierte. Nach ihrer Ankunft in Westeuropa bzw. den USA gründeten sie hier eigene Gewerkschaften und sozialistische Zirkel.  
Über Rosa Luxemburg ist im Beiheft zur Ausstellung zu lesen, daß sie in ihren wissenschaftlichen Arbeiten »nüchtern und so unemotional, wie es die Sache erlaubt«, geblieben sei, ansonsten aber durchaus menschlich zu erscheinen wußte. »In ihren zahlreichen Briefen aber wird der liebende Mensch deutlich, der an Freud und Leid aller Mitmenschen Anteil nimmt, sich mit der Natur verbunden weiß und Musik und Literatur zum Leben braucht wie das trockene Brot. Kaum ein Sozialist ist als Mensch ... uns menschlich so nahegekommen wie Rosa Luxemburg ... Immer wieder beschreibt sie das Erlebnis der Natur, die Schönheit der Pflanzenwelt, drückt ihr Mitgefühl mit dem Leiden von Tieren aus.« Frauen sind Menschen, Juden sind Menschen, Revolutionäre sind Menschen. Auf alle Menschen trifft zu, daß sie Menschen sind, auch Unmenschen sind welche. Daß Rosa Luxemburg auch anläßlich dieser Ausstellung wieder für die Simpelei herhalten muß, daß kühler Verstand und Herzenswärme zusammengehen können, ist sehr ärgerlich. Auch Hitler war, man weißes, tierlieb, und Walter Ulbricht hatte einen Vogel.
 
Deutscher Weißmann  
Der Verlag Ullstein/Propyläen nimmt ein halbes Jahr nach dem Erscheinen das »weltanschaulich belastete« (Wolfram Göbel, Nachfolger von Herbert Fleissner in der Verlagsleitung) Buch des Runenexperten und Paukers Karl-Heinz Weißmann Der Weg in den Abgrund. Deutschland unter Hitler 1933-1945 aus dem Programm – »aus wirtschaftlichen Gründen« (vgl. KONKRET 1/96). Göbel will offenbar mit diesem Schritt das neurechte Verlagsimage kaschieren und sucht jetzt einen Autor für einen neuen Band IX der Propyläen Geschichte Deutschlands. Weißmann hingegen, der Weißwäscher, der die Rechte an dem Buch hält, kassierte unterdessen für seinen selbstlosen Verzicht, das Buch weiter zu vertreiben, eine Ab-standszahlung von 80.000 Deutschmark.
 
Deutscher Widmann  
Er gehörte zu den Gründern der »Taz«, war deren Kulturchef, danach Mitarbeiter der deutschen »Vogue« und »FAZ«-Autor, später erneut als Chefredakteur bei der »Taz«, bis er im März 1995 Feuilleton-Aufseher der guten alten öden, mit der Zeit schier zeitlos werdenden »Zeit« ward – inzwischen aber wiederum, wie aus dem Innenleben jener »alten Gouvernante« zu vernehmen ist, wg. »gegenseitiger Unverträglichkeit« – nochmal zum Mitschreiben: wg. »gegenseitiger Unverträglichkeit« – hier als Ressortleiter quasi unverdaut ausgeschieden wurde. Wohin nun, Arno? Zurück zur »Taz« vielleicht? Um dann eventuell, nach einem Zwischenspiel bei »Amica«, beim »Tagesspiegel« anzulanden? Ja, auch die »Welt« steht Dir offen.


 
Eine freche Göre blickt uns an von dem Plakat. Mit Gummistiefeln und so und die Hände lässig-keck in die Hüfte gestemmt. Sie will aber nicht länger fernsehen und auch kein Geld für mehr Schokoriegel oder Zauberponys – darauf hat sie keinen Bock. Was sie möchte, ist was ganz anderes. Sie fordert von der Kultur, die Jugend mehr zu fördern. Dazu weist sie auf die Notwendigkeit kultureller Erziehung zur Förderung der Kreativität der Jugendlichen hin. Ja, so ist das nämlich heute. Wunderbar ausgedacht hat sich die gute Idee die Bundesvereinigung Kulturelle Jugendarbeit, die mit der Plakatkampagne in 70 deutschen Städten Geld zum Fenster rauswirft, damit die Leute lesen: »Jugend fördern – Kultur fordern«. Warum nicht: »Jugend fordern – Kultur fördern«? Geht doch auch, oder? Und warum muß die Bundesjugendministerin Claudia Nolte die Plakate selber kleben? Ist die Not in Bonn so groß? Gibt’s sonst nichts zu tun? Und warum lacht sie, während sie den Pinsel schwingt, so überaus verdachterweckend? Und schließlich – warum trägt sie Kohls Windjacke?


 
Hamburger Anthologie*
 
Lutz Rathenow
 
Ich lache
 
Das Lachen blieb mir im Halse stecken  
Und keiner zog es heraus.
 
Ich lache.  
Ohne Grund.  
Grundlos? Auf losem Grund?  
Passanten bleiben stehen.  
Ich lache lange.  
Einer sieht mich mitleidig an.  
Ein anderer ärgerlich.  
Lange lache ich.  
Der nächste blickt herausfordernd.  
Ich erschrecke.  
Wieso erschrecke ich? denke ich.  
Erschrecke nochmals,  
Weil ich so rasch zu verunsichern bin.  
Eile zögernd weg.
 
Ganz und gar nicht rasch zu verunsichern, zu erschrecken ist er, und ganz und gar nicht zögernd eilt er weg, der umtriebige Satiriker und Fastpoet Lutz Rathenow. Mit den »Passanten« hat er natürlich uns ständig überlastete KONKRET-Redakteure gemeint, denen er ständig das Gemüt beschwert. Bildlich jedenfalls. Metapher, verstanden! Warum? Lesen Sie diese Zeilen in der Gewißheit, daß nahezu mehr als 100 Prozent der unverlangt eingesandten Gedichtmanuskripte ausschließlich von diesem Manne rühren. Ganze Jahrgänge der Ihnen vorliegenden Zeitschrift würden sich so honorarfrei füllen lassen. Und wenn ihm schon mangelnde Fantasie bezüglich seiner fehlenden Werke zu bescheinigen ist, so doch nicht im Ausdenken ständig neuer Grammatikregeln und Pseudonyme.  
Dieser Mann ist ein Poetenmoloch; nicht reicht es ihm hin, daß aufgelassene Gewerbegebiete im Osten nach ihm benannt sind, er sich die nach unten offene Rathenow-Reim-Skala patentieren lassen will, er für die »Zeit« »Isolation« und für die »Frankfurter Rundschau« »Mißverständnisse schüren« darf. Nicht reicht es ihm, daß er mit dem Kaufen der eigenen Bücher eine wirkliche Nachfrage »schüren« muß, daß namhafte Stiftungen keineswegs unerhebliche Teilauflagen seines aktuellen »Sisyphos«-Bändchens horten und heimlich verklappen müssen, um dauerhaften Schaden vom Volke abzuwenden, welches doch haargenau solche »Autoren ohne Werk« (»FAZ«) verdient. Nein, KONKRET-Redakteure von der auch ohne seine Unverlangten nicht eben leichten Arbeit abhalten, das hat er sich aufs aus Barthaaren gewirkte Panier gemalt.  
Nebenstehend eines der erschütternden Dokumente, mit deren Entlarvung und Transkription ins Deutsche wir zahllose Nächte vertändeln mußten. – Gedruckt! Verunsicherte Buchstaben auf losem Grund. Grundlos. Einfach so.
 
*Unverlangt eingesandter Gedichte