Konkret 08/96, S. 17
 
Zu Protokoll  
In Guido Westerwelle hat die deutsche Frauenbewegung einen entschlossenen Vorkämpfer gewonnen. Über seine Forderung, Frauen zur kämpfenden Truppe der Bundeswehr zuzulassen, sprach mit ihm Ulrich Wickert (ARD-Tagesthemen, 6.7.96). KONKRET dokumentiert das Gespräch  
Wickert: Im Berufsleben und auch in der Politik werden die Frauen noch immer nicht gleichberechtigt behandelt; doch wenigstens bei der Armee soll das jetzt anders werden, damit Frauen auch zum General befördert werden können. Verteidigungsminister Volker Rühe will zwar auch die Bundeswehr den Frauen stärker öffnen, lehnt aber ihren Einsatz in Kampfverbänden ab. Weiter geht da der Koalitionspartner FDP. Fragen dazu an deren Generalsekretär Guido Westerwelle in unserem Bonner Studio.  
Herr Westerwelle, Sie wollen die Frauen nun an die Waffen lassen in der Bundeswehr. Weshalb das?  
Westerwelle: Weil wir der Meinung sind, daß das zur Gleichberechtigung dazu gehört. Wenn Frauen in die Bundeswehr wollen, sich dafür entscheiden, dann kann man ihnen doch nicht die Berufschancen und die Karrierechancen nehmen, indem man ihnen den Dienst an der Waffe verbietet. Entweder wir sind für Gleichberechtigung oder nicht, und wenn wir für Gleichberechtigung sind, dann heißt das eben, daß Frauen auch an der Waffe freiwillig Dienst leisten müssen, wenn sie dies wollen.  
Wickert: Warum freiwillig, warum nicht dann auch einen Wehrdienst für Frau-en?  
Westerwelle: Weil wir ja ohnehin bereits im Berufsleben eine ganze Anzahl von Nachteilen für Frauen haben, und es geht uns nicht darum, weitere Schwierigkeiten etwa durch eine allgemeine Wehrpflicht zu schaffen, sondern es geht uns darum, daß wir Chancengleichheit herstellen ...  
Wickert: So ganz überzeugt mich Ihr Argument nicht. Wenn die Frauen im Berufsleben sowieso benachteiligt sind, dann sollte man die Benachteiligung aufheben.  
Westerwelle: Beides. Und man sollte das eine tun, ohne das andere zu lassen. Das Waffenverbot in der Bundeswehr – damit wird ja die Bundeswehr jedenfalls in den oberen Rängen für Frauen verschlossen bleiben – ist ja ein letztes geschlechtsspezifisches Berufsverbot, und Sie können mich nicht davon überzeugen, daß Sie auf andere Mißstände hinweisen, und ich sollte dann diesen Mißstand akzeptieren.  
Wickert: Also: Frauen in die Panzer.  
Westerwelle: Wenn das in Betracht kommt im Rahmen der Ausbildung, selbstverständlich auch. Ich kann übrigens keinen Unterschied erkennen, ob eine Frau oder ein Mann einen Panzer fährt, ich bin der Auffassung, daß das Frauen genauso gut können. Übrigens gibt es in vielen europäischen Ländern auch entsprechende Beispiele dafür. Für mich ist das ein Akt der Gleichberechtigung.  
Wickert: Auch Frauen zur kämpfenden Truppe?  
Westerwelle: Das gehört dazu, wobei wir ja ohnehin einen Auftrag haben, einen Friedensauftrag, in der Bundeswehr und für die Bundeswehr, so daß das sicherlich die Ausnahme bleiben wird. Aber wenn man die Bundeswehr konsequent öffnen möchte für den freiwilligen und gleichberechtigten Dienst von Frauen, dann darf es keine Tabubereiche mehr geben.  
Wickert: Im Augenblick wird darüber diskutiert, ob man den Wehrdienst beibehält oder nicht. Wofür sind Sie?  
Westerwelle: Die FDP hat sich bisher immer für die Wehrpflicht ausgesprochen. Sie ist der Auffassung, daß so am besten ein Austausch zwischen Gesellschaft und Bundeswehr stattfinden kann, um eben dieses sogenannte Phänomen des Staates im Staate zu verhindern, aber es gibt in der FDP auch darüber neue Diskussionen in Richtung Freiwilligen-Armee, auch wird eine allgemeine Dienstpflicht diskutiert. Unterm Strich hängt das davon ab, wie die Wehrgerechtigkeit in Zukunft gewährleistet werden kann, denn was nicht akzeptabel ist, ist, daß die einen dienen und die anderen verdienen.  
Wickert: Vielen Dank, Herr Westerwelle.