Konkret 08/96, S. 14  
Thomas Deichmann  
Knochen für die Medien  
Srebrenica und die Suche nach den Massengräbern  
Es paßte wie die Faust aufs Auge: Ein Jahr nach der Eroberung der UN-Schutzzone Srebrenica durch serbische Truppen und dem damit verbundenen vermeintlich schlimmsten Massaker seit dem Zweiten Weltkrieg erließ das UN-Tribunal in Den Haag im Juli 1996 einen internationalen Haftbefehl gegen den Präsidenten der bosnisch-serbischen Republik, Radovan Karadzic, und seinen Oberbefehlshaber Ratko Mladic. Beide waren bereits am 25. Juli 1995 des »Völkermords« und diverser »Verbrechen gegen die Menschlichkeit« angeklagt worden. Am 16. November wurde die Anklage wegen der Einnahme der UN-Schutzzone erweitert. Ende Juni 96 hat die Beweisaufnahme begonnen. Sie wird medienwirksam begleitet von Aushebungen der Gräber vor Ort.  
Srebrenica ist zu einem Äquivalent für den Holocaust geworden. Die Gleichsetzung der Ereignisse von Srebrenica mit Auschwitz war schon selbstverständlich, als sich noch niemand ein Bild von den tatsächlichen Ereignissen machen konnte. Freimut Duve (SPD) gab einem Artikel auf der Titelseite der »Zeit« die Überschrift »An der Rampe von Srebrenica« (21.7.95), und die Grüne Marieluise Beck kommentierte in der »Kommune«: »Die UN-Basis Potocari in der UN-Schutzzone Srebrenica wurde zur Rampe für eine Selektion ... Keiner von uns wird sagen können, wir hätten von nichts gewußt« (10/1995).  
Die Überzeugung, in Srebrenica habe das schlimmste Massaker seit 1945 stattgefunden, ist heute Konsens. Alle Kriege der Nachkriegszeit werden damit bereinigt. Die Vergleiche des Bosnienkrieges mit der Nazi-Zeit haben auch dazu geführt, daß SS-Offiziere gegenüber serbischen Generälen heute fast human erscheinen. Jadranka Cigelj, Funktionärin der »Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte« und Zuarbeiterin der UN-Ermittler in Den Haag, brachte dies kürzlich so zum Ausdruck: »Im Vergleich mit den Foltermethoden der Serben war die Gestapo nur eine Handwerkervorschule für diese Hochschule der Tortur. Damals waren die Menschen wenigstens eine Nummer« (»Rheinischer Merkur«, 12.4.96).  
Die Diskussion über Srebrenica und die Suche nach Massengräbern wird bis heute von Mythenbildungen, Spekulationen und dem missionarischen Eifer der Kriegsreporter bestimmt. Der Wahrheitsgehalt ihrer Berichte und Meldungen spielt oft keine Rolle, und Indizien, die nicht in antiserbische Schablonen passen, werden zurechtinterpretiert, ignoriert oder der Öffentlichkeit vorenthalten. Die UN-Definition eines Massengrabs macht es leicht, immer wieder neuen Gesprächsstoff zu liefern: Eine »dauerhafte Begräbnisstätte« für mehr als eine Person gilt als Massengrab.  
Im September des letzten Jahres sorgte eine Meldung des damaligen bosnischen Ministerpräsidenten Silajdzic für Aufregung: Im westbosnischen Dorf Krasulje in der Nähe der Stadt Kljuc habe sich im Sommer 1992 ein Genozid ereignet, und 540 massakrierte Bosnier seien nun aus einem Massengrab geborgen worden. »Insgesamt könnten es rund zwanzig (Massengräber, Th.D.) sein. 1.000 Muslime und Kroaten sollen hier begraben liegen«, hieß es in der »Taz« (25.9.95). Krasulje blieb als das angeblich größte bis dato gefundene Massengrab im Gedächtnis vieler Zeitungsleser. Dementierende Stellungnahmen von UN-Ermittlern kamen nicht durch. Die UN-Sprecherin Susan Manuel erklärte, nur eine einzige Leiche sei gefunden worden und die bosnischen Behörden hätten nicht gestattet, die Gegend zu inspizieren. Auch ihre Verärgerung über kroatische Behörden, die Inspektionen in der Krajina behinderten, waren weder den »FAZ«- noch den »Taz«-Redakteuren eine weitere Meldung wert.  
Daß das bis zu den Ausgrabungen bei Srebrenica größte gefundene Grab in Bosnien eines mit serbischen Leichen war, dürfte ebenfalls den wenigsten Zeitungslesern bekannt geworden sein. Im April 1996 wurden bei Mrkonjic Grad 181 serbische Leichen exhumiert. Im Oktober 1995 war die Stadt vom kroatischen Militär erobert und nach Unterzeichnung des Dayton-Vertrages die Verwaltung der Region an die Serben zurückübertragen worden. Beobachter bestätigten die Funde. 102 Leichen wurden mit zertrümmertem Schädel, vier mit abgetrenntem Kopf geborgen.  
Die Redaktionen der deutschen Medien beschäftigten sich jedoch mit anderen Massengräbern, in denen sie keine serbischen Opfer, sondern Opfer serbischer Aggression vermuteten. In der Nähe des Dorfes Lusci Polanka im Norden Bosniens sei eine Höhle gefunden worden mit 120 Leichen aus dem Gefangenenlager Omarska, wurde Ende März gemeldet. »Unter Kadavern und Müll« seien die Leichen verborgen (»Taz«, 22.3.96), die Höhle sei durch eine Explosion stark beschädigt und mit einer Bergung der Opfer laut bosnischen Behörden im April zu rechnen. Über Ergebnisse dieser Nachforschung wurde später nicht mehr berichtet. Es ist möglich, daß es sich auch hier – wie im Fall Kljuc – um Propaganda handelte.  
In der Gegend um das Gefangenenlager Omarska gibt es zahlreiche Bergwerke, in denen serbische Militärs Zehntausende von massakrierten Muslimen und Kroaten verscharrt haben sollen. Anfang des Jahres sorgten sie für reichlich Gesprächsstoff. Der »Spiegel« präsentierte die Aussage eines serbischen Offiziers, der angeblich zum Kreis um Karadzic gehörte (5/1996): »In Wahrheit sind zahlreiche dieser Abraumhalden Massengräber.« Er erklärte, in den Bergwerken Ljubija, Omarska und Tomasica seien mehr als 10.000 Leichen verborgen. Und er berichtete über einen weiteren Exekutionsplatz der Serben. Etwa 3.000 Gefangene seien erschossen und in eine Schlucht bei Vitovlje gestürzt worden. Weder der »Spiegel« noch die UN-Ermittler haben es bis dato für angebracht gehalten, diese Behauptungen zu überprüfen.  
Die Mine von Ljubija hatte bereits einige Wochen zuvor für Schlagzeilen gesorgt. Die »Taz« berichtete in Anlehnung an einen Artikel der »New York Times«, man habe dort ein Massengrab mit bis zu 8.000 Leichen entdeckt (13./14.1.96). Die Leichen seien mit Chemikalien behandelt und unter Abraum begraben worden. US-Geheimdienstler sicherten zu, sie würden fortan die Gegend beobachten, um einen möglichen Abtransport der Leichen zu registrieren, und auch eine in unmittelbarer Nähe stationierte britische Einheit sollte auf besondere Vorkommnisse achten. Der stellvertretende Ankläger des UN-Tribunals, Graham Blewitt, erklärte die Aufklärung dieses Falls zur Priorität seiner Ermittler, und die UN-Menschenrechtsbeauftragte Elizabeth Rehn forderte von den serbischen Behörden freien Zugang zum Gelände – obwohl es keine Anzeichen von Behinderungen durch die Serben gab. Daß der Sprecher des bosnisch-serbischen Militärs in Banja Luka, Milovan Milutinovic, wiederholt erklärte, UN-Ermittler könnten jederzeit die Minen in Ljubija, Tomasica und Omarska inspizieren, wurde zwar von Agenturen gemeldet. Auch diese Meldung wanderte aber von Redaktionsschreibtischen offenbar direkt in den Papierkorb.  
Die Schreckensberichte über Ljubija verstummten rasch. Auch die Mitteilung der serbischen Behörden Ende Januar, man beabsichtige nach der Unterzeichnung eines Vertrages über Eisenlieferungen mit Kroatien die Wiederaufnahme der Arbeiten in den Minen Ljubija und Omarska, paßte nicht zu den »NYT«- und »Spiegel«-Reportagen, denen zufolge die Minen in Wahrheit Massengräber waren. Doch auch hier das gleiche Schauspiel: In der Presse wurde die Meldung über 8.000 Omarska-Opfer in Ljubija durch Nachrecherchen weder bestätigt noch dementiert. Die vor Ort stationierten britischen Militärs gingen den Meldungen nach und schickten Mitte Januar einige Soldaten zur Inspektion auf das Gelände. Taucher stiegen in einen See, um nach Spuren von Massengräbern zu suchen. Sie fanden nichts.  
Seit der Ljubija-Geschichte stehen Srebrenica und seine Massengräber wieder im Mittelpunkt des Medieninteresses. Die Erwartungshaltung der Medien gegenüber den seit Anfang Juli vor Ort tätigen UN-Ermittlern zeugt von dem Bedürfnis nach einem großen Scoop, der her muß, um das eigene Gewissen angesichts der offensichtlich tendenziösen und unseriösen Berichterstattung ruhigzustellen.  
Ähnlich wie die Berichte über vermeintliche Massengräber in Ljubija und Kljuc gründen auch die Srebrenica-Reportagen auf Spekulationen. Daß im Zuge der Eroberung der UN-Schutzzone im Juli 1995 Soldaten und Zivilisten getötet wurden (die Ermittler folglich fündig werden mußten und müssen), steht außer Frage. Doch eine Rekonstruktion der tatsächlichen Ereignisse und die Erforschung der Gründe für die allem Anschein nach besonders brutale Kriegführung in dieser Region, ist den Laptop-Kriegern vor Ort offenbar nicht wichtig. Srebrenica ist für sie ein Symbol der moralischen Parteinahme gegen Serbien. Stand vor Dayton die Belagerung der bosnischen Hauptstadt Sarajevo für den dämonischen Charakter der Serben, haben nun die Toten von Srebrenica diese Funktion übernommen.  
Mit der Zahl der Opfer wird willkürlich hantiert. Zunächst setzte sich auf Basis der Fehlinterpretation einer Presseerklärung des »Internationalen Komitees des Roten Kreuzes« (ICRC) die These durch, 8.000 Muslime seien ermordet worden. Das ICRC hatte in Wirklichkeit von 3.000 Menschen gesprochen, die von Serben gefangen genommen worden seien. Das ICRC fand später etwa 200 dieser Gefangenen in Lagern der Serben und berichtete auch über das Eingeständnis der bosnischen Regierung, Tausende der vermißten Soldaten seien in bestehende Armee-Einheiten eingegliedert worden. In vielen Berichten war gleichwohl weiter von 8.000 Opfern die Rede. Im Frühjahr schien man sich jedoch auf die Zahl 3.000 geeinigt zu haben. Vor wenigen Wochen ist im Zuge der Srebrenica-Anhörungen vor dem UN-Tribunal in Den Haag die Zahl wieder auf 6.000 bis nun sogar 10.000 hochgeschraubt worden.  
Daß möglicherweise tatsächlich mehrere Tausend bosnische Muslime bei der Eroberung der Schutzzone ums Leben kamen, wird dabei nicht einmal von den serbischen Behörden dementiert. Bestritten wird jedoch, sie seien en masse abgeschlachtet und in Massengräber geworfen worden. Als die UN-Gesandte Rehn im Februar Srebrenica besuchte, erklärte ihr der serbische Funktionär Miroslav Deronjic, daß zahlreiche Muslime bei Gefechten getötet worden sein könnten. Eine unzureichende Erklärung, wie die Bergung einiger Leichen bei Srebrenica Mitte Juli 96 zu zeigen scheint, die, UN-Ermittlern zufolge, mit auf dem Rücken gefesselten Händen aufgefunden wurden. Sollten sich entsprechende Presseberichte bestätigen, muß man davon ausgehen, daß sich die serbische Kriegführung bei der Eroberung Srebrenicas nicht wesentlich von der aller Kriegsparteien in Gesamtbosnien unterschied. Die bisherigen Berichte über Massenexekutionen und -gräber jedoch werden dadurch nicht wahrer.  
Tage vor der Eroberung der Stadt war an den Frontlinien erbittert gekämpft worden. Tote gab es auch noch, als bosnische Soldaten auf der Flucht von serbischen Militärs aufgerieben wurden. Zudem wurde über Konflikte innerhalb der bosnischen Armee berichtet – zwischen Gruppen, die lieber die Flucht ergreifen wollten und solchen, die es vorzogen, bis zum Ende auszuharren. Denkbar sind Rachefeldzüge serbischer Soldaten durchaus. 1992 und 1993 wurden in den Dörfern der Gegend um Srebrenica mehr als 1.000 Serben getötet. Der ehemalige UN-Kommandant Morillon hat an einigen dieser Begräbnisse teilgenommen.  
Statt die Kriegsereignisse zu recherchieren, begann man im Herbst letzten Jahres mit der immer hysterischeren Suche nach Massengräbern. Verwiesen wurde ständig auf die dem UN-Sicherheitsrat im August 1995 von Albright präsentierten Satellitenfotos der CIA, auf denen umgegrabene Felder mit angeblich bis zu 2.700 verscharrten Leichen zu sehen waren. Mit diesen Bildern im Kopf, die nicht einmal bei einem Bußgeldverfahren wegen Falschparkens als Beweis zugelassen würden, machten sich einige Kamerateams auf den Weg. Amerikanische, britische, niederländische, französische und italienische Crews pirschten über die Felder – durften oder wollten aber nicht berichten, daß sie keine Leichenberge fanden.  
David Rhode vom »Christian Science Monitor« lieferte den ersten spektakulären Bericht. Bereits im August 95 war er auf eigene Faust nach Srebrenica gereist und hatte angeblich zwei Massengräber entdeckt. Er stützte seine Behauptung auf dürftige Beobachtungen wie aufgeschüttete Erdhügel, herumliegende Schuhe, Hemden, Brillengestelle, Jacken und die Meinung, etwas gesehen zu haben, was ihm wie ein aus der Erde ragendes Bein erschien. Rhodes Bericht ging um die Welt und wurde als Beweis für die Existenz der CIA-Gräber gewertet. Nach einer weiteren Reise nach Srebrenica erklärte Rhodes,die Massengräber seien inzwischen mit schwe-rem Gerät bearbeitet worden. Wieso die vermeintlichen Erdarbeiten dieses Mal nicht von US-Satelliten dokumentiert worden waren, schien niemanden zu interessieren.  
Julian Borger vom »Guardian« lieferte eine ähnliche Geschichte wie Rhode. Sein Artikel »Gefangen, ermordet, verscharrt« wurde in der »Zeit« präsentiert (26.1.96). Seine Meldung über zwei bisher unentdeckte Massengräber in der Nähe des Dorfes Glogova beruhte auf der Entdeckung einiger aus dem Schlamm ragender Knochen und Körperteile. Mit der augenfällig plazierten Zwischenüberschrift »Auf die Frage nach dem Schicksal der 40.000 Muslime von Srebrenica gibt es nur ein Achselzucken« suggerierte die »Zeit« ihren Lesern sogar, möglicherweise seien all diese Menschen ums Leben gekommen. Fotos, auf denen einige Kleidungsstücke, Schädel oder Knochen zu sehen sind, werden als Bestätigung des CIA-Berichts gewertet. Das Foto einer Leiche auf dem Feld bei Konjevic Polje war besonders häufig zu sehen – es illustrierte auch den »Spiegel«-Artikel »Mehr Leichen als Bäume« (10/1996). »So viele Killing fields, so viele Geschichten. Jeder, der sucht, kann in der Gegend von Srebrenica ohne allzu große Mühe ein neues finden: das Grauen im Massenangebot«, faßte der Redakteur seine Impressionen zusammen und brachte damit zum Ausdruck, mit welcher Mission Journalisten vor Ort tätig waren.  
Mit dem Besuch ranghoher westlicher Funktionäre in Srebrenica verstärkte sich die Medienhysterie im Frühjahr. Im Januar war zunächst der US-Menschenrechtsbeauftragte John Shattuck vor Ort und berichtete in einem »Spiegel«-Interview: »Knochen ragten aus der Erde« (6/1996). Ihm folgte Elizabeth Rehn im Februar. Weder Shattuck noch Rehn konnten mit neuen Erkenntnissen aufwarten. Die Journalisten reagierten darauf ungeduldig. Der Bericht von Rehn wurde kaum zur Kenntnis genommen, da »nur« von 3.000 möglichen Opfern die Rede war. Die »Taz« warf Frau Rehn vor, vom serbischen Funktionär vor Ort beeinflußt worden zu sein. »Die über 8.000 Vermißten ... sind wahrscheinlich alle tot«, mutmaßte das Berliner Blatt und machte aus den fehlenden Indizien für die Existenz der CIA-Massengräber die Umkehrmeldung, Rehn habe »keinen Hinweis auf Gefangene, die das Massaker vom Juli 1995 überlebt haben könnten«, gefunden (»Taz«, 6.2.96).  
Im März reiste die UN-Botschafterin Albright nach Srebrenica und erklärte zum Gefallen der Reporter, sie habe einen Totenkopf gesehen und (wie bei den berüchtigten CIA-Fotos, wohl mit hellseherischen Fähigkeiten) sofort gewußt, daß sich darunter Hunderte von Leichen verbergen.  
Bei der Suche nach Massengräbern in Bosnien handelte und handelt es sich nicht um Beiträge zur Wahrheitsfindung, sondern um einen Beitrag zur Festigung der antiserbischen Haltung, mit dem eine rationale Beschäftigung mit den Ursachen und dem Verlauf des Krieges unterbunden und jegliche Kritik an der einseitigen Medienberichterstattung im Keim erstickt werden soll. Angespornt vom Eifer der Journalisten konnte auch das UN-Tribunal ideologisch fest verankert werden. Westlichen Regierungen wird nun die moralische Pflicht zugesprochen, darüber zu entscheiden, welche Art von Krieg legitim ist (Golfkrieg, Somalia), welche hingegen unzulässig und barbarisch (Bosnien, Ruanda), wer ein Kriegsheld ist (Schwartzkopf, Smith, Rühe) und wer als Kriegsverbrecher hinter Schloß und Riegel gehört (Karadzic, Mladic, Milosevic). Wie weit die daraus abgeleiteten Befugnisse bereits reichen, zeigen die Diskussion über internationale Haftbefehle gegen Karadzic, Mladic und Milosevic (sollte der mit Bonn und Washington nicht kooperieren) sowie die Verhinderung der Kandidatur Karadzics zu den Wahlen in Bosnien Mitte September. Die viermalige Entsendung eines UN-Ermittlerteams nach Srebrenica, das im Zuge der Massengrab-Hysterie mit der Exhumierung von Leichen begann, reichte zur Rechtfertigung dieser Schritte aus, da die Medien förmlich nach »Beweisen« für den immer schon behaupteten Völkermord lechzten.  
Propagandistisch verblendet war auch die Berichterstattung über die »Beweisaufnahme« gegen Karadzic und Mladic im Juni in Den Haag. Die Verteidiger Karadzics wurden vom Tribunal wie Idioten behandelt und ihre Anträge als »Störaktionen« abgetan. Niemand, so schien es, sollte das Finale bei der Abrechnung mit den Serben stören dürfen. Der UN-Ermittler Jean-René Ruez schilderte im Zeugenstand auf Grundlage von Zeitungsberichten, wie Männer, Frauen und Kinder umgebracht wurden. Sein Auftritt erinnerte an die antiserbischen Schmähreden des CDU-Abgeordneteten Stefan Schwarz vor einigen Jahren. Ruez schilderte, wie Flüchtlingen die Kehle durchgeschnitten, Köpfe abgehackt und wie der Bauch eines Kindes aufgeschlitzt, ein Organ entnommen und einem Gefangenen zu essen gegeben worden sei(en): Schauergeschichten, die weder bewiesen noch glaubwürdig sind.  
Ähnlich verhielt es sich mit den Aussagen der UN-Expertin Irma Oosterman, die auf Grund von Zeugenbefragungen vermeintliche Beweise für die Behauptung präsentierte, Soldaten seien »von oben« dazu gezwungen worden, »Tschetnikbabys« zu machen, und Gefangenen seien Penisse abgebissen worden, die andere hätten essen müssen. Auch die übrigen »Beweise« waren von ähnlicher Qualität und dienten dazu, den Anschein zu erwecken, man habe außer dem Tatbestand, daß Karadzic und Mladic einen Krieg in Bosnien führten, Hinweise auf einen von ihnen geplanten und systematisch durchgeführten Genozid in der Hand.  
Als Kronzeugen zu Srebrenica wurden der »Zeuge A« und Drazen Erdemovic vernommen. »Zeuge A« gab an, eine Massenhinrichtung in der Nähe des Dorfes Karakaj zufällig überlebt zu haben. Er habe sich einige Zeit in einem Massengrab unter Leichen versteckt und dann die Flucht gewagt. Etwa zehn ähnlich klingende Augenzeugenberichte sind seit Herbst letzten Jahres von Journalisten präsentiert worden. Die Zeugen überlebten stets unter Leichenbergen, weil serbische Soldaten sie mit ihren Maschinengewehren nicht trafen. Vergleicht man diese Berichte, so fallen die Widersprüche über Zeit- und Ortsangaben sowie über die Ereignisfolge rasch ins Auge (vgl. hierzu Th.D.: »Laptop-Krieger auf dem Balkan«, in: »Novo« 18, Sept./Okt. 1995). Es ist unmöglich, daß alle der Wahrheit entsprechen. Von zentraler Bedeutung für die Ankläger in Den Haag war, daß »Zeuge A« bei seiner Flucht Armeechef Mladic sechs Mal gesehen haben will, einmal – während Gefangene von serbischen Soldaten mit Eisenstangen und Äxten erschlagen worden seien – in einem »roten Wagen«. Augenzeugenberichte, denen zufolge Mladic und Karadzic mal im Jeep, mal im roten Ford, mal am Rande eines Massengrabes, in einer Turnhalle oder auf einem Fußballplatz gesehen worden sein sollen, zirkulieren ebenfalls seit Oktober letzten Jahres. Daß sie als Beweis für eine Völkermordanklage angenommen werden, verdeutlicht, wie weit die internationale Jurisprudenz bereits politisch funktionalisiert worden ist.  
Auch die Glaubwürdigkeit und Relevanz des Zeugen Drazen Erdemovic hat bislang niemand in Frage gestellt. Er berichtete im März in einem von ihm selbst veranlaßten Interview mit Reportern des »Figaro«, daß er an einer Massenhinrichtung von bis zu 1.200 Muslimen teilgenommen habe. Vor einem Gericht im serbischen Novi Sad und nach seiner Überstellung nach Den Haag wiederholte er sein Geständnis, was ihm eine Anklage vor dem Tribunal und die Rolle des wichtigsten Zeugen gegen Karadzic und Mladic einbrachte. Daß Erdemovic sich selbst anklagte, daß es sich um einen Kroaten handelt, der Serben beschuldigt, daß er 1992 zunächst für die bosnische Armee kämpfte, daß sein eigener Prozeß nach der Aussage plötzlich auf Monate verschoben wurde und daß mittlerweile statt von lebenslanger Haft von mildernden Umständen die Rede ist: All dies rechtfertigt Fragen zu seiner persönlichen Integrität. Fragen, die heute jedoch wie viele andere geflissentlich nicht gestellt werden.
 
Thomas Deichmann ist freier Journalist, Redakteur des Politik-Magazins »Novo« und Mitarbeiter des London International Research Exchange. Er koordiniert Teilbereiche der Untersuchung: »Journalists at War – Media Coverage of post-Cold War conflicts«