Konkret 09/95, S. 58  
Horst Tomayer  
Tomayers ehrliches Tagebuch
 
Hamburg, 13. August 95.  
Sonntagvormittag. Ich nehm auf dem Balkon (mit Blick auf das von Nachbarschaftskatzen, Amseln und Elstern zu Notdurft und Nahrungsaufnahme gern genommene Grasareal) die vier Kilo Bunt von der Strippe, die ich gestern Nacht in der Hauswaschküche unsrer Dreißigparteienherberge gegenüber vom Finanzamt Schlump herausgewaschen hab, allein & selber, denn da ist keine Frau, die einem die Wäsche wüsche und/oder von der Strippe nähme vom Balkon oder einem am Herd beistünde beir Kreation eines Süppchens mit edlen Herbarien der Saison oder die Träume theilte mit einem in der Nacht ... Man ist allein mit seinem Oldiesingleschauder, dem trügerischen Schutz & Schirm des bißchen Angesparten, den Teppichmilben und den halben Gemüsezwiebeln auf der Küchenfensterbank ... und nimmt die Wäsche ab: Die Tennishose mit dem Kugelschreiberfleck, der seit einem halben Jahr (du blöde Ziege von Ariel!) jedem Pulver, jedem Waschgang trotzt, die Schweizer Armeesocken, die ich bei der Radltour über den Albulapaß in Bergün erstanden, die bei Kempinski mitgegangnen Badetücher und die commoden wie spottbilligen T-Shirts (denn dies fehlte noch zum kataklysmatischen Kladderadatsch: Hemden mit Krägen, die sich wie Haifischkiefer um den Adamsapfel schließen) ...  
Ich nehm also die Wäsche ab. Und wie ich mir die Pracht dieses schon leicht angeherbstlten Sommermorgens in den Thorax reinziehe, bis die Tapete an den Lungenwänden Stop! sagt, da geschieht es wohl, daß ich (ist es die Hyperventilation, der kostenloseste aller Räusche?), daß ich ein Gesicht habe, eine Vision, eine nach hinten, in die Kindheit losgehende Vision. Ich sehe mich, und ich kann es nur mit diesen vielerorts deskriptiv erprobten Worten sagen, »ganz klar und deutlich« an einem gradso von Sonne und Azur strotzenden Sommertag im Jahre ‘47, sehe mich als einmetervierzig großen und siebzig Pfund leichten Neunjährigen, seh mich in einer knielangen kackbraunen Cordhose, die ich ein Jahr später im »Schonger«-Märchenfilm »Hans im Glück« tragen werde, sehe mich, wie mich die Glocke an ihrem Seil nach oben zieht, ins Gestühl der Wallfahrtskapelle an der Amperbrücke zu Wildenroth, dem einst »bayrischen Bethlehem«, die uns, den zwangseingemeindeten Sudetengaunern und Schlesiern zum evangelisch-lutherischen Ketzerritual von der katholischen Macht für ein Stünderl pro Sonntag gnädig überlassen ist, sehe mich, selig hängend im Seil, mit prächtigem blonden Gelock und virginem zigarettenmundstückkleinem Piephahn, spüre meinen von Arthrose und Zerebralinsuffizienz unberührten Knabenleib, der vom Jing der Glocke hinaufgezogen und von der Glocke Jang wieder herabgetragen wird, barfuß auf die Vim-gescheuerten Fliesen, und möchte weiter schweben, bleiben in diesem gebenedeiten Auf und Ab - - - doch das Gesicht verblaßt, erlischt, und ich bin wieder allein mit meiner Wäsche und der Wirklichkeit und einem Leib, in welchem die Geschichte des letzten halben Jahrhunderts mit all ihren Peitschen- und Nackenschlägen und Fußtritten ein abstoßendes Ensemble von Marterspuren abgelagert, ja, ich glaube, das kann man ruhig einmal laut sagen, und wenn da der Rock und Roll nicht gewesen wäre, also ich weiß nicht, ob ich mir nicht vor der Zeit die Kugel... Und ich setze das Wasser auf für die zwote Kanne Kaffee und kehre zurück an die Schreibmaschine, um die Rekonvaleszenzadresse an Puddy Put, den lieben Freund aus der Westberliner WG-Zeit der Jahre ‘62, ‘63 zu vollenden, der, von einer infarktverdankten Herzhinterwandreparatur auf der Rehastation zu Psychodannenberg aus, neuen, noch bewußter erlebbaren Abenteuern wie zum Beispiel dem Nichtrauchen entgegenliegt...  
Da, während ich die rechten Worte zu finden suche für den Guten, höre ich aus dem Transistorradio, das mich schon zu mancher nächtlichkontemplativen Außenalsterumrundung, zu manchem Ammer/Pilsen/Wörth/Staffel/Kochel/Walchenseesightseeing im Sattel begleitet hat, man könne bis elf Uhr anrufen beim Sender und ein Gedicht aufsagen zum Thema »Mein Urlaubsflirt«. Ich schau auf meinen Katzenwecker, der mit grün aufgeblendeten Augen und einem Miauen arbeitet (das Weihnachtsgeschenk eines unvergessenen lieben Menschen), und seh, daß es schon viertel vor ist, und denke mir, die Hamburgwelle des NDR anrufend, sicher ist die Leitung schon vollgestopft mit HörerInnenendreimschleim, das wird wohl nichts mehr. Doch die Redaktionsassistenz sagt, ich solle ihr nur rasch meinen Namen geben und die Telefonnummer, man werde mich gleich zurückrufen, und dann sei ich dran, mit meinem Urlaubsflirtgedicht. Nun ist es zehn vor, und es steht noch keine Silbe, keine Zeile. Im Radio spielen sie Glenn Millers »In the mood«, und ich spann die unverbrauchte Rückseite eines FAX-Sendeberichts (DIN A 4 breit, 92,1 mm lang) ein und leg los.  
Keine drei (!) Minuten später klingelt das Telefon, und Frau M., die Moderatorin, sagt: »Soo, der Urlaubsflirt wird bedichtet, der wahrscheinlich vergangen ist, der ist schon, äh, in die Annalen eingegangen, Herr Tomayer, bei Ihnen?« Und ich sage: »Grüßigott, guten Morgen!« Und: »Ja, am 1. August war das.« Und sie sagt: »Ach...«. Und ich trage vor:  
Es war am 1. August am Mittelmeer  
Ich hatte ein abgesägtes Schrotgewehr  
Und ich zwang sie zum Geschlechtsverkehr  
Dies gefiel ihr, ich bin sechzig und sie war  
sechzehn, gar nicht sehr  
Doch was will man machen als Tienäidscheer  
Gegen eines Sechzigjährigen abgesägtes  
Geschlechtsgewehr  
Dies war, wenn es die Welt nicht weiter stört,  
Mein diesjähriger Urlaubs-, ja Urlaubsflirt
 
So geendet frag ich die Moderatorin: »Wie finden sie das?« Und sie sagt: »Ich glaube, daß es die Welt stören wird...« Und ich sage: »Schade«, und sie wirft mich aus der Leitung, und ich gehe wieder hinaus auf den Balkon zu meiner Wäsche und will den Rest nehmen von der Strippe, meine zerschlissenen Shorts und das völlig ausgebleichte Blouson, die ich als Penner-Kollege von Walter Giller in einem Evelyn-Hamann-ZDF-Special (Spielleitung Hans-Christoph Blumenberg) trage, da - - - hör ich, wie die Moderatorin nachkartet, über mich herzieht: »... daß diese Ängste vor Sex, die Angst vor Impotenz, so groß ist, aah, der Wunsch, zu schocken, immer wieder, immer noch da ist, ich bin verblüfft darüber, ja, ich hatte die Männlichkeit schon weiter vermutet ...« Und dann fordert sie den grad zugeschalteten Hörer und Dichter Herrn Winkler zum Vortrag auf, zum Ausstreuen eines der üblichen üblen, von der reaktionären Konvention durch zehn Selbstzensursiebe gerüttelten und geschüttelten und mithin allen sperrigen Spelzes und aller nachtschattigen Spurenelemente beraubten bzw. bereinigten Lyrikmehle der puderweißen Art:
 
So mancher heiße Urlaubsflirt  
Hat mich seit Jahren sehr betört  
Einer kam aus Frankreich  
Und landete nach kurzer Zeit im Schrank gleich  
Doch meine Liebe aus Mamaia  
Ist immer noch da, ja
 
Und nun frage ich Sie, liebe Les’rin, lieber Leser (egal wo Sie zu Hause sind: in alten oder neuen Bundesländern): Wird sich im o-la-la Sujet des Urlaubsflirtgedichts denn niemals etwas ändern? Bitte antworten Sie mir möglichst massenhaft ... Dankeschön!