Konkret 09/95, S. 56  
Kay Sokolowsky  
Le Roi S’Amuse  
Über »Hypno«, die reinste Allegorie, die das Fernsehen bisher aus sich gemacht hat  
Knoke. Knoooke. Knoke. Es gibt Namen, die glaubst Du einfach nicht. Knoke. Manfred Knoke. Knoke. Bzw.: Knorke! Mesmerisch wie die Augen glänzt die Glatze. Knoooke. Manfred Knoke. Pro Show ein anderer Boss-Anzug. Jedesmal ein Binder, so scheußlich, du ahnst es nit. Knoke. Knoooke. Dein Kopf wird jetzt ganz leer. Knoooke. So leer. Knoke: Die Grinswinkel reichen bis an die Ohrlappen. Und weiter. Alles in Butter, in Ordnung, in Knoke. Aber diese 48 Zähne sind doch nicht echt, oder? Und wenn schon. Du hörst jetzt nur noch eine Stimme. Knooo...  
Seit Mitte Juli gehört der frühe Sonntagabend auf Pro 7 »Hypno«, der »unglaublichen Show«. Zwar ist »unglaublich« an der Sache eigentlich nur der Name ihres Conférenciers und die Stümperhaftigkeit der Inszenierung. Aber wie es beim Fernsehen halt so zugeht: Je armseliger die Bilder, desto lauter wird krakeelt. Im Lauf der Sendung werden mehr Superlative verbraucht als im Werbeblock, der sie unterbricht, und über all dem faden Scheine prangt das Motto des Naturtheaters von Oklahoma: »Verflucht sei, wer uns nicht glaubt!« Denn vom Rummelplatz stammt die Idee zu »Hypno«; und hinterm Attribut »unglaublich« stehen unsichtbar, doch deutlich die Worte »aber wahr«.  
»Hypno« ist so schlecht gestrickt, so sagenhaft dilettantisch photographiert und geschnitten, daß es einen jammert; und schon aus Barmherzigkeit hätte man über diesen Fall besser zu schweigen. Aber »Hypno« ist nicht bloß Murks. Sondern auch die reinste Allegorie, die das Fernsehen bisher aus sich gemacht hat. Gerade weil bei »Hypno« nichts richtig stimmt oder paßt, taugt die Show ganz ausgezeichnet dazu, das Elend und die Gewalt des Mediums abzubilden. Durch MAIER, den »Hypno«-Regisseur ohne Vornamen und Hoffnung, wirkt gleichsam der Genius des Fernsehens selber und offenbart sich wie besoffen.  
In Knokes Worten: »Man nehme 400 Gäste, gebe sie in ein Studio, dazu ein’ Schuß Lust, sich hypnotisieren zu lassen, um anschließend unter 70 Kilogramm Hypnotiseur zu zergehen. Aber zuallererst brauchen wir natürlich ein’ Teelöffel Mut, jetzt aufzustehen und auf die Bühne zu kommen.« Dieser gußeiserne Humor beherrscht die Sendung. Und gleichwie Knoke eine Metapher – die vom »Rezept« der Show – ganz wörtlich nimmt, um einen Witz zu reißen, müssen die – Kandidaten? Medien? – Opfer wenig später jedes seiner Worte in Bilder, d.h. in Rollenspiel und Pantomime umsetzen. Das Grundgesetz des Fernsehens, nach dem kein Bild unkommentiert und kein Kommentar unbebildert sein darf: In »Hypno« wird es von, mehr oder weniger, lebenden Menschen dargestellt. (»No comment«, ein Pausenfüller bei EuroNews, bricht zwar das Gesetz und zeigt Bilder des Tages ohne Worte. Heraus kommt aber etwas seltsam Gespenstisches, Irreales. Stummes Fernsehen ist in der Tat sprachlos.)  
Natürlich geschieht in »Hypno« nichts anderes als in den Hypnoseschmieren der Jahrmärkte und Provinzdiskotheken. Zu Beginn sucht Knoke unter gut 100 »Freiwilligen« (die in beinah militärischer Formation auf der viel zu großen Bühne aufgestellt werden) acht besonders geeignete Opfer aus. Angeblich fahndet er nach der Qualität der in ihrem »Unbewußten« schlummernden Talente, vermutlich jedoch – so kläglich fallen die kommenden Performances aus – nach ihrer Bereitschaft, jeden Scheiß mitzumachen. Man kann da nur raten. Denn vom gut einstündigen »Auswahlverfahren« (Knoke) werden bloß hastige Ausschnitte vorgeführt. Das hat nicht allein den Zweck, die 30 Minuten Sendezeit einzuhalten. Es hat auch eine Botschaft, und die lautet: Niemand wird je erfahren, nach welchen Maßgaben wir unsere Leute aussuchen. Ein Mysterium soll es bleiben in Ewigkeit, wie Koschwitz, Lippert, Gilzer und all die anderen Langweiler beim Casting das Rennen machten. Aber! Nur Berufene schaffen es ins Fernsehen, und wen die elektronische Kamera fixiert, der ist ein Auserwählter. Dies Privileg will freilich verdient sein, durch Verzicht: auf Würde, Stolz und Charakter. Sofern die Mechanismen der Marktwirtschaft Euer bißchen Persönlichkeit noch nicht in Gummi verwandelt haben – der TV-Apparat resp. Knoke werden’s schon richten.  
Das Fernsehen macht aus Menschen Typen und aus Typen Deppen; und obwohl es diese Gewalt in jeder Talk-, Game- oder Newsshow ausübt, hat es sich selten so dick damit getan wie in »Hypno«. Eine Frau, die nicht ganz so graziös wie ein Brauereipferd wirkt, muß sich suggerieren lassen, sie sei Marilyn Monroe und legt ein Karaoke von »I Wanna Be Loved By You« hin, daß man vor Mitleid unters Sofa kriechen möchte. Einem, der wohl aussieht wie ein Bademeister, aber wie einer von denen, die sich dauernd ums Planschbecken herumtreiben, wird eingeredet, er sei David Hasselhoff; drei junge Frauen verflucht Meister Knoke zu glühenden Fans des schwammigen Mannes. Es folgt eine Szene, die sich sogar auf der Kirmes in Hundshausen peinlich ausnähme. Und während Knoke seine Opfer von einer Groteske in die nächste treibt, beteuert er, die 48 Zähne kalt gebleckt, es ginge hier allein darum, ungeahnte »Phantasie und Kreativität« zu entfesseln. Doch da ist, offensichtlich, so gut wie nichts gefesselt, und mit den Blamagen, die sich stets ereignen, wenn einer hemmungslos tut, was er lassen sollte, kalkuliert die Show.  
»Sie alle hier im Publikum sind unsere Stars heute abend«, schwindelt Knoke in der vierten Folge, und die doppelte Lüge geht ihm um so leichter über die Lippen, da sie zum Inventar der großen Bluffmaschine Fernsehen gehört. Der Triumphzug des Mediums verdankt sich nicht zuletzt dem fortwährenden Versprechen, es werde beizeiten jeden seiner Abhängigen zum Dealer erheben. Indem es ein Gutteil seiner Jobs an Figuren bar allen Witzes und Charismas vergibt, nährt es die Illusion der Konsumenten, dergleichen mindestens genausogut zu können; und »Wetten daß« dürfte auch deshalb die erfolgreichste Unterhaltungssendung der Republik geworden sein, weil dort veritable Prominente dem Blödsinn, den die Laien zeigen, sich als »Wettpaten« unterwerfen müssen. Würde den Zuschauern aufgehen, daß noch keiner ein Star geworden ist, weil er seine Rübe eine Viertelstunde lang vor die Kamera gehalten hat, wären die Geschäfte des Fernsehens ernsthaft gefährdet. Also teufelt es weiter auf seine Kundschaft ein und kreiert z.B. mit Andreas Elsholz, dem Tom Cruise dritter Hand aus »Gute Zeiten, schlechte Zeiten«, eine wahre Ikone seiner Verheißung, jeden einmal ans Licht zu holen. »Hypno« und Knoke beschreiben diese nachgerade grandiose Bauernfängerei völlig unbefangen: »Sie alle sind unsere Stars. Wenn Sie sich hypnotisieren lassen!«  
Und nicht einmal dann werden Sie welche sein. »Hypno« ist nämlich auch eine Strafanstalt für all die Sesselfurzer, die sich einbilden, sie könnten es mit den Entertainern, die sie, die Couchkartoffeln, so sehr bewundern wie verachten, bloß im Ansatz aufnehmen. Einem Mann wird aufgebunden, er sei Jürgen Drews, doch als er eben beginnen will, »Ein Bett im Kornfeld« zu singen, taucht plötzlich der echte Drews auf und überplärrt den Amateur ohne Mühe. Das Opfer will ihm an die Wäsche, Knoke greift knapp vorm ersten Faustschlag ein. Dann kommt Werbung, Drews verschwindet spurlos. Die prominenten »Gäste«, die durch jede »Hypno«-Folge spuken, erscheinen immer wie die Nemesis; und es war bestimmt kein Zufall, daß gleich in der ersten Sendung die Großmeisterin der Kandidatendemütigung, Ulla Kock am Brink, auftrat und mit vier Opfern alleingelassen wurde, die sich für Kleinkinder zu halten hatten. Daß die echten Stars keinen ordentlichen Abgang bekommen, sondern sich jäh in Luft auflösen, liegt vor allem an MAIERs kompletter Unfähigkeit zur Dramaturgie; hintergründig jedoch waltet das Medium selbst und prahlt damit, wie leicht es in unser Leben einzubrechen und wie locker es sich den Folgen seiner Penetranz zu entziehen vermag.  
»In letzter Zeit werde ich immer öfter gefragt«, lügt Knoke, ohne rot zu werden, in der dritten Folge, die lange vor der Ausstrahlung produziert worden ist – »was muß ich denn tun, um Kandidat bei ›Hypno‹ zu sein? Die Antwort lautet« – und nun spricht er die lautere Wahrheit – »Sie müssen nichts Besonderes können.« Könner sind nämlich das letzte, was »Hypno« braucht, um seine Lektion zu erteilen: Du erlebst die reine Gnade, wenn wir Dich kleine Wurst auf Sendung gehen lassen; und bestenfalls stehst Du hernach als Mega-Würstchen da. Knokes Monolog schlägt jetzt konsequent um in den puren Hohn: »Wer weiß? Vielleicht wartet ja Hollywood gerade auf Sie!« Dies »Auf-Sie-hat-Hollywood-gerade-noch-gewartet!« ist die schadenfrohe Pointe aller Hampeleien, zu denen die »Hypno«-Opfer beschwatzt werden.  
Es scheint, als wäre die Allegorie zur Macht des Fernsehens und zur Ohnmacht des Publikums, die »Hypno« inszeniert, etwas zu deutlich geraten. Trotz einer prächtigen Pressekampagne mit Doppelseiten von »Funk Uhr« bis »YoYo«, trotz auch der strategisch vorbildlichen Sendezeit (zwischen »Lindenstraße« und »Tagesschau«) dümpelt die Quote bei sechseinhalb Prozent. Wer läßt sich aber auch schon gerne erzählen, was für ein kleines Licht er ist? Die miserable Gestaltung der Show wirft das potentielle Publikum sowieso auf jenen harten Kern zurück, der sich entschlossen hat, sein Leben nur mehr durch die wackelnde Linse eines Camcorders wahrzunehmen. Überhaupt riecht Hypnose meilenweit nach faulem Zauber; und ein rasierter Rasputin wie Manfred Knoke scheint herzlich ungeeignet, dagegen anzustinken. Doch das alles wäre halb so schlimm, hätte die Pro-7-Programmdirektion sich nicht entschlossen, eine verschnittene Aufzeichnung zu senden statt live.  
Vierzig Jahre lang hat das Fernsehen seiner Kundschaft eingebleut, »Live« sei echter, authentischer als das Leben selbst; aber hier, wo es gegen instinktives Mißtrauen zu kämpfen hat, wo schon der kleinste Anschein von Schummelei mit Zappen bestraft wird – hier, bei »Hypno«, bemüht es sich keinen Augenblick lang um Authentizität. Denn am gewöhnlichen Publikum ist die Show im Grunde gar nicht interessiert. Sondern als kleine Entspannung für den Moloch Fernsehen selber gedacht; als erholsame Übung in Aufrichtigkeit, die vorsichtshalber unter Ausschluß der Öffentlichkeit stattfindet.  
Auch der König möcht’ mal fünfe grad sein lassen und sagen dürfen, daß er ein alter Halsabschneider ist. Darum steckt in der halben »Hypno«-Stunde praktisch alles, was das Fernsehen sich ausgedacht hat, um die Lüge, mit der es die Welt erobert – »Mittendrin statt nur dabei« (so der einzigartig dreiste Slogan des Sportkanals DSF) – zu beglaubigen; bloß steckt alles am falschen Platz. Eine fliegende Kamera rast durchs Studio, obwohl sich dort nichts so schnell bewegt, daß es verfolgt werden müßte; eine Stimme aus dem Off macht auf Livekommentar und verrät unvermittelt, daß die Bilder vom Band kommen; mit hektischen Cuts und Überblendungen, die direkt aus der »100.000 Mark Show« stammen, wird auch die letzte Möglichkeit zerstört, die eher gemächlichen Pantomimen der Opfer zu goutieren.  
Jedes zweite »Spiel« in »Hypno« imitiert populäre Fernsehprogramme, was zunächst wohl Resultat der atemberaubenden Rat- und Einfallslosigkeit der Produzenten ist. Aber im Rahmen der Selbstkastei-ung, die das Medium durch sein Medium MAIER hier übt, gestehen die miserablen Travestien ein, daß jeder unter Bann und Zwang steht, der fürs Fernsehen den Affen macht. Auch Knoke, dem die Allegorie doch immerhin den Part des Souveräns gegönnt hat, steht nicht überm System, er kann ihm nicht einmal entkommen: Immer wieder schleicht die Kamera sich von hinten an ihn heran oder sieht auf ihn herab wie Gott auf sein Geschöpf.  
Die Schlußtitel von »Hypno« laufen schon, wenn Knoke beginnt, seine Opfer aus der Trance zu befreien; ihr Erwachen wird uns vorenthalten. Der Moloch hat sich wieder zur Ordnung gerufen und erinnert uns daran, daß der Alptraum von Welt, in dem er uns gefangen hält, kein Ende hat, mag auch kurz ein Stückchen Wahrheit darin vorgekommen sein. Die Geschäfte müssen weitergehen; es folgen Nachrichten.
 
»Hypno« läuft, voraussichtlich bis zum 8. Oktober, jeden Sonntag ab 19 Uhr 25 auf Pro 7.
 
Kay Sokolowsky schrieb in KONKRET 8/95 über J. P. Reemtsmas Muhammad-Ali-Buch