Konkret 09/95, S. 46
 
Kunst & Gewerbe
 
»Wenn der Sommer  
nicht mehr weit ist«, sang Konstantin Wecker einst unnachahmlich haargenau-prophetisch, »und die Luft nach Erde schmeckt, / ists egal, ob man gescheit ist, / wichtig ist, daß man bereit ist / und sein Fleisch nicht mehr versteckt.« Summsumm: ein wunderbares Lied, summa summarum ein Lied zur Zeit. Der Sommer ist weit gediehen, viel Fleisch, gebräuntes zumal, aus dem Versteck gekommen und unverhüllt dem schutzlosen Blick gegenübergetreten. Und das Unverhüllte, es ist zumeist das Drohende, aus welchem Grund womöglich The Wrapped Reichstag mit so viel und geradezu metaphysischer Erleichterung aufgenommen worden ist.  
Doch was die Sonne an den Tag zu bringen pflegt, ist meist schon in der Nacht an seinem Platz gewesen, so tiefschwarz sie auch gewesen sein mag: »Draußen ist es tiefschwarze Nacht geworden. Eine dichte Wolkendecke hat sich vor die Sterne gelegt.« Als Kriegsberichter hat Lothar-Günther Buchheim zuzeiten, als seine beiden Vornamen ungekoppelt vor seinem Nachnamen aufzogen und er noch weit davon entfernt war, sich als entschlossener Nazigegner auszugeben, die Dinge beim Namen genannt, im »Jahrbuch der deutschen Kriegsmarine 1942« etwa, aus dem dieses unverfängliche Zitat mit zugegeben brandmarkender Absicht entnommen ist. Das »Jahrbuch« ist dem »zweiten Jahr des Großdeutschen Freiheitskampfes« gewidmet, wie der Oberbefehlshaber der Kriegsmarine, Großadmiral Raeder, im Geleitwort schreibt. Der Beitrag von »Kriegsberichter Lothar Günther Buchheim« – »Zerstörer gegen Zerstörer vor Plymouth« betitelt – schildert das Gefecht zwischen einer deutschen Flottille und dem »Feind«, Engländern, im Kanal: »Wir beobachten den ganzen Angriff. Immer neue Feuersäulen steigen hoch. Über Plymouth ist der Himmel taghell. Unsere Flieger packen zu! Irgendwo da oben am Nachthimmel hängen jetzt unsere Kameraden in ihren Maschinen und jagen auf den Feind, wie wir hier auf dem nächtlichen Meer. Ein Gefühl stolzer, sieghafter Freude mischt sich mit der ungeheuren Spannung. Wir greifen an – unsere Flieger und wir!«  
Wer hätte angesichts solcher Zeilen Buchheim »entschlossene Nazigegnerschaft«, die heimliche, im Herzen gehegte Sorte, unterstellen mögen? Es wäre schon einem Rufmord gleichgekommen, hätte ihn ein Leser damals des Pazifismus geziehen – dem immer schon angehangen zu haben sich freilich Lothar-Günther, die Vornamen-Reihe fest geschlossen, heute rühmt. 1942 wären ihm dergleichen Bekenntnisse kaum über die Lippen gekommen. Sie waren auch nicht gefragt »im zweiten Jahr des Großdeutschen Freiheitskampfes«. »Über die Zieloptik geduckt«, beschreibt Buchheim einen Angriff seines Bootes, »wartet der Torpedo-Offizier noch Sekunden, bis er die günstigste Position hat. Jetzt: _Vierfächer los! Unten schießen die silbernen Aale nacheinander in das Wasser und verschwinden zu ihrer todbeladenen Fahrt.« Als der Sieg noch gewiß schien, lag, wie es Großadmiral Raeder vorgegeben hat, »in solchem Geiste die Gewißheit des Sieges«.
 
Nur die wenigsten Menschen  
können indessen auf eine so überzeugende Stetigkeit in ihrer Biographie verweisen wie seines Großadmirals Kriegsberichter Buchheim. Anders als dieser hat sich beispielsweise Dr. Klaus Rainer Röhl beizeiten von seiner »linken Lebenslüge« verabschieden müssen. Was unternimmt er seither? Macht er jetzt in Heraldik? Nein. Sammelt er vielleicht Tischplatten? Keinesfalls. Schreibt er Leserbriefe an die »FAZ«? Wohl nicht. Oh doch, er tut’s! Tut einen Leserbrief an die »FAZ« schreiben, der am 9. August zum Abdruck kommt, und begrüßt darin einen Artikel von Otto Graf Lambsdorff aus zwei Gründen »außerordentlich«: Zum einen begrüßt er ihn deshalb, weil er »selbsternannte Saubermänner«, gemeint sind »Blockwarte eines neuen Totalitarismus«, gemeint sind »die an den Schalthebel der Medienmacht gelangten Tippelbrüder des langen Marsches«, weil Lambsdorff also die wie immer Gemeinten dahin zurückweise, »wo sie hingehören: in ihre Schranken. Will sagen: in ihre eigene, beschränkte linksliberale _Tugend -Nische«. Röhl – metapherich wie je – meint Kritiker und Gegner des Berliner Kreises der F.D.P., die in die Schranken der Nische gewiesen zu wissen ihm Genugtuung verschafft. Zum anderen aber erfolgt die leserbriefliche Begrüßung aus dem Grund, daß Graf Lambsdorff derjenige sei, der diese Weisung erteilt. Mit seinem Beitrag habe Lambsdorff den extremen rechten Flügel seiner Partei verteidigt und sie damit, wie der Leserbriefschreiber bescheinigt, für »(Millionen) Wähler wieder attraktiv« gemacht. Es wird ihm runtergegangen sein wie Röhl.
 
Der nächste bitte!  
Nachdem nun auch Monika Maron mit ihrem Auftritt als IM in der spielplanübergreifenden Endlos-Serie »Wer hätte das gedacht!« für einigen Wirbel im Sommerloch gesorgt hat, fragt sich das Publikum, welche Darsteller wohl die nächste Folge bestreiten werden. Viele können nicht mehr übrig sein, und nach sechs Jahren Laufzeit scheint die Idee der Serie, den Katalog bürgerlicher Tugenden mit lehrreichen Exempeln zu versehen, nicht mehr recht zu überzeugen. Schade wäre es aber, auf Frau Gabriele Krone-Schmalzens bitterernste Leichenrednerpose im WDR-Kulturreport, der sich unter ihrer Sprechertätigkeit allmählich in ein Haarstudio verwandelt, verzichten zu müssen.  
Überraschend bei dem Plot war aber die milde, kirchentagsgnädige Aufnahme, welche der »Nomenklatur-Kader Maron« allenthalben gefunden hat – ein operativer Vorgang, den Georg Fülberth in der »Jungen Welt« wie für »kunst & gewerbe« kommentiert hat:  
Wer ausnahmsweise mal was zu lachen hat, sollte es tun. Zum Beispiel über die Freiheitsdichterin Monika Maron aus der Deutschen Demokratischen Republik. In »Spiegel« und Fernsehen zieht sie seit Jahren über Ossis und Stasi her. Während einer Talkshow giftete sie gegen den ehemaligen Ständigen Vertreter der BRD in der DDR, Bölling, weil er während seiner Amtszeit immer um 1 Uhr nachts Polizeistunde geboten habe. Dabei wäre es für die Unterdrückten doch so wichtig gewesen, hätten sie noch bis zum Morgen mit Westmenschen zusammensitzen dürfen. Daß der »Spiegel« seine Autorin jetzt als Informantin des MfS enttarnte (Deckname: »Mitsu«), ist im Prinzip eine olle Kamelle. Denn es gilt die Faustregel: Wer so redet und schreibt wie Frau Maron, war bei der Stasi. Daß man es in ihrem Fall ausnahmsweise sogar beweisen kann, fügt dem, was man bisher riechen konnte, nur ein paar Details hinzu.  
Nachdenklich stimmt, daß die Berichte, die sie lieferte, offensichtlich von hoher Qualität waren. Dies ergibt sich zumindest aus den Auszügen, die der »Spiegel« druckte. Ihre Einschätzung Biermanns und ihre Kritik seiner Ausbürgerung sind ebenso einleuchtend wie ihre Wahrnehmung von DDR-Rückständigkeiten im Vergleich zur BRD und Westberlin. Es zeigt sich erneut: Mielke suchte sich nicht die Schlechtesten aus. Seine Anwerber nörgelten allerdings, Frau Maron habe ihre Dienste aus eigensichtigen Gründen angeboten. Das kann aber kein Vorwurf sein. Kommunismus ist kollektive Vorteilssuche, und diese schließt die individuelle nicht aus. Hat man irgendwann gerafft, daß die stärkeren Bataillone auf der kapitalistischen Seite sind, gebietet die Treue zu sich selbst eine andere Option. Einige Nomenklatur-Mitglieder, zu denen Frau Maron ja gehörte, waren hierin besonders schnell. Im Grunde handelt es sich um einen späten Sieg des liberalen Prinzips. Daraus erklärt sich auch die jetzige Milde der »FAZ« gegenüber der Gefallenen: Im zusammenwachsenden Deutschland bleibt Elite unter allen Bedingungen Elite.  
Falls Sie, geneigte Leserin und lieber Leser, nun auf eine Täterakte Biermann warten, haben Sie sich getäuscht. Die gibt es nicht. Auch Ihre Vermutung, das sei zwar in der Gegenwart richtig, nicht aber unter allen Umständen in der Vergangenheit, denn schließlich seien unter Modrow ja die Top-Materialien vernichtet worden, geht ins Leere. In diesem Fall werden Sie sich weiter auf Ihre Nase verlassen müssen.
 
»Falsche Aufregung«:  
So ist im Juliheft von »1999. Zeitschrift für Sozialgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts« ein Kommentar von Heinrich Senfft zu John Sack überschrieben, anläßlich dessen richtige Aufregung durchaus angebracht ist. Sack, zur Erinnerung, ist Verfasser jenes Skandalreports Auge um Auge, in welchem mit der Schilderung von Racheakten polnischer Juden nach dem Ende des Krieges NS-Täter und sonstige Deutsche zu Opfern stilisiert werden. In Deutschland konnte das Buch, nach dem Rückzug des Piper Verlages, im Hamburger Kabel Verlag (Motto: »Lebenshilfe zum Verschenken«) erscheinen.  
Senfft findet die Aufregung, die das Erscheinen des Buches ausgelöst hat, nicht richtig, sondern ganz falsch. »Was ist das für ein Land«, ruft er die Götter an, »dem man die historische Wahrheit, in welchem Kleide auch immer, nicht vermitteln darf, weil nicht ausgeschlossen werden kann, daß sie – wie alles – in falsche Hände geraten könnte?« Sack stellt er als einen »in den USA höchst angesehenen Journalisten« vor, der Bücher schrieb, u.a. »eines über den US-Leutnant Calley, der den verbrecherischen Krieg der USA in Vietnam durch seine Greueltaten in My Lai vollends in Verruf brachte«. Ach ja, die armen Amerikaner, unsere Jungs von drüben, mit den besten Absichten sind sie nach Vietnam gezogen und nur durch die unnötige Greueltat eines Mannes in Verruf gebracht worden.  
Aufgrund der falschen Aufregung habe Sacks Buch es schwer in Deutschland, schreibt Senfft, nachdem er Inhalt und Verlagsgeschichte des »kolportagehaften Tatsachenromans« dargelegt hat: »Die allgemeine Verkrampfung hat zugenommen, antifaschistische Pflichtübungen sind an der Tagesordnung.« Und zu diesen möchte sich der Kommentator Senfft – wie er auch anderweitig bekanntgegeben hat (vgl. Gremlizas Ganghofer im Wunderland, S. 119) – in einer Zeit, wo faschistische Angriffe auf Ausländer und Leugnung von NS-Verbrechen an der Tagesordnung sind, auf keinen Fall hinreißen lassen. Statt dessen geruht er, Sacks Machwerk zur Lektüre aufzugeben, von dem nicht ausgeschlossen werden kann, daß es in die richtigen Hände gelangt.
 
Ein Schiff für Muroroa  
kann KONKRET, wiewohl in Hamburg verlegt, nicht entsenden, um wie andere Drucksachen dieses Landes gegen die französischen Atomtestversuche dort zu protestieren. Anders als Greenpeace verfügt die Schriftleitung über keine seetüchtigen Freiwilligen, und die Leserschaft hat noch nicht wieder jene Stärke erreicht, daß die womögliche Verstrahlung eines Teils von ihr ohne weiteres zu verschmerzen wäre. Die Schriftleitung hat sich aber entschlossen, ihr Nein zu den Versuchen nachdrücklich dadurch kundzutun, daß alle in den vorstehenden Zeilen enthaltenen aus dem Französischen stammenden Fremdwörter getilgt und durch deutsche ersetzt worden sind. Möge dieses symbolische Aufbegehren, neben der Verweigerung französischer Spezereien, die Verantwortlichen in Lutetia zur Umkehr bewegen.  
Rayk Wieland
 
Szene Marketing  
Popkomm, die eben zu Ende gegangene Kölner Messe für Popmusik und Entertainment, stand diesmal ganz im Zeichen kulturindustrieller Notmaßnahmen zur Rettung der Marktsegmente »Underground« und »Subkultur«. Die Glaubwürdigkeit der Mythen über popkulturelle Dissidenz und Subversion hat in den letzten Jahren derart gelitten, daß sich die Musikindustrie, die in diese Genres viel Geld investiert hat, zu Stützungsaktionen genötigt sah. Neben einem imposanten Aufgebot an (west-)deutschen »Underground-Bands« (u.a. Tocotronic, Svevo, Kastrierte Philosophen, Knochen=Girl, Anarchist Academy, Fettes Brot), Sound Systems (Silly Walks, Dub Me Ruff, Downbeat) und alternativen Entertainern (Droste, van Dannen), wurde auch der Diskurs organisiert. Veranstaltungen fanden u.a. zu folgenden Themen statt: »Das war vor Jahren – Ist Großbritannien noch Europas Pop-Nation Nr. 1?«, »Rap-Nation Europa – Von der Importkultur zur regionalen Identität« (vgl. dazu KONKRET 7/95: »Krauts With Attitude«), »MTV & Spex. Alternative Nation«, »Viva & BMW – Die Kooperation«, »WarChild – Hilfe für bosnische Kinder«, »Am Katzentisch von Feuilleton und Wirtschaftsteil? – Über den gesellschaftlichen Wert der Popmusik« und »Zwischen Ausverkauf und Hype – Szene Marketing«. There are many routes to the goal!  
Patrick Grad