Konkret 09/95, S. 10
 
Herrschaftszeiten
 
Leid 1  
Jürgen Habermas, der greise Mahner und Quaßler, stöhnt vor dem »Spiegel«, er habe »Bauchschmerzen«, es »zerrt an den Nerven«, ein »Abgrund von Trauer« habe ihn überfallen, es sei »furchtbar« und sein »Herz« sei »schwer«, kurzum: Er ist bloß noch ein Wrack. Warum? Weil der Stellvertreter Adornos im Milieu sich qualvoll dazu durchgerungen hat, Deutschlands dritter Kriegserklärung in diesem Jahrhundert den Segen der Frankfurter Volkshoch-Schule zu geben, der Bedauernswerte.
 
Leid 2  
Wie Habermas (Schäuble, Duve, Fischer, Rühe undsoweiter) quält sich auch der Ralph Giordano:  
Mir stockt die Hand, während ich diese mir selbst gegen allen Willen und jede Neigung abverlangten Worte schreibe.  
Die Hand stockt 192 gegen jede Neigung abverlangte Zeilen lang, um mitzuteilen, daß Deutschlands »Militäreinsatz in Bosnien unvermeidlich geworden« sei, um dem »Furor serbiens« und »diesen schlimmsten Greueln unserer an Greueln wahrlich nicht armen EpocheEinhalt zu gebieten«. Auf der gleichen Seite (der »Tageszeitung«) neben dem gleichen haargesträubten Autorenporträt hatte Giordano ein paar Tage zuvor apropos Hiroshima geschrieben, es sei  
auch in Japan die gleiche ökonomische Elite gewesen, die den Ton angegeben und die Macht in ihren Händen behalten hat. Aus den Rüstungskonzernen erwuchsen die Manager der japanischen Nachkriegsgesellschaft, die Technokraten der Vernichtung schufen die Grundlagen für die weltweite Exportindustrie...  
Auch in Japan. Und das von der gleichen ökonomischen Elite beherrschte Deutschland, die nach 1945 die Macht in ihren Händen behalten hat, muß nun mit Bomben und Granaten noch einmal den schlimmsten Greueln unserer an Greueln wahrlich nicht armen Epoche Einhalt gebieten. In solches Gedränge des Intellekts und der Moral gerät, wer der Bourgeoisie in den Hintern tritt, in den er kriecht. (Oder soll Rühe nur dafür sorgen, daß Giordanos härtester Konkurrent um die schönste Frisur ausgeschaltet wird: Karadzic?)
 
Noltissimo  
Eine den Deutschen von ihren Umerziehern aufgezwungene Geschichtsschreibung ging so: Nach dem Überfall der Wehrmacht auf Jugoslawien hätten die Nazis dort viele eifrige Kollaborateure gefunden, vor allem unter den Kroaten, die vor den Augen der Besatzer 700.000 Serben hätten abschlachten dürfen, aber auch unter den bosnischen Muslimen und den Slowenen; trotz vieler Geiselerschießungen und anderer Kriegsverbrechen sei es den Deutschen und ihren Hilfswilligen nicht gelungen, die jugoslawischen Partisanen auszurotten, die (unter Führung des Kroaten Josip Broz, genannt Tito) am Ende die Nazis vertrieben und die heimischen Kollaborateure bestraft hätten. In der »Frankfurter Allgemeinen«, in der vor Jahren der Nazi-Professor Ernst Nolte die Auschwitz-Lüge richtiggestellt hatte, stellt nun sein Förderer, der Herausgeber Johann Georg Reißmüller, die Jugoslawienlüge richtig:  
Als im Herbst 1943 die neue, die deutsche Besatzungsmacht die Herrschaft übernahm, bildete sie aus den Dorfwachen das slowenische Heer der »Domobrancen«. Diese Truppe schützte ziemlich wirksam die Bevölkerung im besetzten Gebiet vor den Partisanen, wobei sie an einigen Orten Terror mit Terror vergalt.  
Doch auch mit Verrat, Folter und Mord gelang es ihnen nicht, ihre Gönner zu retten, und so kam, was kommen mußte:  
Niemand als die kommunistischen Partisanen hatte nach dem Kriegsende die Macht über Leben und Tod in Slowenien. Sofort brachten sie alles, was sie als feindlich betrachteten, in Lager.  
Sogar, man glaubt es kaum, wen?  
Ende Mai füllten sie das Lager mit slowenischen Domobrancen. 60 Offiziere erschossen sie gleich hier, weitere Massenerschießungen folgten. Aber die meisten der... Domobrancen schafften sie zum Töten weit fort,  
anstatt mit ihnen zu verfahren, wie die Nachkriegsdeutschen (West) in Frankfurt und anderswo im allgemeinen mit den Auftraggebern der Domobrancen verfuhren, nämlich sie zu Richtern, Staatssekretären, Bundeskanzlern zu berufen. Und zu Herausgebern, die wenigstens nachträglich die Wunden der alten Kumpane mit deutschem Heil behandeln wollen:  
In der kleinen slowenischen Stadt Sostanj sieht man auf Schritt und Tritt gut erhaltene Gedenktafeln mit rühmenden Inschriften für gefallene kommunistische Partisanen. Der von den Partisanen Ermordeten wird hingegen an abgelegenem Ort gedacht, auf einem Hügel vor der Stadt, wo selten jemand hinkommt.  
Ob Volker Rühes schnelle Eingreiftruppe auch da mal schnell eingreifen wird?
 
Pimpfschein  
Das Rätsel, warum die einst mit australischen Ureinwohnern auf linkem Ticket reisende »Gesellschaft für bedrohte Völker« sich als rabiate völkische Propagandaeinheit entpuppte, wird von ihren neuen Freunden im Nazi-Blatt »Junge Freiheit« beschrieben:  
Gründervater der GfbV ist Tilman Zülch. Schon früh wurde er für das Thema Minderheitenverfolgung sensibilisiert. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat er als Kind das Flüchtlingselend aus Ostpreußen, Schlesien und dem Sudetenland hautnah miterlebt. Nicht zuletzt war es sein Wirken in der »Bündischen Jugend« der Nachkriegszeit...
 
Das erklärt’s.  
Zivilisation  
Nachdem Erich Mielke seine Strafe dafür, daß er zwei deutsche Polizisten daran gehindert haben soll, 1933 in die SA zu gehen und später bei der Einsammlung von Juden und Roma mitzuwirken, abgesessen hatte, wurde dem Freigelassenen Polizeischutz vor eventuellen deutschen Freiheitshelden gewährt. Aus ungeklärten Gründen scheint die dekadente Berliner Senatsverwaltung Lynchjustiz sogar in diesem Fall abzulehnen. Gottseidank sind nicht alle von der Blässe solcher Humanitätsduselei angekränkelt. Gegen Mielkes Schutz protestierten: der Bund der Steuerzahler (»Verschwendung von Steuergeldern«) und die Berliner SPD (»überflüssig«).
 
Ernte 95  
Nach einem langen Winter und herben Verlusten bei den rund 17.000 Bienenvölkern Mecklenburg-Vorpommerns rechnen die Imker in dieser Saison doch noch mit blühenden Geschäften. Die Wärme der vergangenen Wochen habe die Blüten in Wald und Flur reichlich gefüllt, so daß jedes der Bienenvölker mit rund 25 Kilogramm etwa ein Viertel mehr sammeln wird als im Durchschnitt der letzten Jahre, meldet die frühere DDR-Agentur ADN, und daß sich der oberste Imkerfunktionär Mecklenburg-Vorpommerns darüber freut. Er ist neu im Kapitalismus, er weiß noch nicht, daß Rekordernte ein Synonym für Katastrophe ist.
 
Propaganda  
Heute, so meint die Publizistin Sibylle Tönnies, gehört die Linke zu den gefährlichsten Kriegstreibern.  
Mit diesem großgedruckten Satz kündigt die »Tageszeitung« auf ihrer Titelseite einen Beitrag an, in dem dann das genaue Gegenteil des Angekündigten steht:  
Tatsächlich stellen die ehemaligen Linken das gefährlichste kriegstreibende Potential dar.  
Nicht an der Linken hat Frau Tönnies Kriegstreiberei festgestellt, sondern an den ehemaligen Linken: an Cohn-Bendit, Fischer, Duve und der »Tageszeitung«.
 
Monika Maron singt  
Text: Erich Mielke  
Musik: Justus Frantz  
Mitsou  
Es war am Fudschijama,  
im Kirschenparadies,  
er war aus Yokohama  
und fand sie einfach süß!
 
Mitsou, Mitsou, Mitsou!  
Mein ganzes Glück bist du!  
Den Kimono trägt keine  
so schick wie du alleine.  
Mitsou, Mitsou, Mitsou!  
Was sagst denn du dazu?  
Ich weiß was für uns beide,  
das wär so schön,  
Mitsou.
 
Heute abend ist Laternenfest,  
wo sich manches gut beraten läßt.  
Wenn der Mond scheint in der Lotoszeit,  
ist die Liebe nicht mehr weit!
 
Mitsou, Mitsou, Mitsou!  
Mein ganzes Glück bist du!  
Laternen in den Bäumen,  
die laden ein zum Träumen,  
Mitsou, Mitsou, Mitsou!  
Was sagst denn du dazu?  
Wir wollen nichts versäumen  
vom großen Glück,  
Mitsou.
 
Heute abend ist Laternenfest---
 
Mitsou, Mitsou, Mitsou!  
Mein ganzes Glück bist du!  
Lampions auf allen Wegen  
und hoffentlich kein Regen.  
Mitsou, Mitsou, Mitsou!  
Komm doch zum Rendez-vous.  
Und hast du nichts dagegen,  
dann küß ich dich,  
Mitsou.
 
Heute abend ist Laternenfest---
 
Es war am Fudschijama  
zur Kirschenblütenzeit,  
da nähte sie aus Seide  
ein weißes Hochzeitskleid!
 
Text: Georg Buschor; Musik: Christian Bruhnc 1961 by Hansa Musik,Edition Intro Gebr. Meisel, Berlin  
(Näheres siehe unter »Kunst & Gewerbe«, S. 46)