in konkret Dezember 1990

von konkret
 
an konkret
 
Blockwart, sauber von Hermann L. Gremliza
 
An einem Strang von Thomas Ebermann
 
Ein Blick auf die Mittel, mit denen die BRD die ehemaligen Sieger vor sich hertreibt und Europa fest in den Griff genommen hält, läßt ahnen, was vom größeren Vierten Reich zu erwarten ist.
 
Gesamtmetall, der Verband der metallindustriellen Arbeitgeber, feierte seinen 100. Geburtstag. Gesamtmetall ist stolz auf seine Geschichte, deren Weg von Leichen gesäumt ist, und will ihr in Zukunft Ehre machen
 
Für die »Deutschen« im Elsaß interessieren sich weder Vertriebenenverbände noch Bundesregierung, das politische Verhältnis zu Frankreich geht vor Erhalt des »Deutschtums«. Anders in der Tschechoslowakei, der Sowjetunion oder Polen. Hier geben sich regierungsgesponserte Organisationen wie der »Bund der Vertriebenen« (BdV) oder der »Verein für das Deutschtum im Ausland« die Klinke in die Hand, darauf hoffend, in die »alte Heimat« rückkehren zu können und diese eines Tages in der einen oder anderen Form »heim ins Reich« zu führen. Deutsche Minderheiten in Osteuropa sind nach dem Zusammenbruch des »realen Sozialismus« mehr denn je Katalysator von Versuchen, jene Gebiete ökonomisch und politisch zurückzugewinnen, die auf den Landkarten von 1931 als »deutsche« eingetragen sind. Ein Überblick
 
In den Jahren 1989/90 hat die Linke ihren weltgeschichtlichen Bezugsrahmen verloren – das heißt: Es gibt sie nicht mehr
 
Über Adelheid Streidel, Dieter Kaufmann und das Milieu, das die Exekutoren seines Wahns verrät
 
Linke Organisationen gibt es immer noch zuhauf, die gemeinsame Basis für linke Debatten ist dagegen zerbröckelt. Ein Überblick über die Opposition, die nocheinmal von vorne anfangen muß
 
Deutschland ist wiedervereinigt, jetzt soll das Gemeinschafts-Gefühl entwickelt werden: »Sich zu vereinigen, heißt teilen lernen«, sagt der Bundespräsident, und im Bundestag wird am Gesetz für einen sozialen Pflichtdienst gearbeitet. Die Rhetorik schöpft aus dem alternativen Begriffsarsenal: Die »Ökologie des Sozialen« ist gefragt, Nachbarschaftshilfe und Dienst am Menschen, statt an der Waffe – wir sollen eine Sozialgemeinschaft werden
 
Die Wiedervereinigung, so wird seit einem Jahr aus erfindlichen Gründen von einstigen Oppositionellen behauptet, biete auch Chancen. Die Auseinandersetzung um den Paragraphen 218 dient als Paradebeispiel dafür, was alles möglich sein könnte. Tatsächlich hat sich in der Paragraph 218-Diskussion aber anderes getan, als derlei Hoffnungen vermuten lassen. Die Forderung nach Streichung des Paragraphen wird kaum mehr gestellt, die eugenische Indikation wird selbst von grün-alternativen Politikerinnen für wichtig gehalten, und gegen die drohende Zwangsberatung regt sich bei den Parteipolitikerinnen wenig Protest
 
Sein oder Wohnungsnot von Oliver Tolmein
 
1914 glaubten die Sozialdemokraten, durch die Bewilligung der Kriegskredite die Herrschenden zum Verzicht auf das Drei-Klassen-Wahlrecht bewegen zu können. Im Mai 1933 signalisierten die sozialdemokratischen Abgeordneten mit dem Absingen des Deutschlandliedes im Reichstag ihre Bereitschaft, auch unter Hitler noch deutsche Politik mitzugestalten. Das nationale Engagement der organisierten Arbeiterbewegung war stets großer als ihre größten Erfolge
 
Mit nationalen Parolen versuchten die Kommunisten nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Bourgeoisie ihres Landes fertig zu werden. Können, dürfen Linke und Kommunisten auf kleinerem oder größerem deutschen Boden national sein, nach zwei Weltkriegen und dem Nationalsozialismus?
 
Von der Assistentin Theodor W. Adornos zur Exekutorin ökopazifistischen Schwachsinns: Zwar sind die Pläne, nach denen die Nürnberger Kulturreferentin Karla Fohrbeck das ehemalige NS-Reichsparteitagsgelände zu einem zentralen Ort der »freiwilligen Versöhnung« umgestalten wollte, vorerst vom Tisch, geblieben aber sind Gefühlskitsch und Wahnvorstellungen, die in jenen sich nur exemplarisch niedergeschlagen haben. »Verstehende Baumpflanzungen« im »Friedenshain«, Bibelzitate und die Bitte um »Gnade« für die Opfer des Nationalsozialismus – das Gedankengut der Alternativ- und Friedensbewegung ist stilbildend für den Umgang der Deutschen mit ihrer Vergangenheit geworden
 
Schon der Titel der Veranstaltung erregte den Unwillen der Bundestagsverwaltung: »Kein schöner Land – Wunden von Anfang an /Restauration einer Großmacht mit Vergangenheit«. Die Europagruppe der Grünen hatte Widerstandskämpferinnen und Widerstandskämpfer, Verfolgte des NS-Regimes aus aller Welt eingeladen, um zur deutschen Wiedervereinigung Stellung zu beziehen. Verbieten ließ sich diese Anhörung schlecht, also wurde sie bürokratisch sabotiert, so gut es ging: »Aus Sicherheitsgründen« wurden die militanten Antifaschisten von einst durch den gutbewachten Lieferanteneingang geschleust; das Transparent mit dem Veranstaltungstitel durfte im Anhörungssaal nicht aufgehängt werden, weil der Bundestag »das Parlament aller Deutschen« sei und deswegen auf jeden Fall das Mißverständnis vermieden werden müsse, er identifiziere sich mit dem Titel; auch von den Einladungen und Materialmappen mußte das Signet abgekratzt werden; ein Büchertisch, auf dem auch Bücher der Gäste ausliegen sollten, wurde verboten, weil er die »Würde des Hauses« verletze. Obwohl eingeladen, glänzten die Bundestagsabgeordneten von CDU, CSU, SPD, FDP, PDS und auch die allermeisten Grünen durch Abwesenheit, ebensowenig interessierte sich die bundesdeutsche Presse für die Sicht der knapp zwanzig Menschen aus Israel, Polen, den Niederlanden, Belgien und der BRD, die den deutschen Faschismus bereits einmal bekämpft haben. Zu der in jeder Hinsicht denkwürdigen und einzigartigen Veranstaltung, auf der einmütig wie sonst nie in der BRD, das Verbot nazistischer Gruppen gefordert und die Wiedervereinigung abgelehnt wurde, waren gerade einmal hundert vereinzelte Menschen aus der BRD gekommen. Wir dokumentieren den geringfügig gekürzten Eröffnungsbeitrag der ehemaligen Partisanin Chajka Grossmann
 
Ein Nachruf auf Robert Antelme, der in seinem Buch »Das Menschengeschlecht« den Prozeß der fortschreitenden Enthumanisierung im Konzentrationslager beschrieben hat
 
Raul Hilberg: Die Vernichtung der europäischen Juden. Durchgesehene und erweiterte Ausgabe, Fischer Taschenbuch Verlog, Frankfurt/M. 1990, 3 Bände, zus. 1351 Seiten, 39.80 Mark
 
Nach dem Bundesentschädigungsgesetz stehen »Feinden der freiheitlich demokratischen Grundordnung«, also Kommunisten, Wiedergutmachungsleistungen für erlittene NS-Verbrechen nicht zu. Jetzt droht den in der ehemaligen DDR lebenden Verfolgten des NS-Regimes neben anderen Verschlechterungen auch die Streichung ihrer bisherigen Ehrenrente
 
Unter dem Beifall der kommunalen Kulturverwalter, zum Jauchzen der Szene und unterstützt von einem älteren Bordellwirt machen in Hamburg ehemalige Kommunisten und Protagonisten schwuler Emanzipation ein »alternatives Volkstheater«. Wehe dem, der da nicht lacht