Konkret 06/90, S. 74  
Hermann L. Gremliza  
Gremlizas express
 
Als ich im Januar schrieb, mit einem mittleren Kredit im Gepäck ließen sich demnächst jene polnischen Offiziere finden, die gestehen, den Überfall auf den Sender Gleiwitz kommandiert zu haben, wurde gelacht. Jetzt weiß ich noch was Lustigeres: Gegen ein Zeilengeld von DM 2,00 wird die »Frankfurter Allgemeine« einen stellvertretenden Vorsitzenden des sowjetischen PEN-Clubs finden, der in einer »internationalen Gastkolumne« schreiben wird:  
Damit irgendwann einmal ein heilsames Vergessen eintreten kann, müssen erst einmal die Russen sagen, die Deutschen seien im Krieg Menschen gewesen und die Russen Tiere.  
Hat ihn schon gefunden, die »FAZ«, den Anatoli Streljanyi, am 9. Mai 1990. Wenn das Angebot steigt und die Nachfrage sinkt, fallen die Preise, sagt Marx. Ob die Entschuldigung der Roten Armee für ihre Hungerblockade Leningrads in einem halben Jahr noch etwas bringt? Die Anbieter seien gewarnt: Das Zeilengeld von der »TAZ« reicht nicht mal für den Eintritt zum Zoo.
 
Richard von Weizsäcker, die Maria Helbig der progressiven Überbauarbeiter, also sozusagen der Poliere des Fortschritts, war auf Tournee in Polen, wo er seine Strophe des vierten Deutschlandlieds vorstellte:  
Wenn Deutsche und Polen eine gemeinsame Zukunft finden wollen, so wird dies nur in ehrlicher Erinnerung an die Vergangenheit gelingen.  
Hat er das nicht schön begonnen? Endlich ein deutscher Präsident, der nicht um die Katze herumredet wie heißer Brei, sondern die Polen ehrlich an die Vergangenheit erinnert und gleich dazusagt, daß aus ihrer Zukunft nichts werden kann, wenn sie sich seinem Beispiel nicht anschließen. Denn, fuhr er fort,  
für ungezählte Deutsche hat es ein unmenschliches Schicksal gegeben, als sie aus ihrer angestammten und geliebten Heimat vertrieben wurden. Sie wurden gewaltsam entwurzelt, viele verloren das Leben, und die Wunden heilen nur langsam. Wir können in der Geschichte unserer beiden Völker nichts miteinander vergleichen, nichts gegeneinander aufrechnen.  
Anders gesagt, liebe Pollacken: Es war Schicksal, das es gegeben hat, und bloß weil Ihr Eure Toten gezählt habt, unsere Entwurzelten aber ungezählt sind, könnt Ihr doch jetzt nichts vergleichen und berechnen wollen. Kurzum: Ihr kriegt nichts. Ich war schließlich schon einmal hier, und da habt Ihr sogar auf mich geschossen – ohne Rücksicht auf meine schnieke Leutnantsuniform. Wenn also schon gerechnet werden soll, dann muß minus mal minus gleich plus bleiben:  
Vor einem Vierteljahrhundert sagten die polnischen Bischöfe am Ende des Zweiten Vatikanischen Konzils »Wir vergeben und bitten um Vergebung.« Das ist die befreiende Kraft des Geistes und der Wahrheit... Deshalb bin ich für die Worte des Verständnisses, die auf polnischer Seite dem Leid von Deutschen gewidmet worden sind, herzlich dankbar.  
Und weil Ihr Euch nun lange und brav genug für den Überfall des Schicksals entschuldigt habt, will auch ich nicht so sein:  
Die heutige Westgrenze Polens bleibt unangetastet.  
Was, da staunt Ihr? Das hättet Ihr nicht erwartet. Ist mir auch nicht leicht gefallen. Aber bitte keine falschen Schlüsse:  
Wir Deutschen sagen dies nicht, um menschlich erlittenes Unrecht zu legitimieren, wir sagen es in bleibender Verbundenheit mit dem schweren Los unserer Landsleute, die Haus und Hof, Dorf und Heimat verloren haben,  
von Partei und Reich, Dienstpersonal und Arbeitsplätzen an den Gasöfen nicht zu reden. Dennoch, wie bereits mehrfach gesagt, vergeben wir Euch. Ehrlich, Ihr dürft Eure Grenze behalten. Wir sind nämlich zu der befreienden Kraft der Wahrheit gekommen, daß es  
zwischen Polen und Deutschen, wie in ganz Europa, nicht um das Ziel geht, Grenzen anzuerkennen, damit sie uns besser gegeneinander abgrenzen. Ganz im Gegenteil. Sie sollen ihren trennenden Charakter verlieren,  
damit wir bei Euch mit Mark und Maus einziehen können, ohne daß Ihr vorher einen deutschen Rundfunksender überfallen müßt. Ja der Richard von Weizsäcker ist ein großer Meister des Vergebens und Vernehmens, und nichts erkennt er, tätige Reue der Undeutschen vorausgesetzt, lieber an als Grenzen, die keine mehr sind:  
Aus Grenzen sollen Brücken werden. Wir wollen nicht die Berliner Mauer abreißen, um sie an Oder und Neiße neu aufzubauen. Und wir bitten auch Sie, den Gedanken der offenen Grenze zu fördern.  
Nicht wie in Berlin gestern soll es morgen an Oder und Neiße sein, sondern so wie in Berlin morgen und an Oder und Neiße vorgestern, als ein Leutnant unkontrolliert über die Brücke kam. Damals freilich noch nicht auf dem Weg der Vergebung.
 
Der Satz des Jahres 1990 heißt:  
Deutschland muß Rücksicht auf die Sorgen seiner Nachbarn nehmen.  
Gesagt oder geschrieben haben ihn alle: Kohl, Vogel, Brandt, Lambsdorff, die »Frankfurter Allgemeine«, die »Frankfurter Rundschau«, die »Süddeutsche«, der »Spiegel«, der »Stern«. Keiner verstand ihn als Ankündigung, der eine Beschreibung dessen folgen müßte, was die Deutschen deshalb zu tun oder zu unterlassen hätten. Der Satz ist vielmehr Ankündigung und Resümee zugleich, wer ihn nur ausspricht, hat damit nicht nur gezeigt, daß er gewillt ist, auf die Sorgen der Nachbarn Rücksicht zu nehmen, sondern er hat, indem er den Satz sprach, die verlangte Rücksicht bereits genommen. Und noch in Jahren werden sie zum Beweis, daß sie damals Rücksicht genommen haben, mit dem Nachweis aufwarten, sie hätten mehrfach wörtlich gesagt, Deutschland müsse Rücksicht auf die Sorgen seiner Nachbarn nehmen, und es sei im Protokoll nachzulesen:  
Soll die Metropole Hauptstadt werden? Berlin oder Bonn. Deutschland muß Rücksicht auf die Sorgen seiner Nachbarn nehmen.  
Von Marion Gräfin Dönhoff. Sie nimmt Rücksicht:  
Der Entschluß, Berlin zur Hauptstadt zu machen, würde ein falsches Signal setzen... Auch würde es fraglos den anderen Europäern Sorge einflößen.  
Das Signal nämlich – aber das hatten wir schon. Und was tut man dagegen? Man erklärt ihnen, daß sie von ihren Sorgen keine Ahnung haben:  
Für sie alle steht Berlin fälschlicherweise für preußischen Militarismus, deutschen Größenwahn, autoritären Zentralismus, für Pickelhaube und Kommißstiefel. Fälschlicherweise, denn die Identifizierung von Preußen und Nationalsozialismus ist unzutreffend.. Schließlich stimmt es auch nicht, daß die Bevölkerung Berlins so besonders begeisterte Nazis waren.  
Was waren die Bevölkerung dann?  
Bei der letzten freien Wahl im März 1932 erzielte die NSDAP nur 22 Prozent der Stimmen ... Es ist merkwürdig, daß man auch in aufgeklärten Zeiten falsche Geschichtsbilder verbreiten und verfestigen kann. Offensichtlich ist es eben so, daß nicht die Fakten der Geschichte das Entscheidende sind, sondern die Vorstellung, die sich die Menschen von den Fakten machen. Darum muß man Vorurteile sehr ernst nehmen und sich immer wieder bemühen, sie auszuräumen.  
Nachdem Frau Dönhoff etwas Geschichtsunterricht gegeben und die Sorgen der Nachbarn als Vorurteile überführt hat, die man zwar auch sehr ernst nehmen, aber ausräumen müsse, macht sie einen Vorschlag zur Güte:  
Zwischen den beiden Weltkriegen war Berlin die kosmopolitische Hauptstadt Europas. Auch heute könnte die Stadt mit ihren 180 wissenschaftlichen Instituten, den Theatern, Museen, der Oper und einem äußerst kompetenten Publikum wieder als Weltstadt weit über die Grenzen hinaus wirken. Den nationalen Aspekten wäre Genüge getan, wenn der Bundespräsident nach Berlin übersiedelte...  
Nun könnte es ja sein, daß der Eindruck, den die Aufklärerin mit dem Hurra auf die kosmopolitische Welthauptstadt und der Kontrastierung von 22 Prozent Nazis mit 2 Promille äußerst kompetenten Pavarotti-Fans auf die besorgten Nachbarn macht, deren Vorurteil eher bestätigt als ausräumt. Deshalb:  
Laßt uns Bonn als effiziente administrative Hauptstadt behalten... und Berlin zum geistig-künstlerischen Kulturzentrum machen. Doch wie immer die Entscheidung fallen sollte, wichtig ist, daß sie bald getroffen wird, sonst ergreifen Spekulanten die Macht in Berlin.  
Hat davor nicht schon mal einer gewarnt? Sollten die Sorgen der Nachbarn aus dem Vorurteil erwachsen, daß in Deutschland die Lösung der nationalen Frage stets mit der Bekämpfung von Spekulanten beginnt? Dann stellte sich am Ende heraus, daß Rücksicht auf die Sorgen der Nachbarn nur dadurch zu nehmen wäre, daß die nichts mehr zu sagen hätten, die sagen, Deutschland müsse Rücksicht auf die Sorgen seiner Nachbarn nehmen.