Konkret 06/90, S. 66  
Ernst Kahl  
Bloß keine Besprechung!  
»Der reife Bernstein« (Henscheid) hat ein »Lehr; Lust; Sach- und Fachbuch sondergleichen« herausgegeben, das Sie, liebe Leserin, lieber Leser, bis morgen Abend gekauft haben werden  
Nein, ich werde dieses Buch nicht besprechen! Was höre ich flüstern? »Da will sich einer drücken!« »Ach?« »Ja, der kann das nämlich gar nicht!« »Was?« »Na, besprechen!«  
Und ob er kann! Frau Rosengarn lehrte es mich, als ich ein kleiner Bub war, und das kam, so würde nun eine wahre Geschichte beginnen, doch die laß ich mal weg, weil soviel Platz steht einem in diesem Heft nun auch wieder nicht zur Verfügung.  
Ötte Oellig hatte Mundfäule. Da nahm ihn seine Mutter bei der Hand und ging mit Ötte zu Doktor Lingnau. Der beäugte das Dermadrom und setzte sich an den Schreibtisch und schrieb ein Rezept. Das gab er der Mutter mit den Worten: »Dreimal pro Tag Wände der Rachenhöhle und Zunge einstreichen.« Nach spitzem Blick auf Doktor Lingnaus genialisches Schriftbild mixte der Apotheker eine Tinktur und füllte diese in eine braune Flasche. Zwei lange Wochen ließ Ötte sich nun täglich die bröckeligen Innenfassaden seines Mundes bepinseln, doch es nützte nichts, die Fäule lachte nur. Wenn er redete, entwich unserem Häuptling ein bärenstarker Geruch, wir wählten ihn ab und ließen das Indianerspielen mit ihm sein. Wieder wurde Ötte bei der Hand genommen. Heute aber ging's zur Rosengarn, der Dorfhexe. Zum Besprechen. Vor Öttes weit geöffnetem Mund zeichnete ihr dürrer Mittelfinger magische Figuren und Kreise. Dabei murmelte sie Zauberformeln. In einer Sprache, die war nicht von dieser Erde.  
Es vergingen zwei Tage, da hatte Ötte einen Gaumen, ich sage Ihnen, rosig und glatt wie der eines Neugeborenen. Warzen auf Bruder Karls Handrücken. Was tun? Beträufeln mit dem weißen Saft des Warzenkrauts bei Vollmondbeleuchtung? Dummer Aberglaube! Ein Besuch bei Frau Rosengarn, und schwupp, schon hatten sich die kleinen braunen Hauthügel verkrümelt. Kurz vor ihrem Ableben nahm die Alte mich in die Lehre. Ich wurde in die Kunst des Besprechens eingewiesen.  
So. Und nun kommt Frau Heinrichs, gute Fee des Konkretkonzerns, und sagt: »Kahl,« sagt sie, »dies hier«, sie deutet auf ein Paket, »dünkt uns eine Besprechung wert, und wir dachten, daß du...« Ich schau gar nicht groß nach, wahrscheinlich wieder 'ne überflüssige Warze. Die besprech ich doch gerne.  
Zuhause dann, nach dem Auspacken (Huch, ein Buch!), beim ersten Durchblättern, Betrachten, Anlesen ..., nee, das ist zu schön, zu schön, um von mir besprochen zu werden.  
Ein Kunstbuch? Ein kunsttheoretisches Buch? Ein Buch über Künstler? Zugegeben, Gewicht und Format schüchtern mich zunächst etwas ein. Ich hab da meine Erfahrungen mit schweren Bänden, was brauchte ich nicht schon alles, um Eingang in sie zu finden. Bergsteigerausrüstung, Tiefseetaucheranzug, Blitzableiter. Für Bernsteins Buch der Zeichnerei brauche ich nur eine Taschenlampe. Die Batterie ist fast alle, sparsam sein mit Licht, Kahl. Bernstein führt. Dunkel die Höhle, das Ziel der Kunstexpedition. Er flüstert: »Einmal abgesehen von Tierfischzucht, Maschinenbau, Liebe, Alltag, Kernkraftwerken, Tischfußball und Krieg und Frieden gibt es, möcht ich meinen, keinen anderen Tatbestand, über den soviel Unfug geschrieben (gesagt) wird wie über die Zeichnerei. . . (. . .)« Psst, jemand hält eine Rede! Es ist, ich spür es am Vibrieren meiner Ohrläppchen, late Joseph Beuys. Doing, Klong, Plock. Bernstein: »Klingt es nicht, als ob er mit hohlen Wörtern Kegel schöbe?«  
»Liebe Anwesende, ein paar Worte zu diesen Zeichnungen. Diese Zeichnungen sind entstanden in einer Entwicklungsfolge, parallel mit dem Suchen nach einem zentralen Begriff. Nach einem zentralen Begriff, wie er für die Zeitsituation, in der ich mich erlebe, typisch ist, für den ich quasi vorbereitend Material zusammenstelle; Material, Aspekte zu einem zentralen Punkt, auf den ich zusteuern wollte...«  
Mach doch ma einer Licht! Knips. Was hängt'n da? 's ist Uwe, die Katze. Uwe mit dem Goldhalm. So, Kahl, jetzt kannst die Taschenlampe wegschmeißen. Draußen, auf der sonnenbeschienenen Terrasse des »Blauen Reiter« läßt Bernstein Dampf: »Nach einem zentralen Begriff will der gesucht haben, für den er quasi vorbereitend Material zusammenstellte? Auf einen zentralen Punkt will er zusteuern? Nicht zu fassen. Welch ein Dröhnen. Trockene Brocken poltern dumpf auf einen leeren Sarg – es ist kein Sinn drin. Da gibt's auch nichts zu verstehen. Sprechen Sie's mehrmals laut nach, mit verstellter Stimme: Düse Zoichnungen sünd üntstündün...«  
Wußte gar nicht, daß der sanftmütige Bernstein so aus der Haut fahren kann. Mir gefällt's, wie er sie entlarvt, die hohle Wörter dreschenden Künstler und Kunstkritikaster. Was quiekt denn da? Jetzt hat er den vielgelobten Zeichner und Stecher William Hogarth (1697-1764) beim Wickel, genauer: dessen im Traktat ANALYSIS DER SCHÖNHEIT angepriesene »Line of beauty«, graphische Essenz hogarthscher Schwergewichtsarbeiten. Bernstein nennt sie einen »schattenwerfenden Schönheitswurm, krumm wie Schifferscheiße, nudeldick und rundlich« und setzt sie dahin, wo sie hingehört, auf den Pott. Ach ja, die Linien, wo kommen bloß die kleinen Linien her, fragt spöttisch der sommersprossige Pointillist. Paul Klee erklärt's im Buch der Zeichnerei, schlicht und ergreifend, wie's halt seine Art.  
»Wir lernen auswendig! Es gibt die konstruierte Linie, die spontane, die kunstmäßige, die fragmentarische, die lyrische, die emphatische, die...« Da macht sich ein Herr Mendelovitz mal Gedanken über das Grundelement der Zeichnung und wird prompt von Bernstein vorgeführt Ah da knarrt sie heran, die vom Wetterhäuschenzeichner und maler Ludwig Richter gedrechselte ordentliche Linie. »Ludwig Richter (...) ist lieb. Er inszeniert nach seinen (inneren) Lieblingsbildern mit seinen graphischen Lieblingsfigürchen liebes Volksleben, das wird von lieben Leuten sehr geliebt.«  
Hölzerne Menschenstaffagen, postiert vor Kulissenlandschaften kriegen von Bernstein, was sie brauchen: ihr Fett. Schade nur, daß er's versäumt, in diesem Zusammenhang auf die bildnerischen Auffassungen von Nazi-Künstlern hinzuweisen. Keine Bildbeispiele. Dabei passen deren konstruierte Idyllen doch dazu wie Arsch auf Eimer. TOTE SOLL MAN RUHEN LASSEN! TO-TE SOLL MAN ... Auf den Seiten (blätter, blätter) 22 bis 25: DER TOD DES ALTEN DADAISTEN von Martin G. Buttig. Röcheln, Sabbern, Aufbäumen, KRIKEL KRAAaaa ... hätten Sie bei dieser Überschrift doch wohl auch erwartet. Nix da, geht ganz anders! Was muß der sich an jenem Tag zusammengesoffen und geraucht haben, ich mag's gar nicht nachzählen, jedenfalls:  
Dann stieg er die Stufen empor, wandte sich noch einmal um, klappte die Hacken zusammen, lüftete den Hut und begann mit »Ladies and Gentlemen«, eine Ansprache, in der er den Tag und die Freundschaft, die Nacht und die Sterne, Berlin und die Menschen schlechthin lobte. Nachher öffnete sich die Haustür einen Spalt weit. Er streckte seinen Strohhut mit dem breiten schwarzen Band heraus und winkte damit. Darauf drehte sich der Schlüssel von innen im Schloß. Wir sahen noch seinen Schatten, wie er die Treppe erstieg. Einige Stunden später war George Grosz tot.  
Wo sind Arbeiten Jules Pascins, des großen und fast unbekannten Zeichners, den ich verehre? Wieso kommt er mir gerade jetzt in den Sinn? Na, lesen Sie mal! TOD EINES ZEICHNERS von Lothar Lang.  
Er schnitt sich die Pulsadern auf, aber der Tod schlich zu langsam heran, und so rettete sich der Sterbende zum Strick. Pascins Leichnam wurde erst drei Tage später entdeckt. Auf dem Tisch lag das Testament, und an der Wand standen, mit Blut geschrieben, die Worte an seine letzte Gefährtin: »Lucy, verzeih.« Sie, liebe Leserin, lieber Leser, schneiden das bitte aus, um es in Bernsteins Buch der Zeichnerei, das Sie bis morgen Abend gekauft haben, einzukleben.  
Von den Toten zu den Lebenden, den lebendigen: den Kindern. Zeichnende Kinder. Erwachsener: »Na, was macht ihr'n da?« Kinder: »Panzer, Flugzeuge, Bomben, Rattattattattatta, Krieg is.« Erwachsener: »Das ist aber gar nicht schön. Hier habt ihr einen Radiergummi, radiert mal alles aus. Brav, brav. So, und jetzt malt ihr einen Ball und eine Blume und einen Schmet-ter-ling.« Toll, nich? Abrüstung im Kinderzimmer. Beim Zeichnen von Flugzeugen, Panzern, Soldaten, Schlachten, Totenköpfen etc. entfällt das moralische Gewalttabu, das gewaltsamen kindlichen Äußerungen und Verhalten im allgemeinen in der Form von direkten Verboten oder auch nur gequälten Erzieherminen entgegensteht – zu nicht vorzeichnen können wollenden Lehrern, zu Abzeichnen aus Sammelalben, zu Zeichnen in der Natur, zu Kunstunterricht, zu zu, dazu äußert sich erzählend und ohne überflüssiges Theoriegeschwafel Heinrich Dreikoppel in seinem wunderbaren Aufsatz ZUR GENESE, KONTINUITÄT UND DISKONTINUITÄT DES ZEICHNENS UND MALENS SEIT MEINER KINDHEIT. Ein hervorragender Kunstpädagoge, nehme ich an. Doch gibt es Schultage, da kriegt selbst so einer den Unterricht nicht recht in den Griff. Sollte die Frühstückswurst ihm schlecht bekommen sein? Lange schon hatte sie auf der Fensterbank gelegen und nicht im Kühlschrank. Das aber müßte sie doch eigentlich abgekonnt haben als Hartwurst. Egal, wie gelähmt sitzt die Klasse vor dem, der sie gestern noch so euphorisierte, sie zu künstlerischen Höhenflügen inspirierte: ihm fällt heut nix ein. Er geht hinaus und läßt die Klasse allein mit Punkt Punkt Komma Strich Fertig Ist Das Mondgesicht. Im Flur stolpert Kollege Bernstein über unseren Trauerkloß. »Was? Die Anregungspuste? Ausgegangen? ! ! Na, da hab ich was für Sie!«  
Ich weiß nicht, was Bernstein dem Ärmsten rät. Ich empfehle orientierungshilfebedürftigen Kunsterziehern die Lektüre der Aufgabenstellungen aus einem Briefwechsel zwischen Heinrich Dreidoppel und Fritz Weigle . Dürfen 's auch ein paar formale Spielchen sein, Heinrich? Keine Angst, sie schaden nicht. Keiner ist dadurch dümmer geworden. Wohl aber auch handloses Denken – das ist eitel Schwatzwerk, ein tönend Erz und eine klingende Dingsda.  
Letzteres erinnert mich an meine Zeit als Student der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg. Ob die endlosen Diskussionen über das Beschreiten neuer Wege, über die Zukunft der Kunst meine Kommilitonen dümmer gemacht haben könnten, wage ich nicht zu beurteilen. Ich jedenfalls beteiligte mich höchst selten daran, sehr zum Ärger meines Professors, eines Kulturbimmelbahn-Trittbrettfahrers, der mir seine Unterschrift in mein Studienbuch verweigerte. Vielleicht verdroß es ihn, daß es mich in die schlechtbesuchten Klassen der, wie ich sie damals nannte, Dennochzeichner und -maler zog. Und zu den Vorträgen des Gastdozenten Hockney. Bei dem war's am ruhigsten. Er sprach nicht laut, warum auch, es gab kaum Zuhörer. In der Mensa hörte ich den damals schon und heute noch berühmten Maler Allan Jones seinem mittlerweile in der Versenkung verschwundenen Dozentenkollegen Peter Phillips sagen, sabbeln könneten sie hier schon, die Studenten, aber zu blöd, um 'ne Tür zu streichen.  
Tatsächlich, auf's Handwerk wurde an bundesdeutschen Hochschulen Ende der Sechziger, Anfang der Siebziger kaum Wert gelegt. Aber Türenstreichen als Teil einer akademischen Aufnahmeprüfung? In Bernsteins Buch der Zeichnerei rät David Hockney (ich angelte mir damals seine Skizzen aus dem Papierkorb) jungen Leuten, die zur Kunstschule gehen wollten ..., was, Sie wollen nicht zur Kunstschule, Sie sind Klempner? (Na, den Klempner, der KONKRET liest, schau ich mir mal an). Okay, Sie sind Klempner. Wann waren Sie das letzte Mal im Museum?... Nein, Bernsteins Buch der Zeichnerei ist natürlich kein Museum. Es ist ein privates Kunst- und Kuriositätenkabinett und gliedert sich in 21 Abteilungen, eine Süßwarenabteilung, eine Fischabteilung, Quatsch! Ein Kapitel ist überschrieben mit POLIZEI UND MYSTIK, ein anderes mit BLD & WRT, das siebzehnte mit Kraut und Rüben; in LEHRE UND SCHULE habe ich Sie ja eben schon ein wenig reinschnuppern lassen. In den offiziellen Museen werden mir immer ganz schnell die Beine schwer. Ging's Ihnen auch so? Bei Bernstein vergessen Sie Ihre Krampfadern. Hunderte komischer Zeichnungen von Gotik bis Frankfurt beleben Bein- und Hirndurchblutung. Und wenn Sie sich mal setzen, dann tun Sie's nicht, weil Sie müde sind, nein, Sie haben einen längeren Text aus einer der vielen Schubladen gezogen, und den braucht man ja nun nicht unbedingt im Stehen zu lesen, den Text eines Zeichners übers Porträtieren beispielsweise:  
..., denn wenn ein Frauenzimmer (und auch zuweilen Mannspersonen) weiß, daß man 's zeichnen will, so will es sich angenehm stellen und verdirbt alles. (Daniel Chodowiecki);  
oder den eines Zeichners über eines Kollegen Geniestreich: Die Rede wird sein von Schnuffi, Robert Gernhardts Serienfigur aus vielen Jahren »Welt im Spiegel«. (F. W.B.);  
Was müssen wir da von Dürer lesen? ! . . . hab 1 gulden 3 orth aus kunst gelöst, desselben geld zu zehrung genommen, 4 stüber dem doctor gegeben, hab 3 mal mit Tomaßin gessen, hab 6 stüber verspiehlt. . .  
Und hier, aus der Bildzeitung:  
Beckenbauer: »Er wird das Spiel auf der linken Seite machen. Rechts soll das Schuster tun.« Plötzlich hatte Beckenbauer ein Stück Papier in der Hand – Strichmännchen wurden Fußballer. Geheime Gespräche über die Taktik...  
Interessant, nich?  
Licht aus, Projektor an! Bernstein zeigt als Walter Ego seine mit Hilfe der selbstgebastelten Camera Obscura gemachten Urlaubszeichnungen: »Blick auf die Lotzestraße. Ich sag Ihnen, das ist schon was, wenn einem da die kleinen Autos unter der Filzstiftspitze wegwuseln. Ich hab den Straßenverkehr ganz weggelassen – leere Straßen gibt's ja eigentlich gar nicht mehr heutzutage. (...). Was? Autos? Natürlich sind da Autos, die parken da, was denken Sie denn.«  
Neidisch? Basteln Sie sich doch auch so'n Ding! Walter Ego verrät Ihnen in Schublade 147, wie's geht. Und wenn Sie kein Bastlerhändchen haben, kaufen Sie sich doch einfach einen Optikaster, einen Zeichenapparat, mittels dessen auch dem Unbegabtesten möglich ist, nach Vorlagen oder der Natur zu zeichnen, haha, so scheißt man Leute an, der Optikaster, haha, von dem weiß Alfred Kubin ein Lied zu singen, hören Sie mal rein! Wer knurrt denn da? Ihr Magen? Gut. dann lassen wir Kubin erstmal, den können Sie später ja immer noch hören, aber bevor wir im Kabinettsbistro einen Happs zu uns nehmen, gönnen Sie sich bitte einen Blick in diese Vitrine: Die Hauptinstrumente Paul Klees, Bleistift und Radiernadeln, vom Meister persönlich getauft auf die schönen Namen Lupus, Füntzhart, Chrüttli, Nero, Judas, Rigoletto und Robert der Teufel. Und hier: F.W. Bernsteins Gesellenstück, eine nach Cennino Cenninis Anweisungen (el modo di saper temperar la penna per disegnare) absolut perfekt geschnittene, zum Zeichnen sich hervorragend eignende Gansfeder. Und dort! Was? Okay, ich komm ja schon.  
Zwei Chianti, ein Lerchenzungensalat und zwei Gabeln. Wie? Wer das ist? Der Kellner natürlich! Ach, das haben Sie sich schon selber gedacht. Den Dicken da meinen Sie? Den die Schülergruppe dort abzeichnet? Das ist ein australisches Beuteltier, ein Wombat. Wombats sind die nettesten Tiere der Welt, man kann sie getrost aufnehmen, streicheln, mit ihnen spielen. Wombats waren die Lieblinge der Präraffaeliten, Sie können deren Wombat-Zeichnungen im Eingangsflur bewundern. Ach, der da ist ausgestopft, und den meinten Sie auch gar nicht? Warum sagen Sie's nicht gleich: Der Lange dort neben dem Wombat, das ist der Museumspädagoge Fritz Weigle. Wie? Psst! Er hält einen Vortrag:
 
»Zeichne nie ein Tier zum Spaß,  
tust Du's trotzdem, merk Dir das:  
Tiere sind wie Du und ich  
spüren jeden schlechten Strich,  
Schonzeit ist das ganze Jahr  
und die Monate mit Haar.  
Alle Tiere sind tabu  
bis auf Spatz und Känguruh.  
Nur den Molch darfst Du verspotten  
und die Olme in den Grotten,  
Wiesel, Frettchen, Flamingo,  
Löwe, Möwe sowieso,  
Adler, Biber, Kabeljau,  
Igel, Ferkel, wilde Sau.  
Alle die, die stärker sind,  
Tiger, Walfisch, Faultier, Rind,  
die mit Gift und die, die stinken,  
von den Ziegen nur die linken,  
die mit Zehen und mit Hufen,  
die, die nachts entsetzlich rufen,  
die, die als Symbole dienen,  
Schweine, Salamander, Bienen,  
die, die's nur als Bilder gibt,  
solche, die die Paula liebt.  
Streng geschützt vor Deinem Strich  
sind der Kauz, das Huhn und ich.  
Zeichnest Du von uns auch nur  
eine Spur von der Kontur,  
werden ich und Kauz und Huhn  
Dir etwas zu leide tun.«  
Was, Sie gehen schon? Ach so, wieder rein, Zeichnungen begucken. Das freut mich.
 
Bernsteins Buch der Zeichnerei, Haffmans Verlag, Zürich 1989, 543 Seiten, 120,- Mark