Konkret 06/90, S. 64  
Kay Sokolowsky  
Blubberlutsch  
Wer von Comics verlangt, sie hätten Kunst zu sein, und nicht etwa bloß brauchbar, bekommt Tinnef, wenngleich vom Feinsten, fantastisch lackierten Schrott  
Wie nennt man eigentlich das, was herauskommt, wenn Sekundärliteratur rezensiert wird? Metakritik? Kommentierte Kommentare? Tertiärliteratur? (Nein; da sind Geologen vor.) Literatenspagat? Jedenfalls turnt die Übung sich nicht ganz leicht; eins muß sich schon verrenken, um die Kritik der Kritik und die des primären Objekts zwar zusammen-, doch so auseinanderzuhalten, daß klar ist, wer gerade gedeckelt oder gelobt wird. Allerdings wär's am einfachsten, den Vermittler ignorant zu überrennen und sich – »alles muß man selber machen!« – stracks das Thema vorzuknöpfen; aber wo Anlaß und Analyse gleichermaßen respektabel sind; die Reflektion womöglich kommoder als der Anblick wirkt – : muß eins heikel werden, den Kasten mit den alten Mäkelzetteln etwas beiseiteschieben und sich spreizen wie es kann, wie im Stil dieser Einleitung. Wie bei »Kunst: Comics. Corben, Druillet, Moebius« von Armin Schreiber.  
Nun ist das ein Titel, der so selbstbewußt daherkommt, so imperativ und programmatisch, daß er von Beginn an Mißtrauen gegen das Buch weckt. Zumal da die Sache, um die es geht, manchem, der sie durchaus hochschätzt, je verdrießlicher und kunstferner erscheint, je artifizieller und »origineller« sie auftritt: weshalb mir Schreibers Mandanten – die Comicproduzenten Jean Giraud (Moebius), Richard Corben und Philippe Druillet – seit langem als suspekte Gesellen gelten. Das hat mit meiner, zugegeben: ziemlich privaten Comic-Ästhetik zu tun.  
Comic- und Filmstreifen ist, alter Kaffee kalter Hut, sehr viel gemeinsam: beide erzählen in vielen Bildern Geschichten; darum sind beide, sofern sie sich nicht an die pure Fotografie bzw. Grafik verraten, nie wirklich stumm – schon die tonlosen Filmmelodramen führen mittels ihrer Zwischentitel sich so entsetzlich geschwätzig auf wie die vertonten – ; und obwohl beide Gattungen nur durch das Bild leben, wären sie ebenfalls tot ohne Stories. Der beste Regisseur rettet ein mieses Drehbuch nicht, er macht es konträr erst richtig mies; und ein Comic, der ein schön ernstes Gesicht zieht, ist im besten Fall lächerlich, jedenfalls peinlich, wenn er im Kopfe bloß Stroh oder Luft hat. Was nicht meint, es wären jene Comics am besten gelungen, die die große Literatur fromm adaptieren, die rangieren vielmehr noch unter den faden und faulen Fließbandprodukten vom Schlage Garfields (der, nebenbei, in die »BamS« so prächtig paßt wie sonst bloß der Arsch auf den Eimer). Shakespeare-Verse in Sprechblasen sind tatsächlich ein Sakrileg, aber nicht an Shakespeare, sondern am Comic.  
Der Liebe Gott der Gattung, der ihre ca. fünfzig gelungensten Exemplare schuf und wenigstens hundert makellose – der Mann, der via Donald & Dagobert Duck mehr übers Leben zu sagen gewußt hat als jemals z.B. Thomas Mann durch sein tausendmal gelehrteres Romanpersonal – Carl Barks also hat gültig vorgeführt, daß über die Güte eines Comics sein Sujet entscheidet, seine Dramaturgie und Dialoge; daß jedes Panel (d.h. das einzelne Comicbild), das die Erzählung behindert, als Panel, ganz gleich wieviel Talent und Schauwert in ihm stecken, nichts taugt – und Barks hat ideal demonstriert, daß die rundum vollkommenen Comicgeschichten, die, wie gesagt, fast alle von ihm sind, in jedem andren Medium an Langeweile stürben.  
Denn die vielgeschmähten Konventionen des Genres – Sprech- und Gedankenblasen, grotesk übertriebene Mimik, Onomatopoetika, Schmerz-, Fluch- und Bewegungssymbole – erlauben eine narrative Ökonomie, der selbst der größte aller Erzähler, Flaubert, sein Lebtag vergeblich nachjagte. Ja sie erzwingen Geschichten, die alsbald auf den Punkt kommen und darum Pointen wie Taktschläge setzen; die ein Tempo fahren, das sogar dem ADAC bedenklich erschiene; die so sauber gebaut sind wie ein Gepard; nur Muskeln, kein Fett, stets auf dem Sprung und äußerst beherrscht. Wer wirklich Comics und nicht einfach schlechtere Filme fertigen will, nimmt die Gattung daher am ehesten ernst, wenn er ihrem Namen gerecht wird, wenn er komische Geschichten erfindet.  
Wohl lassen auch Themen, die gar nicht zum Lachen sind, rasante, manchmal perfekte Comicstrips zu. Aber das Gros dieser Sparte stellen Stories, die genau so gut, meistens besser Hollywood produziert. Nichts öder als Basteis »Gespenster«-Hefte, nichts uninteressanter als »Bruno Brazil«. Und nichts fataler, unstatthafter, fluchwürdiger als Comics, die die Menschheitskatastrophe illustrieren: Carlsens »Hitler«-AIben, in KONKRET 11/89 gebührend verdammt, und Spiegelmans »Maus«, allenthalben leider gelobt, stampfen ein Geschehen, das anders als lückenlos nie erinnert werden darf, in eine Form, der Lücken und Sprünge immanent sind. Vor dem absoluten Grauen versagt jedes Wort und jedes Bild; und wie ehrenvoll immer Art Spiegelmans Absichten waren, wie skrupulös und dezent er seinen Comic auch gestaltet: Jede Sprechblase, die aus der Katzenschnauze eines SS-Mörders quillt, jede anthropomorphe Maus im KZ-Anzug pervertiert die beste Tradition des Genres und affiziert zugleich die Geschlachteten mit der vis comica der Ducks und Krazy Kats – pervers auch das. Unendlich pervers: Auschwitz, neben Entenhausen angesiedelt, schrumpft zu einer rührenden, wenn nicht gar lächerlichen Angelegenheit.  
Ich stelle mir lieber nicht vor, was Armin Schreibers Mandanten, besonders Philippe Druillet, der »Ekstatiker« (Schreiber) des Massentods, aufs Papier brächten, nähmen sie sich dieses Themas an. Mir wird übel genug bei den Produkten, die »Kunst: Comics« ausführlich abfeiert: bei »Le Garage Hermétique« von Moebius, bei Corbens »Den« und Druillets »La Nuit« zumal. Übel, weil hohles Pathos, selbstverliebter arroganter Eklektizismus, winzige Melodie in riesigem Arrangement, kurz: Mantovani, ganz kurz: Edelkitsch in der Regel so wirkt. Nur nicht auf Schreiber und nicht nur auf ihn nicht.  
Die Kundschaft der »Comic-Art«, d.h. der Comics, die betrachtet, nicht gelesen werden sollen, d.h. der platten, knarzenden, rasch ermüdenden Stiefel aus allerdings exotischem Leder – diese zahlreiche Kundschaft will Kunst, nichts Brauchbares oder Bescheidenes. Da bei ihr wie bei den Cinéasten, wie in allen von Studenten bestimmten Fanclubs, die Halbbildung regiert, nimmt sie für Kunst, was ebenso esoterisch und langweilig, gestylt und witzlos ist wie sie selbst. Sie verlangt Kunst und bekommt Tinnef, wenngleich vom Feinsten fantastisch lackierten Schrott; doch der innre Studienrat, der ihr ein schlechtes Gewissen verordnete, solange »Lucky Luke« sie faszinierte, hält endlich, hochzufrieden, still.  
Aber meine Comic-Ästhetik ist, wie gesagt, ziemlich privat; und wer, wie Schreiber, nichts dabei findet, wenn verwirrend talentierte Zeichner nur wirres Zeug erzählen – wer an Corbens Körperstudien, Moebius' Landschaften, Druillets Ornamenten sich berauscht und dabei, wie's im Suff halt geht, den Blick für den Kontext gerne verliert – wer also Comics für eine Spielart der grafischen Kunst hält und höchstens für ein Patenkind der Epik: der wird mit meinem wichtigsten Einwand schnell fertig: »In Comics werden Geschichten erzählt, natürlich. Aber was davon in einer Beschreibung zum Ausdruck kommt, ist – ebenso natürlich – nicht die erzählte Geschichte. Sie wird zu dieser Geschichte erst durch ihre optische Gestalt, sie realisiert sich, kommt zur Form erst in den Bildern, und in der Art der Darstellung manifestieren sich Intention und künstlerische Qualität.«  
Bahn frei: Die nächsten über 140 Seiten lang kümmert sich Schreiber vorzüglich um die Panels; und er referiert ihre Nuancen, er serviert die Details, er poliert die Preziosen, er schildert die Bilder so euphorisch und scharfsichtig, so vital und begeisternd: daß, von Schreibers Wissen und Beobachtungsgabe abgesehen, schon sein Temperament die Lektüre von »Kunst: Comics« lohnt. Denn wo ein liebend' Herz sich äußert, da ist man gern dabei. Dem reifen, souveränen, charakterstarken Armin Schreiber zu folgen, wenn er sein Gebiet erkundet, bereitet Vergnügen und macht auch klüger. Ich meine das ganz und gar nicht ironisch. Mir ist noch keine Comic-Analyse vorgekommen, hinter der so viel steckte: tadellos trainierte Augen und ein jeder Vision geöffneter Kopf; ein Mann, der seine Intelligenz und seinen beträchtlichen Enthusiasmus seit 1980 jammerlos in den Dienst dreier Zeichner gestellt hat. Armin Schreiber: ein Mann, bei dem die Säue Perlen werfen.  
Fraglos sind die Panels von Corben, Moebius und Druillet überwältigend; ihre schiere Technik, ihre lupenreine Feinarbeit und wuchernde Komposition, ihre Wucht und Gekonntheit stopfen sogar notorischen Nörglern wie mir bisweilen den Schnabel. Zumal nachdem ich von Schreiber gelernt habe, was alles in diesen Panels steckt. Aber auch Kunst? Wo Moebius, Druillet und Corben doch nicht einmal gute Comicstrips zustandekriegen?  
»Comics dieser Kategorie«, bemerkt Schreiber, »kann man nicht mehr verschlingen wie seinerzeit Micky Maus & Co.« Als ob das ein Fortschritt wäre ! Wie schaurig das an »die Kulturwärter im Lodenkostüm« (Ror Wolf) erinnert – mit denen Schreiber sicherlich nichts zu tun haben möchte – , die z.B. mit Chaplin sich erst abgeben mochten, als dessen Filme redselig und (ogott:) »tragikomisch« wurden! Und gleichzeitig: Wie präzis, obwohl ungewollt, klärt Schreiber, was die Comics seiner Mandanten zu derart mißratnen Exemplaren ihrer Gattung macht !  
Alle die grandiosen Bilder von »Den«, »Garage«, »La Nuit« überblenden bloß grell die grenzenlose Stereotypie der Geschichten, sollen das wohl auch. Das »Bremsmoment«, das Schreiber in den hochkomplizierten Panels entdeckt, gilt in Frankreich und Deutschland allemal als Merkmal von Kunst und nicht, korrekt, von Langeweile. Es bläst, ganz Zeitlupe, die unverschämte Gemeinheit jener Geschichten zu höherer Bedeutung auf – und verrät den obersten Vorzug, das erste Gesetz des Genres: Rasanz.  
Weil in den Stories das relative Vakuum herrscht, implodieren die Panels bombastisch: Übrig bleibt Bildermüll. »Le Garage Hermétique« scheint das zu behandeln: An Kulissen und Topoi der fantastischen Literatur vorbei spazieren, eher unbeteiligt, die Akteure. Mehr nicht; und mehr wäre nicht nötig gewesen für eine gescheite Geschichte – wenn Moebius wenigstens die Planlosigkeit der Figuren geplant hätte. Aber das einzige Motiv seines Stückes lautet: draufloszeichnen und sehen, was kommt. Immerhin, dank Moebius' Verspieltheit und lockerem Strich, etwas sympathisch Sinnloses, apart Nichtiges.  
»La Nuit«, die ähnlich, also improvisiert entstand, berichtet von einem futuristischen Bandenkrieg und gipfelt in einem monströsen Gemetzel. Druillet verklärt das Leichengebirge zum »virulenten Organismus« (Schreiber), die Schlacht der Rocker zum Armageddon, ein Drogendepot zum Paradies – : die Erbärmlichkeit der Metaphern übertrifft noch die der Geschichte.  
Schließlich »Den«: Ein sehr schwächlicher Jüngling gerät auf einen sehr gefährlichen Planeten, verwandelt sich dort in einen sehr muskulösen Mann, eben Den, läuft sehr nackt hinein ins Abenteuer; kämpft sehr brutal gegen einige sehr häßliche Kreaturen, schläft zwischendurch mit sehr üppigen Frauen, und rettet seine neue Heimat sehr entschlossen vor dem sehr bösen Uluthc. Wahrhaftig – Richard Corbens kolorierte Steinzeitphantasien, die das dumpfe Vorbild »Conan« an Primitivität glatt unterbieten, sein aftermystisches Brimborium und besonders sein Bierernst, der vehementer peinigt als selbst die unerträglich liebevoll gemalten Grausamkeiten – : wühlen Gedanken an eine gnädige Preßzensur auf, die zwar den »Ulysses« bannte, »Den« jedoch erst recht kassierte.  
Natürlich: Wenn die Wut sich legt, versinken auch die bösen Wünsche. Und es muß ja nicht alles Faschismus sein, was ihm schöne Augen macht; wie Corbens Kraftmeier und Druillets Ragnerök. An Brekers Übermenschen und Riefenstahls Ornamente der Massen aber darf man schon denken. Der Profi Schreiber hätte sie bedenken sollen. Doch kein Wort. Keins, das seine Mandanten von jenen trennt, und, viel trauriger, keins, das mir, der ich Schreibers Ästhetik nicht, seinen mikroskopischen Blick dafür nicht genug loben kann, die Schlußsottise erspart, daß in Schreibers wunderbaren Augen ein paar blinde Flecken schwimmen. Wie spricht der Dichter? »Man soll nicht immer gleich das Schlechteste von allen Leute denken.« (C. Barks: »Der arme reiche Mann«)
 
Armin Schreiber: 'Kunst: Comics. Corben, Druillet, Moebius. ' Hamburg 1989; Dreibein Verlag – Edition Kunst der Comics, Großformat, zahlr. Abb., 160 S., 36 Mark