Konkret 06/90, S. 60  
Walter Grode  
»Modernisierung« und Destruktion  
In der durch die Thesen von Susanne Heim und Götz Aly (KONKRET 10/89) ausgelösten Debatte um die Frage, ob es eine »Ökonomie der 'Endlösung'« gegeben habe oder ob die Massenvernichtungspolitik der Nationalsozialisten »Zwecklos« (Dan Diner) durchgeführt worden sei, weist Walter Grode auf das Nebeneinander unterschiedlicher Formen der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik im besetzten Polen hin, die gleichwohl je für sich »funktional« gewesen seien: ökonomische Modernisierung in den »eingegliederten Ostgebieten«, Vernichtung durch Arbeit an der Schnittstelle zum Generalgouvernement, ökonomisch sinnlose Sofortvernichtung als Krisen»lösung« in Zentral- und Ostpolen  
Kaum ist der Versuch einer Umdeutung der Geschichte des Nationalsozialismus fürs erste abgewehrt, da sehen sich liberale Historiker bereits einer »Zweiten Front« gegenüber: Nun gilt es, die Singularität der NS-Massenvernichtung, die »Vernichtung um der Vernichtung willen« (Dan Diner), gegen den Versuch zu verteidigen, sie mit Konzepten wirtschaftlicher Neuordnung in Verbindung zu bringen. Und so läßt sich in der Tat fragen, ob ein Angriff, wie er von Susanne Heim und Götz Aly vorgetragen wird, nicht auch jene Kräfte stärkt, die den Nationalsozialismus in die Normalität der deutschen Geschichte eingliedern wollen.  
Doch geht es in dieser Auseinandersetzung nicht um ein Aufwärmen der »Historiker-Debatte«, sondern, wie mir scheint, eher um den von der »Hamburger Schule« (Ernst Köhler) unternommenen Versuch einer modifizierten Re-Aktualisierung des Horkheimerschen Diktums, daß, wer von Kapitalismus nicht reden mag, auch vom Faschismus schweigen solle.  
Die Kritiker des Hamburger und Berliner Projekts quittieren denn auch diesen Versuch allesamt mit der grundsätzlichen Weigerung, sich auf die Forschungsperspektive von Susanne Heim und Götz Aly überhaupt einzulassen: Symptomatisch hierfür erscheint mir der Umgang mit dem für Heim und Aly zentralen Begriff der »Rationalisierung«, der, obwohl er eindeutig im ökonomischen Sinne gebraucht wird, von den Kritikern des Konzepts systematisch psychologisch interpretiert wird. Dies gilt insbesondere für Götz Rohwer, der der Auffassung ist, daß Sozialwissenschaftler der Vernichtungspolitik einen Sinn gaben, indem sie einen Zusammenhang zwischen Massenvernichtung und möglichen Zielsetzungen wirtschafts- und sozialpolitischer Modernisierung herzustellen versuchten (s. KONKRET 5/90).  
Auch Ulrich Herbert kommt zu einem ähnlichen Befund, wenn er seine berechtigte Kritik an Heim/Alys Rassismus-Definition nutzt, um zu schlußfolgern, die Hinweise der beiden Autoren auf die sozialpolitische Begründung der Vernichtungspolitik seien nur eine Variante der »Rationalisierungen« des Genozids gewesen, nämlich Legitimationsstrategien, die es auch im medizinischen und »sicherheitspolitischen« Bereich gegeben habe (s. KONKRET 11/89).  
Dennoch haben einige der gegen das Konzept von Heim und Aly vorgebrachten Einwände besonderes Gewicht. So Christopher Brownings Hinweis, daß die unterschiedlichen Ausgangsbedingungen während der verschiedenen Phasen des Krieges zu wenig berücksichtigt worden seien (s. KONKRET 12/89). Gleiches gilt für Brownings Kritik, Heim/Aly seien nicht auf die Auseinandersetzungen der verschiedenen Fraktionen innerhalb der Führung des »Generalgouvernements« eingegangen. Aber die Reichweite des Konzepts von Susanne Heim und Götz Aly verbietet es, den Blick lediglich auf das »Generalgouvernement« oder noch enger auf das Warschauer Ghetto zu richten, dort rassenpolitische und ökonomische Argumente gegeneinander zu stellen und danach zu fragen, welches politische Gewicht die Absichten der Bevölkerungsplaner in der Herrschaftswirklichkeit des Generalgouvernements gehabt haben. Im folgenden möchte ich erklären, weshalb mir eine solche Perspektive zu eng erscheint:  
Anhand der von ihnen untersuchten »Täterbiographien« verfolgen Heim und Aly die Spur der ökonomischen Vordenker eines von Großdeutschland beherrschten Mittel-, Südost- und Osteuropas. Ausgangspunkt ihrer Untersuchungen ist hierbei die NS-Praxis im »angeschlossenen« Österreich, wo zuerst entsprechende Konzepte entwickelt worden waren. Hier sollte nach dem Willen der nationalsozialistischen Wirtschaftsplaner die große Zahl kleiner und kleinster Handelsfirmen mit geringem Gelegenheitsexport in die Nachbarländer in möglichst kurzer Zeit gründlich rationalisiert und dem allgemeinen Produktionsniveau des Reiches angepaßt werden. Dazu diente die schnell und planvoll durchgeführte »Entjudung« der österreichischen Wirtschaft, mit dem Ergebnis, daß am Ende dieser Maßnahme die Deportation der mittellos gewordenen jüdischen Bevölkerung stand. Auf diese Weise gelang es den NS-Machthabern in Wien innerhalb kürzester Zeit, einen Planungs- und Rationalisierungsschub auf Kosten einer Minderheit durchzusetzen, die mittelständische Basis zu beruhigen und zu konsolidieren und gleichzeitig das Modell der Volksgemeinschaft zu exportieren.  
Diese Vorgehensweise, die einerseits darauf gerichtet war, die okkupierten Territorien ins »Reich« bzw. in den »Europäischen Großwirtschaftsraum« einzugliedern, andererseits eine kollaborationsbereite Mittelschicht zu schaffen bzw. diese zu stärken, wird von Heim und Aly nicht nur für das »Modell Wien«, sondern auch für Südosteuropa und für (Ost-)Oberschlesien überzeugend nachgewiesen (vgl. die »Beiträge zur NS-Gesundheits- und Sozialpolitik«, Bd. 5). Problematisch wird ein solcher Ansatz jedoch, wenn er mehr oder weniger bruchlos nach Zentral- und Ostpolen hinein verlängert wird. Deshalb möchte ich – mit Blick auf das Generalgouvernement – stattdessen vorschlagen, zunächst nicht nach dem Zusammenhang von Modernisierung und Vernichtung zu fragen, sondern danach, ob und inwieweit die Vernichtungspolitik im Rahmen der deutschen Okkupationspolitik in Polen – im faschistischen Sinne – funktional' war.  
Denn im Gegensatz zu den Programmen für Wien, Ostoberschlesien oder auch Südosteuropa, für die Heim/Alys These von der kapitalistischen Modernisierung eine hohe Plausibilität besitzt koexistierten in Polen – im Zentrum der Vernichtung der europäischen Juden – , insbesondere auf dem Höhepunkt faschistischer Macht zwischen dem Frühjahr 1940 und dem Winter 1941/42, eine Reihe unterschiedlicher Planungskonzepte. Dominierend waren unter diesen nicht die Modernisierungs-, sondern ganz im Gegenteil die Destruktionspläne, die im Zusammenhang mit der »Germanisierung« bzw. Kolonisierung dieser Territorien auf die völlige Zerstörung der eigenständigen Wirtschafts- und Sozialstruktur zielten.  
Um die Frage zu beantworten, weshalb für Polen offenbar gleichzeitig sowohl Modernisierungs-, wie auch Destruktionspläne bestanden, ist es sinnvoll, strikt zwischen den ins Reich eingegliederten polnischen Nord- und Westprovinzen und dem restlichen von der deutschen Wehrmacht besetzten polnischen Territorium, dem sog. Generalgouvernement, zu unterscheiden.2  
Wenige Wochen nach Beginn des deutschen Einmarsches in Polen wurden die ehemaligen vier nord- und westpolnischen Provinzen, nunmehr Danzig-Westpreußen, Wartheland, Ostoberschlesien und Reg.-Bez. Zichenau (Südostpreußen), dem Deutschen Reich vollständig einverleibt. Diese Eingliederung geschah vor allem durch die Deportation der polnischen Führungsschichten nach Zentral- und Ostpolen sowie die gleichzeitige Ansiedlung von Volksdeutschen, insbesondere aus dem Baltikum und von Industriebetrieben aus dem »Altreich«. So fanden in den vier neuen »Reichsgauen«, den sog. »eingegliederten Ostgebieten« regelrechte Menschenjagden statt, die das ausschließliche Ziel hatten, Bevölkerungsteile, die den deutschen Okkupanten besonders feindlich erschienen, in zentral- und ostpolnische Gebiete zu deportieren und sie dort unter erbärmlichen Bedingungen auszusetzen. Betroffen von diesen Aktionen war die gesamte polnische Intelligenz und alle politisch tätigen Personen, insbesondere maßgebliche Mitglieder von Parteien und Verbänden, engagierte Katholiken, Priester wie Laien, und die gesamte jüdische Bevölkerung.  
Allein aus der neu ins Deutsche Reich eingegliederten Provinz Warthegau wurden während einer »Erstaktion« zwischen November 1939 und Februar 1940 mehr als 200.000 Polen und 100.000 Juden ins Generalgouvernement deportiert. Die Durchführungsbestimmungen zu Himmlers Deportationsverfügung vom 30. Oktober 1939 für dieses Gebiet deckten eine zentrale Motivation dieser Aktionen auf: Es bestehe kein Zweifel, so schreibt Hans Mommsen, daß das im deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt vereinbarte Rücksiedlungsprogramm der in der UdSSR lebenden Volksdeutschen, die vornehmlich im Warthegau angesiedelt werden sollten, den Anstoß zu diesem auch die polnische Bevölkerung betreffenden Deportationsprogramm gegeben habe.  
Die Ansiedlung der Volksdeutschen aus dem Baltikum korrespondierte mit wirtschaftspolitischen Planungen. So hatte Göring in seiner Funktion als Bevollmächtigter für den Vierjahresplan bereits am 13. Oktober 1939 Richtlinien für die wirtschaftliche Verwaltung der »eingegliederten Ostgebiete« erlassen. In diesen war ausdrücklich betont worden, daß, anders als im übrigen polnischen Territorium, in diesen westlichen Provinzen der möglichst rasche und vollständige Auf- und Ausbau der Wirtschaft, die Erhaltung ihrer Produktivkraft und ihrer Vorräte sowie ihre Eingliederung in die deutsche Wirtschaft zu betreiben sei, eine Absicht, deren Realisierung durch die Untersuchung von Heim und Aly am Beispiel Ostoberschlesien eindrucksvoll bestätigt wird.  
Gleichzeitig setzte sich in den eingegliederten Ostgebieten eine neue Verwaltungsstruktur durch, die – so Diemut Majer – dem nationalsozialistischen Ideal viel näher kam als das starre System des »Altreichs«. Ihr zentrales Kennzeichen war der Primat der NSDAP in der Verwaltungsführung. So waren die Reichsstatthalter – in Personalunion Gauleiter – der eingegliederten Ostgebiete zwar formell dem Reichsinnenminister unterstellt und an dessen Weisungen gebunden, faktisch waren sie jedoch »autonome Verwaltungsführer«, die, wenn sie mit den Vorstellungen des Innenministeriums nicht einverstanden waren, gewissermaßen reichsunmittelbar gegen die formal vorgesetzten Reichsinstanzen oder neben ihnen regierten.  
In den neugeschaffenen Reichsgauen Danzig-Westpreußen, Wartheland und Ostoberschlesien sowie im südosteuropäischen Regierungsbezirk Zichenau hatte sich damit trotz der äußerlich im wesentlichen der des »Altreichs« gleichenden Verwaltungsstruktur ein neuer Typ totalitärer Verwaltungsorganisation herausgebildet. Dieser neue Verwaltungstyp stand ziemlich genau in der Mitte zwischen der traditionellen Reichsverwaltung und den Verwaltungstypen kolonialen Stils, wie er in den besetzten Gebieten Osteuropas aufgebaut werden sollte. Betrachtet man all diese Maßnahmen, von der Verfolgung der polnischen Führungsschichten bis zur Ansiedlungs- und Verwaltungspolitik als widersprüchliche Einheit, so läßt sich die Politik der deutschen Besatzer in den vier ehemaligen polnischen Nord- und Westprovinzen in Übereinstimmung mit Heim und Aly als rassistisch geprägte Modernisierung charakterisieren .  
Im vollständigen Gegensatz zum oben skizzierten Vorhaben der Eingliederung der polnischen Nord- und Westprovinzen in das Reich stand allerdings die Behandlung des restlichen deutsch-besetzten Territoriums Polens, das als sog. Generalgouvernement weiterexistierte. Dieses Territorium wurde bereits nach wenigen Wochen vollständig von den westlichen und nördlichen Gebieten abgetrennt und seine Sozial- und Wirtschaftsstruktur innerhalb kurzer Zeit fast völlig zerstört. So sollten – im Unterschied zu den eingegliederten Ostgebieten – aus dem Generalgouvernement alle für die deutsche Kriegswirtschaft brauchbaren industriellen Stoffe, Altstoffe und Maschinen herausgenommen und nach Deutschland abtransportiert werden. Auch wurden bis zum Ende der deutschen Besatzung zwischen 1,4 und 1,6 Millionen polnische Menschen als Zwangsarbeitskräfte ins Reich verschleppt.  
Gleichzeitig mit dem Abtransport von Industrieanlagen und Arbeitskräften wurde die entwurzelte polnische Führungsschicht der Nord- und Westprovinzen ins Generalgouvernement hineingepreßt. Die ost- und zentralpolnischen Gebiete, in die diese Menschen transportiert wurden, sollten, so Generalgouverneur Frank, wie eine Kolonie behandelt werden. In diesem Konzept war den Polen die Rolle der Sklaven eines »Großdeutschen Weltreiches« zugedacht. Erreicht werden sollte dieses Ziel unter anderem durch eine von SS und Polizei in Zusammenarbeit mit der Okkupationsverwaltung inszenierten sog. »außerordentliche Befriedungs-Aktion«, die insbesondere der »Ausschaltung« des polnischen Widerstands dienen sollte, und durch die Schließung aller Bildungsanstalten, insbesondere der technischen Schulen und Hochschulen.  
Ein weiteres wichtiges Moment der Zerstörung der polnischen Wirtschafts- und Sozialstruktur bestand in der Ghettoisierung der jüdischen Bevölkerung, die bis dahin zentrale Funktionen im polnischen Wirtschaftsleben innegehabt hatte. Dieser Eingriff war so gravierend, daß selbst von den deutschen Besatzern die Vernichtung des jüdischen Kleinhandels- und Gewerbesektors als schwerste Beeinträchtigung der gesamten polnischen Volkswirtschaft eingestuft wurde.  
Von den deutschen Okkupanten ist also das Gesamtterritorium Polens sehr unterschiedlich behandelt worden: In den ehemaligen Nord- und Westprovinzen wurde eingegliedert und rationalisiert; im sog. Generalgouvernement ausgegliedert und zerstört. Daß Okkupationsverwaltung und SS als Herrschaftsträger im Generalgouvernement sich diesen Raum unwidersprochen aneignen konnten, war nicht zuletzt Ausdruck des Desinteresses wichtiger ökonomischer Machtträger im »Altreich« an diesem Territorium, das – zumindest bis 1942 – für sie lediglich als Arbeitskräftereservoir von Bedeutung war. Somit konnten sich im Generalgouvernement Okkupationsverwaltung und SS ungestört entfalten. Grundsätzliche Rivalitäten zwischen beiden Machtblöcken, wie sie ab 1941/42 charakteristisch waren, traten auf dem Höhepunkt faschistischer Machtentfaltung, vom Sommer 1940 bis zum Herbst 1941, so gut wie nicht auf. Bestand doch für Generalgouverneur Frank eine Identität von Verwaltungshandeln und Polizei bzw. SS-Einsatz.  
Einen ähnlichen Eindruck hinterlassen – zumindest was deren destruktive Seite angeht – die bereits oben erwähnten Denkschriften und Planungspapiere zur zukünftigen Neuordnung Osteuropas, die während der uneingeschränkten deutschen Herrschaft in Polen bis Herbst 1941, dem »real existierenden Nationalsozialismus« (Michael Geyer), entstanden und insofern von keinerlei taktischer Rücksichtnahme geprägt waren. Im Bewußtsein der uneingeschränkten gewaltsamen Zugriffsmöglichkeit auf die polnische Bevölkerung entstanden eine Reihe von Planungskonzepten vordergründig rassenideologischer Provenienz, die zu den von Heim und Aly nachgewiesenen ökonomischen Modernisierungsplänen nicht immer in einem komplementären Verhältnis standen. Sie waren keineswegs Äußerungen ohne Realitätsgehalt, sondern auch in ihren radikalsten Forderungen eher Leitlinien, die später oftmals mit einer erschreckenden Konsequenz realisiert worden sind. Die im Zusammenhang von »Judenvernichtung« und »Polenpolitik« wichtigsten dieser Gesamtkonzeptionen sollen im folgenden kurz angerissen werden.  
Noch während des erfolgreichen Vormarsches in Frankreich hatte SS-Chef Himmler (seit Okt. 1939 auch »Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums« [RFK]) seine Vorstellungen zur »Entgesellschaftung« (Geyer) Polens in einer »Denkschrift über die Behandlung der Fremdvölkischen im Osten« erstmalig ausführlicher dargelegt. Auf der Grundlage der zu diesem Zeitpunkt bereits weitgehend vollzogenen Vernichtung der polnischen Intelligenz- und Führungsschicht war es Himmlers Absicht, unter dem »ganzen Völkerbrei des Generalgouvernements von 15 Millionen und den 8 Millionen der Ostprovinzen« eine »rassische Siebung« vorzunehmen, um auf diese Weise »die rassisch Wertvollen aus diesem Brei herauszufischen, nach Deutschland zu tun, um sie dort zu assimilieren«.  
Ausgearbeitet und präzisiert wurden diese Überlegungen im berüchtigten »Generalplan Ost«, mit dessen Konzipierung Himmler im Frühjahr 1941 abschließend den Leiter der Hauptabteilung II Planung im Stabshauptamt des RKF und Direktor des Instituts für Agrarwesen und Agrarpolitik der Universität Berlin, SS-Standartenführer Prof. Dr. Konrad Meyer beauftragte. Die Ergebnisse seiner Untersuchung legte Meyer dem Reichskommissar in einer Denkschrift vom 15. Juli 1941 vor. Der Originaltext des Planes ist allem Anschein nach verlorengegangen, jedoch findet man den Inhalt umfassend und wohl authentisch in zwei Aufzeichnungen des rassenpolitischen Dezernenten des Ostministeriums, Dr. Erhard Wetzel, wieder. Die beiden Stellungnahmen reflektieren zum einen die Grundkonzeption des »Generalplans«, wenn Wetzel den Standartenführer Prof. Bruno Kurt Schulz vom Rasse- und Siedlungshauptamt der SS mit den Worten zitiert, die Deutschen müßten die Stellung der Spartiaten, die aus Letten, Esten und dergleichen bestehende Mittelschicht die Stellung der Periöken, die Russen dagegen die Stellung der Heloten einnehmen. Andererseits übte Wetzel (als Vertreter von Rosenbergs Ostministerium) z.T. massive Kritik am (RSHA-)Plan Meyers, wenn er zwar die Zielrichtung grundsätzlich billigte, jedoch den geplanten Umfang der Umsiedlungs- und Deportationsmaßnahmen für keineswegs ausreichend erachtete.  
Hiervon ausgehend unterbreitete Wetzel eigene Vorstellungen, insbesondere auch zur »Lösung der Polenfrage«. Basierend auf Meyers Schätzung von 20 bis 24 Millionen (!) umzusiedelnden polnischen Menschen, die zu 80 bis 85 Prozent in die westsibirische Steppe auszusiedeln seien, umriß Wetzel nach den quantitativen auch die geographischen Dimensionen, in denen sich die Germanisierungspläne bewegten. So erschien es ihm unter ausdrücklichem Verweis auf eine von ihm selbst erstellte Denkschrift vom März 1941 nicht unmöglich, mehrere Millionen »der uns gefährlichsten Polen« im Wege der Auswanderung in Südamerika, insbesondere Brasilien »unterzubringen«. Die überwiegende Anzahl der »rassisch« nicht erwünschten Polen werde aber, auch nach Wetzels Auffassung, für die Umsiedlung nach dem Osten in Betracht kommen.  
Von den Planungen der radikalen Volkstumsexperten im Ostministerium und in den Dienststellen des RKF bzw. des Reichsführers SS, die baldige Massendeportationen vorsahen, wichen die Vorstellungen der Okkupationsverwaltung graduell ab. Zwar waren sich auch die führenden Dienststellen im Generalgouvernement darüber einig, daß dieses Gebiet auf lange Sicht von Deutschen besiedelt werden müsse, für ihre konkrete Herrschaftspraxis hingegen schwebte ihnen jedoch eher ein modifiziertes Modell der Kolonialverwaltung vor. So dachte – anders als bei den eingegliederten Ostgebieten (mit dem Schwerpunkt der »Eindeutschung« bei der bäuerlichen Siedlung) – die Regierung des Generalgouvernements nur an die »Germanisierung« der Städte als Zentren der deutschen Macht, während die einheimischen Bewohner nur von den Deutschen getrennt und im übrigen als Arbeitskräfte im Lande bleiben sollten. Vorgesehen war u.a. die Schaffung eines regelmäßigen Netzes zentraler Orte über das gesamte Gebiet, die deutsche kulturelle, machtpolitische und wirtschaftliche Mittelpunkte und damit der unmittelbare Ausdruck der deutschen Herrschaft sein sollten.  
Es bleibt der Eindruck, als offenbare sich in diesen Vorstellungen zur deutschen Herrschaft in Osteuropa die bedingungslose Dominanz eines rassenideologischen Konzepts, daß im Widerspruch zu den Erfordernissen gesellschaftlicher Produktion steht. Doch waren diese Erfordernisse offenbar nicht mehr allein mit den Maßstäben kapitalistischer Produktion zu messen, wie sie nach wie vor für die europäischen Zentren galten. Denn was sich in Polen herausbildete, war eher die Trennung von Produktions- und Reproduktionssphäre: Während im Reich und den eingegliederten polnischen Nord- und Westprovinzen nach wie vor die Maximen kapitalistischer Produktion galten, begann sich im Generalgouvernement auf dem Höhepunkt faschistischer Macht eine deutsche Herrenklasse zu etablieren, deren Ziel nicht Produktion, sondern unmittelbare Herrschaft und Luxuskonsum war.  
In seiner schon erwähnten, im Mai 1940 verfaßten »Denkschrift über die Behandlung der Fremdvölkischen im Osten« äußerte sich Himmler in einer kurzen, jedoch recht aufschlußreichen Passage auch zur »Lösung der Judenfrage«. Er hoffte, »den Begriff Jude durch die Möglichkeit einer großen Auswanderung sämtlicher Juden nach Afrika oder sonst in eine Kolonie völlig auslöschen zu sehen«.  
An Projekten, mit denen dieses Problem gelöst werden sollte, war im RSHA, dem Auswärtigen Amt und in Dienststellen der NSDAP nicht erst seit dem Sommer 1940, jedoch von diesem Zeitpunkt an noch intensiver gearbeitet worden. Die deutschen Projektanten der europäischen Nachkriegsordnung gingen dabei angesichts des Kriegsverlaufs davon aus, den Besiegten in einem Friedensvertrag ein unbegrenztes Diktat aufzwingen zu können. Dies galt auch grundsätzlich für die Behandlung der jüdischen Bevölkerung. So wurde in einer Ausarbeitung des Außenamts-Mitarbeiters Franz Rademacher vom 3. Juli 1940 einleitend festgestellt, daß der bevorstehende Sieg Deutschland die Möglichkeit böte und es geradezu zur Pflicht werden ließe, »die Judenfrage in Europa zu lösen«.  
Vom Reichssicherheitshauptamt begeistert aufgenommen, wurde unter Rademachers Leitung in den folgenden Wochen das »Madagaskar-Projekt« als Vorschlag für eine »territoriale Endlösung« konzipiert. Es stellte gewissermaßen eine Zusammenfassung jener Ideen und Praktiken dar, welche die faschistischen Judenverfolgungen seit Jahren prägten. In ihm konzentrierten sich die Vorhaben der Beraubung und Enteignung, der gewaltsamen Deportation, der Einpferchung in Arbeitslager und der bewußten Herstellung von Lebensbedingungen, die zu einer gezielten Dezimierung der Juden führen mußten. Zugleich sollten die Millionen jüdischer Einwohner Madagaskars ein »gigantisches Faustpfand in den Händen der Faschisten« (Kurt Pätzold) bilden, das sie gegenüber den USA zu gebrauchen beabsichtigten.  
Das Projekt war im Rahmen der ganz Europa umfassenden Kolonisierungs- bzw. Germanisierungsstrategie eher eine Randfrage. Im Sinne einer funktionalen »Lösung der Judenfrage« hingegen war es das umfassendste Modell. Doch hätte der Madagaskar-Plan nicht nur die Herausgabe der Insel durch Frankreich, sondern zumindest auch die Seeherrschaft im östlichen Atlantik und damit den Sieg über England zur Voraussetzung gehabt. So ist denn auch der ein knappes Jahr später geäußerte Verweis Rademachers, der Krieg gegen die Sowjetunion habe inzwischen die Möglichkeit geschaffen, andere Territorien für die »Endlösung der Judenfrage« zur Verfügung zu stellen, womit nunmehr ein Abgehen von der »Überseelösung insularen Charakters« möglich geworden sei, zugleich auch das Eingeständnis des Scheiterns der deutschen Offensivstrategie gegenüber Großbritannien.  
Auch wenn der Generalplan-Ost und das Madagaskar-Projekt weitgehend Theorie blieben, da ihnen als selbstverständliche Prämisse nicht nur die Unterwerfung der Sowjetunion, sondern auch die Hegemonie gegenüber Großbritannien und den USA zugrunde lag, so geben sie doch ein recht präzises Bild vom Umfang der faschistischen Neuordnungsvorstellungen gegenüber der »fremdvölkischen« Bevölkerung Europas. Vor diesem Hintergrund von Global-Kalkulationen, die die Zerstörung der Gesellschaftsstruktur ganz Europas mit einschlossen, erscheinen die faschistischen Vorstellungen zum Vorgehen gegenüber der jüdischen Bevölkerung als integraler – jedoch keineswegs außergewöhnlicher – Bestandteil einer gigantischen »Neuordnungspolitik«.  
Gemessen an den Zielen der konzeptionellen Planungen während der Phase zwischen Frühjahr 1940 und Winter 1941/42 erscheint die unmittelbare physische Vernichtung der jüdischen Bevölkerung des Generalgouvernements als die von den militärischen Kräfteverhältnissen her einzig noch zu verwirklichende, gemessen an vorherigen »Endlösungs«-Konzepten jedoch strategisch erheblich reduzierte Maßnahme. Dieses reduzierte Konzept der unmittelbaren physischen Vernichtung gewann jedoch vor dem Hintergrund der sich zuspitzenden, von den Okkupanten selbstgeschaffenen Ernährungs- und Hygienebedingungen in den jüdischen Ghettos und der Veränderung der Funktion des Generalgouvernements insgesamt im faschistischen Sinne durchaus eine funktionale Bedeutung.  
Durch die mit dem Scheitern der »Blitzkriegsstrategie« in der Sowjetunion im Herbst/Winter 1941/42 erzwungene Rückkehr zu einem Herrschaftskonzept des »instrumentellen Rassismus« (Geyer) wurde dem Generalgouvernement ab 1942 die Rolle einer »agrarischen Nachschubbasis« für »Wehrmacht und Reich« zugewiesen. Die sich aus dieser Funktion ergebenden Forderungen trafen auf ein von 1939 bis 1941 im Rahmen des »ideologischen Rassismus« (Geyer) in seiner Wirtschaftsstruktur total und seiner Sozialstruktur weitgehend zerstörtes Land. Denn das »Aufbauwerk« der deutschen Herrenklasse hatte sich – so zeigen es exemplarisch die Berichte des Kommandeurs der SIPO und des SD für den Distrikt Galizien – in der Realität im wesentlichen in Trunkenheitsexzessen, Bestechungen, Schiebungen, Sittlichkeitsdelikten, im luxuriösen Lebensstil und im »volkstumspolitisch« ganz und gar verwerflichen engen Kontakt zur einheimischen Bevölkerung erschöpft.  
Das Unvermögen bzw. der Unwille zum Aufbau einer Verwaltungs- und Wirtschaftsstruktur mit den sich kumulativ ausweitenden lokalen Problemen insbesondere in den Ghettos und die Forderungen aus dem Reich nach Erhöhung der Ablieferungsmengen gaben schließlich die Lösung gleichsam vor: die drastische Einschränkung der Lebensmittelversorgung der »fremdvölkischen Bevölkerung«. Generalgouverneur Frank faßte dieses Problem im Dezember 1942 in der zynischen Frage zusammen, wie zwei Millionen Menschen aus der Ernährungsfürsorge (!) auszuscheiden seien.  
Beide Problemlagen sind mit der Auflösung der jüdischen Ghettos und dem Betrieb der Vernichtungslager Belzec, Sobibor und Treblinka, in denen mehr als I ,5 Millionen jüdische Menschen – ausschließlich aus dem Generalgouvernement – getötet wurden, bis zum Sommer 1943 »gelöst« worden. Vor diesem Hintergrund erscheint die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung des Generalgouvernements zugleich als eine Reaktion auf selbstgeschaffene Probleme und als ein »funktionales« Ergebnis des Zerfalls der uneingeschränkten faschistischen Herrschaft. Gemessen an den Kolonisierungs-, Germanisierungs-, Deportations- und Ausrottungsplanungen auf dem Höhepunkt faschistischer Macht war sie 'nur' die Verwirklichung eines ideologischen Kern- und Restprogramms.  
In ihrer Gesamtheit markierte die faschistische Vernichtungspolitik in Polen somit den Versuch, mehrere sich ergänzende Modernisierungs- und Krisenbewältigungskonzepte zu realisieren: eines im Dienst der ökonomischen Modernisierung der Zentren (vgl. Heim/Aly), wie sie sich schwerpunktmäßig in den »eingegliederten Ostgebieten« abzeichnete, ein zweites der uneingeschränkten ökonomischen Ausbeutung, wie sie als »Modell Auschwitz« an der Schnittstelle zum Generalgouvernement betrieben wurde, und ein drittes, das – nicht zuletzt als Krisenbewältigungsstrategie für Zentral- und Ostpolen – auf ökonomisch sinnlose Sofortvernichtung hinauslief.  
Walter Grode ist Politologe und lebt in Hannover
 
Anmerkungen  
1 Ich benutze den Begriff »funktional« nicht – wie dies in der Kontroverse übe Entschlußbildung und Verwirklichung des Genozids an den Juden geschah – um Positionen, die sowohl die innen- und außenpolitische Entwicklung des Naziregimes als auch die Vernichtung der Juden durch die Eigendynamik eines unkoordinierten Entscheidungsprozesses erklären zu können meinen, als die von »Funktionalisten« zu bezeichnen. Solche Interpretationen erscheinen mir eher als diejenigen von »Strukturalisten« (Ian Kershaw). Denn im Unterschied zur Sichtweise jener »Funktionalisten« läßt sich m.E. davon ausgehen, daß die jeweilige Radikalisierung der faschistischen Ausgrenzungs- und Vernichtungspolitik – trotz aller unterschiedlichen und teilweise widersprüchlichen Einzelinteressen ihrer Betreiber – nicht quasi zufällig (oder willkürlich) erfolgte, sondern zu Zeitpunkten und an Orten, die im Sinne faschistischer Funktionalität – und in diesem Sinne wird im folgenden der Begriff »funktional« verwendet – eine konsequente Abfolge darstellten.
 
2 In den folgenden Ausführungen zur deutschen Besatzungspolitik in Polen beziehe ich mich im wesentlichen auf Dokumentenmaterial aus dem Diensttagebuch von Hans Frank; aus dem »Generalplan Ost«; der Denkschrift Himmlers »über die Behandlung der Fremdvölkischen im Osten« und dem Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg sowie auf folgende Abhandlungen: Michael Geyer, Krieg als Gesellschaftspolitik. Anmerkungen zu neueren Arbeiten über das Dritte Reich im Zweiten Weltkrieg, in: Archiv für Sozialgeschichte, Bd. 26 (1986); Diemut Majer, »Fremdvölkische« im Dritten Reich. Ein Beitrag zur nationalsozialistischen Rechtssetzung und Rechtspraxis in Verwaltung und Justiz unter besonderer Berücksichtigung der eingegliederten Ostgebiete und des Generalgouvernements, Boppard am Rhein 1981; Hans Mommsen, Die Realisierung des Utopischen. Die »Endlösung der Judenfrage« im »Dritten Reich«, in: Geschichte und Gesellschaft 9 (1983); Kurt Pätzold, Von der Vertreibung zum Genozid. Zu den Ursachen, Triebkräften und Bedingungen der antijüdischen Politik des faschistischen deutschen Imperialismus, in: D. Eichholtz/K. Gossweiler, Faschismus in Deutschland. Faschismus der Gegenwart, Köln 1980.