Konkret 06/90, S. 59  
Horst Tomayer  
Tomayers ehrliches Tagebuch
 
In einem Fernsehstück über das an japanisches Geld verditschte Hamburger Hotel Vier Jahreszeiten erklärt ein höherer Pinguin von der Tageskarte runter, wer Stubenküken sind, also daß »der Bauer sie in seiner Stube aufzieht« und dann kommen sie im Vier Jahreszeiten »auf den Tisch«. Und dann erzählt der Hamburger Großgrund- und Hausbesitzer Robert Vogel, daß ihn einmal, lang lang ists her, eine »Danie erhört« gehabt habe und er habe mit ihr im Vier Jahreszeiten ehüm ehüm... Nun war das kurz nach Auschwitz und Hiroshima und auch die Elbe lag noch in Trümmern und das Vier Jahreszeiten hätte für Fünfe grade Grund genug gehabt, aber nein, es blieb beim Etepetete und der Portier unterband des späteren Multimillionärs Versuch, mit der »Dame« im Vier Jahreszeiten den Verkehr zu vollziehen mit dem Hinweis darauf, er sei ja, wie selber zugegeben, mit dem Opfer nicht vermählt. Und noch immer zieht der Bauer die Stubenküken Persönlich in seiner Stube auf und noch immer wird im Vier Jahreszeiten nur nach Vorlage des Trauscheins gefickt. das Elend, Büchner, macht vor den Palästen nicht halt.
 
Der 32jährige Hamburger Uwe W. fährt am 12. April 89 mit der S-Bahn von HH-Dammtor nach Hbf. Da sieht er im Waggon die Schriftzüge »Sieg heil« und »Türken raus«. Gott sei Dank dem Zufall, daß Uwe W. ein bißchen Lackfarbe mit sich führt, ruckzuck übermalt er die Schweinerei. Kontrollettis beobachten dies und stellen ihn. Die Bahn zeigt an und findet in Amtsrichter Graue den Kuli, der den 900-Mark-Strafbefehl wegen Sachbeschädigung unterzeichnet. Uwe W. geht vor Gericht und trifft dort einen Staatsanwalt, der auf 150 Mark plädiert und den Amtsrichter Siewert, der ihn zu 100 Mark verurteilt, weil es nämlich eine »Sachbeschädigung« bleibe »auch wenn ich üble Schmierereien überschmiere«.  
Nun rnußt, mein lieber Schwan und liebe Schwänin Du, Dir dies einmal ins Gemüt ziehn: Zwei weil an nichts interessierte Kontrollettis Gewordene sehen zu, wie einer Mordssprüche löscht, lassen den Halbpolizisten raus und schreiten zum Protokoll. Dann greift der durchaus in der SPD und in der Gewerkschaft der Eisenbahner Deutschlands oder in der ÖTV organisierte Kollege Sesselfurzer nicht etwa zum Telefon und scheißt die HVV-Nazisprücheübermalbrigade wegen ihrer Schlamperei zusammen, sondern das Arschloch macht Meldung beim Staatsanwalt. Zack ist der Strafbefehl über einen knappen Tausender aus der Schreibmaschine, AR Graue unterschreibt und der Antifaschist Uwe W. kann sehen wo er bleibt. Einen epischwuchtigen Eineinhalbstundenfilm möchte man machen darüber oder einfach nur stockbesoffen und blind vor Tränen aus der Gastwirtschaftstür torkeln und den Galaxien drobendrübendraußen heiserst zuschreien: Sie haben alle mitternander den Arsch offen auf Terra!
 
Der Kampf gegen den staatlichen deutschen Faschismus war verhältnismäßig einfach: Ein kleiner Weltkrieg und die Sache war ausgestanden. Komplizierter, viel komplizierter heute, wie mit dem zeitgenössischen nichtstaatlichen, gewissermaßen demokratischen Faschismus fertigwerden. Die alten braunen Kacker, die ihrer arischen Endlösung biologisch kommod entgegendämmern, sind nicht das Problem, Unruhe machen die Jungen, die Glatzköpfe, die mit den Tretern, Hauern und Stechern. Die amtierende theoretisierende und praktizierende Linke ist sowohl in punkto Analyse wie in punkto Therapie dissens. Die eine Schule meint, diese Purrschen müßten mehr klassisch bekämpft werden, also wie in der Weimarer Zeit, bloß halt effektiver, die andre sieht nur im pädagogisch orientierten Dialog einen Sinn. Die Kontroverse dauert an, während die deutschen Hauthetzer (englisch: Skinheads) immer mehr und giftiger werden. Da hört man gern, daß Friede, die Witwe des Philosemiten und Gastarbeiterfreundes Axel C. Springer, eine Stiftung zum Zurückschneiden der Neonazitriebe ins Leben gerufen hat. Jeder Skinhead, der die Militaryboots und die Bomberjacke auszieht und sich die Haare Richtung Schulter wachsen läßt, erhält aus dem Fonds ein zunächst auf ein Jahr befristetes monatliches persönliches Faschismusabrüstungsstipendium von DM 600. Nach diesem Zeitraum befindet eine Kommission über die Möglichkeit besser: Notwendigkeit weiterer Förderungsmaßnahmen. Friede Springer: »Eine Gehirnwäsche durch Geld scheint mir die humanste Art der Bekämpfung von Antisemitismus, Rassismus und anderen Vernichtungsseligkeiten zu sein.«
 
Sehr geehrte Alice Schwarzer! In der April-Titelgeschichte Ihrer Zeitschrift »Emma« über »Männerbünde« lassen Sie (von links nach rechts:) Ernst Kahl, Ernst Volland und meine Wenigkeit neben Brauchtumsknallköpfen, religiösen Fanatikern und normalen Nazis als ein Beispiel für »Männerbünde« antanzen. Was, Frau Schwarzer, glauben Sie, wird hier mit ritualem Händestapeln, beschworen? Doch nichts anderes, als daß jeder für sich, das heißt als unteilbares, jedwedem Mitglied(!)werben eines Männerbundes sich verschließendes männliches Individuum im Stillen gegen Schützenvereinsmeierei, Heiligerkriegsmärtyrertodsehnsucht sowie normalen Nazikram wirkt, a) einsam, b) allein, c) abgeschnitten von der Menschheit und d) ohne die Spur, den Hauch, den Wink, den Silberstreif der Hoffnung auf die Verwirklichung des Wunsches nach dem warmen unterhakenden Arm eines einfachen, unbescholtenen Mädels (Dummheit und Armut kein Hinderungsgrund), das mit unsereinem den letzten Zug der Linie 8 (Waldfriedhof) besteigt.
 
Sehr geehrter Herr Achternbusch!  
Sie waren unlängst an einem Sonntagmorgen in einer Sie und Ihr künstlerisches Tun würdigenden Sendung mit einem Öl-Bildnis Richard vor Weizsäckers zugange, und während Sie dieses Bildnis in die Kamera reckten, murmelten Sie, daß der von Ihnen gemalene gute Mensch der BRD am besten Präsident aller Deutschen, also incl. Zone werden sollete. Herr Achternbusch, Sie sind Bayer (Starnberger See), ich bin Bayer (Ammersee). Von Bayer zu Bayer und von Kunst Du mir a paar Mark leihn, Sie können doch nicht als Jesus im gotteslästerlichen Film übers Wasser laufen und mit dem Innenminister Zimmermann um die Drehbuchprämie prozessieren und dann Richard vor Weizsäcker als den guten Menschen der BRD malen. Sei denn, das hat alles Platz in ein und dem Selben, also als Jesus im gotteslästerlichen Film übers Wasser laufen, mit Innenminister Zimmermann um die Drehbuchprämie prozessieren und dann Richard vor Weizsäcker als den guten Menschen der BRD malen. Aber jetzt einmal im Ernst, Herbert Achternbusch, können Sie sich vorstellen, daß Ihr Kollege Vincent van Gogh eine nationale Integrationsfigur gemalen hätte? Wissen Sie denn überhaupt nicht Bescheid um das Wesen dieses grauenerregenden Wesens namens Integrationsfigur? In der März-Ausgabe dieses werten Organs sezierte der Autor Roger Willemsen die Integrationsfigur Richard vor Weizsäcker bei lebendigem Leibe auf das Erhellendste. Haben Sie das nicht gelesen? Und einfach drauflos gemalen? Entschuldigung, es hat grad geklingelt, ich muß zur Tür...  
So, da bin ich wieder, ein motorisierter Bote brachte mir grade einen anonymen Hinweis, Sie hätten Richard vor Weizsäcker ironisch gemalen. Ist das wahr?