konkret 06/90, S. 52  
Hermann Kant  
Purcell, Politics and Fingerprints  
Vorabdruck eines Kapitels aus seiner »Erinnerung an die Gegenwart« (Arbeitstitel), betreffend das gloriose Jahr 89, die Umschulung des Generalsekretärs, den Leserbrief des Bonner Außenministers, das Kapital von Karl May, den »Golf« in Sachsenhand, den Hund im Fernsehen, eine Zuführung zur Klärung eines Sachverhalts und das Grab der englischen Meyers  
Wenn ich mich über Krenz in »Bild« mokiere, sollte ich meine Mitschuld an diesem Teil seiner Karriere nicht vergessen. Zwar vermittelte ich nicht zwischen ihm und dem Intelligenzblatt, doch etwas verleitet habe ich ihn schon. Zu meiner Entlastung: Im Laufe vieler Verfasserjahre, und vieler Präsidentenjahre vor allem, teilten mir unzählige Leute mit, sie könnten sagenhafte Bücher schreiben, wenn sie nur wüßten, wie das anfangen. Manchmal legten sie umfängliche Ideenskizzen bei und wünschten zu erfahren, ob man mit Ausführung solcher Entwürfe zu Geld kommen könne. – Die richtigen Antworten zu finden, war eine heikle Sache, denn von allen Autoren sind am hochfahrendsten jene, die noch nichts geschrieben haben. Immerhin zog ich aus dem Umgang mit ihnen die Regel ab, daß man niemanden hindern soll, wenn er der Welt sein Schriftliches hinzufügen möchte. Und manchmal, wo ich den Leuten ansah, gleich würden sie mit ihren literarischen Plänen hervorbrechen, kam ich ihnen zuvor und riet ungefragt zu Tinte und Feder. Ähnlich ist es mit Egon Krenz gewesen.  
Nein, von Geld hat er nicht gesprochen oder nur in einer gewissen und durchaus verständlichen Weise. Ort und Zeit der Handlung waren etwas ungewöhnlich, aber nicht nur die waren das. Wir hatten Parteitag, den letzten der SED, gegen Mitternacht gab es eine Beratungspause in der Dynamo-Halle, in den vollgestopften Wandelgängen war an Wandeln nicht zu denken und an Beratungspause auch nicht. Jeder schrie jeden an, und aus einer Nische schrie unser Egon mir zu: »Ja, du, du kannst wenigstens noch ein Buch schreiben, aber ich, was kann ich? Ich bin arbeitslos!«  
»Kannst du doch auch, du brauchst ja nur über dein glorioses Jahr 89 zu berichten«, schrie ich zurück und wußte, ich hatte einen Fehler begangen. Denn schon begehrte der künftige Kollege zu wissen, wie er das anstellen solle. Da sich in dem Gedränge auch andere für die Antwort interessierten, gab ich einen Rat, mit dem schon viele etwas anzufangen wußten. »Denke dir, deine Tante Veronika aus Neuseeland hat geschrieben, sie hat dich in ihrem Fernsehen erkannt und will nun wissen, wie du in diese Lage geraten bist. Da fängst du an: Liebe Tante, Silvester war noch alles gut, aber dann ging es plötzlich los...«  
Vielleicht ist es die Selbsttäuschung eines Mannes, der, wenn er denn schon Vorschläge macht, auch sehen will, daß sie befolgt werden, aber ich meine, in den müden Augen des Eben-noch-Generalsekretärs habe ein doppeltes Aha geleuchtet. Nach allem, was ich höre, hat er die Sache anders angefaßt, und das verstehe ich nicht nur, sondern finde es gut. So kann nämlich ich mich meines eigenen Rates und des fiktiven Briefes einer fiktiven Tante als Ordnungsprinzip bedienen, um nunmehr mein glorioses Jahr 89 zu beschreiben.  
Also, liebe Tante Veronika, Silvester war noch alles gut. . . nur stimmt das nicht ganz. Nehme ich die beiden letzten Einträge im Kalender des Jahres 88, lese ich am 31. Dezember: »Mit Myron ins Krankenhaus. Halbtrüb, halbfreundlich, halblaut aus dem Jahr«, und auf der Z-Seite des unbenutzten Telefonverzeichnisses, mit dem das Diarium endet, finde ich den Anfangssatz einer Geschichte, über die ich in kommender Zeit nachdenken wollte. Er lautet: »Richte dich auf den Abgrund ein, sagte Richard Flierl zu mir, und gleich danach muß er aufgelegt haben.«  
Aus Richard Flierl ist nichts geworden, und Sohn Myron hat eine Lungenentzündung gehabt. Weil wir ihn um so gut wie keinen Preis dort lassen wollten, sind wir neun Tage lang morgens und abends mit ihm zur Kinderklinik gefahren. Machte mehr als tausend Kilometer, machte auch die Illusion, wir könnten etwas tun. Machte einen Jahresbeginn, den wir nicht vergessen werden, machte ihn so, daß er sich zum Ende stimmig verhielt.  
Lungenentzündung ist ein Paßwort in die dunkleren Reviere von Kindheit und Jugend. Meinen Vater habe ich in zwei Wintern wegen dieser Schrecklichkeit im Altonaer Krankenhaus besucht und kriege seither den Anstaltsgeruch nicht aus der Nase. Man starb noch an der verschärften Erkältung, und in Gefangenschaft war man bei solchem Befund so gut wie tot. Mit den appetitverschlagenden Antibiotika muß sich das gründlich geändert haben; ein Arzt hat mich einschlägig per Telefon abgehört, behandelt und, man sieht es, kuriert. Aber wenn ein Kind keucht und fiebert, denkt man nicht mehr in Schnurren. So hat das Jahr mit Angst begonnen.  
Sogar das Feuerwerk hielt sich in Grenzen, und in einem Falle waren mir die doch zu eng: Das Dankschreiben an einen freundlichen Menschen in Buxtehude kam halbverkohlt von der Ortspost zurück; mit hektographiertem Bescheid wurde ein Knallfrosch im amtlichen Briefkasten gemeldet. Es hätte sich gelohnt, mit ähnlichen Zetteln die zunehmend zertrampelter aussehenden Buchpäckchen, abgeschickt in Deutsch-West, zu begleiten, aber was und wen hätten sie namhaft machen können? Aus der nämlichen Himmelsrichtung ganz unversehrt ein lobender Leserbrief zur »Summe«, Absender, potzblitz, Genscher, Hans-Dietrich, Außenminister. Von noch weiter her, aus Kuba die spanische Fassung vom »Aufenthalt , und Einladungen nach Athen der griechischen »Aula« wegen – wer sagt, das Jahr fing nicht gut an?  
Ich sage es, Tante Veronika, auch auf die Gefahr, von Dir für undankbar gehalten zu werden – zwei Übersetzungen, ein Außenminister innerhalb weniger Januartage, und dann noch mäkeln! Weißt Du, die Meldung, er sei nun in einer weiteren Sprache zu haben, macht den etwas erfahrenen Autor noch nicht glücklich. Er kann bei dieser Gelegenheit erhoben oder zerschmettert werden oder auch so hoch erhoben, daß es einem Zerschmettertwerden gleichkommt. Kein Kritiker z.B. der ungarischen »Aufenthalt«-Fassung hat zu sagen versäumt, der Roman sei im Magyarischen so exzellent, wie er es im Original gar nicht sein könne. Dasselbe Buch entfachte unter russischen Literaturexperten einen Streit um seinen Namen. Ein Akademieprofessor aus Kiew hat das in Rede stehende Werk konsequent unter dem von ihm selbst für zutreffend gehaltenen, wenngleich offiziell gar nicht vorhandenen Titel rezensiert. In Rumänien ist »Das Impressum« mit der überraschenden Überschrift »Ich will aber nicht Minister werden« herausgekommen, und in den baltischen Ländern lassen sie dir nicht einmal deinen Autornamen; so heißt der Verfasser der litauischen »Aula« Hermanas Kantas. Klingt zwar nicht schlecht, aber man fragt sich, ob der Text ähnlich freien Umgang erfuhr.  
Zugegeben, liebe Tante, ich nehme mich kleinlich aus bei zwei Übersetzungen Anfang Januar schon und einem leserbriefschreibenden Minister, aber es hat mit dem Wissensteil zu tun, den ich Dir voraushabe. So weiß ich, daß die Griechen, die mich eben noch zur rauschenden »Aula«-Premiere luden, inzwischen in die Pleite rauschten – der zweite Verlag bereits, dem das mit diesem Buch passiert; der andere, sollte es am Text liegen?, war einer in Belgrad – und außerdem weiß ich, daß man, ganz anders, als Du auf Neuseeländisch denkst, meine Liebe, kein Geld an diesen Vervielfältigungen verdient. Wenn man Glück hat, schickt der Übersetzer aus Santiago ein Belegexemplar, und man muß sich nicht enteignet fühlen, sondern darf sich als Aktivisten der internationalen Solidarität empfinden.  
Und was nun die Minister betrifft, liebste Veronika, ist es auch nicht gleich Gold, wenn sie dich glänzend nennen. Vor der professionellen Kritik verbirgt man besser, daß ein gehobener Staatsdiener angetan war, weil nach ihrer Meinung Freundliches aus Amtssprechermunde nur die Mediokrität von Schriftlichem beweist. Ich könnte diese Ansicht mit einheimischen Beispielen unterstützen, bevorzuge jedoch ein weitgereistes, weil es das jüngste in einer langen Reihe ist. Den Innenminister eines lateinamerikanischen Staates hörten Berliner Autoren kürzlich sagen, im Jahr 89 nämlich, von dessen Gloriosität wir hier handeln, Karl May sei nicht nur sein literarischer Schwarm, sondern jener Verfasser, dem er im revolutionären Kampfe am ehesten nachzuleben trachte. Nein, liebe Tante, der Mann meinte wirklich May und nicht Marx; gleichviel auch, wenn seine Sache scheitern sollte, lag es in jedem Falle am falschen Vorbild und eben wieder einmal an Literatur.  
Ein Vorteil, wenn man nicht von »Bild« unter Sold genommen ist, sondern seiner Tante nach Neuseeland schreibt, besteht in der Freiheit, sich berichterstattend auszubreiten. Gewiß wird man das Fassungsvermögen der fernen Verwandten zu bedenken haben, aber vermuten läßt sich, es sei größer als das der Brüder und Schwestern in Hagen und nun auch in Hagenow, die das Springer-Ding für eine Zeitung halten. Da wird es wahrscheinlich toleriert, wenn einer sein Jahr zu beschreiben versucht und schon im Januar nicht recht von der Stelle kommt. Es kommt wohl auf die Stelle an, auf das, was sich an ihr an Mitteilenswertem findet. Die einzige Schwierigkeit: Wie bemißt sich der Mitteilungswert?  
Beispiel: Am 19.1. hat meine Frau ihren »Golf« verkauft; wen geht es etwas an, was hat es in der Beschreibung eines gloriosen Jahres zu suchen, daß frühmorgens um sieben drei Männer aus einem sächsischen Nest bei uns erschienen, gestartet daheeme Glock drei in Winternacht, um ein zwölf Jahre altes Auto gegen gar nicht wenig Geld zu erwerben und nach hastigem Kaffee wie gemachte Leute auf 250 Kilometer Rückfahrt zu gehen? – Ach, liebste Verwandte Veronika, eben damit hat das deutsche Jahr 89 sehr zu tun, und davon Bescheid zu geben, gilt als Abmachung nun.  
Und mit dem Eintrag in meinem Januar-Kalender, ich habe Hager wegen 21,30 Dollar geschrieben, verhält es sich nicht anders; nur handelte es sich um ein paar Dollar mehr. In Neuseeland wird man bei diesen Worten an einen schon klassischen Italo-Western mit Clint Eastwood denken; hierzulande, wo besagtes Kunstwerk noch nicht so bekannt ist und besagtes Zahlungsmittel auch nicht, denkt man dabei zunächst tatsächlich an Geld. Die 21 Dollar wurden einem Freunde von mir als Tagessatz für seinen Aufenthalt in Neuengland zugeteilt und zwar vom Finanzminister und zwar aus des Freundes eigener Tasche. Von seinem Fulbright-Stipendium nämlich, mit dem er, als erster Mitarbeiter der Akademie der Wissenschaften, für herausragende Leistungen ausgezeichnet worden war. Den Rest, schrieb der Minister dem Professor und schrieb ich dem Mitglied des Politbüros, den Rest von seinem ehrenhalber verliehenen Stipendium habe der Mann nach einem Vierteljahr Amerika nach Hause und in die Staatskasse zu schaffen. – Angenommen, liebe Tante in Neuseeland, du hättest, wie Du im vergangenen Herbst am heimischen Televisor saßest, erstaunlich viele wissenschaftliche Köpfe den Slogan »Wir sind das Volk!« rufen hören, glaube ich, Dir mit meinem Kalendereintrag einen der Gründe für das unakademische Geschrei benannt zu haben.  
Traue ich meinen Einträgen, ist »Geld« ihr eigentlicher Untertext bei Jahresbeginn gewesen, denn schon die zweite Notiz hat mit ihm zu tun; dann die fünfte, danach die neunte, und die zwölfte wie dreizehnte nicht anders. Anders jedoch als im herkömmlich neuseeländischen Sinne ist es hier im Spiel – und auch wieder nicht so anders. In Neuseeland, wo sie Schafe soviel wie Kiwis haben und mit beiden Handel treiben, geniert man sich wahrscheinlich weniger, von Geld zu reden, als hier, wo man unvergleichlich weniger davon hat. Am Ende ist es auch bei uns nur ein Zahlungsmittel, aber die Zwecke nehmen sich antipodisch aus. Wenn es einen bei Euch, liebe Tante Veronika, nach einem »Golf« verlangt, ruft er seinen car dealer an und wird nach der Farbe gefragt. Wenn einer von Euren jungen eggheads Herrn Fulbrights Aliment erhält, teilt womöglich die Zeitung davon mit, aber der Finanzminister wird nicht mit ihm teilen wollen. Hier, ich sagte es, wollte der Finanzminister teilen, und die Zeitung, füge ich der hiesigen Besonderheit wegen hinzu, konnte sich sehr beherrschen und druckte kein Wort. Denn ein Weltbild stand auf dem Spiel und die Ordnung der Heimat. Im Weltbild der Landespresse war ein stiftender US-Mensch nicht vorgesehen, weil diese jenes vor allem als Feindbild verstand, und von westlich-auswärtiger Ehrung sollte besser keine Medienrede sein, da das nur Begierden wecken konnte.  
Auch dem Kollegen W., der gleich nach Myron den zweiten Platz in meinen Privatannalen 1989 einnimmt, ist es um Geld im abgehandelten Sinne gegangen, als er sich mit dem Fernsehen der DDR, heute wieder Deutscher Fernsehfunk, auf einen Kompromiß einließ. Mit der Kurzformel »Vom Feindbild zum 'Bild'-Freund« wäre die Änderung dieses Hauses zwar zu gehässig beschrieben, aber daß ich nach kurzem Hinblick längst nicht mehr weiß, wessen Sendung ich gerade empfange, hat mit dem Abschied vom Feindbildschirm zu tun. Wenn einmal die Geschichte unseres Fernsehfunks geschrieben wird, sollte sich zeigen: Nicht jegliche Wendung hat erst die Wende abgewartet, manche wurde von unseren Sendeleitern vorauseilend herbeigeführt. So hat der erwähnte Kollege W. für das Jahr 89 eine Serie erdacht, deren Hauptdarsteller im Jahre 69 noch weitgehend aus dem Band geschnitten worden wären. 1989 nämlich schrieb Kollege W. eine Tierarzt-Folge, in der es jede Menge Hunde gab, aber 1969 hätte er nicht die kleinste Menge Hund auf den Sender gebracht. Genau das erklärte mir damals der Intendantenstellvertreter Dr. Liebeskind in seinem etwas breiten Südstaatler-Sächsisch. Ich hatte mich über die Anstandsregeln der Anstalt geäußert und bekam von ihm zu hören: »Du denkst wohl, mir sind eng. Mir sind nicht eng, mir sind bloß wachsam. Nimm nur die Hunde, die schneiden mir alle raus. Warum? Weil unsere Menschen bei den Viechern gleich an die Hunde an der Mauer denken. Darum: Bei mir fliegt jeder Köter naus ! « – Die Regel haben sie nicht nur abgeschafft, sondern mit dem Tierarztfilm des Kollegen W. ins Gegenteil verkehrt, und ich warte auf den Befund, sie hätten, als es noch gefährlich war, mit ihrem Aufgebot an Pinschern und Doggen eine besonders sublime Form von Anti-Mauer-Polemik betrieben. Undenkbar ist bei denen nichts. Zu Beginn des Jahres 89, mein Tagebuch meldet es, haben sie dem Kollegen W. zwar keinen Hund aus dem Streifen geschnitten, wohl aber die Frage: »Was halten Sie von Gorbatschow?«, und weil sie ihm trotz dieses Abzugs die volle Arbeitsgage zahlten, sprach mir Kollege W. von gütlicher Einigung und von Kompromiß.  
Ich hoffe, verehrte Tante Veronika am anderen Ende der Welt, Du verstehst, warum am anderen Ende des Jahres so manches anders werden wollte; Exemplum zeigt ja doch: So ging es nicht mehr. Und solltest Du Dich fragen, wie Dein europäischer Neffe sich zu dieserlei Schwachsinn verhielt, antwortet der Dir: Du brauchst ihn nicht zu enterben; er hat sich gerührt. Mit den Hundefängern und Liebeskindern hat er regelrecht Kriege geführt; dem Postminister, dem Finanzminister und dem Sicherheitsminister schickte er protestierende Bescheide.  
Dem Sicherheitsminister? Gewiß, und nicht nur das Tagebuch 89 weiß davon; allenfalls die Betroffenen haben es vergessen. Die Geschichte erzählt sich schlecht, wenn man ihre Voraussetzungen nicht kennt. Wissen muß man, was unsereinem der jeweils erste Sonntag im Januar bedeutet hat. Seit ich in Berlin lebe, seit achtunddreißig Jahren mithin, versäumte ich kaum einen der Umzüge, mit denen wir Liebknechts und Luxemburgs gedachten. Wenn Demonstrationen schön sein können; diese waren es. Ihr Sinn verdunkelte sich nicht, und weil sie oft genug unter schneedunklem Himmel stattfanden, bei Frost, Wind und Regen, war sogar ein wenig Anstrengung erforderlich. Ich wollte immer dabeisein, wenn die Schalmeien schrien, und gefehlt habe ich nur der einen oder anderen Krankheit wegen. Das fiel dann auf, und als ich ausgerechnet kurz nach dem »Impressum«-Verbot nicht erscheinen konnte, faßte Wolfgang Kohlhaase, den man im Angelsächsischen einen pun-dit nennen würde, die Gerüchtslage unzutreffend, aber trefflich in die Worte: »Kein Intressum!«  
So grimmig-lustig blieb es nicht immer. Im Maße, wie unser Glaube positiv wurde, wich das Gedenken an Rosa dem Kampf gegen rote Buchhalterzahlen, und lustlos, ja mit Ingrimm trotteten wir die Wintermeile nach Friedrichsfelde und winkten Mielke und Mittag zu, als wären's Luxemburg und Liebknecht. Beim Umzug 88 dann kamen die etwas angestrengte Bühnenschaffende Klier und andere in Haft, weil sie eine Fußnote aus Rosas Schriften zum Bannerspruch erhoben, und der Sonntag im gloriosen Jahre 89 sah nur noch eine Demonstration amtlicher Schlußfolgerungen aus diesem umwerfend konterrevolutionären Akt.  
Es dauerte, bis ich begriff, warum abertausend Ordner entgegen der Zugrichtung die Straßenränder säumten und den Marschierenden nicht in die Gesichter blickten, sondern über deren Köpfe hinweg in den Himmel. Noch einmal fand Leseland DDR hier statt: Die stationären Weggefährten lasen, was die mobilen an Schriftlichem mit sich führten; Losung für Losung gingen sie durch mit amtlichen Augen und waren wohl die länglichste Zensurbehörde in der Geschichte der politischen Literatur.  
Unser Stellplatz befand sich Ecke Frankfurter Allee und Rathausstraße, ganz nahe dem Komplex Normannenstraße, dem Hauptsitz der Staatssicherheit also, und auf seine Weise belegte er, wie sich Allmacht auch in Wohltaten zu äußern pflegt. Denn erst zum zweiten Male in 38 Jahren trafen wir uns so nahe dem Zielpunkt des Marsches und hatten, verglichen mit dem, was uns vorher abverlangt worden war, einen weit kürzeren Weg auf den Friedhof. Wie kam's? Durch Honecker kam's. Da ich, seit ich ZK-Mitglied war, auf die Ehrentribüne hätte klettern müssen, was ich aus verschiedenen Gründen nicht wollte, hatte ich dem Generalsekretär geschrieben, es mache sich nicht gut, wenn ich aus dem ohnehin kleiner werdenden Kreis der Teilnehmer schere; viele meiner Kollegen seien nicht mehr so gut zu Fuß, und da wolle ich bei ihnen bleiben. Mein Brief kam nicht nur prompt mit dem bekannten »Einverstanden. EH« zurück, er bewirkte zugleich die Vorverlegung des Rendezvousplatzes um ein bis zwei Kilometer. Mir war unschwer vorstellbar, wie der Oberorganisator aller Demonstrationen die Unterorganisatoren dieser speziellen Demonstration anwies, den klapprig gewordenen Schriftstellern eine günstigere Position im Aufmarschplan einzuräumen. Ebenso vorstellbar ist die Antwort EHs, die er gegeben hätte für den Fall des Vorwurfs, auch in dieser mildtätigen Geste sei Diktatorisches zu erkennen. Ein entsprechendes Billett wäre vermutlich mit dem Vermerk zu seinem Absender zurückgelangt: »Nicht verstanden. EH«.  
Trotz der Wegverkürzung waren am fraglichen Sonntag nicht sehr viele Autoren erschienen; bis auf einen hochaufgeschossenen und für unsere Verhältnisse jungen Menschen kannte ich alle am Treffpunkt, und es machte keine Mühe, mit jedem ein Wort zu wechseln. Ich war gerade im Gespräch mit dem Lyrik-Redakteur der »Neuen Deutschen Literatur«, als etwas Dramatisches in meinem Rücken seinen Erzählfluß unterbrach. »Die schleppen da einen ab«, sagte er, »die haben den Kollegen Labs geschnappt!«  
Ich folgte seinem Blick und sah den langen jungen Mann, den zwei überlange Kerls aus unseren spärlichen Reihen zerrten, und ich sah vor allem, daß man dem Trio bereitwillig eine Gasse öffnete und niemand es aufzuhalten schien. Auch im nachhinein ist mir das der schlimmste Eindruck geblieben. Die Drei gewannen erstaunlich rasch Boden, und um sie einzuholen, mußte ich rennen. Mit mir rannte Christian L., von der NDL der Lyrik-Redakteur. Weil von den drei Enteilenden der Mittlere an Eile nicht interessiert schien, holten wir sie schließlich ein, und ich verlangte, etwas keuchend sicher, eine Erklärung des Vorgangs. Der kleinere Lange rief: »Herr Kant, helfen Sie mir!«, und die größeren Langen sagten gemeinsam: »Es handelt sich um eine Zuführung.« Ich kannte den Ausdruck noch nicht und wollte vom Zweck der Übung erfahren, hörte jedoch nur, es gehe um die Klärung eines Sachverhalts. Weil man mit dieser Formel auch bei Falschparken zur Polizei bestellt wird, wünschte ich genauere Auskunft, und bekam den wiederholenden Bescheid, es handle sich um eine Zuführung zwecks Klärung eines Sachverhalts. Im Laufe einer Diskussion, die sich etwas zähflüssig gestaltete, weil die beiden Zuführer erkennbar nicht geübt im Auskunftgeben waren, vermutlich eher in dessen Gegenteil, stellte sich immerhin heraus, daß sie den Kollegen Labs in ihre Dienststelle in der nicht nur durch Simmel-Romane bekannten Magdalenenstraße zu führen gedachten und zwar wegen Vorzeigens einer nicht genehmigten Abbildung.  
Kurz, der Kollege Labs, Übersetzer aus dem Portugiesischen, wurde beim Schwenken eines Gorbatschow-Bildes gegriffen, dem er anstelle des wegretuschierten Muttermals einen roten Sputnik einretuschiert hatte, jenen Flugkörper also, nach dem ein Magazin hieß, das auf Geheiß von EH gerade aus der Postzeitungsliste geflogen war.  
Solcher Andeutungen wegen wurde der Weg zu den Märtyrern mit martialischen Gestalten gesäumt, und zwei von ihnen hatten einen von uns gegriffen, und wegen des Widersinns von alledem lief ich mit ihnen und ihrem Gefangenen und dem symbolgeladenen Bild um das weite Areal der Normannenstraße, ließ mich anstarren von Leuten, die »Dahamsewelche!« dachten, und von Leuten auch, die womöglich dachten, dahamseden Kant, ließ mich in der Magdalenenstraße in etwas bringen, was wahrscheinlich Zuführabteilung hieß, vergnügte mich ein wenig am gequälten Trotz, mit dem Kollege Labs ein Reclambändchen zückte, obwohl ihm garantiert nicht nach Lektüre war, vergnügte mich etwas mehr am chandlerreifen Auftritt von zwei Mielke-Männern, deren einer sich groß und gütig gab, während der andere den Kleinen und Bissigen machte, und fragte mich, zugegeben, vor all der Blödheit doch, ob sie nicht ausreichen werde, mich gemeinsam mit dem Portugiesisch-Übersetzer und Gorbatschow-Veredler in ein Loch zu tun.  
Falls Du noch zuhörst, liebe Tante Veronika, sollst Du wissen: Es war mir ganz ernst mit meinem Bedenken, denn wer in der Lage ist, einen solchen Gedenkzug unter Aufsicht zu stellen, wozu sollte der nicht in der Lage sein? Zwar würden sie mich nicht zum »Lusiaden«-Kenner schließen, da wir ja Tatgenossen waren, aber wer wollte sie hindern, mich, der ich mich sozusagen selber zugeführt hatte, bis zur Klärung des Sachverhalts ein wenig warten zu lassen? Seit einem gewissen Vorfall warte ich ungern in derlei Umgebung. Und Tatgenosse von jemandem, dem es überm Protest am klaren Denken fehlt, wollte ich auch nicht so dringend sein – fertigt doch dieser Mensch seine Retusche von Gorbatschow so, daß ein Schlaumeier von Staatsanwalt nur noch sagen muß: Oho, eine blutrote Kugel in der Stirn des führenden Genossen, am Gedenktag für Karl und Rosa auch noch, denen man einst die Schädel zerschlug, das reicht dann doch wohl!  
Wir sind beide noch am selben Tag aus der Magdalenenstraße an die frische Luft gekommen, vielleicht auch, weil ich dort im Lokal so böse wie möglich versprach, ausnahmsweise nun doch zu EH und seinem Mielke auf die Tribüne zu klettern und ihnen »Nicht einverstanden. HK« zu sagen. Sie meinten, das sei doch nicht nötig, und am Nachmittag erschien ihr Abgesandter bei mir mit der Versicherung, die kleine Ordnungswidrigkeit des Kollegen Übersetzer werde weiter keine Folgen haben. Von der großen Ordnungswidrigkeit ihres Späherspaliers sagte er nichts, aber was wollte man von einem Menschen verlangen, der, zu Zwecken der Tarnung oder mir zu Ehren, an einem proletarischen Gedenktag im immer noch proletarischen Berlin ein lang nicht gesehenes Kleidungsstück, einen Homburg, auf seinem wachsamen Kopfe trug?  
Wie Du Dir denken wirst, habe ich die Tribüne gemieden, bin ohne meine Schreibergefährten im Umzug gegangen und habe danach das Grab von Ernie Meyer aufgesucht. Wir sind einander schwierige Verwandte gewesen, dieser Schwiegervater und ich, aber zum einen ist er Wand an Wand mit mir gestorben, dieweil ich selber nicht recht bei Leben war, und zum andern ist der Platz, an dem er liegt, wie geschaffen, im Gedenken an allergrößte, an unvergleichliche Ordnungswidrigkeiten den Zorn auf kleine dumme Männer, seien sie nun lang oder alt, ins angemessene Verhältnis zu bringen.  
Ernst Hermann Meyer hat den guten Gedanken gehabt, im unfeierlichen Teil des Friedhofs Friedrichsfelde ein weitgehend symbolisches Grab seiner Familie einzurichten; soweit es an anderen Stellen Gedenksteine gab, versammelte er sie in diesem Geviert, und für jene seiner Verwandten, von denen nur die Namen blieben, legte er neue Tafeln neben den alten aus. Der Tod der Meyers und Hermanns gibt sich in diesem Bereich auf äußerst unterschiedliche Weise bekannt: Hat er in Berlin stattgefunden und etwa bis zum Jahre 1933, dann steht es so auf dem Gestein; etwas später jedoch werden die Daten vager, und Ortsnamen gewinnen einen entsetzlich vertrauten fremden Klang. Was an Örtlichkeit einem einfällt zu jüdischem Sterben, ist in diese Steine geschnitten; Theresienstadt, Treblinka, Maidanek und Auschwitz sind alle in der tribünenlosen Abteilung vom Lichtenberger Friedhof, nahe Laubenkolonie und Fernheizwerk, noch einmal nachzulesen.  
Kein schlechter Platz für einen mit Zorn im Herzen oder auch nur Wut im Bauch; man versteht dort vom manchmal unverständlich starren Ernie Meyer einiges doch; man versteht die Furcht seiner furchtlosen Töchter; man wird auch bald verstehen, warum jene Meyers, die seit den dreißiger Jahren englische Meyers sind, zu längeren Besuchen laden.  
Nein und nein, ich tue nicht mit bei dem Geklittere, durch das aus Wandlitz ein Vorort von Auschwitz wird; ich bestehe für EH und Genossen auf lebenszugewandten Absichten und nicht solchen, die zu Gas und Vernichtung führten, aber von den Elementen, aus denen dann Grabstellen wie die der nur noch namentlich vorhandenen Meyers wurden, ist mir am Januarsonntag 89 eines furchtbar vor Augen gewesen. Ich weiß nicht, wieviel Leute einen ungehinderten Blick auf die Zuführung des Portugiesisch-Übersetzers hatten, und setze die Zahl vorsichtig bei 100 an. Von diesen haben sich zweie gerührt, und einer von ihnen war statistisch nicht erheblich. Ein reichlich bekannter Mann, als Schreiber von Schriften und Redner von Reden im Ruf, Stütze des Staates zu sein, und daher kaum in Gefahr, mehr als Mißhelligkeiten dulden zu müssen – der zählte nicht. Der andere, Christian Löser sein Name, ja, der zählte sehr, denn er war abhängig und angreifbar, war nur von einem Zeitschriftchen das angestellte Redakteurchen für Gedichte und hatte allen Grund, sich nicht zu rühren. Der zählte, weil man ohne ihn hätte sagen müssen, zu hundert Prozent seien die Augen geschlossen gewesen, als zwei ganze Kerle einen halben Dichter, der Richtung Rosa wollte, Richtung Magdalenenstraße schleiften.  
Ich kann nicht behaupten, der Anblick dieser Blinden habe mir den Rest gegeben, aber ich erholte mich nicht mehr von ihm. Zwar reichte die wachsam umstellte Demonstration schon zu, und der Aufenthalt in der Straße mit dem frommen Namen tat seines, aber vor allem mußte ich mich genarrt fühlen, höchstamtlich genarrt sozusagen. Wegen des »Sputnik«-Verbots nämlich war ich bei Honecker gewesen, hatte ihm am 21. November 88 einen scharfen Protestbrief geschrieben, der eine Woche später zu einer fast zweistündigen Diskussion zwischen uns führte. Ich kam zu dem Eindruck, er werde versuchen, die Sache, bei Wahrung seines Gesichts natürlich, wieder einzurenken. Allerdings steht in meinem Merkbuch: »Ihn erreicht, ob etwas erreicht?«, und ich hätte mich an meine Skepsis halten sollen. Stattdessen hielt ich mich an die nachdenklichen Töne und an die Beteuerung des Generalsekretärs, jeglicher Spielart von Antisowjetismus gelte es zu steuern, und wenn ein anderer Eindruck entstanden sei, werde er sich persönlich dagegen wenden. Er versprach, die im selben Zuge aus dem Verkehr gezogenen sowjetischen Filme noch einmal prüfen zu lassen, und an Mühe, sich verständlich zu machen, ließ er es mir gegenüber nicht fehlen.  
Man hatte ihn beleidigt, darauf lief es hinaus; der »Sputnik« schrieb, die deutschen Kommunisten trügen Mitschuld am Machtantritt Hitlers, und das konnte er, der als deutscher Kommunist gegen Hitler gekämpft und dafür zehn Jahre im Zuchthaus gesessen hatte, allenfalls vom Westen hinnehmen, aber nicht aus dem Osten. – Der Osten, soviel wurde bei diesem Gespräch, das aus Honeckers Darlegungen und meinen Einwürfen bestand, sehr deutlich, hieß mit Vor- und Vatersnamen Michail Sergejewitsch. Wieder einmal hatte es die Weltgeschichte mit dem Konflikt zwischen einem alten und einem jungen Manne zu tun; Veteran und Grünschnabel, so lautete der Untertitel auch dieses Stücks.  
Mein Einwand, ein Generalsekretär habe zwar das Recht, beleidigt zu sein, dürfe sich jedoch nicht auf Kosten der Bevölkerung rächen, wurde zur Kenntnis genommen, und ich bin sicher: Es war die Erwähnung seines Titels, die den wütenden Mann so milde stimmte. Von solcher Wirkung erfuhr ich schon kurz nach Einführung der neuen Amtsbezeichnung. Damals hatte er auf meinen Vorschlag, er solle sich im Streit um den Roman »Es geht seinen Gang« von Loest gegen einen Spruch der Hallenser Bezirksleitung stark machen, fast klagend erwidert: »Aber ich bin doch Generalsekretär!«, wollte sagen: für alle da, und die Entgegnung, dann müsse er auch das generelle Interesse verfechten, wurde fast dankbar angenommen.  
Wahrscheinlich macht Macht jeden, der sie innehat, wenn nicht machtbesoffen, so doch zumindest machttrunken, und der Hinweis z.B., es entstehe Personenkult um ihn, kann jemanden in dieser Verfassung gar nicht erreichen. Meine Äußerung, es wirke gefährlich lachhaft, wenn er in einer Zeitungsausgabe auf zweiundvierzig Messebildern erscheine, hat Erich Honecker mit der Erklärung aufgenommen, die jeweils mit ihm abgebildeten internationalen Handelsherren wünschten das so. Er war eben, so sah er das wohl, auch für die der Generalsekretär.  
Und wenn seit Tausendundeiner Nacht ein Stück Harun al Raschid in den besser geratenen Machthabern wohnt, so war ihm eine größere Menge davon zuteil geworden. Wie der Urvater dieser Haltung, neigte er Künsten und Künstlern zu, boxte Ehrungen für Schreiber durch, deren Schriften ihm nicht behagen konnten, scheute sich nicht, standing ovations für Musikanten in Gang zu setzen, pfuschte den Planern zu Gunsten von Akademie und Schriftstellerei in die ehernen Pläne, und wenn er Respekt bezeugen wollte, geriet ihm das, herrschergildenüblich, manchmal zu zweifelhaftem Gönnertum. Bei einem Empfang bat ihn ein eben dekorierter Schauspieler, der für seine kinderreiche Familie einen Kleintransporter brauchte, um Hilfe, und man hörte den Staatsratsvorsitzenden tönen, als sei er der Butt von Grimms und Grass: »Geh ruhig nach Haus, du hast ihn schon!«  
Oder nehmen wir mich. Mir hat er, als mich meine Unfallschmerzen fast in den Wahnsinn trieben, eine Spezialbehandlung im sowjetischen Regierungskrankenhaus vermittelt. Weil ihm das wohl noch nicht genügte, sorgte er, daß ich mit der Kuriermaschine ein- und nach einem Vierteljahr aufwendigster und auch hilfreicher medizinischer Bemühungen wieder ausgeflogen wurde. Es war eine Art nobler Gefangenschaft, in die ich geriet, und wenn mich zu beiden Enden der Flugreise Männer eskortierten, denen ein Homburg ganz gut zu Gesicht gestanden hätte, paßte das zum Gewahrsam. Was mir der Generalsekretär, der auch Oberster Sekretär aller Generale war, damit sagen wollte, weiß ich nicht genau, aber daß er mir etwas damit sagen wollte, halte ich für sicher.  
Er verstand sich auf Andeutungen. Als Manfred Wekwerth, Präsident der Künsteakademie, zu ihm kommen mußte, weil in der Zeitschrift »Sinn und Form« unbotmäßige Texte gestanden hatten, sprach der Generalsekretär, der auch Oberster Sekretär aller Präsidenten war, über Gott und die Welt mit dem bänglich-erwartungsvollen W., erwähnte aber das Blatt mit keiner Silbe. Es lag nur, schön sichtbar für den Gast, auf des Gastgebers aufgeräumtem Schreibtisch.  
Gleich meine erste Visite bei ihm lieferte mir von diesen Finessen eine Probe. Ich kam des erwähnten Loest-Buches wegen und stellte dem Generalsekretär, der auch Oberster Sekretär aller Verleger war, einmütigen Autorenunmut für den Fall der Unterdrückung des Romans in Aussicht, und ich führte einige Kollegen auf, mit deren Einverständnis er unter keinen Umständen rechnen könne. Als die Reihe an ein bestimmtes Mitglied jenes Präsidiums kam, dessen Vorsitz ich eben erst eingenommen hatte, sagte Erich Honecker, den es sicher gegrämt hat, daß er nur in Grenzen auch der Oberste Sekretär aller Schriftsteller war, mit herausgestellter Beiläufigkeit: »Der muß.« – Er setzte keine besondere Miene dazu auf, sah mich nicht bedeutungsvoll an und machte keine vielsagende Pause; er warf nur zwei Wörter ein und hörte mir wieder zu, aber ich wußte nun, wie das Verhältnis zwischen ihm und dem Kollegen und die Verhältnisse in dem von mir geleiteten Gremium beschaffen waren, courtesy of your friendly generalissimo. Eine kameradschaftliche Einhilfe für den beginnenden Leiter und eine Warnung mit Mehrfachsprengkopf wohl auch.  
In der Studentenversammlung zu Oslo hat man mir einmal erklärt, wie Sitzordnung im Saal, Plazierung des Vorstandstisches und sogar die Position des Rednerpults je nach Lage der politischen Dinge so verändert würden, daß ein Blick auf das äußere Arrangement Einblick in innere Verhältnisse gewähre. Insofern hatte EH etwas von einem norwegischen Studenten. Entsprechend der jeweiligen Situation und ihrer Bewertung durch den Obersten Vorsitzenden wurde man an seinen Schreibtisch beordert oder in die Sesselgruppe gebeten, kam er einem an die Tür entgegen oder durfte man zusehen, wie er länger in seine Akten sah, hörte man small talk über big people oder die ungnädige Frage: »Also, was gibt's?«, erhob sich der Generalsekretär an der mächtigen Stirnseite der Politbüro-Tafel zur Begrüßung mit aufwendigem Handschlag über die Weite des Tisches oder machte er zwecks Platzanweisung gerade so den Finger krumm.  
Und seine Vorzimmerdame sorgte für Karikaturen dieses karikaturnahen Gebahrens. Das war eine überfärbte Mecklenburgerin, der ich ob ihres ebenso sauertöpfischen wie majestätischen Gehabes am liebsten, Verzeihung den Rüpel und Macho, in den Hintern getreten hätte. Mein Weg durch das gloriose Jahr 89 ist auch durch die reichlich alberne Tatsache gekennzeichnet, daß unser Verhältnis mit jedem Brief, den ich Montags um acht bei ihr abgab, giftiger und grimmiger wurde. In einem Kinostück hätte die wechselnde Gemütslage einer solchen Wächterin genügt, den Wechsel der Verhältnisse anzuzeigen. Man sage nicht, die Frau sei nur ein Instrument gewesen, von dem sich die sinkende Drehzahl der politischen Maschinerie ablesen ließ, aber richtig ist: Wenn ich mich frage, an wen ich mich hätte halten müssen, als es hörbar untertourig und zugleich überdreht zuging im Staate DDR, dann darf ich mich mit Helfern und Gehilfinnen nicht begnügen und mit der Tatsache auch nicht, daß ich dem Gesamtvorsteher mehr als andere die Meinung sagte.  
Zu allererst habe ich mich an mich selbst zu halten. Was ich meiner erdachten Tante ein wenig weiter oben sagte, ist nicht falsch, genügt aber nicht. hat nicht genügt. Gewiß legte ich mich mit vielen an; nimmt man es hierarchisch, kann ich sagen: mit jedem. Aber was es verfing, sieht man ja. Wobei sich fragt, wie das Ziel meiner Bemühungen hätte heißen müssen. Die Wende eher herbeizuführen oder unnötig zu machen? Die Wende, von einigen Revolution genannt, von anderen Kehrtwende, also zu verhindern? Würde man das nicht heutigentags konterrevolutionär oder konterwendisch nennen müssen? Was aber ist revolutionär an der Wiederherstellung des Kapitalismus, und warum sollte ein Konterrevolutionär sein, wer sagt, durch des Volkes neue Kleider glänze dessen bläulicher Arsch?  
Weil ich für die Arbeiter-und-Bauern-Republik war und für eine Anwalts-und-Pastoren-Republik schwerlich sein kann, muß ich dem Problem, wofür ich hätte streiten sollen, kaum nachhängen. Die Frage ist nur: wie streiten, gegen wen, an wessen Seite, mit welchen Mitteln, bis zu welchem Risiko und mit welcher Konsequenz? Ich habe vieles unterlassen, weil ich fürchtete, es werde der anderen Seite dienen – wozu also habe ich es unterlassen? Ich übte Disziplin, weil ich weder Anarchie noch Gelddiktat wollte, und womit habe ich es nunmehr zu tun? Den andern hätten wir uns weggenommen, sagte ich, sie wollten uns wiederhaben, sagte ich, aber was sage ich den meinen jetzt? Und was sage ich mir?  
Ich fürchte, die Tante in Neuseeland hat schon länger nicht folgen können. Auskünfte wollte sie und nicht Ausbrüche, und wie ich die einen liefern will, kann ich die anderen nicht meiden. Es geht nun einmal um mein Leben und um Ansichten, die ich gegen Kiwis nicht und mit denen von Schafen nur ungern tausche. Am besten, ich trenne mich von der erdachten Verwandten, überlasse die freundliche Hilfskonstruktion allen Bedürftigen, die in diesen Tagen zu Konfessionen neigen und vor lauter Parteilehrjahr nicht wissen, wie dergleichen in Worte kleiden. – So wende ich mich wieder den Aufzeichnungen aus dem gloriosen Jahre 89 zu und mache in ihnen einen Sprung vom 15. Januar zum 8. Oktober, fliege von Sonntag zu Sonntag durch das Jahr und bleibe doch an jenem Ort, zu dem ich in meinem Kalender auf dem Marsch via Magdalenenstraße gekommen war. Ich stehe ein weiteres Mal am Grab von Ernst Hermann Meyer, der ein Komponist gewesen ist und ein Kommunist dazu, ein Jude aus Berlin, von dem die Londoner »Times« im Nachruf sagte, er habe das Standardwerk zur englischen Kammermusik des 17. Jahrhunderts geschrieben. Er selber erzählte lieber vom Arbeiterchor in der Kirche St. Martin in the Fields, und wenn er auch nicht behauptete, Begründer des musikalischen Weltruhms dieses geistlichen Hauses zu sein, einen nennenswerten Anteil maß er sich schon zu. Warum auch nicht, kam er doch aus einer Neuerer-Familie; sein Vater, der Arzt, hatte den Lichtbügel erfunden und sein Onkel, ein Bankier, den Verrechnungsscheck . Überhaupt gab es in seiner Nähe Leute mit erstaunlichem Profil; einmal war der Leiter des Polizeichors von Scotland Yard zu Besuch, der über seine Erfolge als Kriminalist und Spezialist für Fingerabdrücke ein Buch geschrieben hatte. Was man von den beiden alten Herren vernahm, klang wie ein rares Gemisch aus Purcell, politics und finger-prints.  
Am 8. Oktober 89 jährte sich Ernie Meyers Todestag zum ersten Mal, und die Deutsche Demokratische Republik begab sich in ihr einundvierzigstes Lebensjahr. Stunden zuvor hatte Gorbatschow untern Linden gesagt: »Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben!«, und zu den vielen aufgeschreckten Leuten zählten, wie sich für mich bald zeigte, der Chefredakteur der »Jungen Welt« und jene, die seine Anleiter waren. (Also vor allem Egon Krenz, mit dessen Weg in die Literatur wir dieses Kapitelchen begannen.) Als ich von der Verabschiedung einer finnischen Parteidelegation nach Hause kam, sagte meine Frau, die »Junge Welt« habe angerufen, sie wollten meinen Offenen Brief am nächsten Tag bringen, hätten aber einige unwesentliche Kürzungen vorzuschlagen. Mißtrauisch, wie es sich gegenüber dem Ausdruck »unwesentliche Kürzungen« gehört, las ich den langen Artikel, über den sich die Redaktion acht Tage lang mit keiner Silbe geäußert hatte, noch einmal; skeptisch, weil sonntags kaum ein leitender Mensch zu haben war, wählte ich die angegebene Nummer; irritiert vernahm ich Vorschläge, die in der Tat nur auf unwesentliche Kürzungen hinausliefen; und äußerst argwöhnisch hörte auch ich die Behauptung, anderntags werde die Sache im Blatt erscheinen.  
So wie der Beitrag war, wollte ich das erst einmal sehen, und vorher wollten wir auf den Friedhof zu den toten Meyers, und auf dem Weg dorthin hatten wir eine Begegnung, die zu dem Tag und dem Jahr und dem Ort und der Dämmerung paßte. Aus einem der Koloniegärtchen, das fast schon wieder so kahl wie damals im Januar war, trat ein älterer Mann und fragte hastig und zu leise für meine schlechten Ohren: »Wie geht denn das hier nun weiter, Genosse?«  
Das wisse ich auch nicht, antwortete ich, und fast beruhigt ging mein Genosse in seinen Schrebergarten zurück. Wir aber sind beunruhigt zu der Grabstelle mit den wenig beschwichtigenden Ortsnamen gegangen. Wir legten Steine auf die gemauerte Einfassung und blieben still. Von der fernen Stadt hörte man nichts, und die Schalmeien schrien schon lange nicht mehr.