konkret 06/90, S. 26  
Wolfgang Schneider  
»Auch '33 schon«  
Zweimal Deutschland über alles: Während die konformistische Linke in der Bundesrepublik auf dem Marsch in die Volksgemeinschaft ist und in törichtem Optimismus von »Gestaltungsmöglichkeiten« der Wiedervereinigung schwätzt, spricht aus den Texten etablierter Chauvinisten zunehmend die Ahnung, es werde auch diesmal nicht gutgehen mit den Deutschen. Der Autor empfiehlt daher, beim Nachdenken übers neue Großdeutschland sich an die Äußerungen der letzteren zu halten
 
I  
»Ja, warum sollen eigentlich die Kommunisten in Deutschland anders sein als die Demokraten und die Sozialdemokraten? In erster Linie sind das doch alles Deutsche, also ununterscheidbar verwaschen.«
(Siegfried Jacobsohn, Brief an Kurt Tucholsky, 7. Mai 1925)
 
Wer sich die Mühe macht und sowohl die Alternativ- und Rechtspresse als auch die linke Publizistik in der Bundesrepublik verfolgt, wird auf eine Merkwürdigkeit der deutschlandpolitischen Diskussion stoßen, darauf nämlich, daß ein Streit ums Grundsätzliche zwar unentwegt postuliert, keineswegs aber geführt wird, daß also nahezu die gesamte Linke in der Zustimmung zur Wiedervereinigung sich längst mit der konservativen Mehrheit ebenso vereinigt hat wie im Bestreben, dennoch den Eindruck zu erwecken, es gebe eine relevante (linke) Opposition gegen den Zusammenschluß der beiden deutschen Staaten, die zu bekämpfen sei.  
Zwar meint das rechtsradikale »Deutschland-Magazin«, wenn es gegen vaterlandslose Gesellen vom Leder zieht, in erster Linie noch immer die Sozialdemokratie, und die »marxistische Zeitschrift« »Sozialismus«, wenn sie die »Politik der prinzipiellen Gegnerschaft zur nationalen Vereinigung« attackiert, den »nicht-revisionistisch gesinnten linken Adel dieser Republik«, der sich allerdings nur aus einem »Sammelsurium aus hypermarginalisierten Outlaws und Opfern der midlife-crisis« zusammensetze – aber natürlich ist das eine so albern wie das andere. Denn so wenig sich eine national zuverlässigere Gruppe als die deutsche Sozialdemokratie denken läßt, so wenig rechtfertigt ein Häufchen neurotischer Sektierer den rhetorischen Aufwand, mit dem es stigmatisiert wird. Seine Beschwörung ist vielmehr Teil jenes Rituals, mit dem diejenigen, die dem Zug ins neue Reich sich anschließen wollen, ihren guten Willen und ihre Anpassungsbereitschaft demonstrieren müssen: durch Markierung eines möglichen Volksfeinds.  
Weil der aber hierzulande nahezu ausgestorben ist, muß er frei erfunden werden. Vom grünen Bundestagsabgeordneten Eckhard Stratmann beispielsweise, der in der »Zeitschrift für Philosophie und Sozialwissenschaften« »Das Argument« (Nr. 180) unter der Überschrift »Die deutsche Einheit: ein linkes Politikprojekt« »wider die Verdrängung der nationalen Frage«, gegen »die Advokaten des Status quo... aus dem grün-alternativen und DKP-nahen Spektrum« und für die Akzeptanz des »natürlichen Bedürfnisses der Deutschen« plädiert, die ihnen von fremden Mächten »aufgezwungene Spaltung zu überwinden«. »Im linken main-stream«, klagt Stratmann, werde zunehmend »die nationale Ebene ausgeschaltet und diffamiert« – »mit dem selbstverschuldeten Ergebnis, daß sich diese Linke gettoisiert und sich ihrer Möglichkeiten beraubt, den Prozeß zur deutschen Einheit mit seinen Chancen und Risiken wirksam mitzugestalten«. Dabei könne doch »auf absehbare Zeit in Europa, auch in Deutschland, nicht auf den Nationalstaat verzichtet werden«, weil »eine ökonomisch und militärisch noch weiter integrierte EG... heute eine größere potentielle Gefahr für eine friedliche und solidarische Weltordnung (ist) als es heute noch einzelne europäische Nationalstaaten sein können«.  
Damit hat Stratmann nicht nur im Stile nationalrevolutionärer, d.h. faschistischer Theoretiker die Errichtung Großdeutschlands zur antiimperialistischen Pflicht gemacht und durch seine Wortwahl zu erkennen gegeben, daß er all jene, die da nicht parieren wollen, vom gesunden deutschen Volkskörper zu separieren wünscht – denn eine 'Selbstgettoisierung' gibt es selbstverständlich nicht – , er hat vor allem ein Bild der bundesrepublikanischen Linken gezeichnet, das schon deshalb korrigiert werden muß, weil es geeignet ist, im Ausland Illusionen über die Existenz antinationalistischer Kräfte in Deutschland zu schüren. In Wahrheit ist die deutsche Linke nämlich – bis auf einen zahlenmäßig wie politisch unbedeutenden Rest – opportunistisch bis auf die Knochen, und wenn sie sich auch tatsächlich im wesentlichen aus dem grün-alternativen und DKP/PDS-nahen bzw. linkssozialdemokratischen Spektrum rekrutiert, so ist sie doch gerade deswegen konstitutionell unfähig, »die nationale Ebene« zu diffamieren.  
Daß sie im Gegenteil sich längst den Deutschen als bessere Vaterlandsretterin empfiehlt, zeigen die Zeitungen und Zeitschriften, in denen der »linke main-stream« seit einigen Monaten immer wieder erklärt, sich ganz in den Dienst des einig Vaterland stellen zu wollen, weil da noch allerhand »emanzipatorische Potentiale« zu entbergen seien – »Deutsche Volkszeitung« (»DVZ«), »Blätter für deutsche und internationale Politik«, »Sozialismus«, »Das Argument« und »taz«, aber auch die diesjährigen Memoranden der »Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik« (»... ist es die vorrangige Aufgabe der Wirtschaftsberatung, einen ökonomisch und sozial verantwortbaren Weg zur Währungsunion aufzuzeigen«) und der »Friedensplan Europa 2000« des Konfliktforschers Dieter Senghaas (»... kann die Orientierung auf ökologische Sicherheit die alte Fixierung auf militärische Sicherheit ablösen«) liefern reichhaltiges Material für das Studium jener seit dem Fall der Berliner Mauer endemischen intellektuellen und moralischen Verluderung, die der politischen vorausgeht und Grundlage eines Strebens nach nationaler Konformität ist, das sich zu allem Überfluß auch noch in einen törichten Optimismus kleidet.  
Auf dem Weg in die Volksgemeinschaft aber sind Prinzipien, die das Volk nicht teilt, bloß hinderlich, und so wird – denn das, was zu tun ist, will mit gutem Gewissen getan sein – zunächst die Geschichte abgefertigt. »Man kann gegen die Vereinigung sein – aus den bekannten historischen Gründen – «, erklärt Daniel Cohn-Bendit am 30. April in der »taz«, »aber das ausschließlich geschichtliche Argument kann von der Mehrheit der Menschen, die nicht geschichtlich denken, sondern in der Gegenwart leben, nicht akzeptiert werden. Das ist eine Realität ...«, der das realpolitische Engagement eben zu willfahren hat. So beispielsweise: »Die Linke in Deutschland wird nur realitätstüchtig und politikfähig sein, wenn sie den Zusammenhang von nationaler und sozialer Frage anerkennt und zu ihrer Handlungsgrundlage macht« (Stratmann).  
Nun darf, wer so leichthin die soziale Frage mit ihrer nationalen Lösung verknüpft und sich gleichwohl nicht als Nationalsozialist begreift, von deutscher Geschichte in der Tat nichts wissen wollen. Dieser Unwille aber ist unter deutschen Linken mittlerweile durchaus Konsens: In »Sozialismus« 4/90 etwa verweist Arno Klönne die »Meinung, ein Volk, das die Staatsverbrechen des Dritten Reiches hervorgebracht habe, müsse aus historisch-moralischen Gründen auf seine Einheit 'verzichten'... in den Bereich der politischen Mythologie«, denn »auch in einem wiedervereinigten Deutschland wäre nicht zu befürchten, daß Wirtschaft und Politik... expansive Interessen durch eine militärische Niederwerfung Europas zu realisieren versuchen würden«. Mal abgesehen von der Frage, woher er das denn so genau weiß und ob es nicht historisch und sozialpsychologisch begründete Annahmen über eine ganze Reihe weiterer mit der Rekonstituierung des deutschen Einheitsstaates verbundener Risiken gibt – da Klönne allenfalls Probleme auszumachen vermag, deren Erledigung ruhig den Deutschen selbst überlassen bleiben könne, steht für ihn fest, »daß Linke keinen vernünftigen Anlaß haben, die Negation einer deutschen staatlichen Vereinigung zu ihrem Grundsatz zu machen«.  
Die »Blätter« gar erklären in grotesker Verkehrung des Sachverhalts Warnungen vor der »Herausbildung eines Großdeutschland«, das unter Umständen »Fehler und Verbrechen des alten wiederholen wird«, zum »nichts als hilflosen Versuch, durch den Austritt aus der Nation auch aus der Geschichte herauszukommen« – »gerade nach und wegen Auschwitz wird die Welt es den Deutschen nicht erlauben, ihre Geschichte für beendet zu erklären (?) und sich im Postnationalen (??) unkenntlich zu machen (???)« – , weswegen jene, die mit Blick auf Auschwitz nicht nur eine Wiederholung alter »Fehler«, sondern auch neue Verbrechen für möglich halten – die ermordeten Juden können schließlich nicht noch einmal umgebracht werden – , als »auf der Flucht aus der Geschichte ins Weltbürgertum entfleuchte deutsche Linke« tituliert werden. Diese Kontrastierung aber von nationaler Verwurzelung und weltbürgerlicher Haltlosigkeit stammt ebenso aus dem Repertoire faschistischer Ideologen wie die Argumentationsfigur, der sich der »Argument«-Herausgeber Wolfgang Fritz Haug zum gleichen Zweck bedient, aus dem Arsenal konservativer Publizisten: »Die deutsche Einigung bedeutet nicht notwendig (aber doch möglicherweise? und das reichte nicht aus, sie verhindern zu wollen? WS) einen Marsch ins Vierte Reich. Die das behaupten und sich nostalgisch-trotzig auf überholte Positionen versteifen, schwächen eben dadurch die demokratischen Mitwirkungskräfte beim Tauziehen um diesen Prozeß, engen den Handlungsraum linker Opposition ein und tragen so zur Erfüllung ihrer schwarzen Prophezeiungen bei.« Wie schon vor 60 Jahren Carl von Ossietzky, der ja, wir haben es oft genug gehört, durch seine Kritik die Weimarer Republik untergraben und damit den Nazis an die Macht geholfen hat.  
Um auf dem Weg in die Volksgemeinschaft erst so recht »realitätstüchtig und politikfähig« zu werden, leugnet die konformistische Linke jedoch nicht nur die Erfahrungen der deutschen Geschichte, sie nutzt darüber hinaus die Gunst der Stunde, um programmatischen Ballast abzuwerfen: »Die prinzipielle Ablehnung der nationalen Vereinigung war spätestens (!) seit der Öffnung der Grenzen falsch und sektiererisch«, weil »die Linke... die Ausgestaltung dieses Prozesses durchaus noch beeinflussen (könnte)«, indem sie seine »negativen Folgen und Begleitumstände« thematisiert und »alternative Gestaltungsansätze deutlich« macht (»Sozialismus«). Das werde ihr allerdings nur dann gelingen, »wenn sie sich löst vom Affekt gegen Marktmechanismus und Wettbewerb, gegen Gewinnstreben und Leistungsprinzip« (Stratmann), wenn sie also »das Scheitern der planwirtschaftlichen, staatssozialistischen Gesellschaftskonzeption« als »die Chance« begreift, »daß sich die gesamte sozialistische Linke auf den Ausbau und die Neugestaltung der gesellschaftlichen Regulative der kapitalistischen Marktwirtschaft verständigt« (»Sozialismus«) – kurz: wenn sie »eine neue Sozialismuskonzeption« entwirft, die dem Programm der 'sozialen Marktwirtschaft' wie ein faules Ei dem andern gleicht, und alles Weitere bei Peter Glotz abschreibt: »Es muß klipp und klar sein, daß die Linke vernünftige Bedingungen der Kapitalverwertung in Deutschland garantiert.«  
Auch W.F. Haug rät der Linken, für eine reibungslose Wiedervereinigung, die er allerdings lieber »staatliche Umgruppierung der Deutschen« nennt, zu sorgen, sich also »in den Gestaltungsprozeß einzumischen und ihn mit wachsamer Kritik zu begleiten« sowie »das 'Gesamtdeutsche' zugleich europäisch und international zu artikulieren«. Ein Vorschlag, der sich von selbst formuliert, denn in ihm steckt nicht die Spur eines Gedankens (oder meint Haug, dem man ja, nachdem er unterm 16.11.89 in seinem Tagebuch festhielt: »Momper einer der Glücksfälle des historischen Moments«, schlechterdings alles zutrauen muß, daß die neue Verfassung mehrsprachig und die nächste Novelle des Ausländerrechts in Esperanto abgefaßt werden sollte?). »Die Kräfteverhältnisse« jedenfalls, fährt er fort, »werden mit davon abhängen, wie gut und wie schnell die Linken aus BRD und DDR sich miteinander vernetzen«. Das hat schon im November 89 auch der Peter-Jürgen Book geglaubt und daraufhin in der »taz« unverzüglich die Machtfrage gestellt: »Ob Öko-Institut oder Ökobank, alternative 'tageszeitung', Stadtradio oder linker Kleinverlag ... westdeutsche und linke alternative Projekte, die jetzt ähnlichen Gruppen in der DDR aktive Hilfe anbieten, können damit verhindern, daß die DDR dem Kapitalismus in Gänze in die Hände fällt.«  
Es ließe sich derlei Stuß seitenlang zitieren, denn seit die deutsche Linke sich wiedervereinigte, scheint sie völlig den Verstand verloren zu haben. Oder ist sie in jenem Moment, als die Rührung ob der Tränen an der geöffneten Mauer in ihr hochstieg und sie zu begreifen begann, daß das, was sie im Innersten zusammenhält, von dem, was in einer Republikanerseele spukt, so grundsätzlich verschieden gar nicht ist, erst so richtig zu sich gekommen? Mit dem Effekt, daß nun auch sie hofft, heute gehöre ihr Deutschland und morgen schon werde sie an »einer neuen politischen Architektur Europas, vom Atlantik bis zum Ural« (Senghaas) basteln? Was hat sich der Friedensforscher denn dabei gedacht, als er zwecks Plausibilisierung seiner »friedenspolitischen Perspektive für Gesamteuropa« die »Ängste vor einer 'neuen deutschen Machtpolitik'« als »irrational« abtat, »weil Handelsstaaten wie die Bundesrepublik auf Interdependenz angewiesen sind«? Weiß er wirklich nicht, daß »wirtschaftliche Verflechtungen«, wie der konservative Historiker Sebastian Haffner im »Stern« 15/90 betonte, »Kriege nie verhindert (haben)«? Und wie ist Ulrike Poppe, die Vertreterin der Gruppe 'Demokratie Jetzt' am Runden Tisch, eigentlich zu der Überzeugung gekommen, daß »die Distanz – bis hin zur Feindlichkeit – gegenüber Ausländern« in der DDR »daraus resultiert«, daß »die Menschen hier... durch ihre jahrelange Abschottung wenig Erfahrungen mit anderen Kulturen (haben)«? Glaubt sie im Ernst, daß zahlreiche Ausländer in der Nachbarschaft die Deutschen zu einem herzlichen Umgang mit ihnen bewegen und die BRD deshalb ein multikulturelles Paradies ist? Könnte die folgende Aussage des Filmregisseurs und Sprechers der nämlichen Gruppe, Konrad Weiß, gerade in ihrer Prioritätensetzung nicht tatsächlich von Schönhuber stammen?: »Der Konstruktionsfehler dieser Deutschen Demokratischen Republik war, daß sie erstens keine deutsche und zweitens keine demokratische Republik gewesen ist, daß sie vielmehr ein sowjetisch besetztes Land gewesen und geblieben ist« (»Blätter« 5/90).  
Und für welche politische Haltung steht schließlich, was Bernd Ulrich am 30. März dieses Jahres in der »DVZ« behauptete?: »Wenn in den letzten Jahren bei uns in der BRD noch etwas den Nationalismus am Leben gehalten hat, dann war es die Teilung mit all ihren Folgen, nicht zuletzt die Präsenz fremder Truppen in beiden deutschen Staaten . .. Nun schließt sich die deutsche Wunde, sie wächst zusammen. So bleibt in Zukunft nurmehr wenig für die Reps« – weil eben ein Großteil ihrer Arbeit von einer Linken bereits erledigt worden ist, zu der neben Ulrich auch Peter Ruben, Mitarbeiter der Akademie der Wissenschaften der DDR, gehört, dem es in einem surreal anmutenden Gespräch mit dem Gramsci-Spezialisten Michael Grabek, das »Das Argument« jedoch keineswegs druckte, um ein Exempel zu statuieren, gelang, seine Deutung der DDR-Misere in einer Apotheose des Deutschen ausklingen zu lassen: »Warum laufen uns die Leute weg? . . . Weil sie ihre persönliche Produktivkraft hier nicht entwickeln können! ... Und das ist genau die deutsche Antwort auf den rohen Kommunismus. Die Deutschen sind nicht gegen die Gemeinschaft, aber sie sind dagegen, daß die Person unterworfen wird und aufhört, als Person zu existieren. Wenn Du den Deutschen in der Persönlichkeit attackierst, dann rennt er Dir entweder weg oder macht'n Aufstand ... Daß wir jetzt freie Bahn haben ... das ist die erfreuliche historische Situation.«
 
II*  
»Die Wirtschaft hat geschafft, was Waffen nicht vermochten ... Zu schön, um wahr zu sein. Nach 2 verlorenen Weltkriegen stehen die Verlierer von Stalingrad und Iwo Jima als Sieger des Jahrhunderts fest ... Der dritte Anlauf der Deutschen zur Weltmacht – geglückt.« (Paul C. Martin, »! Forbes«, April 1990)
 
Wer sich von zukunftsfroher Gewißheit nicht blöd machen lassen will, sollte, statt zu den Traktaten der konformistischen Linken zu greifen, sich lieber an die Äußerungen etablierter Chauvinisten halten. Sie sind wahrer insofern, als aus ihnen häufig ein Halbwissen spricht, es werde auch diesmal nicht gutgehen mit den Deutschen. Wohl kaum etwas hat beispielsweise deren tatsächliche Stimmungs- und Gesinnungslage im Frühjahr 1990 so präzise zum Ausdruck gebracht, wie jenes Streitgespräch zum Thema »Deutschland, einig Vaterland?«, das der Schriftsteller Günter Grass und der »Spiegel«-Herausgeber Rudolf Augstein unter Leitung des Panorama-Redakteurs Joachim Wagner Mitte Februar fernsehöffentlich austrugen, und nichts darin war so symptomatisch wie der folgende Wortwechsel:  
Grass: (...) Der Satz von Heuss 'Wir entscheiden nicht, wir sind nur Zuschauer unseres Schicksals', das traf 1945 zu...  
Augstein: ... auch 33 schon...  
Grass: . . . aber heute, heute ist das doch in dem Maße nicht mehr der Fall...  
Wagner: Aber wir sind doch im Augenblick Zuschauer, Herr Grass.«**  
Damit hatten, ohne daß ihnen das klar gewesen wäre, der linksliberale Literat, der deutschnationale Demagoge und der öffentlich-rechtliche Enthüllungsjournalist die beiden Bilder erläutert und historisch exemplifiziert, in denen die Deutschen seit dem 9. November 1989 sich über Deutschland so verständigen, daß sie als Getriebene eines Geschehens erscheinen, das sie doch selber vorantreiben – das Bild vom Zug zur Einheit, der abgefahren und nicht mehr aufzuhalten sei, und das Bild vom Zusammenwachsen dessen, was zusammengehöre. Sie hatten es gleichsam in Gemeinschaftsarbeit und einer Weise getan, die nicht nur die Übereinstimmung im Grundsätzlichen signalisiert, die jenseits aller bloß vordergründigen Kontroversen um Gestaltungsvarianten der 'Deutschland-Politik' als kollektive Gewißheit, für das, was man tut oder läßt, nicht verantwortlich zu sein, hierzulande längst wieder herrscht, sondern die darüber hinaus auch Aufschluß gibt über den Charakter des Wahns, der mit dem Fall der Berliner Mauer unter den Deutschen ausbrach.  
Denn in der Parallelisierung der 'deutschen Novemberrevolution von 1989' mit der nationalsozialistischen Machtübernahme und der Zerschlagung des Deutschen Reiches artikuliert sich die verleugnete Erfahrung der (Selbst)Destruktivität des deutschen Nationalismus und eine Ahnung, diese werde abermals durchschlagen, wenn die Deutschen begreifen müssen, daß die Erfüllung ihrer großdeutschen Träume nicht halten wird, was sie sich davon versprechen. Im Rückblick auf ihre furchtbare Vergangenheit antizipieren sie daher ihre furchtbare Zukunft und beteuern ihre Unschuld, indem sie ein Geständnis ablegen: Nur Zuschauer wollen sie gewesen sein, unbeteiligt an einem Prozeß, den sie noch immer nach Kräften forcieren, nicht eingreifen können hätten sie in Vorgänge, die sie als naturhaft oder mechanisch imaginieren, obwohl sie doch gesellschaftliche sind und sie selber Teil der Gesellschaft.  
Weil damit aber aus der Entschuldigung für vergangene Verbrechen eine Vorbereitung der kommenden wird, muß schon heute von der Schuld auch derjenigen gesprochen werden, die sich und andere erst noch fit machen für die künftige Untat, und die dabei, wie ihre Assoziationen und Beispiele belegen, auf einen Verbotsirrtum sich länger nicht mehr herausreden können.  
Zu ihnen gehört Rudolf Augstein, der innerhalb nur eines Jahres den 'Historikerstreit' entschied und damit das deutsche Nationalbewußtsein instandzusetzen half, den Anspruch der Deutschen auf ein neues Großdeutschland publizistisch unterstützte und ihr völkisches Gemeinschaftsgefühl dadurch festigte, daß er diejenigen stigmatisierte, die der Erfüllung dieses Anspruchs tatsächlich oder vermeintlich im Wege stehen könnten: die Siegermächte des 2. Weltkriegs und die Juden (siehe KONKRET 2/90). Er hat zum einen die Geschichte gesäubert, indem er dem deutschen Volk immer wieder versicherte, es habe mit dem Nationalsozialismus nichts zu tun gehabt, da ja schließlich »eine tückische Ungeheuerlichkeit der Geschichte . . . den Deutschen einen Führer zugeschoben (hat), der uns heute noch zu schaffen macht«. – »Wie soll man aus diesem Monstrum Schlüsse für die Zukunft ziehen?« Er hat zum zweiten diese Entschuldung der Deutschen so systematisch betrieben, daß der Moderator seines Gesprächs mit Grass glaubte, ihn daran erinnern zu müssen, daß er doch »andererseits... die Mitverantwortung Deutschlands für das Dritte Reich ja auch konzidiert« habe.  
Ein Zuspruch, der zwar bemerkenswert ist, weil aus ihm hervorgeht, daß nicht nur das Ausland und die Juden den Nationalsozialismus verschuldeten, der aber dennoch nichts nutzte, weil Augstein eine moralische Bewertung politischer Vorgänge ebenso ablehnt wie den Versuch, Lehren aus der Geschichte zu ziehen. Die nämlich ist für ihn »darwinistisch gestimmt« und folgt einer eigenen »Naturgesetzlichkeit«, die sich dem Eingriff des Menschen entzieht. In ihr mit moralischen Normen zu hantieren, um die Menschen von bestimmten Handlungen abzuhalten, wäre so sinnlos wie der Versuch, einer Pflanze durch Zuruf das Wachsen zu verbieten. »Ist das gerecht?«, fragt Augstein und meint das »Glück«, in dem die Deutschen sich befänden. »Nicht wenn man moralisch urteilen will«, antwortet er, »wohl aber, wenn man die Maßstäbe der Menschheitsgeschichte anlegt«.  
Daß einen Maßstab erst gar nicht braucht, wer das, was geschieht, schon dadurch gerechtfertigt sieht, daß es geschieht, ficht Augstein nicht an. »Moralisch argumentieren in einer zutiefst egoistischen und insoweit unmoralischen Welt« ist ihm, und darin bleibt er ganz Zyniker, nun mal ein lächerliches, weil in der Regel erfolgloses Unterfangen. »Moralisten«, rät er, »reisten besser auf einen anderen Stern«.  
Er hat zum dritten so eifrig für die Wiedervereinigung gestritten, daß nun, da die Irrelevanz der deutschen Vergangenheit geklärt, das Volk ins neue Reich unterwegs und weder im In- noch im Ausland nennenswerter Widerstand dagegen mehr auszumachen ist, Zufriedenheit, Freude und Zuversicht aus seinen Texten sprechen müßte. Merkwürdigerweise ist das aber nicht der Fall, im Gegenteil: In dem Maße, in dem seine Wünsche sich erfüllen, zieht ein resignativer Ton in seine Kolumnen, die jetzt oft mit einem sentimentalen Seufzer enden. Zwar fegt er nach wie vor jeden der seltenen Einwände gegen die deutsche Vereinigung aggressiv und überheblich vom Tisch, immer häufiger aber zieht er sich dabei auf das Postulat der prinzipiellen Amoralität des historischen Prozesses zurück – so als wollte er für das, was kommen wird, die Schuld prophylaktisch schon mal von sich weisen – und grübelt über die Zukunft der Menschheit, die ihm trotz Wiedererstehung eines großdeutschen Staates keineswegs rosig zu sein scheint. Denn während in Deutschland zusammenwächst, was zusammengehört, ist ihm die Ökologische Gefährdung der Erde aufgegangen, und damit verwandeln sich die Proklamationen des deutschen Sieges schlagartig in düstere Weltuntergangsvisionen: Den Rückblick auf die erfolgreichen Revolutionen des Jahres 89 beendet er mit der angesichts seines Menschenbildes tristen Prognose: »Wenn nicht alle umdenken, wird der Planet menschenleer seine Bahn ziehen, nicht in tausend Jahren, sondern bald«; vier Wochen später stößt er in seiner Kolumne über die alte und neue Reichshauptstadt Berlin völlig unvermittelt diesen Seufzer aus: »Walte Gott, daß es im Jahre 2000 noch nicht zu spät ist, sich mit den wirklichen und menschheitsgefährdenden Problemen dieser Welt zu befassen«; im »Spiegel« Nr. 7/90 beschließt er seinen Text gegen die fortdauernde »Bestrafung« der Deutschen mit einer Meditation über Heine, Eichen und Linden und fragt: »Ob der Dichter seine geliebten Bäume ... noch in dem kerngesunden Zustand wiederfinden würde? Man darf, man muß es bezweifeln. Das Vaterland stirbt, aber es ergibt sich nicht«; kurze Zeit drauf lehnt er einen Friedensvertrag fürs sterbende Vaterland mit der kryptischen Bemerkung ab: »Wenn schon, dann soll die Welt nobel zugrunde gehen«; und im »Spiegel« Nr. 12/90 hat er seine Prioritäten endlich auf die Reihe gekriegt: »Wichtiger als ein vereintes Deutschland, wichtiger als ein vereintes Europa ist ein neues globales Denken. Woher soll es kommen?«  
Von Rudolf Augstein etwa? Ist der Herausgeber des »Spiegel« vom Priester der »Götter Markt und Export« zum Propheten der Ökopax-Bewegung mutiert? Oder hat er, wie Detlef zum Winkel in der »Hamburger Rundschau« vermutete, seinen Texten bloß »eine Prise Ökologische Untergangsstimmung« beigegeben, »um die 'Spiegel'-Gemeinde glauben zu machen, daß er neben dem Vaterland noch einen zweiten Gedanken hat«? Weder noch. Das scheinbar so willkürliche Nebeneinander von völkischem Aufbruch und entvölkertem Planeten, von chauvinistischer Agitation und dem Ruf nach einem neuen globalen Denken, von wachsender Einheit und sterbenden Bäumen, von deutscher Revolution und Weltuntergang, von nationaler Euphorie und Endzeitstimmung also, ist ein Reflex eben jener verleugneten Erfahrung der (Selbst)Destruktivität des deutschen Nationalismus, von der bereits die Rede war, und artikuliert in modischem Grün eine Ahnung, daß auch die deutschen Revolutionäre des Jahres 89 würden marschieren müssen, bis alles in Scherben fällt, da der Wahn, der sie treibt, nichts weniger verträgt als seine Erfüllung.  
Dieses Wissen um Vergeblichkeit und katastrophischen Verlauf des deutschen Aufbruchs, das immer vernehmlicher aus dem Miteinander von Wut und Tristesse, von Arroganz und Larmoyanz der Augsteinschen Texte spricht und bereits heute das künftige 'Wir haben es nicht gewußt' Lügen straft, hat Theodor W. Adorno auch 33 schon beobachtet: »Keiner, der die ersten Monate der nationalsozialistischen Herrschaft 1933 in Berlin beobachtete, konnte das Moment tödlicher Traurigkeit, des halbwissend einem Unheilvollen sich Anvertrauens übersehen, das den angedrehten Rausch, die Fackelzüge und Trommeleien begleitete ... Die von einem Tag zum andern anberaumte Rettung des Vaterlandes trug den Ausdruck der Katastrophe vom ersten Augenblick an ... Am Anfang des deutschen Imperialismus steht die Wagnersche Götterdämmerung, die begeisterte Prophetie des eigenen Untergangs . . . «
 
Anmerkungen
 
* Der folgende Abschnitt ist ein bearbeiteter Teilvorabdruck eines Textes über Rudolf Augstein, der in dem Sammelband »Gemeinsam sind wir unausstehlich. Über die widerstreitenden Gefühle der Deutschen bei der Wiedervereinigung« im Juni im der Edition TIAMAT, Berlin, erscheinen wird.  
** Ich zitiere aus der Druckfassung: Rudolf Augstein/Günter Grass, Deutschland, einig Vaterland? Ein Streitgespräch, Göttingen, März 1990