konkret 06/90, S. 8  
Hermann L. Gremliza  
Christus siegt bei Leningrad
 
Vor ihrer ersten Sitzung, die der Alterspräsident mit einem »Gott schütze unser deutsches Vaterland« eröffnet, versammeln sich die Abgeordneten der Volkskammer, unter ihnen neunzehn Pfarrer, in der Gethsemane-Kirche. Die Fraktion der PDS ist vollzählig erschienen, die anderen Fraktionen folgen ihren Hirten: Pfarrer Meckel, Pfarrer Schröder, Pfarrer Ebeling, Pfarrer Eppelmann... Der noch amtierende Ministerpräsident Modrow betet vor: »Manche sagen Gott, ich sage Verantwortung.« Die »Frankfurter Allgemeine« meldet: »Kurz nach der Wende in der DDR hat die theologische Ausbildungsstätte den Decknamen 'Sprachenkonvikt' abgelegt und sich in 'Kirchliche Hochschule Berlin-Brandenburg' umbenannt.« Absolventen der Tarnfirma sind die Sozialdemokraten Meckel und Schröder. Das staatliche Fernsehen überträgt den Ostersegen »Urbi et Orbi« live in die Sowjetunion. Der Weltkirchenrat tagt zum ersten Mal in Moskau. Die Regierung der UdSSR legalisiert die katholische Kirche der Ukraine. In Bukarest und Sofia werden Festgottesdienste und Prozessionen veranstaltet. Vor 500.000 Tschechoslowaken erklärt Karol Wojtyla: »Osteuropa ist durch die gewaltsame Anwendung einer materialistischen Ideologie verkrüppelt worden. Aber der Kampf der Kommunisten gegen die Kirche ist gescheitert.« Der Präsident Havel »legt bei einem Vier-Augen-Gespräch mit dem Papst die Beichte ab«. Vor einem Jahr noch mußte, wer erfahren wollte, was ein osteuropäischer Politiker im geheimen treibt, Wanzen installieren. Nun danket alle Gott.  
Der Sieg auf der ganzen Linie ist der Una Sancta und ihren Trabanten nicht in den keuschen Schoß gefallen. Er war ein hartes Stück Arbeit. An ihrem Anfang stand die Erkenntnis, daß mit militärischen und ökonomischen Mitteln allein das Reich des Bösen nicht zu überwinden sei und die Gemütswerte, die das Reich der Freiheit in den fünfziger und sechziger Jahren und zuletzt in Vietnam zur Erscheinung gebracht hatte, eher abschreckend als werbend auf die Bewohner Osteuropas wirken mußten. Der Kapitalismus selbst hatte ideologisch nichts mehr zu bieten. Aber gab es da nicht diese Aberglaubensgemeinschaft, deren frohe Botschaft ganze Kontinente gefügig gemacht und gehalten hatte, indem sie die »Ausgleichung aller Infamien in den Himmel setzte und dadurch die Fortdauer dieser Infamien auf der Erde rechtfertigte« (Marx)? Deren soziale Prinzipien noch keinen Börsentag verhagelt haben und die doch den Mühseligen und Beladenen etwas bieten konnte, »die, an der materiellen Erlösung verzweifelnd, eine geistige Erlösung als Ersatz suchen – einen Trost im Bewußtsein, der sie vor der gänzlichen Verzweiflung bewahrte«, wie der bekannte Erz-Engels Friedrich verkündet hatte?  
Leider war der genannte Verein nicht in bester Verfassung: Seine enge Liaison mit dem italienischen Faschismus und den deutschen Nazis war noch nicht vergessen, der römische Vorstand hatte es deshalb vorgezogen, auf spektakuläre Offensiven zu verzichten und sich dem engeren Vereinsleben, der Mitgliederwerbung und den Finanzen zu widmen. So dauerte es bis zum Ende der siebziger Jahre, ehe die katholische Kirche für den großen Kreuzzug aufgerüstet werden konnte.  
Gestützt auf ein immenses Steueraufkommen, das einen Großteil der zentralen Betriebskosten deckt, und die Spendenmittel von »Adveniat« und »Misereor«, die die Kirchenkassen in der Dritten Welt füllen, brachten die deutschen Mitglieder des Wahlausschusses 1978 eine Mehrheit für den Filialleiter von Krakau, Karol Wojtyla, zusammen, der, anders als Kandidaten aus westlichen Ländern, nicht im Verdacht stand, ideologischer Zutreiber der Herrschenden zu sein, sondern im Gegenteil die Duftmarke setzte, die den Verirrten in die Nase stechen konnte: Widerständler, verfolgter Bekenner. Nur von einem solchen würden zugleich die Osteuropäer sich zum Aufstand gegen ihre gottlosen Führer animieren und die hungernden Massen Lateinamerikas, dessen 400 Millionen Katholiken die Hälfte der Mitgliedschaft ausmachen, sich sagen lassen: »Hängt Euer Herz nicht an eine illusorische Befreiung«.  
Die Kalkulation ist aufgegangen. Wojtyla, der metaphysische Marschflugkörper, umkreiste die Welt, schaffte Ruhe im westlichen Hinterhof des Himmels und Trubel im östlichen Vorhof der Hölle. Schnell lernte er, daß die von ihm erst so gehaßten Theologen der Befreiung seine besten Assistenten waren und umso bessere sein konnten, je deutlicher er ihre Distanz zu ihm markierte. Nur so ließ sich jener rebellische Rest, der die Infamien auf der Erde schon im Diesseits gemildert sehen wollte, bei der Stange halten. Auch daß, wie er wußte, die Kirche im Osten nicht so sehr Glaubensgemeinschaft als Versammlungsraum weltlicher Opposition war, die von ihm und seinem Bruder Reagan verlangte »Religionsfreiheit« also eher politische Organisationsfreiheit meinte, störte ihn bald nicht mehr. Die Zeit, da er auch dort vor illusorischer Befreiung warnen und die Ausgleichung aller Infamien in den Himmel verlegen müßte, würde ja erst kommen – durch ihn und mit ihm und in ihm.  
Sie bricht gerade an: »Der Papst sowie Staatspräsident Vaclav Havel würdigten den Freiheitskampf und die friedliche Revolution vom Jahresende. Der Kampf der Machthaber in den ehemals kommunistischen Ländern Osteuropas... ist gescheitert. Johannes Paul rief die Tschechen und Slowaken auf, jetzt auch nach moralischem Fortschritt zu streben. Die Menschen dürften nicht den Versuchungen eines westlichen Konsumrausches erliegen. « Als wäre er in Lima bei seinen lieben Peruanern.  
Die gottlosen Machthaber sind vertrieben, jetzt müssen die Massen für die Bedürfnisse des Kapitals zugerichtet werden, gelten wieder »die sozialen Prinzipien des Christentums«, »die Feigheit, die Selbstverachtung, die Erniedrigung, die Unterwürfigkeit, die Demut, kurz alle Eigenschaften der Kanaille«, die der Ausgebürgerte von Chemnitz aufgezählt hatte. Die Eiseskälte, mit welcher die Kirche die Massen bei ihrer Prozession – ideologisch einen Schritt zurück, materiell zwei Schritte vor – mittendrin abpfeift, erinnert an die schwäbische Weingärtnersfrau, die dem letzten Wunsch ihres sterbenden Mannes, sie möge ihm aus dem Keller noch einmal ein Gläschen Zibebenwein (Trockenbeerenauslese) holen, die Antwort erteilt: Etzt wird net zibebelet, etzt wird gschtorbe. Jetzt wird nicht konsumiert, jetzt wird gebetet und gearbeitet.  
»Wo die Not am größten, da ist Gott, die Pfeife oder die Flasche am nächsten... Warum freilich in der Sowjetunion neuerdings wieder mehr Kirchen gebaut und Alkoholiker therapiert werden müssen, wäre eine andere, interessante Frage«, schrieb mein Kollege Michael Schilling 1985. Eine Antwort könnte lauten, daß »das Proletariat... seinen Mut, sein Selbstgefühl, seinen Stolz und seine Unabhängigkeit noch viel nötiger hat als sein Brot«, und gerade dann, wenn an diesem Mangel ist, sich wenigstens »nicht als Kanaille behandeln lassen will« (immer derselbe) – von einer selbstzufriedenen, autoritären Bürokratie, die sich selbst für die größte jener Errungenschaften hält, die sie Tag und Nacht gegen jede Kritik verteidigt.  
Gorbatschows Antwort bestand darin, bei Wojtyla um eine Audienz nachzusuchen; sein Nachfolger wird sich wohl schon vom Moskauer Metropoliten ins Amt einführen lassen, natürlich erst, nachdem der ihm die Beichte abgenommen hat: Hast du Unkeuschheit getrieben mit dir selbst? Hast du den Namen deines HERRN geehrt? Hast du fremdes Gut zu expropriieren begehrt? Ego te absolvo. Zur Buße betest du drei Vaterunser und fünf Gegrüßet seist du, Marie.