in konkret März 1990

von konkret
 
an konkret
 
Daß der Generalsekretär der CDU und der Vorsitzende der SPD den 9. November, den das Gedächtnis einer besseren Menschheit als den Tag der »Reichskristallnacht« bewahrt, zum Nationalfeiertag der Deutschen erhoben sehen wollen, ruft im neuen Deutschland nur beifälliges Grunzen hervor. Die erste große gewaltlose »Revolution« in der Geschichte, die eben nur Deutsche vollbringen konnten, war tatsächlich eine Revolution der Geschichte: Ein Volk, das so gut und mutig und friedlich ist wie das aus Leipzig und anderen »Heldenstädten«, hat es endlich verdient, von nichts mehr zu wissen und sich an nichts mehr erinnern lassen zu müssen. Viele schweigen, weil sie es sich mit den Vertretern der aufstrebenden Weltmacht Deutschland nicht verderben wollen. Einer, der nicht schweigt, ist Abraham Michael Rosenthal, geboren 1922 in Kanada, Pulitzer-Preis-Träger, bis vor drei Jahren Chefredakteur der »New York Times«, in der er Anfang Februar den Aufruf »Let's Keep Hearing About the German Yesterday« veröffentlichte, den wir hier in deutscher Übersetzung wiedergeben – als Beispiel für eine Haltung, vor der die Attitüde der neuen Großdeutschen noch erbärmlicher erscheint, als sie schon ist. HLG
 
Eigenständigkeit der DDR? Demokratischer Sozialismus? Gibt's da noch was zu retten? KONKRET sprach mit PDS-Chef Gregor Gysi über die »deutsche Arroganz« der alten Partei- und Staatsführung, über verpaßte Chancen und gegenwärtige Herausforderungen, über das reaktionäre Potential im Land und die Möglichkeiten der Perestroika, über Illusionen über die Auswirkungen der Wiedervereinigung und darüber, daß »diese Zivilisation untergeht, wenn wir keinen Dritten Weg finden«Gespräch mit Gregor Gysi
 
Ein »liberales, im Zweifel linkes Blatt«, wie der Herausgeber R Augstein ihn einst in bedrängter Lage genannt hat, war der »Spiegel« natürlich nie, sondern immer nur das Stimmungsbarometer des analphabetisierten Kleinbürgertums Daß und wohin dessen Stimmung in diesen Monaten gestiegen ist, laßt sich an seines Leibblattes Titelgeschichte »Der Drahtzieher/SED-Chef Gysi« ablesen – es ist ein Dokument, das späteren Zeitgeschichtlern helfen wird, den Wiedereintritt der Deutschen in die Geschichte des Herrenmenschen zu datieren
 
Hans Modrows Deutschland-Plan ist der schlechteste, weil gefährlichste überhaupt
 
War der reale Sozialismus in Wirklichkeit »eine veritable bürgerliche Notstandsökonomie«, deren gnadenloser Sachzwang auch durch eine »demokratische Partizipation« der Werktätigen nicht gebrochen werden konnte? Auf Kurt Hübners Analyse der DDR-Ökonomie und seine Vorschläge zur Besserung ihrer Lage (KONKRET 1/90) antwortet Robert Kurz mit einer Kritik jener »fundamentalen Lebenslüge« linker Theoretiker, »daß ein wie immer geplanter Markt' eine sozialistische Reproduktion konstituieren könne«
 
Bundesstaat, Staatenbund, zehn Punkte, vier Stufen, drei Mächte. Egon Bahr in die Volkskammer oder Ostdeutschland unter alliierte Kontrolle. Eine Nation plant sich außer Rand und Band. Aber das scheint nur so – am Ende kommt alles aufs selbe raus
 
Schon ein Getöteter ist ein Toter zuviel Kommt es also nicht mehr darauf an, ob im Kampf mit Ceaucescus Sicherheitstruppe »60 000 bis 70 000 Rumänen« sterben mußten (wie fast alle BRD-Medien zu Weihnachten berichteten) oder »weniger als 10 000« (wie zwei Wochen später die neue rumänische Regierung angab) oder weniger als 1 000 (wie sich jetzt herauszustellen scheint; in Temesvar, einem der Kampfzentren, zählten die Behörden bisher neunzig Tote)? Hatte nicht selbst der dümmste Nachrichtenredakteur wissen können, daß es zur Ermordung von 70 000 Menschen in drei Tagen des Betriebs einer NS-Todesfabrik oder des Abwurfs einer Atombombe bedarf und die Zahl der Opfer von Straßenkämpfen, an denen Fernsehteams aller Länder live teilnehmen, weit darunter liegen würde? Doch mit der Berichtigung ihrer Horrormeldungen, die als Kontrast zu den »nur« ein- bis zweitausend in jenen Tagen von den US-Truppen getöteten Panamaern gebraucht wurden, hat es die BRD-Presse nicht eiligEin besonders abstoßendes Beispiel für die Verwahrlosung journalistischer Sitten bietet die »Berichterstattung« über den »grausigen Fund von Temesvar« »Tagesschau« und »Heute« zeigten Bilder verstümmelter Leichen, »Folteropfer der Geheimpolizei Securitate«, die (wie die Agentur »Toppress« meldete) auf einem »Armee-Friedhof« entdeckt worden seien »DPA« sprach von »Leichen grausam ermordeter Regimegegner« und schrieb unter eines der Bilder »Hier auf dem Körper eines umgebrachten Erwachsenen die Leiche eines Kleinkinds« Die Photoagentur »Toppress« aus München wußte es noch genauer »Dieses ungeborene Kind wurde einer Mutter am 17 12 bei lebendigem Leib von der Securitate herausgeschnitten «Die Bilder von Temesvar wären wohl als gesichertes Beweismaterial in die Geschichte eingegangen, hätte nicht die Redaktion des Magazins »Explosiv« von »RTL plus« es genauer wissen wollen Der Journalist Heinz Hollaus recherchierte vor Ort und entdeckte, daß der »Armee-Friedhof« ein Armenfriedhof und alle Exhumierten eines natürlichen Todes gestorben waren. Viele westeuropäische Fernsehsender haben Hollaus Film übernommen und ihre grausige Falschmeldung korrigiert; ARD und ZDF nicht. KONKRET dokumentiert den Text der »RTL-Explosiv«-Sendung vom 23 Januar 1990:
 
Worüber er auch immer spricht: über den Hunger in Afrika, die Naturzerstörung oder die Gefahren der Kernenergie – die Reden Richard von Weizsäckers werden eines Tages nur eine Reaktion zeitigen: Wir haben es nicht gewußt. Diesmal nicht, weil wir es totschwiegen, sondern weil wir es uns haben totreden lassen
 
Die Antifa-Gruppen bekommen derzeit zu spüren, daß die BRD ein Rechtsstaat ist: Effektiver Kampf gegen Rassismus ist Landfriedensbruch, Widerstand gegen Straßenterror wird als Körperverletzung verfolgt, und beides zusammen reicht für eine »terroristische Vereinigung«. Die Repression trifft aber nicht nur Einzelne, sie droht auch die Bewegung insgesamt zu zersplittern
 
Oskar Lafontaine, der Linke, der von rechts kommt
 
Worum es dem Frankfurter Multikulturdezernenten Daniel Cohn-Bendit eigentlich geht, das zeigt sich vor allem in dem, was er nicht will: auf keinen Fall den Kollegen in der Ausländerbehörde ins Handwerk pfuschen. Ein Widerspruch? Nein. Auch 20 Jahre Multikulturalismus in Großbritannien haben den Rassismus nicht bekämpft, sondern ihm den Rücken freigehalten
 
Die ebenso einfache wie komplizierte Beziehung eines bundesdeutschen Kommunisten zur DDR, gestern, heute, morgen
 
Einer der bedeutendsten marxistischen Theoretiker dieses Jahrhunderts, eigenwilliger Kopf einer Kritik am gelehrten Marxismus – aus linker Sicht«, so beschrieb die »Zeit« im November letzten Jahres den Ruf, den der mittlerweile 9I-jäbrige Sozialphilosoph Alfred Sohn-Rethel unter Westeuropas Linksintellektuellen genießt. Kaum eine philosophische oder sozialwissenschaftliche Fakultät einer bundesdeutschen Universität, die ihre Studenten seit 20 Jahren nicht mit der Erkenntnistheorie und den Faschismusanalysen des Zeitgenossen und Bekannten von Adorno, Benjamin und Bloch traktiert hätte (nur Horkheimer wollte mit Sohn-Rethel nichts zu tun haben). Wie aber hatte der »Humanist und Sozialist, Gegendenker der leichtfüßigen Zeitgeistler aller Epochen« (»Zeit«) seine intimen Kenntnisse des Nationalsozialismus gewonnene Als »Marxist in der Höhle der Kapitalisten«, verknappte die »Zeit«, was Sohn-Rethel in der »FAZ« vom 13.12.89 so beschrieb »Von 1931 bis zum Jahr 1936 ... hatte ich als Assistent beim 'Mitteleuropäischen Wirtschaftstag' in Berlin die Möglichkeit, die Strategien des Großkapitals am Ende der Weimarer Republik und in den ersten Jahren des Dritten Reiches aus größter Nähe mitzuverfolgen.« Mitzuverfolgen? Detlef Hartmann hat untersucht, was Sohn-Rethel, bis er aus bislang nicht geklärten Gründen ins Ausland ging, in der »Höhle der Kapitalisten« trieb. Ergebnis seiner Recherchen: Alfred Sohn-Rethel ist der Verfasser wichtiger Strategiepapiere, die dazu dienten, sowohl die politische Allianz des deutschen Monopolkapitals mit Hitler als auch die ersten Etappen nationalsozialistischer Großraumpolitik vorzubereiten. Die diesen Texten zugrunde liegenden Kriterien prägen auch, kaum modifiziert, die Faschismustheorie, mit der Sohn-Rethel in den letzten Jahrzehnten schließlich reüssierte
 
Ludger Weß (Hrsg.): Die Träume der Genetik. Gentechnische Utopien von sozialem Fortschritt. Greno-Verlag, Nördlingen 1909, 227 Seiten, 36 Mark
 
Mord an »mindestens 8.723 Menschen« wurde dem ehemaligen »Amtschef I« im Reichssicherheitshauptamt, Werner Best, von der Anklage zur Last gelegt. Im Juni des vergangenen Jahres ist er, der während des Polenfeldzuges für die Organisation der »Einsatzgruppen im Osten« zuständig war, gestorben – ohne daß die Justiz ihn für seine Taten zur Verantwortung gezogen hätte. Ein Lehrstück über die reibungslose Zusammenarbeit bundesdeutscher Gerichte mit ihren medizinischen Gutachtern
 
Sinn ohn´ Form: Selbstbestimmung und Schwangerschaft
 
Wider den tödlichen philosophischen LiberalismusDokumentation
 
Nachdem endlich alle alles sagen dürfen, wird jetzt auch über das beliebte Länderwechseln gesprochen. Ronald M. Schernikau, Schriftsteller, geboren 1960 in Magdeburg, war zuerst DDR-Bürger, dann BRD-Bürger, dann Westberliner, und ist jetzt wieder DDR-Bürger. Schweres Schicksal oder Curiosité?. Das Gespräch, das Thomas Blume, Redakteur der DDR-Zeitschrift »Temperamente«, am 18. Januar mit Schernikau führte, verlief in heiterstem Tone
 
Ein 1988 in Santiago de Chile erschienener Band mit Gedichten von fünf Frauen, die wegen Widerstands gegen die Pinochet-Diktatur inhaftiert sind, ist jetzt in deutscher Übersetzung erschienen
 
Menschenkinder und Körperkolonien: Nachdem Gisela Wuttke in KONKRET 2/90 den schwunghaften Handel mit Kindern aus der 'Dritten Welt' beschrieben hat – »Kinder werden wie Kokosnüsse auf den Weltmarkt geworfen« – , beschäftigt sie sich nun mit einer Konsequenz von Intensivmedizin und Transplantationstechnologie: dem internationalen Handel mit menschlichen Organen
 
Piwitts kleines Feuilleton von Hermann Peter Piwitt
 
Musikplaudertasche von Eckhard Henscheid
 
Bertrand Taverniers Film »Das Leben und nichts anderes« erzählt vom Verschwinden des Krieges aus dem Bewußtsein
 
Tomayers ehrliches Tagebuch von Horst Tomayer
 
Verschiedene: Paranoia in der Straßenbahn – Punk in Hamburg 1977 - 83; Weird System /EfA