in Literatur konkret 1989

Editorial
 
Sie hat der Menschheit die letzte Illusion geraubt: Liebe ist in dieser Gesellschaft zu Unterdrückung, Sentimentalität und Geschlechtsgymnastik verkommen. Ausschließlich davon zu sprechen und doch vom ganzen Leben zu handeln, hat vor Jelinek Literatur noch nicht gewagt.
 
Was bei den weiblichen Versuchen passiert, die männlich besetzte Pornographie umzuschreiben und die Rollen zu vertauschen, analysiert Marlis Gerhardt
 
Kathy Ackers neuer Roman »Empire of the Senseless« heißt bei uns »Im Reich ohne Sinne«. Mit der Autorin unterhielten sich Barbara Jung und Sabine Saßmann
 
Weibliche Pornographie befindet sich voll im Trend, die Welt zu einem einzigen Schlüsselloch zu machen.
 
Hubert Fichtes Poetik in seinem letzten Roman »Der Platz der Gehenkten« ist zuerst ein Reflex des Schreckens zu dem das Weiß der Seiten gehört. Gleichzeitig entwickelt sie eine Sprache der Erscheinungen.
 
C.M. Wieland, Kombabus von Jan Philipp Reemtsma
 
Mich sollst du drücken - nicht das Heroin von Katja Lange-Müller
 
Die Lektüre US-amerikanischer Kriminalromane von Dasbiell Hammett bis Marcel Montecino hinterläßt nachhaltig den Eindruck, daß jede Gesellschaft die sexuellen Obsessionen hervorbringt, die sie verdient
 
Preisausrede von Hermann L. Gremliza
 
Wir sind die Frontmen der Verlage, die Elite der Drücker, die Hansdampfs in allen Gassen. Wir sagen nie, was wir denken, und denken nie, was wir sagen.
 
Aufgegeben von Horst Tomayer
 
Der erste Schriftsteller, den die »Bild am Sonntag« für ihre Idee gewinnen konnte, Produktwerbung im Roman zu plazieren, ist Heinz G. Konsalik. Eine nützliche Idee, findet Harry Leckin
 
Die Inhaftierung der ägyptischen Autorin Nawal el Saadawi war dank öffentlicher Proteste von kurzer Dauer. Schlechter als ihr geht es mehr als dreihundert Autoren weltweit.
 
Baron des Kitsches, Pionier der plein-air-Photographie, Verkünder des ewig Ephebophilen - eine Auswahl aus dem Deutungskatalog über den Aktfotografen Wilhelm von Gloeden. Worin seine eigentliche Meisterschaft besteht, erklärt Volkmar Sigusch
 
Miguel Barnets »erzählende ethnologische Prosa« ist ein neues Kapitel innerhalb der lateinamerikanischen Literatur, das er nun abgeschlossen hat. Darüber und über seine künftigen Pläne sprachen mit dem Kubaner: Uli Langenbrinck und Boris Penth
 
In den dreißiger und vierziger Jahren galt Lillian Hellman als die politisch-psychologische Dramatikerin der USA. Bei uns ist sie, wenn überhaupt nur als Lebensgefährtin von Dashiell Hammett bekannt.
 
Jean Rhys war ihr Leben lang eine Grenzgängerin: zwischen Dominica und Paris, zwischen Realität und Fiktion, zwischen Normalität und Wahnsinn.
 
Tatjana Tolstajas poetische Welt ist unverwechselbar und überragend. Die Enkelin Alexej Tolstojs läßt sich in kein Literaturschema einordnen. Sie steht abseits in ihrer eigenen Welt.
 
Michael Schneider und Rady Fish dokumentieren, daß der Krieg im Osten von Anfang an ein geplanter Genozid war, über den auch die Wehrmacht im Bilde war.
 
Warum Irina Liebmann ihr Land, die DDR, verlassen konnte, obwohl sie es liebt, versteht man nach der Lektüre ihres ersten im Westen erschienenen Erzählbandes besser.
 
Für die bessere Welt hält Ronald M. Schernikau die DDR. Seine Liebeserklärung analysiert Manfred Dworschak
 
In Helga Schütz' Gesellschafts- nicht Liebesroman kommt die alte Ost-Liebe mit ihren wärmenden Gedanken und Gesten nicht gegen die »Sündflut« pelzgefütterter Lederjacken an.
 
Warum schreiben? Die Antworten ergeben für den Verleger Neven Du Mont »eine Art 'innere' Landkarte der heutigen Literatur«. Ob wir die nötig haben, fragt Peter Körte
 
Selbst die Kinder sind in den Erzählungen der Neuseeländerin Keri Hulme Wesen voller Bosheit, Leidensfähigkeit und dämonischer Unberechenbarkeit.
 
Die Familiensaga von Maria Alice Barroso, im selben Jahr erschienen wie Márquez' »Hundert Jahre Einsamkeit«, wurde mit 22jähriger Verspätung ins Deutsche übersetzt.
 
In einem verführerischen, melancholischen Ton beschreibt Rosetta Loy das Schicksal dreier Generationen einer piemontesischen Bauernfamilie aus dem 19. Jahrhundert.
 
David Leavitt, ein junger US-Amerikaner, hat seinen ersten Roman geschrieben. jenseits aller modischen Strömungen behandelt er Homosexualität als Selbstverständlichkeit. Ein wunderschöner Schmöker findet Jan Feddersen
 
William Gaddis zeigt in seinem dritten Roman einmal mehr, was US-Amerikaner hervorragend können: anhand einer 08-15-Handlung wird ein komplexes Weltgeschehen entfaltet, das den Leser zu Marathon-Lektüre treibt.
 
In ihren Essays über Frauen und Literatur hat Virginia Woolf die Zwiespältigkeit des männlichen Blicks mehr gespürt als analysiert.
 
Ein Monolog vor schlechten Bekannten. Gewidmet dem Ministerialbeamten, Zeitungskolumnen und Bücherschreiber Flann O'Brien.
 
Vorlage für Verfilmungen und Theaterinszenierungen war und ist der zweihundert Jahre alte Briefroman »Gefährliche Liebschaften« von Choderlos de Laclos. Die Lektüre dieses Meisterwerks empfiehlt Inga Baum
 
Sigmund Freuds Briefe an Eduard Silberstein aus den Jahren 1871-1881 sind - neben dem Interesse am Verfasser - ein unschätzbares Dokument zur Charakterisierung von Jugendfreundschaften.
 
Durchschnittlich 12,5 Schallplatten pro Monat hat der konkurrenzlos dastehende Musikkritiker Diedrich Diederichsen besprochen. Zehn Jahre lang. Das Ergebnis würdigt Carsten Klook
 
Den Tieren aufs Maul geschaut hat der Maler Ernst Kahl. Seiner anthropomorphen Interpretation folgt voll und ganz: Burkhard Scherer