in konkret November 1989

Von Konkret
 
An Konkret
 
An die Mitglieder des Politbüros der SED
 
Wenn die unten nicht mehr wollen und die oben nicht mehr können, kommt es zur Revolution. Kommt es, wenn die unten sowenig wie die oben wissen, was sie wollen könnten, zur Reform? Der evangelische Oppositionspräsident Stolpe verlangt freie Wahlen und Knast für Schwule, der SED-Ideologe Hager bietet an, den ersten Arbeiter- und Bauernstaat nun doch neu zu tapezieren. Es geht oben drunter und unten drüber, drüben, in der DDR
 
In seinem Beitrag über »Höpckes Comeback und Kants schwierigen Aufenthalt« hat Hajo Steinert in der »Zeit« vom 15. September 1909 den Roman »Der Aufenthalt« des DDR-Schriftstellers Hermann Kant in einer Weise abgetan, die den stellvertretenden Kulturminister der DDR, Klaus Höpcke, zu einer Antwort veranlaßte. Deren Abdruck hat die Feuilleton-Redaktion des Blattes mit der Begründung abgelehnt, sie handele nur von Nebensächlichem. Sie erscheint daher in KONKRET
 
Oder islamisch von Georg Fülberth
 
Ökologisches Engagement und Angst vor »Überfremdung«, nationale Überheblichkeit und Sehnsucht nach den alten Zeiten bilden in den baltischen Sowjetrepubliken eine brisante Mischung. Der Nationalitätenkonflikt, in dem die Kommunistische Partei die Initiative verloren hat, ist aber auch ein Kampf um Perestrojka und gegen die Folgen stalinistischer Politik
 
Am Rande eines Atomenergie-Seminars, das als Gemeinschaftsveranstaltung der GRÜNEN und der KPdSU im September in Moskau stattfand, sprachen Jutta Ditfurth, ehemalige Sprecherin im Bundesvorstand der Partei, Ralf Fücks, Sprecher im Bundesvorstand, Manfred Zieran, Sprecher der Bundesarbeitsgemeinschaft Wirtschaft, und andere mit Alexander Jakowlew, Mitglied im Politbüro der KPdSU und Gorbatschow-Berater, über Probleme der »Umgestaltung« in der Sowjetunion Nationalitätenkonflikt, Wirtschaftskrise und die Bereitschaft der sowjetischen Führung, sich den Institutionen des kapitalistischen Weltwirtschaftssystems anzuschließen
 
Während bei den Konservativen noch darüber gestritten wird, wie lautstark die Wiedervereinigung in den Grenzen von 1937 gefordert werden soll, haben sich die bundesdeutschen Sozialdemokraten schon ans Werk gemacht. Sie konzipieren die etwas andere Großmacht Deutschland modern und effizient: des Revanchismus unverdächtig und doch der wesentliche Profiteur der Erosion des »Ostblocks«. Von der »Selbstbehauptung Europas« wird geredet, Deutschland, Deutschland über alles ist gemeint
 
»Die Schweiz hat keine Armee, die Schweiz ist eine Armee« – mit solchen Sprüchen ziehen derzeit konservative Knalltüten durch das Alpenland. In der Tat: Die Schweizer Armee ist mit keiner anderen in Westeuropa zu vergleichen. Nun steht ihr die größte Schlacht bevor, die sie in diesem Jahrhundert zu schlagen hat. Ende November stimmt das wehrhafte Volk über eine Initiative ab, die die Armee abschaffen will
 
Wenn Bürgerblätter und Talkshowmaster von den bundesdeutschen »Linken« sprechen, meinen sie die bei den Grünen oder in der SPD tätigen Reformer, die an einer Modernisierung der kapitalistischen Gesellschaft mitwirken wollen. Daß die Gleichsetzung von »links« und staatsloyal so glatt gelingt, ist auch die Schuld jener antikapitalistischen Gruppierungen, die sich in ihr Vereinsleben zurückgezogen haben und einer auch selbstkritischen Diskussion mit anderen Strömungen ausgewichen sind. Das soll anders werden. Im Mai 1990 wollen sich radikale Linke aus der BRD und Westberlin zu einem ersten bundesweiten Kongreß treffen. Zuvor schon hat sich ein Kreis »Radikale Linke« bei zwei Wochenendtreffen in Hamburg und Frankfurt auf den »Entwurf einer politischen Grundlage« verständigt, dessen Erstfassung von einer zehnköpfigen Redaktionsgruppe bearbeitet wurde. Der hier dokumentierte Text lag dem dritten Treffen des Kreises »Radikale Linke« in Frankfurt am 14./15. Oktober vor
 
Bicentenaire au féminin: Ist der Mann fähig, gerecht zu sein? Unter dem Motto »Menschenrechte haben (k)ein Geschlecht – 200 Jahre Aufklärung – 200 Jahre Französische Revolution« debattierten Anfang Oktober in Frankfurt 2000 Frauen über Freiheit, Gleichheit, Differenz und den falschen Universalismus der Menschenrechtserklärung
 
Was bewegt die bewegten Männer? Männergewalt, »Gewalt-Arbeit«, Staatsknete oder gar Unterdrückung?
 
Anmerkungen zu den Thesen von Susanne Heim und Götz Aly zur »Ökonomie der 'Endlösung'« (KONKRET 10/89)
 
Auf zwei Bitten, den von der bürgerlichen Presse angepriesenen zweibändigen »Hitler-Comic« des Hamburger Carlsen-Verlags zu rezensieren, erhielt KONKRET anderthalb Körbe: einen von Jan Philipp Reemtsma, der dieses »in jeder Beziehung miserable Erzeugnis der papierschändenden Industrie« nicht durchlesen wollte, einen halben von dem Hamburger Maler Christoph Krämer, dem die Durchsicht dieses Schunds »selbst die Lust am Besserwissen vertrieb«. Sie lesen die Absagen:
 
Auf zwei Bitten, den von der bürgerlichen Presse angepriesenen zweibändigen »Hitler-Comic« des Hamburger Carlsen-Verlags zu rezensieren, erhielt KONKRET anderthalb Körbe: einen von Jan Philipp Reemtsma, der dieses »in jeder Beziehung miserable Erzeugnis der papierschändenden Industrie« nicht durchlesen wollte, einen halben von dem Hamburger Maler Christoph Krämer, dem die Durchsicht dieses Schunds »selbst die Lust am Besserwissen vertrieb«. Sie lesen die Absagen:
 
Ingrid Strobl: »Sag nie, du gehst den letzten Weg«. Frauen im bewaffneten Widerstand gegen Faschismus und deutsche Besetzung, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a.M. 1989, 351 Seiten, 16.80 Mark
 
Ein halbes Jahr nach dem Ausbruch der "Hölle von Kreuzberg" ein ruhiger Blick auf die erkalteten Schlacken: auf die Wunder der staatlichen Sozialtherapie, auf die neuen Mittelschichten und die autonomen Kämpfer in ihren selbstbestimmten Kisten
 
Piwitts kleines Feuilleton von Hermann Peter Piwitt
 
Musikplaudertasche von Eckhard Henscheid
 
Neil Young: »Freedom«; Reprise/WEA
 
In der Hoffnung, durch das Fernsehen endlich lebendig zu werden, geben die Gäste der Rudi Carrell-Show bereitwillig alles her: ihre Geschichte, ihre Gefühle, ihr Leben
 
15 Jahre KONKRET. Dieses die linksradikale Weltpublizistik zu Waschkörben (ja, Waschkörben!) frenetischer Glückwunsch- und Solidaritätstelegramme anstiftende Jubiläum galt es am 26. September in einem Hamburger Kabarett-Café mit Blatt-spezifischem Aplomb, also mit Lokalverbot für alles Gesindel rechts von der Revolution, zügig abzufeiern. Der Verleger Hermann L. Gremliza persönlich leitete die durch freien Verzehr von Schnittchen und Schlückchen aufgelockerte Zeremonie mit erschütternden Ausführungen zum Elend der zeitgenössischen Literatur ein. Danach entwarf Horst von Tomayer in bewegenden Worten die Vision einer abenteuerlicheren Gründung der Zeitschrift, nämlich in den Trümmertagen des Jahres 45. Schließlich gab Ernst Kahl zur ungeteilten Erheiterung der Gästeschar an der Guitarre Proben seines virtuosen Könnens. Bis Mitternacht spannte man bei einem guten Tropfen von den Strapazen der Gebirge aus, dann rief die Glocke zum Aufbruch, warteten doch am nächsten Morgen in aller Herrgottsfrüh schon wieder die Mühen der Ebenen.