in konkret Oktober 1989

von konkret
 
An Konkret
 
Wir sind wieder mehr von Hermann L. Gremliza
 
Den gereiften Achtundsechzigern bleibt wirklich nichts erspart: Erst haben sie den Räten nicht alle Macht geben und Springer nicht enteignen dürfen, später verbot man ihnen den ökologischen Umbau der Industriegesellschaft, und jetzt hat man ihnen auch noch ihren Heiner Geißler weggenommen. Der alternative Christdemokrat, von den ökoliberalen Modernisierern als künftiger Partner ausersehen, wird von Helmut Kohl und seiner Partei der weltweit siegreichen Ideen nicht mehr gebraucht
 
Termine
 
Die »Christliche Internationale«, zu deren Gründung Norbert Blüm während seiner Pilger-Reise durch Polen aufrief, hat an Ort und Stelle rasch Konturen gewonnen – wie die antisemitischen Sottisen des polnischen Kardinals Glemp, am Tage, da er den bundesdeutschen Arbeitsminister empfing, zeigen
 
Konkret-DokumentAuf seiner good will-Tour durch die Bundesrepublik Anfang September hat der polnische Arbeiter- und Gewerkschaftsführer sein Land und seine Leute der bundesdeutschen Wirtschaft zum Kauf angeboten. In Formulierungen, die es wert sind, auf die Nachwelt zu kommen – bieten sie doch die Quintessenz einer politischen Bewegung, der die Sympathien auch der bundesdeutschen Linken gehör(t)en. Aus diesem Grund dokumentiert KONKRET ein Interview mit Lech Walesa, das die ARD in der Sendung »Im Brennpunkt« (WDR) am 6. September 1989 ausstrahlte. Eingerahmt wurde es von einem Bericht über das Elend der Lodzer Bevölkerung und einem Gespräch mit Bundeswirtschaftsminister Haussmann, dessen erste Antwort wir ebenfalls abdrucken
 
...zurück ins Heimatland, so weit, zu weit: denn Deutschland als Ganzes, als fortbestehender Nationalstaat, ist trotz der Verrenkungen Karlsruher Verfassungsrichter keine völker- oder staatsrechtliche Tatsache, sondern ein Glaubenssatz aus der deutsch-juristischen Weltanschauung. Das Deutsche Reich ist 1945 ausgelöscht worden – Finis Germaniae
 
Moskau zwischen der Wahl des Deputiertenkongresses im März '89 und der Kommunalwahl im Frühjahr '90, das bedeutet, Moskau im Fieber der politischen Differenzierung. Diese politische Differenzierung entspricht der beschleunigten sozialen: Perestroikagewinnler hier, Perestroikaverlierer da. Mit der Zulassung von Privatwirtschaft, Wiedereinführung von Leistungslohn und tendenziell freiem Markt tritt die tatsächliche langjährig verdeckte Klassenwirklichkeit der UdSSR aus dem Schatten des Gleichheitsanspruchs wieder hart ins Licht der Öffentlichkeit und verschärft sich gerade unter den Bedingungen der Perestroika rasant. Nicht nur geraten Konservative und Modernisierer aneinander. Es kristallisieren sich auch liberale und linke Alternativen zur Perestroika heraus. Nach der Gründung der »radikal-demokratischen Opposition« durch Jelzin-Anhänger schlossen sich Ende August linke Kräfte der »Volksfront« im »Neuen sozialistischen Komitee« zusammen. Die einen wie die andern verstehen sich als Initiative zur Gründung einer neuen Partei. Es scheint, als ob die Zeiten des kommunistischen Parteimonopols auch in der UdSSR dem Ende zugehen.Boris Kagarlitzky ist Mitglied im Koordinationsrat des »Neuen sozialistischen Komitees«. Das Interview führten Kai Ehlers und eine US-amerikanische Journalistin in Kagarlitzkys Wohnung
 
Den größten Erfolg in der Geschichte ihrer Organisation nannte die CIA den Rückzug der Sowjettruppen aus Afghanistan. Tatsächlich schienen damit die Tage des »Kabuler Regimes« gezählt, der Sieg der »Freiheitskämpfer« (CDU-Mullah Todenhöfer) eine Sache von Tagen. Doch plötzlich scheinen die Afghanen die Regierung Najibullah den von Pakistan und den USA bewaffneten Mudjahedin vorzuziehen. Im Gespräch mit Jochen Hippler erklärt Afghanistans Außenminister, woran das liegt
 
Schafft zwei, drei, viele Afghanistans von Oliver Tolmein
 
Mit finanzieller und logistischer Unterstützung bundesdeutscher Parteistiftungen macht die Rechtsopposition in Nicaragua mobil für die Präsidentschafts-, Parlaments- und Kommunalwahlen, die im Februar 1990 stattfinden sollen. Vor allem die CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stiftung leitet seit Jahren vom Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit genehmigte Projektgelder an ihre Partnerorganisationen
 
Seit die Gewerkschaften der schwarzen Arbeiter in Südafrika ihre Forderungen mit neuem Selbstbewußtsein vertreten, plädieren die Niederlassungen bundesdeutscher Konzerne für »Sozialpartnerschaft«. Die »14 Mindeststandards für deutsche Unternehmen« der IG Metall könnten ihnen dabei behilflich sein
 
Sinn ohn´ form - Boykottiert Shell!
 
Der eine liefert den rabiaten Gestus, der andere predigt den Verzicht – marktbesoffen sind sie beide: Die programmatischen Vorstellungen des grünen Ex-Ministers Joschka Fischer und des SPD-Hoffnungsträgers Oskar Lafontaine konturieren ein Konzept zum »ökologischen Umbau der Industriegesellschaft«, das die Attraktivität der Bundesrepublik als Produktions-Standort erhöhen soll – und deshalb zur Koalitionsplattform taugt.
 
Frauen zurück an Krippe und Küchenherd – »das weibliche Gehirn ist nicht fähig, die ingang befindlichen technologischen Veränderungen zu begreifen«; Schutz vor den »Wirtschaftsflüchtlingen« – »die Schäden auf der Ebene der Kultur und der Umwelt wären überwältigend«. Zwei Punkte aus dem »Programm des öffentlichen Heils«, das die grüne Fraktion im Europaparlament in parteiübergreifender Gemeinschaftsarbeit verwirklichen will. Weil Dorothee Piermont, die Spitzenkandidatin der bundesdeutschen GRÜNEN für die letzte Europawahl, bei derlei nicht mitmachen will, hat sie im September »Die Grünen im Europaparlament« verlassen und ist als Assoziierte der dänischen Anti-EG-Bewegung in die Regenbogenfraktion zurückgekehrt
 
Lynne Segal: Ist die Zukunft weiblich? Probleme des Feminismus heute. Fischer Verlag 1909, 333 Seiten, 19.80 Mark
 
Um unerwünschte Effekte ärztlicher Behandlungsmethoden zu korrigieren, propagiert die Bundesärztekammer die Tötung »überzähliger« Feten im Körper der Mutter
 
»Der Kopf dieser Emanzipation (der Menschheit) ist die Philosophie, ihr Herz das Proletariat«, schrieb Marx. Was aber macht der Kopf bei (zeitweiligem) Herzstillstand? Karl Heinz Roth entwickelte in KONKRET 6/89 die Forderung nach einer Reorganisation der Arbeiterbewegung »Ganz von unten«, Gero von Randow antwortete in KONKRET 8/89 mit einer Kritik am »Klassenstandpunkt«. Gerhard Armanski antwortet beiden
 
Im Zusammenhang mit der Initiative »Über die Zukunft der Gedenkstätte Neuengamme«, die sich zur Aufgabe gemacht hat, die heruntergekommene KZ-Erinnerungsstätte zu einem Ort der Forschung und Dokumentation auszubauen, hatte Jan Philipp Reemtsma sich im letzten Jahr mit der Bitte um finanzielle Unterstützung an diejenigen Firmen und Behörden gewandt, die während des Nationalsozialismus Zwangsarbeiter aus Neuengamme beschäftigten. Dieser Versuch, die heutigen Nutznießer der damaligen Ausbeutung von KZ-Häftlingen dazu zu bewegen, durch »ein Geringes an Geld und ein Geringes an sozialem Anstand« die »Verantwortung für das Handeln anderer« zu übernehmen, weil »dieses Handeln die eigenen Handlungsmöglichkeiten beeinflußt«, ist gescheitert. Die abschlägigen Antworten der angeschriebenen Unternehmen hat Reemtsma zum Anlaß eines Vortrages genommen, den er am 12. Juni '89 in der Patriotischen Gesellschaft/Hamburg hielt.
 
Es war einmal ein blutrünstiger Nazi, der nannte sich Stalin und herrschte im Land der Russen. Als er alle seine Landsleute aufgefressen hatte, dürstete es ihn noch immer nach Menschenfleisch. Da entschloß er sich, eines Nachts über seine wehrlosen deutschen Nachbarn herzufallen, die zu jener Zeit vom mutigsten ihrer Stämme, den Widerstandskämpfern, angeführt wurden. Nachdem der russische Teufel alle die guten Deutschen umgebracht hatte, befreite er seine satanischen Brüder aus den Gefängnissen und lehrte sie, wie man Konzentrationslager baut... So wird im Jahre 1999 die Titelgeschichte des »Spiegel« zum sechzigsten Jahrestag des Weltkriegsbeginns anheben müssen, wenn das Nachrichtenmagazin das zu Führers hundertstem Geburtstag eingeschlagene Bewältigungstempo auch nur annähernd einhalten will
 
Thesen zur Herrschaftsrationalität der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik
 
Professor Erich Blechschmidt ist Gründungsmitglied der »Europäischen Ärzteaktion«, einer der aggressivsten »Lebensschützer«organisationen. Kaum eine Schrift militanter Abtreibungsgegner verzichtet auf die Präsentation seines Wissens. Unterschlagen wird jedoch stets, wo und wie er es gewonnen hat: als experimentierfreudiger Anatom zur Zeit des Nationalsozialismus
 
Raten Sie mal, wer vor einem bundesdeutschen Gericht glaubwürdiger ist: ein kommunistischer Rechtsanwalt oder ein nazistischer Rechtsanwalt?
 
Ist es möglich, Friedrich Ludwig Jahn (1778-1852), genannt der 'Turnvater', keinen Nazi zu nennen?
 
Piwitts kleines Feuilleton von Hermann Peter Piwitt
 
Zur Geistlosigkeit gegenwärtiger Nietzsche-Rezeption gehört, Nietzsche durch eine »rechte« oder linke« Lesart politisch einzuordnen, ihn als Vorläufer des Faschismus oder Sympathisanten des Sozialismus abzuheften – damit das unerhörte Ärgernis, das sein Denken darstellt, ja nicht geistig produktiv werde. Dagegen wendet sich Christoph Türcke. Im November 1989 erscheint im Fischer Taschenbuch Verlag sein Buch »Der tolle Mensch. Nietzsche und der Wahnsinn der Vernunft«. Wir bringen – vom Autor für den Vorabdruck bearbeitete – Auszüge daraus.
 
Karikaturen als historische Dokumente vergangener Epochen, das kennen wir sogar aus Schulbüchern. Ein Karikaturmacher als Chronist des laufenden Schwachsinns sei hier vorgestellt. Mit Henscheidscher Unbeirrbarkeit inszeniert er in seinen Cartoons stets aufs Neue Possen aus unserem postmodernen Biedermeier. Er entdeckt die Komik der Welt, in der wir leben: Es tut sich nix.
 
Nach dreizehnjährigem Kampf um die Freiheit des Äthers sendet der einstige Piratensender Radio Dreyeckland seit über einem Jahr legal auf 102,3 MHz aus seiner festen Bleibe in Freiburg. Was ist aus der Utopie des HörerInnenradios geworden?
 
Es war alles gegeben: Die Möglichkeit, Western zu drehen, ein gewisser Bedarf, eine weltweite Erwartung und ein Präsident, der den Hut trug, aufs Pferd kletterte, mit dem Colt hantierte und sogar ein wenig O-beinig ging. Dennoch wurden während der Reagan-Ära so gut wie keine Western mehr gedreht. Nimmt der Tod des Nationalepos das Sterben der Nation vorweg?
 
Hans Blumenberg hat einen Film fürs wiedererwachende deutsche Gemüt gedreht. Hans Albers, Star am NS-Filmhimmel und fröhlicher Propagandist der Endlösung, wird als Faszinosum präsentiert. Sein Stellvertreter Tukur sorgt mit strahlender Miene und hellem Tenor dafür, daß die deutsche Kontinuität so richtig flutscht
 
Musikplaudertasche von Eckhard Henscheid
 
Einstürzende Neubauten: Haus der Lüge. Some Bizarre/Rough Trade
 
Die literarische Autobiographie Georg K. Glasers, die vor beinahe 40 Jahren erstmals erschien, ist ein Werk, dessen Rezeption als eine Art Reifeprüfung der Nation angesehen werden kann, aus der es hervorging.
 
Empfehlung an die Linke, die Schnauze aus dem Dreck zu nehmen und wieder laufen zu lernen