in konkret April 1989

Von Konkret
 
An Konkret
 
Rebmann, Rushdie und andere von Hermann L. Gremliza
 
Aus für die Linken bei den Grünen? Nein, sagt Verena Krieger, die sich deshalb auf der letzten Bundesdelegiertenkonferenz – erfolgreich – um die Position einer Sprecherin des Bundesvorstands beworben und ihr Bundestagsmandat niedergelegt hat. Oliver Tolmein sprach mit ihr über linke Perspektiven und die rosa-grüne Koalition in Westberlin
 
Der 4. August der Al von Georg Fülberth
 
Ein nachträglich veränderter Aktenvermerk, das Verschwinden eines Kontrollzettels, Widersprüche zwischen ZeugInnenaussagen und der Anklageschrift: Nach acht Verhandlungstagen im Prozeß gegen Ingrid Strobl ist die Bundesanwaltschaft in Beweisnot geraten
 
Termine
 
Weil anders keine Öffentlichkeit für sie herzustellen war, hat KONKRET diese und die beiden folgenden Seiten einer Gruppe aus »autonomen und antiimperialistischen Projekten und Zusammenhängen in Westberlin« zur Verfügung gestellt, die den Hungerstreik der politischen Gefangenen und die Forderung »Zusammenlegung jetzt!« unterstützen
 
»Atempause für den Amazonaswald« freute sich die a>TAZ«, nachdem bekannt geworden war, daß der Bau einiger Staudämme im brasilianischen Regenwald gestoppt werden muß, weil die Weltbank sich weigert, das Energiekonzept Brasiliens zu kreditieren. Sie haben sich zu früh gefreut: Die Ausbeutung der Tropenwälder schreitet zügig voran. Unter dem Vorwand, »unsere« Klimaanlage vor unsachgemäßer Behandlung durch die einheimische Bevölkerung schützen zu müssen, forcieren bundesdeutsche Unternehmen die Plünderung der tropischen Wälder
 
Er hat den alten und den neuen Nazis ein angeblich ökologisch begründetes, bis zur Ausmerzung elitäres, rassistisches Menschenbild geliefert: Am 27. Februar ist der Verhaltensforscher und Nobelpreisträger Konrad Lorenz gestorben
 
Während im Bonner Bundestag immer noch von afghanischen »Freiheitskämpfern« geschwätzt wird, feiern die USA die seit Vietnam größte und erfolgreichste Aktion ihres Geheimdienstes CIA. Noch 1988 lieferten sie den Mudjahedin Waffen im Wert von 1,5 Milliarden Dollar. Es hat sich gelohnt
 
Reporter decken Massengräber auf, Historiker fordern die Öffnung der Archive, die Parteiführung rehabilitiert die ehemals Verfemten, und Bürger schließen sich zusammen, um die Suche nach den Verbrechen der Stalin-Ära selber in die Hand zu nehmen. Während in der Sowjetunion die Auseinandersetzung über die Geschichte jahrzehntealte Tabus sprengt und der Kampf um die Entstalinisierung voll entbrannt ist, tun sich die bundesdeutschen Kommunisten mit der eigenen Historiker-Debatte schwer. Ihre Parteiführung hat ihnen eine Interpretation vorgegeben, die Stalin opfert, um die Entstalinisierung zu verhindern.
 
Auschwitz: Eine zwanghafte Wiederholung prähistorischer Brandopferrituale; der Antisemitismus: ein Effekt interplanetarischer Kollisionen – der Bremer Hochschullehrer Gunnar Heinsohn hat eine Theorie des Antisemitismus vorgelegt, die so absurd wie schamlos ist
 
Zur legitimierenden Fiktion der Demokratie gehört die Vorstellung, daß die Leute bei wichtigen Entscheidungen in etwa wissen, wovon die Rede ist. Bei der Rezeptgebühr mag das stimmen, für ISDN gilt es nicht. Dabei sollen bis 1995 rund 340 Milliarden Mark in das »dienstintegrierende Fernmeldenetz« investiert werden – mit allerlei unerfreulichen Folgen
 
Zum KONKRET-Streitgespräch trafen sich: Franz Christoph, Mitinitiator der Krüppelbewegung und Autor des Buches »Krüppelschläge gegen die Gewalt der Menschlichkeit«; Adrienne Goehler, bis vor wenigen Wochen Abgeordnete der Hamburger GAL-Frauenliste; Katja Leyrer, feministische Autorin, mit »Rabenmüttern« und »Mackersöhnen« beschäftigt. (Foto mitte) Susanne von Paczensky, Mitbegründerin des Familienplanungszentrums Hamburg und Verfasserin mehrerer Bücher zum Thema 'Paragraph 218', Hannelore Witkofski, Mitglied im Behindertenforum und im BundessprecherInnenkollektiv der Arbeitsgemeinschaft sozialpolitischer Arbeitskreise (AG SPAK)
 
Es wird kommen wie nach den Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus: Statt den satten faschistischen Bodensatz dieser Republik endlich ernst zu nehmen, wird auch die Frankfurter Linke noch dem Einzug der Neonazis in den Römer binnen zwei Wochen zur rosa-grünen Tagesordnung übergehen
 
Autorinnenkollektiv (Hg ) Frauenbewegungen in der Welt, Bd 1 Westeuropa, Argument-Sonderband 150, Hamburg 1988, 233 Seiten, 18,50 Mark
 
Seit Ajatollah Khomeini befohlen hat, den Schriftsteller Salman Rushdie zu ermorden, brennen die Lautsprecher des »christlichen Abendlands« vor Erregung durch. Aber, »das Blut, welches die Bekenner des Gottes der Barmherzigkeit und des Friedens seit der Einführung seiner Religion vergossen haben, würde genügen, um die Anhänger aller anderen Sekten, die jetzt auf der Erdkugel wohnen, zu ersäufen«
 
Vielen gilt er als der gute grüne Mensch vom Issyk-Kul«, zuständig für ewige Menschheitsfragen, sauberes Wasser und tiefe Gefühle: Tschingis Aitmatow, Träger des Leninordens und Mitglied im Vorstand des sowjetischen Schriftstellerverbandes, ist der bedeutendste literarische Fürsprecher der Reformen in der Sowjetunion
 
So eilig hat es der Kulturbetrieb selten gehabt, einen Nestbeschmutzer nach seinem Tode einzugemeinden. Thomas Bernhard, der Schmähredner und literarische Staatsfeind Österreichs soll ein Moralist und Mitleidsdichter gewesen sein
 
In KONKRET 12/88 hatte Georg Heinzen dem österreichischen Schriftsteller Peter Turrini vorgeworfen, er habe die Arbeiter verraten, indem er sie mit seinem Stück »Minderleister« ans Theater ausliefere. Daraufhin attestierte Michael Scharang in KONKRET 3/89 Heinzen »besserwisserisches Getue« und »kolonialistische Allüren«. Heinzen antwortet und begründet noch einmal seine Kritik: Turrini versöhnt im Theater, was auf der Straße endlich einmal aneinandergeraten ist
 
Musikplaudertasche von Eckhard Henscheid
 
Tomayers ehrliches Tagebuch von Horst Tomayer
 
Berlinale 89 – betulicher Rekurs in die Vergangenheit, rührende Harmlosigkeiten, bundesdeutsche Filmqual, aber auch, abseits des Wettbewerbs, einige Lichtspielblicke, darunter der neue Film von Jacques Rivette und ein übles Machwerk von Alan Parker
 
Claude Chabrols Film »Eine Frauensache« erzählt uns etwas über uns, was wir vorher noch nicht wußten. Und niemand sagt uns, was wir davon zu halten haben
 
Piwitts kleines Feuilleton von Hermann Peter Piwitt
 
Anerkennung der Nato und des staatlichen Gewaltmonopols, demnächst Zustimmung zur Verschärfung der Sicherheitsgesetze und des Asylrechts: Um Platz nehmen zu dürfen auf Seiten der Herrschenden, hat nicht nur die Berliner Alternative Liste, sondern eine überwältigende Mehrheit der Grünen sich vom Anspruch einer Oppositionspartei verabschiedet: »Wer als Linker noch etwas auf sich hält, sollte nicht im grünen Morast versinken«