in konkret März 1989

Von Konkret
 
An Konkret
 
Rechts, wo der Blinddarm ist von Hermann L. Gremliza
 
Das allgemeine Entsetzen über den Berliner Wahlerfolg der Neonazis zeugt von Verdrängung: Schließlich ist, was sich dort mal wieder zählbar artikulierte, Teil jenes rechtsradikalen Spektrums, das sich auch noch 1945 in der Bundesrepublik politisch hat kontinuierlich fortpflanzen können. Wie aber sieht sie aus, die Welt des »Republikaner«-Chefs Schönhuber und seiner Gefolgschaft? In seinen Erinnerungen hat der ehemalige Angehörige der Leibstandarte Adolf Hitler ihr Bild gezeichnet: ein Panorama aus Ressentiment, Mord, Sauferei und »amoureusen Patrouillengängen«
 
NSDAP, NPD, Republikaner – Wie Neo sind die Nazis?
 
Wer sind die »Republikaner«? Bessere Übersicht als eine Analyse ihrer verquasten Reden schafft ein Blick auf die politische Herkunft ihrer Ideologen und Funktionäre. Um Schönhuber versammelt sich alles, was bislang in der rechtsextremistischen Ecke sein Unwesen getrieben hat: Alte und neue Nazis, die halbe NPD, DVU-Gesindel, die professoralen Geschichtsumschreiber, »Adenauer-Preis«-Träger und Vertriebenen-Funktionäre
 
Muß, wer aus Altersgründen während der Nazi-Zeit nicht handeln konnte, Nachsicht üben mit jenen, die dem Regime damals dienten? Das jedenfalls fordern der Philosoph Jürgen Habermas und der Schriftsteller Rolf Hochhuth
 
Während sich die Nation an den Feierlichkeiten zum 200. Geburtstag der Großen Revolution berauscht, verschachert der französische Staat in einem kolonialistischen Deal die Menschen der Karibik an die Europäische Gemeinschaft. Der folgende Text macht darauf aufmerksam, daß die schwarzen Völker noch immer weltweit gegen die weiße Herrschaft und Unterdrückung kämpfen müssen . Er wurde in einem französischen Gefängnis als Offener Brief an Nelson Mandela formuliert. Sein Verfasser ist Mitglied des Nationalen Rates des guadeloupensischen Widerstandes (CNRG)
 
Anmerkungen zum Artikel »Le Cod Noir«Noch immer gehen die Staaten der Europäischen Gemeinschaft über Leichen, um ihr kolonialistischen Ambitionen zu verteidigen Schließlich benötigen sie ihre überseeischen Departements als Schaufenster und Stützpunkt einer aggressiven Export- und Militärpolitik
 
Entgegen den Prognosen linker Ökonomen konnte die kapitalistische Wirtschaft auch 1988 hohe Wachstumsraten verbuchen. In KONKRET 2/89 (»One day or another«) hat Winfried Wolf dennoch auf der prinzipiellen Gültigkeit der Krisen-Prognosen beharrt und versucht, das momentane Ausbleiben einer Rezession zu erklären. Hübner wirft ihm Oberflächlichkeit vor und bemüht sich, selber eine überzeugendere Prognose zu formulieren
 
In Bonn üben sich die Sozialdemokraten in verbalradikalen Attacken auf die Regierungspläne zur Reform des Gesundheitswesens. In Hamburg aber haben sie bereits vor einem halben Jahr einen Modellversuch gestartet, der in vorauseilendem Gehorsam das konservative Programm übererfüllt: Zwecks Rationalisierung des Krankenhausbetriebes werden dort die Daten nahezu aller Patienten durchgemustert und nach Rentabilitätskriterien abgespeichert
 
Die Monatszeitschrift »Sowjetunion heute« publiziert sexistische und homosexuellenfeindliche Texte. Nachdem er bereits in KONKRET 12/88 per Offenem Brief gegen ihren Bericht von den Moskauer Miß-Wahlen protestierte, wendet Amendt sich jetzt gegen die Behauptung, Homosexualität sei eine »gefährliche Krankheit«~ die das von der sowjetischen Botschaft in Bonn herausgebrachte Blatt in seiner Januar-Ausgabe verbreitete
 
Mit der Begründung, der Autor befürworte und verharmlose pädophile Handlungen, wurde die Veröffentlichung des folgenden Beitrages von der Redaktion des »pro familia magazins« abgelehnt. Er sollte im Schwerpunktheft »Sexueller Mißbrauch« in diesen Tagen erscheinen. Das »pro familia magazin« wird vom Bundesverband der Pro Familia herausgegeben.Schmidt schreibt uns zu diesem Vorgang:
 
Kaum hatte die Anti-Hitler-Koalition die Kapitulation der NS-Wehrmacht erzwungen, warb der Geheimdienst der USA die in Ostspionage erfahrenen Nazis an – auch deren Chef, den späteren Präsidenten des Bundesnachrichtendienstes, Reinhard Gehlen. Der amerikanische Journalist Christopher Simpson hat dazu neues Material gefunden
 
§ 129a
 
Nachdem der Gesetzgeber den Paragraphen 129a zum 1.1.1987 verschärft hat, sind jetzt die »unabhängigen« Gerichte dabei, die Schraube weiter anzuziehen Wer Mitglied in einer »terroristischen Vereinigung« ist, bestimmen künftig die Oberlandesgerichte
 
14 Monate saß Ingrid Strobl in Untersuchungshaft, bis der Prozeß gegen sie eröffnet wurde. Ulla Penselin, gegen die die Anklage nicht einmal zugelassen wurde, mußte neun Monate zum Teil unter Isolationshaftbedingungen im Knast verbringen. In Stuttgart, Frankfurt, Butzbach und Westberlin sitzen seit Monaten Leute ein, denen irgendwann einmal wegen angeblicher Verstöße gegen den § 129a der Prozeß gemacht werden soll: Der Einsatz der Untersuchungshaft als Beugehaft und Bestrafungsmittel, das einzusetzen es keines Prozesses bedarf, ist im Alltag der bundesdeutschen Justiz nicht die Ausnahme, sondern die Regel.
 
Weder die »Wehrsportgruppe Hoffmann« noch die »Nationale Sammlung« gelten bundesdeutschen Richtern als »terroristische Vereinigung« Das Oktoberfest-Attentat war die Tat eines Einzelnen, und Hoffmann wird, ohne daß es einer Amnestie-Diskussion bedürfe, Ende April wahrscheinlich aus der Haft entlassen werden Der 129a ist kein Paragraph gegen Rechtsterroristen
 
Termine
 
Haben die Gefangenen aus der RAF für ihren neuerlichen Hungerstreik den richtigen Zeitpunkt gewählt? Welche Bedeutung hat es für die Gefangenen selbst, welche für den politischen Kampf außerhalb der Knäste? Gibt es eine Chance, die Forderung nach Zusammenlegung jetzt durchzusetzen? KONKRET sprach mit zwei ehemaligen Gefangenen aus der RAF, die Ende letzten Jahres noch knapp 18jähriger (Monika Berberich) bzw. 12jähriger (Roland Mayer) Haft entlassen wurden
 
Sinn ohn´ Form von Oliver Tolmein
 
Seit dem 1 Februar befinden sich die Gefangenen aus der RAF erneut im Hungerstreik für die Zusammenlegung in ein oder zwei große Gruppen und für die Freilassung derjenigen, deren Gesundheit unter Knastbedingungen nicht wiederhergestellt werden kann KONKRET dokumentiert die Hungerstreikerklärung
 
Der 1985 neu edierte handschriftliche Nachlaß des Philosophen Arthur Schopenhauer (dtv) enthält das umfangreiche Material für eine geplante, aber nie realisierte Abhandlung »Ueber die, seit einigen Jahren methodisch betriebene Verhunzung der deutschen Sprache.« Der Autor bemerkt am Schluß: »Ich bin weitläufig gewesen und habe geschulmeistert; wozu ich mich wahrlich nicht hergegeben haben würde, wenn nicht die deutsche Sprache bedroht wäre; an nichts in Deutschland nehme ich größern Antheil als an ihr...« Nun, dem Manne selbst konnte zwar nicht mehr geholfen werden, aber zwanzig Jahre nach seinem Tod, 1880, erschien der erste DUDEN – damals wie heute »grundlegend für gutes Deutsch« sowie »unentbehrlich für richtiges Deutsch«. Eine Gegenüberstellung mit Auszügen aus beiden Werten zeigt: Was Schopenhauer noch fragwürdig vorkam, darüber bestehen heute keinerlei Zweifel mehr
 
»Warum führt Turrini seine Arbeiter vor wie André Heller die Neger?« fragte Georg Heinzen in KONKRET 12/88 und warf dem österreichischen Schriftsteller vor, er habe die Arbeiter verraten, indem er sie ans Theater auslieferte. Scharang attestiert Heinzen »besserwisserisches Getue« und »kolonialistische Allüren«
 
Unter dem Titel »Verschüttete Wirklichkeit. Die unaufhaltsame Coca-Colonisierung der Bundesrepublik« veröffentlichte die »Süddeutsche Zeitung« am 19. November 1988 in ihrer Wochenendbeilage einen Aufsatz des Schlagertexters und Schallplattenproduzenten Michael Kunze. Darin beklagt Kunze, der in den 70er Jahren mit seiner Pop-Gruppe »Silver-Convention« auch in den USA reüssierte – »Wenn man aus der musikalischen Provinz Deutschland herauskommen will, dann gibt es eben nur Amerika« – , die Überfremdung des bundesdeutschen Unterhaltungsbetriebs durch ausländische Produktionen: »die stetige Umwandlung Westdeutschlands in einen McDonald-Laden«.Pohrts Antwort, auf Anfrage der »SZ« verfaßt, wollte das Blatt jedoch nicht oder nur um ihre historischen Verweise gekappt drucken. Sie erscheint daher in KONKRET
 
Deutsche Literatur von Frauen. Herausgegeben von Gisela Brinker-Gabler, 2 Bände, zus 1153 S. Vorlag C H Beck, München 1988, 116 Mark, einzeln pro Band 63 Mark
 
Ich habe gelesen von Matthias Altenburg
 
Die DDR, jahrzehntelang gescholten wegen ihrer Gefolgschaftstreue gegenüber der KPdSU, sieht sich nun dem Vorwurf ausgesetzt, dem Moskauer Vorbild nicht folgen zu wollen: nix Glasnost, nix Perestrojka. KONKRET-Mitarbeiter Uwe Klußmann befragte den stellvertretenden Kulturminister der DDR, Klaus Höpcke, der in der Bürgerpresse als Oberzensor der DDR-Literatur gilt
 
In seinem neuen Film »Talk Radio« führt Oliver Stone die letzte Errungenschaft der US-Medien vor: den »Schock-Rundfunk«, der Rassisten, Perversen und Verzweifelten Gelegenheit gibt, sich einmal gründlich auszukotzen
 
Vom Versehen. Vom Erinnern. Vom Nachsehen. Oder: eine kleine Korrespondenz mit Anhang, acht Jahre nach John Cassavetes' Film »Gloria«.
 
Musikplaudertasche von Eckhard Henscheid; Jens Thierfelder
 
Meldung der Nachrichtenagentur AP: »Zu schweren Krawallen kam es am Donnerstagabend (2.2.89) in Wien, wo Tausende gegen den gleichzeitig stattfindenden Ball im Wiener Opernbaus protestierten. Es gab Verletzte und beträchtlichen Sachschaden«