in konkret August 1988

Von Konkret
 
An Konkret
 
Was Kohl kostet von Hermann L. Gremliza
 
»Einsatzbereitschaft für besondere Lage und einsatzbezogenes Training« (EbLT) nennt sich ein uniformierter Schlägertrupp der Westberliner Polizei. Wird sie von der Leine gelassen, muß man um sein Leben rennen. Ihr letzter Arbeitseinsatz war in der Nacht vom 1. auf den 2. Mai 1988 und versetzte das friedliche Mai-Fest in Kreuzberg in eine besondere Lage: 134 Festnahmen, 25 Menschen vor dem Haftrichter, über 100 Verletzte. KONKRET dokumentiert Fotos aus dieser Nacht und Protokolle einiger Opfer
 
Der Sozialforscher und frühere Frankfurter AStA-Vorsitzende Wolfgang Kraushaar hat die Geschichte des Erfinders der »Realpolitik« beschrieben: Vom Revoluzzer und polizeilich gesuchten Frankfurter Streetfighter über den reformistischen Abgeordneten bis zum fanatischen Gegner der Fundamentalisten und des Sozialismus. Sein Name ist nicht Josef (»Joschka«) Fischer
 
Im Sommer 87 entsandte die US-Regierung ihre Armada in den Persischen Golf, um dort »die Freiheit der Schiffahrt« zu verteidigen. 41 Kriegsschiffe mit ca. 20.000 Mann an Bord sollten die vergleichsweise winzige Marine der Islamischen Republik daran hindern, die Zufahrtswege im Golf zu verminen und Schiffe, die arabische Ölhäfen anfahren, anzugreifen. Doch ist der Persische Golf für die Handelsschiffahrt seitdem deshalb nicht sicherer geworden. Der Iran hörte nicht auf, Öltanker der Verbündeten des Irak zu beschießen. Der Irak intensivierte gor seine Angriffe gegen iranische Öltanker. Mitte Mai zerstörten irakische Bomber den größten Tanker der Welt, der in ironischem Auftrag Öl laden sollte.
 
Nachrichten von Andreas Herzau
 
Als vor drei Jahren der peruanische Präsident Alan Garcia mit dem IWF brach, indem er den Schuldendienst seines Landes auf einen Bruchteil der Exporterlöse begrenzte, glaubte nicht nur die sozialdemokratische Linke hierzulande, so ließe sich dem Imperialismus beikommen. Heute können die Folgen einer Reformpolitik besichtigt werden, die Peru zwar vom internationalen Kreditmarkt abgeschnitten, dafür aber der nationalen Bourgeoisie zur Ausplünderung überlassen hat: Massenverelendung und fabelhafte Unternehmergewinne. Jetzt erst ist das Land richtig reif für ein Weltbankprogramm
 
»Neues Denken«, Glasnost und Perestroika: Sind sie wirklich ein neuer Aufbruch zum Sozialismus? Oder vielleicht der Anfang vom Ende der Revolution? KONKRET setzt in diesem und den folgenden Hefen die Debatte über Gorbatschows Reformpolitik fort
 
Zu ihrem 40. Geburtstag feiert eine sechsbändige, mehr als tausend Mark teure »Geschichte der Bundesrepublik Deutschland« den Rechtsnachfolgestaat des Dritten Reichs als das, was er ist oder doch sein soll: ganz der Papa (ober ohne braune Falten)
 
Regierungsdokumente belegen: Hinter der Fassade der friedlichen Nutzung der Kernenergie haben schwedische Militärs und ihre sozialdemokratischen Minister ein eigenes Atombombenprogramm entwickelt. Über einen Zeitraum von mehr als 25 Jahren hoben sie zu diesem Zweck die Öffentlichkeit belogen, das Parlament getäuscht und dessen Beschlüsse gebrochen. Der Fall wird hierzulande ignoriert: Zu deutlich sind die Parallelen zwischen dem bundesdeutschen und dem schwedischen Atomprogramm
 
Fast unbemerkt hat eine neue Bewegung Machtpositionen in der links-alternativen und feministischen Szene erobert. Auch autonome und christdemokratische Frauenzirkel sind infiltriert worden, ohne daß sich nennenswerter Widerstand regte. Die Mütterbewegung ist im Kommen. Wollsockig und fruchtbar
 
Carl Schmitt zum Hundertsten: Dem alten Nazi huldigen alte Nazis, konservative Leitartikler und selbst konvertierte Maoisten. Alle scheinen fasziniert von den »Doppelmoppeleien des wissenschaftlichen Bürokratismus (Pohrt), der Selbstverständlichkeiten als messerscharfe Schlußfolgerungen verkleidet – wie bei Heidegger und Mao, so auch bei Schmitt
 
Kriegserklärung von Wolfgang Schneider
 
Von acht Uhr früh bis vier Uhr früh ohne Pause: Schauspieler, Autoren, Übersetzer, ein Rechtsanwalt, ein Mandant lasen in Hamburgs Kampnagel-Fabrik den »UIysses« von James Joyce, den Roman eines Tages im Leben des Leopold Bloom. Dieser BIoomsday« kostete auch einen Tag im Leben des Rezensenten
 
Musikplaudertasche von Eckhard Henscheid; Jens Thierfelder
 
Keiner stehle sich davon, behaupte vielleicht, er kenne diesen Film gar nicht, in dem er gewiß auch schon einmal die tragende Rolle geben durfte: Die paar Gestalten im Morgengrauen, die Getränkereste in sich hineinkippen, verbissen seit Stunden um Belanglosigkeiten ringend, mit stieren Augen, mit Worten, die im Munde anecken, Sätzen, die sich wie von selbst verschachteln
 
ich habe gelesen von Ingrid Strobl
 
Mitläufer-Kunst auf der 43. Biennale: Der bundesdeutsche Beitrag steht unter dem schönen Titel »Haus der Waffenlosigkeit« und sieht aus wie Heinzelmännchens Wachparade in Scherenschnitten. Ein wenig komischer Propagandaschwindel
 
R.B. Kitaj: »Erstes Manifest des Diasporismus«; Arche Verlag, 144 Seiten, 32 Mark
 
Piwitts kleines Feuilleton von Hermann Peter Piwitt
 
Warum einen »Rambo«-Film rezensieren? Weil es die Kritik des immerhin Kritikwürdigen in die richtige Perspektive rückt, wenn der als Scheißdreck erkennbare Scheißdreck nicht immer nur ignoriert, sondern einmal auch wieder als Scheißdreck vorgeführt und wahrgenommen wird
 
»Sammy & Rosie tun es«: Ursprünglich wollte Stephen Frears seinen neuen Film einfach »The Fuck« nennen und hätte damit auch etwas von der Schwäche seiner jüngsten Arbeit verraten, die sich allzusehr bemüht, den Bürger zu erschrecken – mit Einfällen, denen oft jeder andere Witz fehlt