in konkret Mai 1988

von konkret
 
an konkret
 
Rätsel des Orients von Hermann L. Gremliza
 
Bei den Haushaltsberatungen 1987 stand das Thema nicht auf der Tagesordnung. Im Auswärtigen Ausschuß gab es dazu keine Debatte. Im Innenausschuß durfte es nur zustimmend zur Kenntnis genommen werden: Die Bundesrepublik wird 1988-1990 für 176,5 Millionen Mark Polizei- und Militärhilfe vor allem an afrikanische Staaten leisten. Ausstattungshilfe heißt dieses Programm
 
Perestroika, die Umgestaltung, weckt viele Hoffnungen – eine enttäuscht sie bitter: Die Emanzipation der Frauen steht nicht auf dem neuen Programm. Im Gegenteil: Die sowjetische Frau soll noch stärker auf die Rolle als Mutter und Hüterin des heimischen Herdes fixiert werden
 
Warum haben Lafontaines Thesen zum Lohnverzicht so viel Zustimmung gefunden – in der SPD und sogar bei Gewerkschaftern? Weil das politische Bewußtsein auf den Hund gekommen ist
 
Hat die ökologische Bewegung ein Klima geschaffen, das den Sozialdarwinismus aufblühen läßt? Mit einer militanten Aktion haben Behinderte den Auftritt eines Euthanasie-Propagandisten verhindertInterview mit Franz Christoph
 
Die Eugeniker im Vormarsch: Die Zwangssterilisation Behinderter soll Gesetz werden
 
Militär und Gewalt zur Terrorisierung der Palästinenser – Militär und Gewalt zur Belebung der Geschäfte: Israel handelt vorzugsweise mit den Diktaturen dieser Welt
 
Die meisten halten den Internationalen Währungsfond und die Weltbank für eher karitative Einrichtungen, die den armen Ländern helfen sollen. Viele ahnen zwar, daß das nicht stimmt, wissen aber auch nichts Genaues. Im September tagen die beiden »Wohltäter« in Westberlin. Höchste Zeit also, ihre Geschichte, aktuelle Politik und Funktion in der Weltwirtschaft zu durchleuchten
 
Noch sind die Gewerkschaften und ihre Ökonomen mit der in die Krise geratenen Weltwirtschaftsordnung ganz zufrieden. Wie sollten sie auch nicht: Hohe Löhne und niedrige Preise für die Güter des täglichen Bedarfs bescheren den Arbeiterklassen in den Industrieländern einen relativ angenehmen Lebensstandard. Wen kümmert es, daß dafür die Arbeiterinnen und Arbeiter der »Dritten Welt« bluten?
 
Vom 27. bis 29. September treffen sich 10.000 Bankiers zur Jahreshauptversammlung des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank in Westberlin. Sie kommen nicht allein
 
Mehr als 10.000 Anträge auf Asyl wurden 1987 allein im Frankfurter Flughafen gestellt. Die Behörden haben sich allerlei einfallen lassen, wie man die heilige deutsche Erde davor schützt, von Kanaken betreten zu werden
 
Sie lesen Seyfried, solidarisieren sich mit der Hafenstraße, demonstrieren gegen die WAA. Aber wenn der Einsatzbefehl kommt, müssen sie ihre Mützen aufsetzen. Und Räumungspläne verraten sie auch nicht. Kritische Polizisten: ein staatsgewaltiger Widerspruch
 
Die Bürgerkinder von 1968 wollten nicht den Umsturz der ökonomischen Basis, sondern die Renovierung des Überbaus, Befreiung nicht von Herrschaft, sondern von Autoritäten. Sie haben geholfen, die BRD zu modernisieren
 
Nach dem Streitgespräcb in der KONKRET-Redaktion (von links nach rechts): Karl Heinz Roth, SDS-Mitglied in Hamburg, 1968/69 untergetaucht wegen eines Haftbefehls (»Widerstand gegen die Staatsgewalt.), 1975 bei einer Personenkontrolle durch Polizeischüsse lebensgefährlich verletzt, 1977 von der Anklage wegen Mordes freigesprochen, ist heute Arzt und Historiker (»Die Daimler-Benz AG 1916-1948«). Sibylle Plogstedt, ab 1965 Mitglied des SDS in Westberlin, 1969 in der CSSR verhaftet, Mitbegründerin der Frauenzeitschrift Courage, heute Redakteurin beim SPD-»Vorwärts«. KD (Karl Dietrich) Wolff, (knieend), 1967/68 Bundesvorsitzender des SDS, 1969 Mitbegründer des März-Verlags, 1970 Gründer des Verlags Roter Stern (heute: Stroemfeld/Roter Stern), in dem u.a. eine historisch-kritische Hölderlin-Gesamtausgabe erscheint. Wolfgang Kraushaar, 1974/75 AStA- Vorsitzender in Frankfurt, 1975/77 Lektor im Verlag Neue Kritik, seit 1987 Mitarbeiter des Hamburger Instituts für Sozialforschung, arbeitet zur Zeit an einer Geschichte der Protestbewegungen in der BRD.
 
Mario Krebs: Ulrike Meinhof – Ein Leben im Widerspruch, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek/Hamburg 1988, 280 Seiten, DM 12.80
 
Für den Rest seines Lebens hahen sie den Peter-Jürgen Boock hinter Gitter gesperrt. Dort hat er einen Roman geschrieben, in dem steht, was sich zugetragen hat, der aber keinen denunzieren will. Es ist eine Geschichte der Katastrophe des Jahres 1977, auch eine Geschichte, die zwischen Hippies und Punk-Rockern spielt
 
Nachrichten
 
Ich habe gelesen von F. W. Bernstein
 
Nicht der Künstler, sondern der Impressario, der Arrangeur, der Regisseur, der Interpret "macht" die Kunst. Das große Vorbild der Interpreten ist Joseph Beuys. Doch was bleibt vom Tiefsinn des Arrangements ohne den Charme dieses Arrangeurs?
 
In drei dicken Bänden hat der Historiker Heinrich August Winkler eine Geschichte der Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik vorgelegt. Zweck der Übung ist die sozialliberale Entsorgung einer Geschichte, in der die Organisationen der Arbeiterbewegung leider noch nicht das Niveau eines Peter Glotz erklommen hatten
 
Musikplaudertasche von Eckhard Henscheid; Jens Thierfelder
 
»In einem riesigen Werk stellt (Karl) Kraus, der erste Schriftsteller unserer Zeit, die Entartung und Verworfenheit der zivilisierten Menschheit dar. Als Prüfstein dient ihm die Sprache, das Mittel der Verständigung zwischen Mensch und Mensch«(Bertolt Brecht, 1934)
 
Kulturschaffende aller Länder, versammelt euch! Wie sähe das wohl aus, wenn es zustandekäme. Hermann Kant hat es in seinem jüngsten Buch ausgemalt
 
»Der Passagier« heißt der neue Film von Thomas Brasch (Buch und Regie). Marli Feldvoß hat ihn gesehen. Ein Interview statt einer Filmkritik
 
Piwitts kleines Feuilleton von Hermann Peter Piwitt
 
Sie wollen die deutsche Geschichte »entkriminalisieren«, die Deutschen von »kollektivem Selbsthaß« und »Fellachenmentalität« befreien, zu »nationaler Identität« und »Feindfähigkeit« erziehen. Doch sie stehen in keinem Verfassungsschutz-Bericht, denn sie sind feine Herren, deren Schriften der Kanzler »mit viel Sympathie und Zustimmung« liest: Die neuen deutschen Nationalisten