in Sexualität konkret 1986

Editorial von Volkmar Sigusch
 
Schwule Geschichte von Hermann L. Gremliza
 
Warum löst Aids eine kollektive Hypochondrie aus? Warum gibt es eine Katastrophenstimmung? Was hat Aids mit unseren Sexualängsten zu tun? Kann eine Moral ansteckungssicher sein?
 
Was Tünnes und Schääl den Rheinländern, sind Pfleiderer und Häberle seit über 50 Jahren den Schwaben. Der letzte Häberle ist in die Vereinigten Staaten ausgewandert und »Professor en sexualibus« geworden. Sein alter Freund Pfleiderer schreibt ihm aus der Provinz
 
Der Sexualforscher Martin Dannecker stritt sich mit dem Filmemacher Rosa von Praunheim über die richtige Reaktion auf Aids. Die Rolle der parteiischen Moderatorin übernahm Ingrid Klein
 
AIDS-DAY war an einem Donnerstag. Es war der 15. August 1985, an dem die marktbeherrschenden illustrierten Wochenzeitungen mit Aids-Titeln, die ein heterosexuelles Paar in Kuß-Pose zeigten, an die Kioske gingen. Es wer der Tag, an dem das Virus aus der homosexuellen Subkultur in die heterosexuelle Monokultur übersprang und eine Aids-Panik entfachte.
 
Die Fixer haben mit den Homosexuellen Schritt gehalten. Manches deutet darauf hin, daß sie in Zukunft bedeutend schlechter dran sein werden. Das belegen Fakten aus Frankfurt/Hessen.
 
Der Knast ist spätestens seit Aids wieder als das zu erkennen, was das Gerede von Therapie-statt-Strafe und Resozialisierung nur unvollkommen kaschieren konnte: Strafvollzugsanstalt. Für Aids-Kranke und -infizierte eine Katastrophe
 
Trotz fieberhafter Forschung ist noch wie vor unklar, wie es zu der inzwischen weltweiten Ausbreitung von Aids kommen konnte. Medien, Politiker und die internationale Forscherelite scheinen sich zwar auf einen afrikanischen Ursprung der Krankheit geeinigt zu haben, die bisher bekennt gewordenen Fakten zwingen jedoch keineswegs zu dieser Schlußfolgerung. Es kann zwar nicht nachgewiesen werden, daß Aids aus dem Labor stammt, aber unter den Fragen, die zu Aids gestellt worden müssen, ist die Frage noch den von der Wissenschaft selbst erzeugten und nicht beherrschbaren Risiken - für die Aids ein Beispiel sein könnte - auch noch dem neuesten Stand der Kenntnisse nicht nur gerechtfertigt, sondern dringlicher als je zuvor.
 
Zahlen können Angst machen, besonders wenn aus »vielleicht 3.000-4.000 Kranken« »10.000 Tote« hochgerechnet werden. Zahlen lassen sich manipulieren, ohne daß man sie direkt fälschen muß. Aids-Statistiken sind Lehrbeispiele dafür
 
Die Psychotherapeutin Sophinette Becker betreut seit einiger Zeit auch Patienten, die mit oder wegen Aids medizinische Behandlung suchen. Dabei hat sie viel über Erkrankte, HTLV-III-Infizierte und Aids-Phobiker erfahren. Und über Ärzte
 
Der HTLV-III-Test ersetzt als Patentrezept das Nachdenken über die Krankheit Aids. Die Medizin reagiert ebenso somatisch wie hilflos. Das Gesundheitswesen verteilt Broschüren und droht Maßnahmen an.
 
Die Aids-Aufbereitung des »Spiegel« ist schon jetzt ein Tiefpunkt in der Geschichte der bundesdeutschen Presse. Das Nachrichtenmagazin scheint um Aufklärung bemüht, produziert jedoch in Form und Inhalt das Gegenteil.
 
Sehr geehrter Herr Augstein von Martin Dannecker
 
Der Aids-Buchmarkt als Markt der unbegrenzten Möglichkeiten setzt - bis auf zwei Ausnahmen - die sex & crime Berichterstattung der Massenmedien über Aids fort
 
Die Krankheit Aids ist in die Kultur-Recyclinganlage geraten. Das daraus üblicherweise folgende Schattenboxen verweigert Christel Dormagen
 
Das kulturelle Phänomen, zu dem Aids geworden ist, kann psychologisch gedeutet und sozialpsychologisch erklärt worden. Bei den Aspekten des Irrationalismus, um die es geht, fallen die unbewußten individuellen mit den öffentlich ausgedrückten Motiven weitgehend zusammen. Da die allgemeinen Verhältnisse unerträglich sind, entlastet die Mystifizierung von Aids seelisch. Es gelingt jedoch nur dann, eine Ideologie zu propagieren, wenn die Zielgruppe dazu innerlich bereit ist.
 
Die Appenzeller, Ostfriesen und andere Minderheiten scheinen für die Witzeschmiede ergiebiger zu sein als Aids. Hier bleibt der Witz und der Spott zum Schaden bescheiden.
 
Von Selbsthilfe ist bei Aids viel die Rede. Welchen Bedingungen unterliegt sie? Was lehren die bisherigen Erfahrungen? Und mit welchen Konflikten und Krisen werden Infizierte und Aidskranke konfrontiert sein?
 
Aids für alle, alle für Aids von Volkmar Sigusch
 
Der Sexualwissenschaft ist pauschal vorgeworfen worden, daß sie sich als wissenschaftliche Disziplin herausholte. Sie hat es - leider - nicht durchweg getan, sondern auch fahrlässige »Safer Sex Rezepte« verabreicht. Ihre Rolle kann aber nur sein, der Panik Vernunft entgegenzuhalten.
 
Trotz zweier Weltkriege wird der Tod im öffentlichen Bewußtsein des 20. Jahrhunderts systematisch ausgeblendet. In den letzten Jahren gelang das wegen globaler Untergangsvisionen einerseits und der Angst vor Aids andererseits weniger glatt. Suchen wir noch gedanklicher Verarbeitung des Todes, jenseits von Flucht und Weltsucht, müssen wir weit zurückblicken: Eine Kleinbronze der Weisheitsgöttin Minerva beispielsweise, die aus der Renaissance stammt, fängt die Dialektik von Loben und Tod ein.
 
Es ist noch keine zehn Jahre her, da hätte allein dieser Ausdruck schallendes Gelächter provoziert. Mittlerweile lacht kaum noch einer. Das Lachen steckt im Halse. Die Sache ist ernst. Und das nicht nur in einer Hinsicht.
 
An der »Safer-Sex-Kampagne« des frühen 20. Jahrhunderts hat die bürgerliche Frauenbewegung erheblichen Anteil. Die anständige Mehrheit hielt sich unbefleckt. Ihre Doppelmoral erklärt auch den späteren Erfolg der NS-Familienideologie.
 
Obwohl die Fakten dagegen sprechen, hieß es plötzlich: Jeder ist gefährdet. Dabei wurden Frauen quasi naturwüchsig zu Aids-Verhüterinnen ernannt. Was das bedeutet, wie Frauen sich dazu stellen und warum das bisher kein Thema für die Frauenbewegung war, fragt sich Ingrid Klein
 
Ellen D., 33 Jahre alt, verheiratet, ist seit sechs Jahren Prostituierte. Sie hat im Puff, in einer Bar und für eine Vermittlungsagentur gearbeitet. Seit zwei Jahren arbeitet sie als selbständige Hostess. Mit ihr sprach Edith Kohn.
 
Gegen jede medizinische Erkenntnis sind Prostituierte zu gefährlichen, volksverseuchenden »Virusausscheidern« erklärt worden. Das Gegenteil ist der Fall. Sie sind gefährdet.
 
Die Palette der Reaktionen auf Aids in den USA reicht von Schock-Taktiken über Verhetzungen bis zum Mitgefühl. Nathan Fain, Mitbegründer der Gay Men's Health Crisis, hat sie in New York City erlebt
 
Die US-amerikanische Nation befindet sich gegenüber ihren Aids-Infizierten im Kriegszustand. Kein Wunder, daß sich subversive Gegenbewegungen formieren, wie zum Beispiel die Gruppe »New Cancer Power« (NCP), die das Virus zur Waffe erklärt. Peter Rogge, Wahl-New Yorker, schrieb seinem Freund in Berlin(West) einen Brief zur Lage
 
Die Veröffentlichung dieses Interviews, das Peter Rogge in New York mit Maria Plaque von »NCP« machte, haben alle US-amerikanischen Blätter mit der Begründung abgelehnt, es handele sich um »Fiktion« und richte sich gegen die »nationalhygienische Sicherheit«