in konkret August 1985

von Konkret
 
an Konkret
 
Unschuld und Sühne von Hermann L. Gremliza
 
Magazin
 
Irgendwie haben alle das Gefühl, die SPD sei seit der Bonner Wende auf dem Weg nach links: Die Bürgerpresse sowieso, aber auch die Grünen und sogar die Wähler der Sozialdemokratie. Selten lagen soviele so falsch
 
Boehringer Ingelheim – bekannt durch Dioxin, Moorfleet und Georgswerder – feiert am 31. Juli den hundertsten Geburtstag. Zum Jubiläum ist auch Bundespräsident Richard von Weizsäcker geladen, der wahrend des Vietnamkrieges der entscheidende Mann in der Firma war. Wer aber die Festansprache halten wird, blieb lange ungeklärt. Damit es keine Pannen gibt, hat Otto Köhler für KONKRET eine Jubelrede ausgearbeitet. Sperrfrist 31. Juli 1985, 12 Uhr. Es gilt das gedruckte Wort:
 
Im Weltraum der atomare Terror und hiernieden auf Erden die Geschäfte aus der BRD mit Ländern, die sich Atomwaffen verschaffen wollen. Kaum ein anders Land hat ein so entwickeltes atomares Know-how und darf scheinbar so wenig damit anfangen
 
»Ich? Ich wär ja verrückt«, gibt er zur Antwort. »Ein freier Mann bin ich.«
 
Die einen machen ihre eigene Geschichte mittlerweile zum Forschungsgegenstand – westdeutsche SDSler versammelten sich in der FU Berlin – andere aus der Protestbewegung der Sechziger arbeiten auch heute noch für die einstigen Ziele. Einer ist Jeff Jones, einstiger Vorsitzender des US-amerikanischen SDS, dann Mitglied der Weather Underground Organisation,, dann lange Jahre unter falschem Namen untergetaucht, seit 1981 wieder mit dabei, wenn es darum geht, den US-amerikanischen Imperialismus zu bekämpfen.
 
Seit dem Beginn der Friedensgespräche in La Palma spricht alles von »Kriegsmüdigkeit« in El Salvador: Duarte will die Guerilla durch Dialog zum Niederlegen der Waffen bewegen und politisch »integrieren«. Die Guerilla will die Machtbeteiligung und glaubt durch den Dialog einen Freiraum für verstärkte politische Agitation in den Städten zu bekommen. Die Armee will ihr Image als Repressionswerkzeug der Ultrarechten verändern und redet von »Wiederaufbau der zerstörten Gebiete«. Helmut Scheben und Gabi Gottwald sprachen mit denen, die selten etwas der Presse sagen, aber sehr wohl ein Wort bei diesem Krieg mitzureden haben: mit den Guerilleros im Norden von Morazán
 
GEGENDARSTELLUNG:
 
Ein ehemaliger Agentenführer, der rechtswidrige Aktionen des BND geleitet und dies später dienstpflichtwidrig ausgequatscht hat, klagt das Urheberrecht an den durch ihn bekanntgewordenen Informationen ein. Und das OLG München, unter Juristen auch »Franz Josefs Leibgericht« genannt, gibt ihm recht. Michael Schilling dokumentiert die justizförmige Farce
 
Im Internationalen Jahr der Jugend, das die Politiker hierzulande zu ihrer eigenen Beruhigung begehen, spüren die Jugendlichen in der BRD besonders deutlich die Krise. Wer unter 25 Jahre alt ist, findet nur selten Arbeit. Die Wohlfahrtsverbände profitieren von diesem Zustand.
 
Kolumne von Horst Tomayer, Ernst Kahl
 
Original oder nachgeäfft? Macht Peter Zadek jetzt Anleihen auf St. Pauli, oder erfrecht der Kiez sich, dem Hamburger Schauspielhaus Konkurrenz zu machen? Heftige Verwirrung! Wer beklaut wen?
 
Der »östliche« Filmemacher Andrej Tarkowskij lebt und arbeitet jetzt im »Westen«. Er gilt hierzulande als Avantgardist, obwohl er die Avantgarde überhaupt für geistlos hält und stattdessen auf die »Spiritualität« und »kontemplative Geistigkeit« setzt. Tarkowskij – ein Zeit- und Weggenosse all jener, die sich von der Innerlichkeit erhoffen, was sie draußen nicht schaffen konnten?
 
Besoffen vom Bitburger Versöhnungswerk macht sich nun auch die Szene auf die Suche nach dem »anständigen« SS-Mann. Nur muß das Philosophiestudium hier die Fronterfahrung ersetzen. Also kommt auch kein »einfacher Kamerad« in Frage wie noch bei Dregger. Es muß schon ein Grusel-Typ von KZ-Wächter sein, Oberaufseher am besten, aus Himmlers Vorzimmer, an dem sich die neue Redlichkeit richtig abarbeiten kann. Eben: Kurt A. Becher, Reichsführers gehorsamster Becher, dessen Verdienste die linke Öffentlichkeit, lt. »taz«, bislang gezielt totgeschwiegen hat
 
Hier wird keine Platte besprochen, hier wird ein Projekt vorgestellt. »Empire Burlesque«, der schwerste Brocken seit »Saved«. The contemporary Bob Dylan.
 
Seit wir das Dr. Rüdiger Hochhaus und den Autobahnzubringer zur A 57 haben (wer hat was nach sich gezogen, weiß mans?), seit wir in Köln diesem Bauwerk eine dicke Scheibe von Dr. Adenauers Grüngürtel geopfert haben, haben wir den Stau.
 
Einmal, für kurze Zeit, war Fürstenfeldbruck weltberühmt. 1972, als das furchtbare Massaker auf dem Militärflughafen die »heiteren« Olympischen Spiele von München beendete. An diese Publicity jedoch erinnern sich die Besucher nicht so gern. Dafür konnten sie schließlich nichts. Also redet man am ehesten nicht darüber.
 
Wenn schon keiner mehr politische Bücher lesen will, ein Vorschlag von Brecht: Kehren wir zu den Kriminalromanen zurück! Trusts und Monopole, Agenten, Politruks und Millionäre – alle Übel der Welt sind im Detektivroman. Meisterdenker Ernest Mandel, sonst ins »Kapital« vertieft, hat 1000 Kriminalgeschichten gelesen und gleich eine Geschichte des Kriminalromans daraus gemacht. Paul Depondt und Piet de Moor horchten ihn aus
 
Hermann Peter Piwitt: Die Umseglung von Kap Hoorn durch das Vollschiff Susanne l909 in 52 Tagen, Konkret Literatur Verlag, 256 Seiten, DM 24,-
 
Uwe Wesel: Juristische Weltkunde. Eine Einführung in das Recht. Suhrkamp Verlag, stw 467, 213 Seiten, DM 14.-