in konkret September 1984

Mitteilungen
 
an Konkret
 
Honeymoon in Germany? von Hermann L. Gremliza
 
Nachrichten
 
Vor sechs Monaten legten die Kumpel von Yorkshire gegen die angekündigte Schließung staatlicher Kohlgruben die Arbeit nieder. Daraus wurde ein landesweiter Bergarbeiterstreik für das Recht auf Arbeit und gegen die Regierung Thatcher, die die Kohleindustrie privatisieren und die Bergarbeitergewerkschaft zerschlagen will. Die Kumpel von Yorkshire wollen kämpfen bis zum Sieg
 
In viereinhalb Tagen auf dem Rennrad von München nach Hamburg: ein Mann fährt seinen Weg
 
Seit drei Jahren schon tobt der ungleiche Krieg zwischen den von den USA hochgerüsteten salvadorianischen Streitkräften und der »Frente Farabundo Marti de Liberación Nacional« (FMLN), die heute beinah ein Drittel des Landes kontrolliert. Der Schwerpunkt der Kriegsführung der Armee hat sich auf den massiven Einsatz der Luftwaffe verlagert, die täglich bis zu 30 Einsätze mit ihren »Dragon Fly«-Bombern fliegt. Ein Reporterteam der APIA besuchte die vorgelagerte Zentralfront der FMLN am nur 25 Kilometer weit von der Hauptstadt entfernten Guazapa-Vulkan, in dessen labyrinthartigen Bergtälern die ländliche Zivilbevölkerung Zuflucht genommen hat
 
Ein Oktoberfest ganz besonderer Art feiern die Außen- und Verteidigungsminister der Bundesrepublik Deutschland, Frankreichs, Großbritanniens, Italiens und der drei Benelux-Staaten am 23.10. dieses Jahres: Dann nämlich hat die »Westeuropäische Union« (WEU) ihren dreißigsten Geburtstag, den die Herren gebührend vermarkten wollen. Wäre in der letzten Zeit nicht hier und da schon mal von einer Wiederbelebung der WEU die Rede gewesen, dann könnten vermutlich nur ganz exotische Geschichtskenner etwas mit diesem Kürzel anfangen, und der politische Normalverbraucher würde weiterhin keinen Unterschied zur EG ausmachen und innerlich über Butterberge und Obstvernichtung schimpfen. Aber die Sache ist schlimmer. Die WEU wird zur Realform der »Europäisierung der Sicherheitspolitik«, und da geht's um die Kanonen, nicht um die Butter
 
Über die Wehrsportgruppe Hoffmann
 
Die Zahl afrikanischer, asiatischer und lateinamerikanischer Kinder, die in den nächsten Monaten an ]Hunger verrecken werden, weil ein deutscher Professor im »Spiegel« eine »provokante These« loswerden mußte, läßt sich bloß schätzen. Das Elend einer deutschen Bürgerseele läßt sich genau beschreiben
 
Bei »Boehringer« fällt dem Bundespräsidenten nichts mehr ein - Otto Köhler hilft nach
 
Übergriffe von Norbert Kandel, Wolfgang Schröder
 
Seit KONKRET die Erzählungen des Dr. Hans Langemann von den Schweinereien des Bundesnachrichtendiensts druckte, ist die CSU in der Brenne: Einerseits weiß die Partei, daß sie sich zu ihrem ehemaligen Staatschutz-Chef in Distanz halten muß; andererseits kann sie ihn nicht einfach fallenlassen - zu vielfältig sind die Kenntnisse, die Langemann zu seiner Dienstzeit über das Treiben der CSU-Oberen gewonnen hat. Da einem Langemann keiner einreden könnte, das Bayerische Oberste Landesgericht, vor dem er wegen Offenbarung von Staats- und Dienstgeheimnissen angeklagt ist, sei eben leider ein Teil der »unabhängigen Justiz« und habe kein Ohr für die Wünsche der Regierenden, hat sich die CSU-Führung mit dem Angeklagten stillschweigend auf einen Mittelweg geeinigt. In den Worten des Ministerpräsidenten: Langemann sei »der Mann mit dem Kopfschuß« - nicht ganz und gar plemplem, aber zur Tatzeit nicht alle Tassen im Schrank. In der Ganovensprache nennt man das den »kleinen Jagdschein«, auf juristisch spricht man von »schuldunfähig«. Wäre dies das Urteil (und die Bestallung von Langemanns behandelnder Ärztin als medizinischer Gutachterin spricht da für), dann könnten Langemanns Erzählungen (in KONKRET) als Geheimnisverrat gegeißelt werden, Langemann selbst seine Pension in Freiheit verzehren und einige CSU-Politiker wieder ruhig schlafen. Wer wünscht sich das nicht? KONKRET, beispielsweise. Und darum wollen wir ab und an eine kleine Handvoll Sand ins gutgeschmierte Getriebe des Langemann-Prozesses werfen. Diesmal ist es die Geschichte des privaten Nachrichtendiensts, den Langemann für die Christenunion aufgebaut und betrieben hat
 
Vor einem Jahr stürzte sich in Berlin (West) Cemal Altun aus dem sechsten Stock des Verwaltungsgerichts. Er hatte Asyl erhalten und sollte dennoch an die Türkei ausgeliefert werden. In der Sylvesternacht 1983/84 verbrannten im Westberliner Abschiebegewahrsam sechs Menschen. Zwei von ihnen hatten um politisches Asyl gebeten. Seither machen Asylanten an der Spree keine Schlagzeilen mehr
 
Gegendarstellung
 
Horst Tomayer telefonierte mit Christa Meves, Mitherausgeberin von »Christ und Welt«, Pädagogik-Fachfrau in der Springer-Presse und die Wende-Pädagogin überhaupt
 
Die französische Tageszeitung » Libération war Vorbild auch für die »taz«. Inzwischen ist das einstige Sartre-Blatt auf dem Marsch in die Moderne. Industrie-Manager sorgen für steigende Auflagen
 
Die zweite Adenauer-Epoche der Republik fordert auch von der Alternativ-Presse ihren Tribut. Blätter sterben. Inserenten müssen Abonnenten ersetzen. Kommerz statt alternativer Ökonomie
 
... und heute im Sonderangebot von Hermann Peter Piwitt
 
Die größte Leistung des einstigen Kunststudenten Beuys war die Erfindung des Kunstwerks Joseph Beuys. Seitdem sorgt er dafür, daß es im Gespräch bleibt. Zuletzt bot ihm die Hamburger Kulturbehörde 300.000 Mark für die Begrünung der Klärschlamm-Spülfelder in Hamburg-Altenwerder. Den liebenswerten Opportunisten zu den Akten legt der Maler Hans Platschek
 
In der Republik stehen soviele Wohnungen leer wie fehlen. Inzwischen plündert die postmoderne Architektur aus allen Stilen die Dekors und tut, als sie nichts gewesen.
 
»Sommernachtsträume«, »Kunstmeilen«, »Jahrmärkte der Phantasie« bis auf den letzten Heller: Janz Berlin fiebert diesen Sommer am Kulturtropf. Wie der Senat mir der Szene und die Szene mit dem Senat macht.
 
Eine Mischung aus Video, Kino, Abenteuerspielplatz und Technik-Schule: Freizeitparks in der Bundesrepublik
 
Musik zum Mitklatschen hat Heiner Goebbels nie gemacht. Respektlos zerfetzte er die Lieder von Hanns Eisler, tutete mit dem »Sogenannten Linksradikalen Blasorchester« gegen den Bauzaun von Brokdorf an und mixte Elektronisches für Theater und Film. Mit dem Avantgarde-Rock-Quartett »Cassiber« geht er diesen Monat auf Tournee. Ralph Quinke hat den genialen Dilettanten der neuen deutschen Musikszene besucht
 
Notizen
 
Fünfeinhalb Jahre arbeitete Regisseur Edgar Reitz an seinem neuen Film »Heimat«. Es entstand eine dörfliche Familienchronik, die - ganz ohne Tümelei - sechs Jahrzehnte deutscher Geschichte widerspiegelt. Ab 16. September kommt das Opus in elf Teilen ins Fernsehen
 
Der Kenianer Ngugi wa Thiongo gilt als einer der bedeutendsten zeitgenössischen Schriftsteller Afrikas. Seine Romane aus dem kenianischen Befreiungskampf »Weep Not Child«, »The Grain of Wheat« (deutsch: »Freiheit mit gesenktem Haupt«) und »Petals of Blood« (deutsch: »Verbrannte Blüten«) wurden in über dreißig Sprachen übersetzt. Seine Theaterstücke aus dem Alltag der Unterdrückung und des Widerstandes werden von Laiengruppen in Ostafrika ebenso aufgeführt wie auf den Bühnen der Metropolen in der »ersten« und »zweiten« Welt. Seine politischen Essays (zuletzt »Barrel of a Pen«, 1983) setzen sich mit den aktuellen Problemen Afrikas auseinander und untersuchen, welche Art Gegenwehr gegen die kulturelle Entmündigung durch westlichen Neokolonialismus möglich ist. Sein erster Roman »Der Fluß dazwischen« erscheint eben im Weismann-Verlag, München. Peter Schütt sprach für KONKRET mit Ngugi wa Thiongo
 
Uwe Timm: Der Mann auf dem Hochrad, Kiepenheuer & Witsch 1984, 215 Seiten, 22 Mark
 
Günter Amendt: Sucht Profit Sucht, Verlag Zweitausendeins 1984, 384 Seiten, 20 Mark